Gedanken, Projekte

Ein Leben, das in eine Schublade passt

Ein ganzes Leben, eine Handvoll Bilder. Erinnerungen, Andenken, Orden. Schwarzweißfotografien aus vergangenen Tagen. Ein menschliches Dasein, in eine Kiste gepackt. In eine Schublade, in einen Umschlag. Mehr ist am Ende nicht geblieben.

Oft, ja oft besuchte ich das Pflegeheim, als ich noch in der Apotheke arbeitete. Und hatte dabei viel Gelegenheit, nachzudenken. Mich zu fragen, was aus diesen Menschen geworden ist, die mir nun, klar oder verwirrt, entgegen sahen. Manche laufen ruhelos durch die Flure. Manche beäugen mich neugierig. Manche sitzen stumpf da und starren vor sich hin, in sich hinein. Manch einer ruft nach jemandem, der nicht da ist.

Welche Geschichten stecken hinter ihren Gesichtern? Was haben sie erlebt? Woran erinnern sich noch ihre Köpfe? Denn ihre Zeit scheint längst vergangen zu sein. Was war sie denn, ihre Zeit?

Es gibt Dinge, die uns wie nichts in unserem Leben am meisten prägen werden. Das ist zum Teil dem Lauf der Geschichte geschuldet. Bei meinem Opa war das der zweite Weltkrieg. Und seine Kindheit. Er erzählte mir davon, damals, 2008, als wir vor einem vergilbten Umschlag mit alten Aufnahmen saßen. Nahm eine davon nach der anderen in seine Hände, betrachtete sie. Erkannte die Gesichter, die Menschen. Seine Mutter, seine Schwestern, seine eigenen Vorfahren. Menschen, dessen Lebensspanne bis ins frühe 19 Jahrhundert reichte. Für mich waren es Geister, gebannt auf Papier. Echos aus der Vergangenheit. Bilder, so alt und blass, dass die Gesichter kaum zu erkennen sind. Frauen in altmodischen Kleidern, wie aus einem Teesalon. Elegante Herren, wie aus den Zwanzigern. Ein Mann in einem Krempenhut, dessen Erscheinung an die frühen Siedler Australiens oder Nordamerikas denken lässt.

Hier ein Foto seiner Mutter, meiner Urgroßmutter. Streng gekämmte Haare, ein ernster Blick. Hier ein älterer Mann mit Schnauzer. „Das war Hoch.“ Sagt mein Opa und nennt damit den Namen des Vorfahrens. Ein deutsch klingender Name. Doch wie kommt das? „Das war ein Großvater. Väterlicherseits.“

Mein Opa hört zwar schlecht, doch seine Augen sind gut und sein Blick scharf. Er erkennt die Details, die mit Bleistift gekritzelten Notizen. Eine davon, mit Tinte auf Papier und in Frakturschrift geschrieben, hält er nun in der Hand. „Das war meine Schwester. Sie ist in Deutschland an Lungenentzündung gestorben. Das ist die Benachrichtigung.“ Tatsächlich haben sich die Deutschen die Mühe gemacht, eine solche zu verfassen. Ich kann die ungewohnten Schriftzeichen kaum lesen. Dann folgen Bilder weiterer Vorfahren. „Dieser hier ist nach Australien ausgewandert.“ Sagt mein Opa. „Australien?“ Frage ich. „Nicht Österreich?“ Australia und Austria hört sich in polnischem ähnlich an. Damit verunsichere ich ihn. „Ah… vielleicht Österreich.“ Er schaut ratlos.

Es gibt so viel zu entdecken. So viele Lebenslinien, die ich wohl niemals entschlüsseln werde; Linien, die mich prägen, mich ausmachen. Und das ist nur die eine Seite meines Daseins. Es ist nur die Seite meiner Mutter. Es ist spannend, nach seinen Wurzeln zu suchen, doch am Ende wird dies alles hier keine Bedeutung haben. Es wird verstauben, vergessen werden. Nichts davon wird wichtig für die folgenden Generationen, die nach mir kommen.

Der Mensch lebt in der Erinnerung derer weiter, die an ihm denken und von ihm sprechen. So lautet der tröstende Gedanke seiner Hinterbliebenen, die sich an ihn klammern und den geliebten Menschen in ihren Herzen weiter tragen. Doch sterben einmal sie, bleibt nicht mehr viel. Ganze Generationen menschlichen Lebens, nun nicht mehr als Schatten. Ganze menschliche Leben – vergessen. Freuden, Leiden, Schicksale. Geburten, Hochzeiten, Begräbnisse. Von alldem zeugen die Bilder. Und irgendwo dazwischen – der Krieg. Doch die Welt dreht sich weiter.

Nicht nur das Leben selbst ist vergänglich: auch die Erinnerung daran.

Mein Opa ist nun sehr alt. Von der Gegenwart weiß er nicht mehr viel, und das muss er auch nicht. Er ist 98 Jahre alt. Manchmal spricht er, mehr mit sich selbst als mit anderen. Meistens schweigt er die ganze Zeit, nach innen gekehrt, betrachtet etwas, das nur er selbst sehen kann. Manchmal ruft er meine Mutter, sagt etwas, erzählt. Lebt die Vergangenheit noch einmal. Mein Opa hat fortgeschrittene Demenz.

Die Aufnahme, welche er 2008 in seiner Hand hält, zeigt ihn jung, sehr jung. Vielleicht um die zwanzig. Als er einberufen wurde, war er erst siebzehn. Ein attraktives, gut geschnittenes Gesicht mit diesem leicht ukrainischem Schlag. Die polnische Minderheit muss sich mit der örtlichen Bevölkerung vermischt haben über die Jahre, damals in der heutigen Westukraine. Es muss so gewesen sein, es geht gar nicht anders. Auch wenn mein Opa weiterhin behauptet, es sei nie der Fall gewesen. „Wir blieben unter uns.“ Sagte er, als ich ihn einmal fragte. Doch die Anzeichen sind unübersehbar, die Züge im Gesicht. Und was macht dieser Mann namens Hoch in meinem Stammbaum?

Mein Opa war gutaussehend. Früher liefen mir die Mädchen in Scharen nach, sagte er immer. Und fügte hinzu: „Ich hätte sie körbeweise mitnehmen können.“ Was er natürlich nie tat. Denn: „Das macht man einfach nicht.“ Meine Oma hatte sich einst unsterblich in dieses hübsche Gesicht verliebt.

Hohe Wangenknochen, leicht schräge Augen. Soldatenmütze auf dem Kopf, ein entschlossener, ernster Blick. Zu ernst für einen Siebzehnjährigen. Doch so war damals die Zeit. Junge Menschen mussten sehr früh erwachsen werden. So früh, wie wir es uns heute kaum vorstellen können. Wir behüten unsere Teenager. Damals hat man sie in den Krieg geschickt.

Irgendwo ist sie noch, diese Schublade, deren Inhalt immer gehütet wurde wie ein Schatz. Sie enthält Fotografien, Bescheinigungen, Orden. Alles, was je wichtig für ihn war. Der Inhalt seines Lebens, grob zusammengefasst, passt in diese kleine Schublade. Mehr wird am Ende nicht bleiben aus unseren Schicksalen, unseren Plänen. Unserem Leben. Eine Schublade, vielleicht ein Schuhkarton. Eine Handvoll Mensch.

Mit diesem Beitrag trage ich bei zur Rolands wöchentlicher Fotochallenge #10 mit dem Begriff VERGÄNGLICH. Schaut euch auch die Beiträge anderer Teilnehmer an bei Royusch Unterwegs. 

Einen spannenden Beitrag zum Thema der Vergänglichkeit kann ich euch schon mal empfehlen. Ihr findet ihn auf CoffeeNewsTom Blog. Hier geht es um die wechselhafte Geschichte zwischen Bosnien und Kroatien und um Orte, die, einst bedeutsam, in der Vergessenheit versinken.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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30 Kommentare

  1. sehr schöner Beitrag ! Ich habe vor ca. 15 Jahren mit meinem Bruder einen Familienstammbaum entworfen, sowohl auf der Seite meines Vaters als auch auf Seite von meiner Mutter. Wir sind zurückgekommen bis ins Jahr 1834 . Selbst Standesämter haben wir kontaktiert und um Geburtsurkunden-Nachweise zu organisieren. Ich weiß also wo ich herkomme ! Das ganze wurde in eine Art Datei abgespeicht einschl. vorhandene Fotos die ich abfotografiert habe. Es ist ein tolles Werk herausgekommen ! Ferne in einem Ordner alles was ich an persönlichen Papiere noch auftreiben konnte. Also Geburtsurkunden, Sterbeurkunden, selbst ein Wehrpass im 1.Weltkrieg , Geldbeutel einfach alles ! Diese Aktion hat mir wirklich Spaß gemacht und ich kann nur hoffen,dass es meine Kinder weiterpflegen. Versprochen haben Sie es beide !
    Meine Großeltern habe ich relativ früh verloren und kann mich nur noch als Kinde wage erinnern. Gespräche hat es keine gegeben, dafür war ich einfach zu klein und hätte es vermutlich eh nicht verstanden. Meine Eltern leben leider auch nicht mehr und somit muss man in Erinnerungen leben.

    Du hast aber was ganz am Anfang geschrieben dass viele alte Menschen sich mit einem Leben im Altersheim oder Pflegeheim abfinden müssen. Da kann ich nur zustimmen und wo ich mal landen werde weiß ich nicht ! Ja es ist auf traurig anzusehen dass niemand mehr da ist der sie besucht oder um sie kümmert und genau das ist für mich der Punkt ! Ja ich habe mich in jungen Jahren für Familie also auch Kinder entschieden. Zwangsläufig waren Entbehrungen notwendig keine Frage. Heute bin ich froh darüber einen Sohn und eine Tochter zu haben und für mich wäre es das schlimmste später mal alleine in so einem Heim zu sitzen und es kommt niemand der sich um mich kümmert. Ob ich das geistig noch realisiere oder nicht, soweit möchte ich gar nicht gehen ! Eine Garantie habe ich nicht, viele Kinder verschlägt es in andere Städte oder Länder, ja so spielt das Leben aber ich habe eine reelle Chance das es nicht so läuft ! Bis heute machen beide keine Anstalten das es so verlaufen könnte.
    Also um es auf den Punkt zu bringen ! Alleine im Alter kann grausam sein !!!! Danke für solch einen Beitrag der in der heutigen Zeit alles andere als unwichtig ist ! LG Manni

    1. Lieber Manni,

      ich finde es sehr schön, dass du nach deinen Wurzeln gesucht hast. Es ist wichtig, zu sehen, wo man herkommt, wer die Vorfahren gewesen sind. So einen Stammbaum hebt man auf; ich bin sicher, dass deine Kinder ihn weiter fortführen und gut darauf aufpassen werden.

      Bei mir wäre es leider nicht so einfach, das alles nachzuvollziehen. Zum einen weil ich nur die Seite meiner Mutter kenne, zum anderen weil meine Großeltern mütterlicherseits in der heutigen Ukraine lebten. Meine Verwandtschaft ist irgendwo in der ganzen Welt verstreut. Anscheinend habe ich noch Verwandte in Australien, wer hätte das gedacht.

      Viele Eltern wünschen sich, dass sich die Kinder um sie kümmern, wenn sie mal alt sind. Dass das nicht so klappt, zeigt die jüngste Geschichte. Ich habe mal in einer Apotheke gearbeitet und ein Altersheim beliefert. Die Menschen dort hatten Kinder. Diese Kinder kamen zur Besuch. Meine Mutter kümmert sich noch um meinen Großvater, aber ob ich mich (physisch) um meine Mutter werde kümmern können, das weiß ich nicht. Weil sie in Polen lebt.

      Alleine sein im Alter ist schlimm. Leider ist es alltäglich, was ich sehr schade finde. Ich wüsste dafür aber auch keinen Rat…

      Liebe Grüße
      Kasia

      1. erst mal Danke ! Ja es stimmt, ich bin aufgewachsen mit Vater und Mutter und 2 älteren Brüder. Einfach so wo man es sich das vorstellt.
        Auch die Großeltern wohnten in der näheren Umgebung. Die meines Vaters kenne ich auch nicht ( waren bereits verstorben als ich geboren wurde ) die meiner Mutter aber schon !
        Mein Vater starb mit Anfang 70 meiner Mutter mit Mitte 80. Ich weiß noch ganz genau wie ich einen Telefonanruf bekommen habe dass die Mutter nun verstorben wäre. Also man ging sofort in die Klinik und dort übergab mir eine Krankenschwester eine Tüte mit den letzen Utensilien ( Brille, Ehering, Geldbeutel ect. ) Ich weiß nicht warum, aber zu diesem Zeitpunkt versprürte ich das Verlangen nach meinen Vorfahren nachzuforschen. Und so entstand mit einem meiner Brüder hier tätig zu werden. Wir hatten viel Glück etwas zu finden aber auch Ehrgeiz in die Sache reingesteckt !
        Nur ein Beispiel ! Mein Vater war in einer größeren Firma beschäftigt und damals gab es Wohnungen für Mitarbeiter. Also ich nenne es mal Arbeitersiedlung odere Werkswohnungen. Du weiß sicherlich was ich meine ! In einer dieser Wohnung wurde ich geboren und bin dort aufgewachsen. Die Wohnungen wurden im Laufe der Zeit abgerissen das müsste so Mitte der siebziger Jahre gewesen sein ! Als ich nun auf Nachforschung ging waren die Häuser natürlich mit mehr da ! Ich habe die Geschäftsleitung dieser Firma angerufen und mein Anliegen vorgebracht. Ja ich hatte kein Foto von diesem Haus. Der damalige Chef hat mir versprochen er werden im Archiv nachschauen lassen ob es sich hier was finden ließe ! Ich bekam dann einen Anruf und wir machten einen Termin. Er legte mit alte Fotos vor und eine sogar als Luftbild . Ferner den Mietvertrag den meine Eltern unterschrieben haben. Ich war unendlich dankbar ! Den Mietvertrag hat er mit mitgegeben, die Fotos habe ich abfotografiert. So kam ich zu Bilder meines Geburtshauses und wo ich meine Kindheit verbracht habe ( es war ein kleiner Garten dabei wo wir als Kinder gespielt haben ) Ja da kamen Erinnerungen hoch ! Der Vorteil war natürlich dass sich alles im näheren Umfeld befand. Das Haus meiner Großeltern steht heute noch z. b. ! Also ich habe mich auf Tour gemacht und alles fotografiert was mir eingefallen ist ! Die Schule die meine Eltern besucht haben, das Geburtshaus meines Vaters, den Kindergarten einfach alles was vorhanden war. Standesämter wurden kontaktiert usw.
        Das was du als Schachtel bezeichnest ist bei mir eben ein Ordner mit über 100 Seiten geworden.
        Mein Sohn weiß das zu schätzen, die Tochter ein bisschen weniger aber vielleicht ändert sich noch das !
        Ich denke schon dass sie alles in allem es aber weiterführen werden.

        Was der Punkt Eltern und Kinder im Alter betrifft ist klar , eine Selbstverständlichkeit ist es nicht und eine Garantie hat man eh nicht. Ich kann nur meinerseits es so beantworten dass meine Kinder im näheren Umkreis wohnen ( max. 5 km ) entfernt , es einen sehr engen Kontakt gibt und immer gab, es herrschen keine Streitigkeiten oder ähnliches ! Einfach alles normal wie man sich das als Eltern wünscht ! Wir haben auch schon öfters über dieses Thema gesprochen und bin der festen Überzeugung das wir hier übereinstimmen , aber eine Garantie ?
        Deshalb habe ich auch meine Argumentation “ reelle Chance“ genannt !

        Bei dir das verstehe ich sieht dies alles komplett anders aus. Ich kenne deine Familiengeschichte nicht und deshalb kann ich auch nichts beurteilen. Verhältnis Vater , Mutter weiß ich nicht . Ich glaube aber gelesen zu haben dass du deine Mutter dieses Jahr besuchen möchtest. Dies zeigt noch eine gewisse Bindung die eben im Rahmen des möglichem steht ! Gut die Großeltern in der Ukraine da wird es natürlich schon schwieriger kann ich mir vorstellen.

        Aber nochmals auf den Punkt zu bringen ! Ich möchte im Alter nicht alleine dastehen und ich denke diesen Wunsch hat jeder ! Ob es nun die eigenen Kinder sind oder wenigstens Geschwister ! Alleine sterben zu müssen ist grausam !!! LG Manni

        1. Dass deine Eltern so früh verstorben sind, ist sehr traurig. Das bringt einen sicherlich dazu, etwas von seiner Familie festhalten zu wollen. Dass die Kinder und du so nah beieinander wohnt und sich die beiden zudem für die Familiengeschichte interessieren, ist ein großer Glücksfall. Und was im Alter sein wird, wird man eh sehen 🙂

          Liebe Grüße
          Kasia

          1. genau so sehe ich das auch ! Da bin ich bei dir !

  2. Liebe Kasia,

    ein interessanter Beitrag den du mit uns teilst. Es ist tatsächlich so, dass wir irgendwann sterben müssen und von uns nichts bleibt. Einige berühmte Personen werden in die Geschichtsbücher eingehen. Der Rest gehört zu der großen Menge Menschen, die halt in dieser Zeit gelebt haben.

    Von meiner Familie gibt es nur wenige „alte“ Bilder (von mir übrigens auch). Beide Opas habe ich nicht gekannt. Über die vergangene Zeit wurden keine außergewöhnlichen Geschehnisse bekannt. Ein ganz normales Leben halt.

    Ich lege keinen besonderen Wert darauf, dass von mir unbedingt was bleibt. Was bleibt sind Erinnerungen aber die verblassen mit der Zeit auch.

    Der Mensch ist vergänglich und das wissen wir alle.

    Das Thema „Vergänglichkeit“ hast du mit deinem Beitrag sehr gut beschrieben.

    Liebe Grüße und danke für diesen nachdenklichen Beitrag.
    Harald

    1. Lieber Harald,

      das interessante an dieser Erkenntnis ist eben, dass es sich hierbei um etwas handelt, das für uns selbst ein unerschütterliches Selbstverständnis darstellt: unser Leben, unsere eigene Existenz. Tatsache ist, dass sich für die meisten Menschen alles um sie herum in ihrem Universum dreht. Es ist das, wie wir, ob wir wollen oder nicht, unser Dasein erleben. Es kann niemand aus seiner Wahrnehmung heraus.

      Doch das, was für uns eine feste Größe darstellt – unser Dasein – ist nur so lange da, wie lange wir auf dieser Erde wandeln. Danach dreht sie sich ohne uns weiter.

      Vielleicht haben deshalb so viele Menschen Angst vor dem tot sein. Vielleicht stampfen deshalb verrückte Diktatoren riesige Monumente aus der Erde. Deshalb treibt es einige an die Spitze, sie wollen berühmt sein, etwas entdecken, etwas erreichen oder zu Legenden werden. Damit man über sie spricht. Damit man sie nicht vergisst.

      Denn so sehr die nächste Generation beschwört: du wirst nicht vergessen bleiben, so sieht es bei der übernächsten schon wieder anders aus. Und die Generation danach, für die werden wir nur noch blasse Schatten sein wie die bleichen Gestalten auf Fotopapier. Und ein alter Mann wird unser Abbild in seiner Hand halten und nicht mehr genau wissen, wer wir waren. Ein seltsamer Gedanke…

      Liebe Grüße
      Kasia

      1. In der vergangenen Zeit sind wenigstens Bilder geblieben. Heute gibt es nur noch digitale Dateien und kein Mensch wie lange sie lesbar sind.
        Für jeden Menschen sollte der bekannte Spruch gelten: „Lebe jeden Tag so, als ob es dein letzter wäre. Trotzdem müssen wir uns etliche Jahre im Hamsterrad bewegen.

        1. Dieser Spruch lässt sich nicht so einfach umsetzen 🙂 wir alle wissen, was Alltagstrott ist, wir sind auch mal schlecht gelaunt und können nicht aus jedem Tag das gleiche herausholen. Ich habe den für mich abgewandelt: „Lebe so, dass du nichts zu bereuen hast.“ Und man bereut selten, was man getan/gewagt hat, meistens sind es die „was-wäre-gewesen-wenn“ Gedanken, die uns umtreiben…

          Liebe Grüße
          Kasia

  3. „ASCHE ZU ASCHE – STAUB ZU STAUB“…
    Ich bin in einem Alter, in dem der Tod kein Unbekannter ist. In den letzten Jahren war er häufiger zu Besuch.
    Meine Großeltern ei denen ich aufgewachsen bin – Freunde, die der Krebs in wenigen Monaten nach Erkennen der Krankheit hinweg gerafft hat.
    Nicht zuletzt meine eigenen Aufenthalte im Krankenhaus zeigen einem: „die Einschläge kommen näher!“..
    Da denkt man über das „danach“ nach. Nein, nicht das Leben nach dem Tod – den Glauben daran, habe ich in einem Blogbeitrag meiner berüchtigen Sonntagsgedanken, glaube ich, zur Genüge zerrissen.
    Nein, was wird man von mir erzählen? Wird man mich als einen guten oder schlechten Menschen in Erinnerung behalten?
    Und sonst? Fotos von mir gibt es kaum – ich bin eben jemand der sein Gesicht nicht gerne in der Öffentlichkeit zeigt, weil ich doch leider so wahnsinnig schüchtern bin und gehemmt anderen Menschen gegenüber.
    Deshalb werden bestimmt meine Fotos auf Instagram irgendwann verblassen und meine in Twitterperlen gepackten Gedanken werden verwittern und unleserlich..
    Mein Blog wird wahrscheinlich auch nur noch einige Monate online sein. Spätestens wenn die Rechnungen des Hosters nicht abgebucht werden können und meine gesammelten kruden Gedanken werden dann im großen Bits und Bytes Universum verglühen.
    Ich habe weder Verwandte noch weitere Angehörige – wahrscheinlich wird mich das Ordnungsamt irgendwann ziemlich tot, übelst stinkend und aufgedunsen wie eine 6 Wochen alte Frischmilch, die man nicht in den Kühlschrank gestellt hat, aus meiner Wohnung tragen und um Kosten für die Beerdigung zu sparen in irgendeine Baukuhle werfen – machen ja viele um ihren Müll zu entsorgen..
    Ja, so ungefähr stell ich mir das Ende vor. Oder ich heirate reich, setze noch ein paar Kinder in die Welt und werde durch die unsterblich, weil mein jüngster Sohn ein Mittel gegen das Altern erfindet..
    Naja, eine der beiden Versionen wird eintreten – so oder so.. 😉
    CU
    Peter

    1. Da macht man sich Gedanken, was später von einem übrig bleibt. Mein Fazit – und das ist für mich okay – ist, dass wir am Ende irgendwann alle vergessen sein werden und in die große Statistik der in diesem Zeitalter gelebten deutschen Bevölkerung einfließen (falls diese dann auch noch richtig erfasst werden wird). Gut, nicht alle von uns, aber die meisten. Das ist schon in Ordnung so. Ich weiß, es gibt viele, die nach ihrem Tod etwas von sich hinterlassen wollen. Mir ist das nicht so wichtig. Umso wichtiger ist es, für das Jetzt zu leben, denn alles, was nach uns kommt, wird uns weder betreffen noch kümmern. Wenn man tot ist, ist man tot.

      Übrigens, hast du Katzen? Die könnten dann das Gröbste wegfressen… 😉

      Liebe Grüße
      Kasia

  4. Ich hatte die Papiere von meinem Großvater vor zig Jahren mal auf dem Speicher in ihrem ehemaligen Haus entdeckt. Die Auszeichnungen, die jahrelangen Lazarettaufenthalte. Damals wurden einer ganzen europäischen Generation ihrer Jugend beraubt.

    1. Hast du mit deinem Opa mal darüber gesprochen? Hast du die Papiere noch, als Andenken?

  5. Vielen Dank liebe Kasia, dass du mit dieser schönen Familiengeschichte bei meiner „Vergänglichkeit“-Challenge dabei bist 😊
    Liebe Grüße Roland

    1. Solche vergänglichen Geschichten muss man festhalten, indem man über sie schreibt. Und deine Challenge war eine dankbare Gelegenheit dafür 😉

    2. Mein Opa hat es mal erzählt, als er das erste mal nach dem 2.Weltkrieg wieder da war, wo er damals stationiert war. Nein die habe ich nicht, keine Ahnung wo die sind

  6. Danke für die lobende Erwähnung! Ich finde es gerade sehr interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Aufgabe umgesetzt wird und welche spannenden Geschichte dabei zu Tage gefördert werden! Deine ist sehr berührend. Danke, dass Du sie mit uns geteilt hast!

    1. Deshalb mache ich so gerne bei solchen Challenges mit. Ich bin immerzu gespannt, welches Stichwort zu Anfang der Woche fällt und wie es von den Teilnehmern interpretiert wird. Da kommt immer wieder Vielfältiges und Spannendes dabei raus.

      Das mit meinen Großeltern geistert mir schon sehr lange durch den Kopf. Die Challenge war eine dankbare Gelegenheit, um es aufzugreifen, aber wahrscheinlich wäre ich irgendwann sowieso darauf zu sprechen gekommen. Es wird noch einen Beitrag geben, in dem ich etwas tiefer auf die Lebensgeschichte meiner Großeltern und die meine eingehe – irgendwann 🙂

  7. Eine sehr gute und interessante Geschichte, die zum Thema Vergänglich hervorragend passt.
    LG Traudl

    1. Liebe Traudl, vielen Dank! Es freut mich, dass sie dir gefällt 🙂

      Liebe Grüße
      Kasia

  8. Danke für diesen sehr persönlichen und nachdenklichen Beitrag! Ich selber habe es leider versäumt, meine Großeltern rechtzeitig nach ihren Lebensgeschichten zu fragen. Von sich aus haven sie nur wenig erzählt. Nun ist es zu spät, denn sie sind alle seit mehr als 20 Jahren tot. Was mir allerdings geblieben ist, sind einige Fotos, die zumindest Teile ihrer Geschichte erzählen. Sie hüte ich wie einen Schatz.

    1. Liebe Elke!

      Das Vergängliche erscheint uns sehr wertvoll. So ähnlich geht es mir auch. Ich werde mich vermutlich nie wirklich auf die Spuren dieser Menschen machen, die meine Vorfahren sind, aber ihre eingefangenen Gesichter in dem Bild sind wie etwas aus der Vergangenheit, das du alleine dadurch hoffst zu greifen, in dem du es betrachtest. Und diese Menschen sind direkt mit mir verbunden. Das sind nicht irgendwelche Gestalten aus dem Geschichtsunterricht, das sind meine Vorfahren, die mich „gemacht“ haben. Das ist alles sowohl spannend als auch kostbar. Doch wenn ich nicht mehr da bin, werden diese Fotos, diese Geschichten, kaum mehr jemanden interessieren, weil sich die Welt weiter dreht. Dabei stecken da ganze Schicksale drin. Es ist ein seltsamer Gedanke.

      Liebe Grüße
      Kasia

  9. Vielen Dank für das teilen dieser Geschichte Kasia.

    1. Sehr gerne 🙂

  10. Ich mochte es schon immer, wenn meine Verwandten von früher erzählten. So richtig verstehen konnte das nicht jeder. Aber ich finde solche Geschichten wichtig, hab das Gefühl, als wäre ich irgendwie Teil davon – seltsam, nicht wahr?
    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

    1. Liebe Sabine,

      überhaupt nicht seltsam, und ja, du bist Teil davon 🙂 Aus diesen ganzen miteinander verwobenen Ereignissen bist du dann hervorgegangen. Wäre das ein epischer Film, dann könnte man sagen: sie sind Teil deines Schicksals 😉

      Liebe Grüße
      Kasia

      1. Das klingt sehr schön 😊

  11. Liebe Kasia, das ist wieder mal ein richtig spannender Artikel von Dir! Danke, dass Du die Geschichte Deiner Familie mit uns teilst! Leider sprechen wir vielzuwenig mit unseren Eltern und Großeltern über die Veregangenheit. Mein Vater hat als 17jähriger noch an die Front gemusst. Er hat nie davon erzählt.
    Liebe Grüße
    Ulrike

    1. Liebe Ulrike,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich habe immer sehr gerne mit meinen Großeltern gesprochen, oder besser: sie erzählen lassen, weil ich ahnte, dass das irgendwann alles verloren geht. Sie haben gerne erzählt, ich habe sie nicht erst fragen müssen. Leider hatten sie es nicht so gerne, dass ich Notizen machte. So konnte ich nur wenig wirklich behalten, ein paar Ortsnamen, das war’s. Vielleicht war es bei deinem Vater so, dass er nicht erzählen wollte oder konnte. Nicht jeder verarbeitet gleich.

      Ich denke, darüber zu schreiben ist vielleicht eine Art, mich von allem zu verabschieden. Oder es zu behalten, ich weiß es nicht. Mein Opa kann aktuell nichts mehr erzählen und ich weiß nicht, wie lange er noch da ist. Das sind Dinge, die muss ich so hinnehmen. Und das mit dem Hinnehmen muss ich wohl erst lernen 😉

      Liebe Grüße, hab noch einen schönen Tag!
      Kasia

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