Deutschland, Europa

Der Manderscheider Burgensteig – ein fast schon alpiner Spaß

Es blüht alles, was nur blühen kann. Es ist die Zeit der Kräuter: der Kamille, des Johanniskrauts, der riesengroßen, aufragenden Diesteln, die fast so groß sind wie ich. Zeit der Aufdringlich zwitschernden Waldvögeln, wo das Echo ihre Stimmen davon trägt. Es ist keine Zeit der halben Sachen.

Der Rote Fingerhut, dessen Blüten im Wind sachte zittern. Der alpine Manderscheider Burgensteig. Wunderschön zu laufen. Unerwartet schön. Und unter der Woche, abseits der Burgen, ist man fast allein. Wenn man das Zwitschern der Vögel nicht mit einrechnet, die hier wirklich extrem und laut und klangvoll zugange sind.

Fast wäre ich nicht losgezogen. Nach einem spärlichen Mittagessen italienischen Gastwirtschaft stöckele ich wieder zum Auto und wechsle Blazer und schicke Schuhe gegen T-Shirt und meine bewährten Wandertreter. Schluss für heute, mein Kopf ist voll. Zudem habe ich gelesen, dass der Manderscheider Burgensteig im Wandermagazin den dritten Platz erhielt zur Deutschlands Wahl für den schönsten Wanderweg 2020. Na das ist mal ein Grund, ihn zu begehen.

Als ich loslaufe, bin ich weitestgehend alleine – bis auf ein älteres Paar. Die Frau hat ihr Smartphone unterwegs verloren, somit laufen sie die Strecke nochmals ab. Der Mann schreitet mit grimmiger Miene vorneweg, während sie für ein Pläuschen stehen bleibt. „Der Weg lohnt sich.“ Sagt sie mir. „Wir sind den heute seit um elf abgelaufen, er ist richtig schön.“ Seit heute morgen um elf? Ich überschlage kurz die Zeit. Fünf Stunden für die fünf bis sechs Kilometer?

Doch irgendwann verstehe ich, warum das so ist. Denn der Burgensteig ist tatsächlich mehr ein „Steig“ denn ein Wanderweg. Es geht über extrem schmale Pfade und große Steigungen immerzu auf und ab. Die verschlungenen Pfade, die an zerklüfteten, bemoosten Felsen vorbei führen, die Pflanzenwelt… all das gibt der Wanderung einen alpinen Hauch. Und immer wieder sind die Manderscheider Burgen zu sehen, zuerst die eine, dann die andere. Dann alle beide.

Die Burgen behalte ich immer im Blick; aus allen möglichen Perspektiven tauchen sie auf. Immer wieder wird die Kamera gezückt. Doch ich merke auch; ich hätte den Weg anders herum gehen müssen, mich zunächst von den Burgen entfernend. Das hat einen einfachen Grund. Noch bin ich nicht soweit, mich voll und ganz auf die Wegstrecke einzulassen. Noch ist mein Kopf nicht frei und noch kann ich den Ausblick nicht genießen. Die Steigung führt mich bergab, somit habe ich mir den Blick auf die Burgen nicht „erarbeiten“ können. Das macht einen riesigen, mentalen Unterschied. Tausend Bilder aus meinem Arbeitsalltag flimmern in meinem Kopf, Echos der geführten Gespräche hallen nach und werden erst nach und nach immer leiser. Der Weg führt mich bis ganz nach unten, an einen kleinen Bach. Eine Freilichtbühne steht leer und wartet auf ihren Einsatz, eine große Rasenfläche bietet Platz für Rittertourniere und Feste. Bald wieder?

Beide Burganlagen sind wirklich imposant. Im 15 Jahrhundert galt die Niederburg mit ihren Mauern als uneinnehmbar. Doch die Geschichte der Burgen ist in Wahrheit eine Geschichte über zwei verfeindete Bastionen, die sich über Jahrhunderte bis aufs Blut bekämpften. Es waren die Manderscheider Grafen und die Kurfürsten aus Trier, die hier, getrennt durch das schmale Flüsschen Lieser, miteinander Katz und Maus spielten. Über das Liesertal, hatten sie über lange Zeit ein wachsames Auge aufeinander. Ganz nach dem Motto: behalte deine Freunde in der Nähe, doch die Feinde noch näher. So wurden die Burgen in einem Abstand erbaut, in dem man sich gegenseitig aufs Frühstücksei spucken könnte. Es gab Versuche seitens der Trierer Kurfürsten, die Niederburg zu belagern, doch diese blieben erfolglos.

Die Niederburg wirkt, wenn man sie so betrachtet, wie Mittelalter pur. Kein Wunder, dass sie ein solch beliebtes Ausflugsziel darstellt. Sie wird so um zwölfhundert herum zum ersten Mal erwähnt, ihre Mauern haben schon viel erlebt und viel gesehen. Ihre Steine haben die Geschichte ganzer Epochen gespeichert. Die Herren von Manderscheid waren Vögte der Abtei in Echternach, ihr Einfluss erstreckte sich bis nach Luxemburg. Dietrich III von Manderscheid teilte schließlich 1457 seine Ländereien unter seinen drei Söhnen auf; Manderscheid-Kail, Manderscheid-Schleiden und Manderscheid Blankenheim. Den Herren von Blankenheim fiel schließlich die Niederburg zu.

Die letzte Herrscherin aus dieser Linie war Gräfin Augusta, die schließlich 1784 vor den Franzosen nach Böhmen fliehen musste. Die Niederburg wurde von französischen Truppen zerstört und ein Abschnitt der Geschichte für immer beendet.

Heute gehört die Niederburg der Stadt Manderscheid. Es werden Führungen angeboten und einmal im Jahr findet (normalerweise..) in August ein Rittertournier mit über 15000 Besuchern statt. Also… v.COV*., versteht sich. Und vielleicht noch irgendwann danach.

Es ist Ende Juni/Anfang Juli und das Wetter ist seit einer Woche darauf ausgelegt, mich zu ärgern. So viele schöne Strecken bieten sich an, und es regnet in Strömen. Später wird dieser Dauerregen noch ganz andere Konsequenzen* nach sich ziehen, doch zum jetzigen Zeitpunkt ahne ich das noch nicht. Die einzige, milde Konsequenz für mich zeichnet sich darin ab, nicht wandern gehen zu können. Bis heute.

Unten angekommen gelange ich an den Rittersteig, einen sehr alten, längst vergessenen Wanderabschnitt, der erst kürzlich wiederentdeckt und begehbar gemacht wurde. Es wird vermutet, dass der Rittersteig „bereits zu Zeiten von Rittern und Grafen in den Fels geschlagen wurde“, wie mich eine Infotafel aufklärt.

Der Rittersteig führt wieder nach oben, und das mit Schmackes. Im Grunde ist der Burgensteig nicht wirklich schwer zu begehen. Die höchste Steigung beträgt circa vierhundert nochwas Höhenmeter. Doch die Aufstiege sind oft sehr steil. Schnell ziehe ich meine wärmenden Klamotten aus und verstaue sie im Rucksack. Irgendwie müde schleppe ich mich die ganzen felsigen Abhänge rauf; eigentlich müsste ich sie hinaufrennen wie eine Ziege.

Doch der Körper wird träge, wenn man ihn nicht bewegt, und die letzte Wanderung ist auch schon ein bisschen her. Insofern bin ich froh, diese Gelegenheit heute, wo der Himmel „nur noch“ dicht bedeckt ist, nutzen zu können. Wandern ist zu einer Art Ventil geworden, zu einer Flucht und einem Stressreduzierer. Man kann es überall tun, immer und jederzeit. Die Wandertreter sind stets im Auto.

Hin und wieder komme ich an einen Ausblickspunkt mit Bänken, und immer wieder lichtet sich der Wald und lässt mich die Burgen sehen. Tief im Dickicht hingegen herrscht ein fast tropisches Mikroklima. Abermals stehe ich am Ufer der Lieser.

Das Wasser hier unter der Brücke rauscht, als würde es reden. Und eins ums andere Mal glaube ich, hier um mich herum Stimmen zu hören; fast schon richtige Wörter. Meine, sogleich andere Wanderer um die Ecke biegen zu sehen. Doch da ist keiner. Es ist still, ich bin allein. Nur das Wasser rauscht weiter.

Die Burg. Und Sonnenstrahlen, die ersten seit Tagen. Oh, Sonne, Sonne… wie sehr habe ich dich vermisst. Selten hatten wir einen so kalten und trüben Juni. Und der Juli scheint sich genauso trist fortzusetzen. Das ist der Klimawandel wie er leibt und lebt: die Gewitter haben sich festgefressen und ergießen ihre kalten Schauer über uns. Aber nun, für eins- zwei Tage, und jetzt gerade, für eins, zwei Minuten hat sich der sanfte Sonnenschein durch die Wolken gekämpft und lässt die Burg erstrahlen. Ich habe die Manderscheider Burgen einmal umrundet, sie immer wieder aus anderer Perspektive gesehen. Nun nähere ich mich wieder von der rückwärtigen Seite. Aus jeder Perspektive sehen sie anders aus und ergeben ein völlig neues Fotomotiv. Ich sehe es schon kommen beim Auswerten des Speichers. Burgen, Burgen, Burgen. Und zwischendurch jede Menge Grünzeug. Ihr wisst schon, die Kräuter, die ich abgelichtet habe.

Dieses sanfte Rauschen des Baches begleitet mich bis hier hinauf. Hoch oben auf dem Berg höre ich sein zartes Plätschern. Es dringt von unten zu mir empor, es kommt von überall. Das beruhigende, allgegenwärtige Rauschen erfüllt die Luft. Und um die Burg herum – Bäume. Nichts als grüne Bäume. Dunkle, schwarzgrüne Tannen, Laubgehölz, zur Hälfte abgestorbene, alte Eichen. Das Zwitschern des Waldes, das Rauschen des Tals. Die Burgenromantik hat schon was für sich. Nicht wahr?

Jetzt, wo ich auf der Bank sitze, merke ich: ich bin müde. Ich habe mich schon gewundert über diese Frau, die erzählte, dass sie mit ihrem Mann für die sechs Kilometer Rundweg knapp fünf Stunden brauchte. Doch, na ja… fünf Stunden brauche ich zwar nicht. Mit sechs Kilometern ist die Wanderstrecke verhältnismäßig kurz. Doch es kommen Höhenmeter ins Spiel. Bis zu fünfhundert Höhenmeter geht es hinauf und hinunter, hinauf und hinunter. Immer im Wechsel. Es sind die Höhenmeter, die sich in die Knochen fressen. Es sind die Höhenmeter, die dir den Rest geben. Es sind sehr gehaltvolle, sehr intensive sechs Kilometer Weg.

Ich sitze auf meiner Bank, schaue auf meiner Burg und träume vor mich hin. Das nahe Dröhnen eines Motorrades und der noch nähere Klang einer Glocke reißen mich heraus und bringen mich in die Gegenwart zurück. Es ist nicht mehr weit. Und wie ich mich rumdrehe, sehe ich die Häuser von Manderscheid. Im Grunde habe ich den Weg beinahe schon bewältigt, ich bin schon fast da. Das gibt mir neue Energie. Gleich, gleich werde ich gemütlich ins Auto steigen und von dannen fahren. Es reicht, ist genug für heute.

*Wie wir alle wissen, hatte der über Wochen anhaltende Starkregen Folgen. Große Teile der umliegenden Eifeler Orte, wurden durch anschwellende Flüsse einfach weggespült, darunter im und um das Ahrtal herum. Auch der Manderscheider Burgensteig ist betroffen, hier wurde eine Brücke durch die Fluten zerstört. Der Burgensteig ist bis auf weiteres gesperrt. 

*v.COV. – vor COVID

*Quelle: Wikipedia

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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22 Kommentare

  1. Ich meine mich dunkel an die Manderscheider Burgen erinnern zu können. Da haben mich meine Eltern als Kind mal hingeschleppt 😎. Eine wunderschöne Gegend, wie ich deinen Fotos entnehme! Denn konkrete Erinnerungen habe ich natürlich nicht mehr.

    Wandern als Ventil: das kann ich so gut nachempfinden! Klasse, dass du das für dich entdeckt hast.

    1. Früher war es das Motorradfahren. Da hat man eben unter lautem Dröhnen den Motor verausgabt. Jetzt sind es die eigenen Beide. Der Effekt ist der gleiche, der Kopf wird frei. Nur ist Wandern figurfreundlicher 😉

      1. Absolut!

  2. says:

    Danke fuer’s Zeigen! 🙂

    1. Sehr gerne! 🙂

  3. Eieiei..
    Da hätte ich wohl abgewunken – „Strecke“ macht mir ja nix aus – solange es ebenerdig ist, geh ich etliche Kilometer, aber kraxeln? Das überlass ich dem Jungvolk.
    Trotzdem ist die Strecke schön und die Bilder sind toll. Natur ist einfach immer schön.
    Noch viel Spaß beim kraxeln auf den Bergen – ich bin hier im Pott glücklicherweise davon verschont, ich fauler Flachlandtiroler.. 🙂

    1. Na ja, die Eifel ist nicht weit von euch entfernt 😉 Sobald sich dort alles wieder normalisiert hat (nächstes Jahr?), kannst du auch kraxeln…

      Es ist nicht so, dass man sich gleich beim ersten Mal denkt: so, jetzt aber den Berg hoch. Nein; es ist eine immerwährende Steigerung. Erst läufst du ebene Strecken. Irgendwann denkst du dir vielleicht, ah, der kleine Hügel macht mir auch nichts mehr aus. Und eh du dich versiehst, ziehst du dich an der Mosel in den Weinbergen an einem Seil hoch…

  4. Tolle Fotos und eine schöne Geschichte. Dein Beitrag war heute mein sonntägliches Lesevergnügen. Vielen Dank!

    1. Ich freue mich, für ein wenig Wochenend-Unterhaltung gesorgt zu haben. Und diesmal habe ich gleich zwei Burgen reingepackt… 😉

      1. Du weißt ja, ich bin nicht nur Kaffee-, sondern auch Burgen-Fan.

        1. Ich weiß 🙂

  5. Danke für’s Mitnehmen. Das scheint ja eine anspruchsvolle und sehr anstrengende Wanderung zu sein. Die Bilder und dein Bericht lassen es ahnen.

    Das Jahr 2022 wird mit Sicherheit in die Annalen eingehen. Covid und Hochwasser sorgen dafür.

    1. Das denke ich auch. Ganz so, als hätte sich das Schicksal gedacht: Covid reicht nicht, legen wir noch eines obendrauf. Ich hoffe, dass wenigstens das folgende Jahr einigermaßen normal verläuft.

  6. Auch wenn dieser Steig offensichtlich nicht wirklich einfach zu begehen ist, wird man zumindest unterwegs mit so vielen blühenden Kräutern und am Schluss mit diesen tollen Burgruinen belohnt.
    Auch wenn ich ein Faible für Burgen und auch Ruinen hab, würde ich mir so eine Erschwernis beim Wandern nicht mehr zutrauen.
    Auch deshalb Danke fürs virtuelle mitnehmen und liebe Grüße fürs Wochenende! 🌞🍀

    1. Liebe Hanne, danke fürs Mitkommen 🙂 Der Weg war schon anspruchsvoll, wird aber noch als mittelschwer gelistet. Es braucht etwas Kondition, ich habe ihn als anstrengend empfunden.

      Liebe Grüße
      Kasia

  7. Den Weg bin ich vor ein paar Jahren auch mal gegangen. Bei Burgen bin ich nicht mehr zu halten. 🙂

    1. Die Manderscheider Burgen sind genial. Und der Weg ist echt schön zu laufen 🙂

  8. says:

    v.Cov…Ja das ist eine Zeitepochenangabe…verdammt…so wird das mal in den Geschichtsbüchern stehen…puh….

    Da hast du dir aber ein ganz schönes Ventil ausgesucht….aber Hauptsache es hilft und du hast einen wunderschönen Ausblick gehabt.

    1. says:

      Das mit dem Wandern ist schon eine seltsame Sache. Anfangs war es Folter. Dann war es weniger Folter. Dann wurde es zu einer schönen Folter. Und so ist das geblieben. Hm, ich überlege gerade, was die viele Folter wohl über mich aussagt…? *grübel*

      1. says:

        😉 Hmm – ja was sagt das aus? Nun – solange du nur dich folterst…wobei bei diesen vielen Burgen, da gibt es doch gerne diese Folterkeller….hmhmhm

  9. An diesen Sommer werden wir uns noch lange erinnern… überall Wasserelend und andernorts sengende Hitze. Was für ein Glück, dass du noch ins Schloss gehen konntest. Nun bleibt der Weg für eine Weile gesperrt.
    Wir hoffen mit euch, dass endlich ein Wendepunkt kommt und wir noch ein bisschen echten Sommer bekommen. Bis dahin ein schönes Wochenende Kasia.

    1. Ja, das hoffe ich auch sehr. Die Aufräumarbeiten im Ahrtal kommen voran, so langsam zeichnet sich ein Licht am Ende des Tunnels ab. Wenn man das so sagen kann. Die Menschen halten zusammen und die Solidarität ist groß.

      Vielen Dank, dass ihr an uns denkt. Ich wünsche Ihnen auch ein schönes Wochenende, Rudi.

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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