Europa, Polen

Wäsche im Frühlingswind

Wunderschön und malerisch flattert es an der Leine. Der paradiesischer Garten mit den dicht wachsenden Obstbäumen wirft Schatten auf die wenigen Wäschereihen, die sich zwischen den noch recht jungen Zweigen erstrecken. Blätter bilden weichgezeichnete Schatten, die Sonne beleuchtet den rosafarbenen Stoff. Es ist ein früher Abend. Warmes Licht. Ein leichter Wind.

Die Klingel an der Haustüre reißt uns aus unseren Überlegungen. Meine Mutter geht hin, um zu öffnen, denn die Pflegerin ist da. Beide verschwinden im Zimmer meines Opas.

Opa ist alt. Ziemlich alt. Sechsundneunzig, um genau zu sein. Die Zeiten seiner Mitteilsamkeit sind vorbei, doch manchmal redet er zu sich selbst. Wie mag es wohl sein, wenn man fast ein Jahrhundert gelebt hat? Wieviel davon ist geblieben, wieviel hat sich eingebrannt?

Doch fragen kann ich ihn nicht mehr, denn er lebt in seiner eigenen Welt. Er döst oder spricht mit Menschen, die nicht da sind. Doch manchmal; manchmal erkennt er Menschen. Wie meinen Onkel, welchen er dann ruft. Oder meine Mutter. Etwas länger als drei Jahre ist es her, da wir alle zusamme im Wohnzimmer saßen und Opa alte Lieder sang. Ich habe davon Aufnahmen. Bewegte Bilder einer beinahe anderen Welt.

Hin und wieder stecke ich meinen Kopf in Opas Zimmer. Er döst. Oder er schaut verloren vor sich hin. Munter wird er erst, wenn man versucht, ihn zu rasieren oder ihm die Haare zu schneiden. „Danuska!“ Ruft er nach meiner Mutter. „Nimm diese Verrückten von mir weg!“ Es ist die Demenz.

Es ist ein Wunder, dass er noch lebt. Wie ein Relikt aus einer anderen Epoche. So vieles hat sein Körper bereits überstanden. Erschöpfung, mehrere Lungenentzündungen, den Krieg. „Dein Opa, der überlebt uns noch alle.“ Pflegt mein Stefan zu sagen. Ob er wohl Recht behält?

Diesmal bleibe ich im Garten, während meine Mutter beim Opa verschwindet. Seine tägliche Inhalation ist fällig, um ihn vor weiteren Lungenentzündungen zu schützen. Ich wende mich der Wäsche zu. Der abendliche Himmel verdunkelt sich, die Luft wird kühler und feuchter. Ich muss die Wäsche abhängen, es soll morgen regnen.

Dieser Beitrag nimmt teil an Rolands vorerst letztem wöchentlichen Fotoprojekt, die Fotochallenge #18. Der gesuchte Begriff lautet: abhängen, und wie immer, ist auch diesmal der Interpretationsspielraum groß. Ich habe mich für die wortwörtlichste Auslegung entschieden. Warum? Vielleicht, weil mein Gehirn dieses Mal so viele Dinge beschäftigen, dass es für tiefgründigere Interpretationen nicht mehr reicht. Wer weiß…

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

23 Kommentare

  1. Ich hoffe, dein Opa ist glücklich in seiner ganz eigenen Welt. Ich lese aus deinen Zeilen, dass er das Leben gut zu nehmen wusste, als er es noch selbst in der Hand hatte.

    Zum Thema „Abhängen“ hätte es wohl kaum einen passenderen Kontext als Wäsche geben können 😅.

    1. says:

      Ob mein Opa das Leben gut zu nehmen wusste? Ich weiß es nicht, aber er erzählte uns immer, er hätte einen Heuwagen voll Mädels haben können, wenn er bloß gewollt hätte, also ich denke schon 😉 Er war in Wahrheit ein Familienmensch und absolut pflichtbewusst. Als meine Oma schwerstkrank wurde, hat er sich geduldig und aufopfernd um sie gekümmert. Ich hoffe auch, dass er glücklich vor sich hin träumt.

      Ich hätte noch eine „abhängende“ Katze nehmen können, aber das Bild mit der Wäsche hat mir so gut gefallen 🙂

  2. Ich weiß noch wie wir zusammen das erste mal dagewesen sind und dein Opa diesen Umstand fröhlich dazu nutzte den selbst gemachten Honigwodka hervorzuholen

    1. says:

      Lach, ja… der Opa nutzte jeden Umstand fröhlich dazu, mal einen zu zwitschern 😉

  3. Die Wäsche hängt ab , du hängst die Wäsche ab … sehr schöner Beitrag zum Thema 🙂

    1. says:

      Dankeschön 🙂 auch die Wäsche will einfach mal abhängen (oder abgehangen werden? Hm…)

  4. Ach, ich finde abhängende Wäsche ist eine sehr gelungene Interpretation des Themas!

    1. says:

      Danke dir 🙂 Es ist eine sehr schlichte Interpretation. Aber abhängen ist abhängen und muss auch mal getan werden 😉

  5. says:

    Ich liebe es die Wäsche draussen zu trocknen. Das mache ich auch im Winter.

    Es ist schon unfassbar, wenn man jemanden kennt, der schon soviel erlebt hat. Ein wanderndes Geschichtsbuch

    1. says:

      Trocknet die Wäsche im Winter? Friert sie da nicht ein und zerbröselt? 🙂

      Glücklicherweise kennt mein Onkel noch viele dieser Geschichten 🙂

      1. says:

        Sie trocknen bedingt. Man muss den Rest dann im inneren trocknen. Sie sind immer schön gefroren. Zerbröseln tut sie zum Glück nicht.

        Ich höre gerne zu, wenn sie von früher erzählen.

        1. says:

          Ich auch, solange es möglich ist 🙂

          1. says:

            😋😀

  6. Vielen lieben Dank Kasia, dass auch du wieder mit diesem herrlichen Foto von abzuhängender Wäsche, bei meinem Challenge dabei bist 😊
    An solche Zeiten, wo die Wäsche noch im Garten aufgehängt wurde, kann ich mich noch gut erinnern und dann der Duft, herrlich!!!
    Liebe Grüße
    Roland

    1. says:

      Lieber Roland,
      das ist bei uns noch ganz üblich. Wenn der Platz vorhanden ist und viel Wäsche ansteht, ist die Wäscheleine im Garten eine tolle Lösung. Man muss nur aufpassen, dass beim Abhängen keine Spinnen dran sind. Da habe ich schon die tollsten Sachen erlebt… 😉

      1. Bei uns war früher eher darauf zu achten, dass die Vögel keine Hinterlassenschaften dagelassen hatten, sonst musste die Wäsche erneut gewaschen werden und das war sehr ärgerlich.

        1. says:

          Das ist natürlich noch blöder… hatten wir glücklicherweise noch nicht gehabt. Aber grundsätzlich habe ich auch schon Erfahrungen mit von oben kackenden Vögeln gemacht. Einer der Biester hatte es neulich auf meine Kamera abgesehen, grrr…

  7. Unter diesen Umständen ist es nicht einfach, jemanden zu finden, den man liebt. Zum Glück sind dir die schönen Momente mit deinem Großvater noch in Erinnerung.

    1. says:

      Dankeschön. Es sind so einige schöne Momente. Als Kind hat er mich immer mit dem Traktor zur Schule gebracht 🙂

  8. Ganz tolles und frühlingshaft rüberkommendes Bild, das mich den herrlich frischen Duft der Wäsche sogar förmlich riechen lässt!
    Liebe Grüße von Hanne und hab noch einen richtig schönen Tag ☀️🌼

    1. says:

      Liebe Hanne, vielen Dank. Ich freue mich, dass dir das Bild gefällt. Es ist im Garten von meiner Mutter aufgenommen worden 🙂

      Liebe Grüße
      Kasia

  9. Ein sehr passende Geschichte zum Fotoprojekt von Roland. Wäsche wird in der heutigen Zeit fasst nur noch im Wäschetrockner getrocknet. Abgehängte Wäsche von der freien Natur duftet aber besser. LG Traudl

    1. says:

      Das stimmt, liebe Traudl. Die Wäsche von draußen riecht extrem frisch. Das kriegt kein Weichspüler hin 😉

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.