Deutschland, Europa

Industrie-Fotografie – Das Mannheimer Großkraftwerk

Kalt, nüchtern und funktionell – ich liebe es, industrielle Anlagen zu fotografieren. Ob Güterwagons, Transportschiffe, Fördertürme oder die zugehörende Infrastruktur wie Brücken, all das übt einen Reiz aus. Vielleicht weil sich mir all die Dinge, die ich da sehe, in ihrer Funktion zunächst nicht erschließen und somit ein Buch mit sieben Siegeln darstellen. Siegeln, die etwas Recherche und Information schnell wieder aufbrechen kann..

Enthält unbeauftragte Werbung im Rahmen redaktioneller Recherche

Aber nicht nur das, es ist die kühle, nüchterne Ästhetik, die solche Anlagen für Fotografen besonders reizvoll macht. Jede entsprechend größere Stadt hat irgendwo solche Anlagen, auch wenn ihre größte Dichte natürlich in NRW und Saarland liegt, wo ehemalige, stillgelegte Kohleförderanlagen für den Besucher zugänglich gemacht wurden.

In der Rhein-Neckar-Region gibt es eine noch lebendige Industriekultur. Beschilderte Wege wie die Industriekultur-Route führen den interessierten Besucher rund um den Mannheimer Industriehafen, den viertgrößten Binnenhafen Europas.

An einem sonnig kaltem Wintertag machen wir uns auf, um nach geeigneten Fotospots für Industrieanlagen zu suchen. Der Plan ist, sich nach Plätzen zum Parken umzusehen, von wo man eine gute Sicht auf die Objekte hat. Im Sommer, wenn es wärmer ist, werden wir wieder kommen, diesmal zur Blauen Stunde, wenn die Beleuchtung der Anlagen an ist. Zu dieser Tageszeit lassen sich erfahrungsgemäß die spektakulärsten Aufnahmen machen. Doch auch dieses Mal haben wir es uns nicht nehmen lassen, schon mal die Kameraausrüstung zu testen. Was gibt es auch schöneres an einem Valentinstag, als Industrieanlagen zu fotografieren. Wir sind eben beide ein wenig anders als die andern…

Wir beginnen heute bei Eisen Stahl Service Center, einem privaten Mannheimer Stahlgroßhandelsunternehmen, das an der Rheinschleife gegenüber Altrip gelegen ist. Vom Fußgängerüberweg in der Zechenstraße haben wir einen guten Blick auf das Kohlekraftwerk und die Brücke davor und können zudem den Frachtschiffen beim Beladen mit Kohle zusehen.

Wir entdecken auch abseits interessantes. Wie diesen alten Zug mit der Originallackierung. Oder die verlassenen Schienen. Wie sich das Kraftwerk im Wasser spiegelt. Wir werden diese Foto-Tour wiederholen.

 

Das Mannheimer Steinkohle-Kraftwerk

Das Großkraftwerk Mannheim (GKM) versorgt Gewerbe, Privathaushalte und die Industrie mit Energie. Seit 1953 stellt es auch die Versorgung für bundesweit inzwischen rund 15% des Bahnbetriebes sicher. Das zugehörende Fernwärmenetz ist rund 800 km lang und gehört zu den größten in Europa. Es erstreckt sich bis nach Heidelberg und Speyer. Der größte Energiestandort in Baden Württemberg versorgt laut Wikipedia rund 2,5 Millionen Menschen.

Das Kraftwerk hat eine verhältnismäßig lange Geschichte. Bereits im Jahre 1923 ging es zum ersten Mal in Betrieb. Im Zweiten Weltkrieg sollte ein Bunkerbau, das „Werk Fritz“, die Anlage vor Bombardierung schützen. Der Bunkerbau wurde komplett unter einen Kohlehaufen gebaut. Nach dem Krieg wurde „Werk Fritz“ abgebaut und nach Frankreich verlegt, doch die Versuche, es dort neu zu starten, scheiterten. Heute dient die Bunkeranlage zu Forschungszwecken. Sie soll vom Rhein aus zu sehen sein – wenn man weiß, wonach man Ausschau halten soll…

(Hier übrigens die Koordinaten von Werk Fritz: 49.444651,8.496229. Wer sich hierzu einen besseren Eindruck verschaffen möchte, der gehe auf folgenden Link. Hier finden sich Aufnahmen vom Werk Fritz im Inneren)

Der Strom zur Versorgung der Bahnlinien wird erst seit 1955 durch das Großkraftwerk Mannheim zur Verfügung gestellt, als die Produktionskapazitäten durch technologischen Fortschritt erhöht werden können. In den Neunzigern kam es dann durch die Liberalisierung des Strommarktes zum Preisverfall und daraufhin zum Abbau einzelner Bereiche. Im Jahr 2020 beschloss man die Stilllegung von Block 7, der jedoch, da systemrelevant, noch weitere fünf Jahre in Kaltreserve bereitgestellt werden soll. Die Sorge vor Engpässen in der Stromversorgung ist zu groß.

All das führte zum Unmut von Klimaaktivisten, die im Rahmen einer Protestaktion am 8 August das Dach der Kohleförderanlage im Block 6 besetzten. Dadurch verursachten sie beinahe einen Blackout in der Rhein-Neckar-Region. Eine SEK-Einheit fischte sie anschließend vom Dach und verhindert so das komplette Herunterfahren der Anlage. Es wird vom „Beinahe-Terrorismus“ gesprochen.

Der Treibgas- und Schadstoffausstoß des Kraftwerks gibt immer wieder Anlass zur Kritik. Laut dem Europäischem Schadstoffregister hat es mit 6,5 Mio Tonnen den zweithöchsten Kohlendioxidausstoß in Deutschland (den höchsten hat das Braunkohlekraftwerk Niederaußem; doch eventuell könnte die Info veraltet sein, denn bis zum Jahresende sollte der erste Block bereits abgeschaltet worden sein). Fakt ist: bei einem Kohle- und Atomausstieg wäre Deutschland von ausländischen Energiequellen abhängig. Die Versorgung mit Nordstream 2 steht in der Kritik. Bleibt abzuwarten, wie sich das weiter entwickelt.

Quellen: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Grosskraftwerk_Mannheim
https://www.mannheim24.de/mannheim/mannheim-gkm-strom-kohle-kraftwerk-sek-spezialeinheit-grosskraftwerk-neckarau-klima-aktivisten-polizei-stromausfall-protest-energie-zr-90020029.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_gr%C3%B6%C3%9Ften_Kohlenstoffdioxidemittenten

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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14 Kommentare

  1. Industriekultur ist auch voll mein Ding. Und auch ich gehöre zur Fraktion derer, denen die Funktionsweise meist unverständlich bleibt. Die Ästhetik macht’s! Als Saarländerin bin ich natürlich eine glühende Anhängerin des Weltkulturerbes Völklinger Hütte. Genial finde ich aber auch das Areal Duisburg Nord. Aber wie ich sehe, gibt auch Mannheim in der Richtung einiges her. Klasse Aufnahmen sind dir da gelungen! By the way: eine bessere Beschäftigung zum Valentinstag kann es doch wohl kaum geben, oder 😎?

    1. Liebe Elke,

      vielen Dank für das Lob! Ja, für zwei so unromantische Menschen wie uns beide ist eine solche, gemeinsame Fototour wahre Romantik. Übrigens haben wir das inzwischen zur Gewohnheit werden lassen und ziehen bei gutem Wetter jeden Sonntag los. Mehr davon wird es bei mir demnächst geben…

      Zum Erklären habe ich ja Stefan. Er erläutert mir leidenschaftlich gerne, was da alles (fremdartiges) vor meiner Nase passiert… 😉 und ich lächle und nicke und hoffe, dass ich mir auch nur die Hälfte davon merken kann…

      Liebe Grüße
      Kasia

      1. Hauptsache, der Stefan hat Spaß beim Erklären 😎. Bin schon gespannt auf die folgenden Berichte!

  2. Also ich mag ja die Industriefotografie aber leider gibt es bei mir in der Gegend auch nicht die nötigen Objekte dazu. Ich war mal im Hafen von Stuttgart aber da sind die Areale alle eingezäunt mit Wachdienst und Kameras da kommst du gar nicht hinein. Einmal habe ich es geschafft auf ein Industriegelände direkt am Neckarufer und schon war die Wasserschutzpolizei vor Ort !!!! Versteckt hinter einem alten Container und die haben dann aber auch Ruhe gegeben. Dann nichts wie das Gelände verlassen . Hätte die einen Streifenwagen gerufen dann wäre ich in der Falle gesessen. vor mir der Fluss mit einem Polizeiboot, hinter mir die Strasse mit Polizei !
    Nein da wäre sicherlich nichts großes passiert aber ich habe eben trotz Hinweisschilder ein Firmengelände betreten !!!
    Was ich super finde sind die riesigen Industrieanlagen im Ruhrgebiet die ja auch für das Publikum frei sind. Hier kannst du dich zu Tode fotorafieren und nachts sind die ein Farbspektakel !!!!
    LG Manni

    1. Ja, das Ruhrgebiet ist ein Eldorado für Fotografen. Abends während der Blauen Stunde sieht das bestimmt sehr beeindruckend aus. Ich will mal bei Gelegenheit das Kraftwerk am Abend fotografieren, wenn die ganzen Lichltein angehen…

      Da hast du ja ein echtes Abenteuer erlebt! 😉 Nein, es lohnt nicht, da was zu riskieren. Hätte ich auch nicht gemacht. Ich bin der Ansicht: was nicht geht, das geht nicht. Gut, dass du dich da zurückgezogen hast. Andererseits ergibt das sicher guten Stoff für eine Anekdote im Blogbeitrag, wie wäre es damit?

      Liebe Grüße
      Kasia

      1. ja stimmt ein Bußgeld wäre unter Umständen drin gewesen. Man muss da schon aufpassen und zum Teil sind solche Anlage auch mit Hunden ect. gesichert. Am Neckar gibt es eine Industriestrasse direkt am Fluss da reiht sich eine Firma nach der anderen, aber alle wie geschrieben durch Zäune oder Tore gesichert. Ist halt wie mit allem so . Ferner muss man auch noch aufpassen da es überall Hinweisschilder gibt dass das fotografieren von Industrieanlagen verboten ist , bzw. nur durch Erlaubnis gestattet !

        1. Ja, da können wir noch froh sein, dass es Deutschland ist. Woanders wird man ja schnell wegen Industriespionage einkassiert… Das ging mir auch so durch den Kopf, als ich mit meiner Kamera am Herumschlendern war…

          Total faszinieren würde mich die BASF. Die ist ja bei uns gleich auf der anderen Seite des Flusses. Eine Stadt in einer Stadt, mit eigenen Bushaltestellen usw. Aber hier ist es wieder so wie du sagst: Fotografieren nur mit Erlaubnis. Was ich auch verstehen kann. Am sichersten sind Anlagen, die schon stillgelegt worden sind. Die meisten sind wohl im Ruhrgebiet und in Saarland zu finden…

          Liebe Grüße
          Kasia

  3. Dieser seltsame kleine Kirchturm aus zerbrechlich wirkendem Holz, wirkt wie ein Anachronismus in den ganzen von der Größe her wahrlich „überragenden“ anderen Gebäuden aus Stahl und Beton.
    Das Spiel der Unschärfe bei der Bahnschelle finde ich sehr gelungen. Der Hintergrund ist schön unscharf und regt die Phantasie an – außerdem lenkt es so nicht vom eigentlichen Motiv ab. Interessant fand ich auch das Musterspiel in dem B/W Foto mit der Wellblech-Halle und dem Gitter-Zaun..
    CU
    Peter

    1. Vielen Dank! Der „Kirchturm“ ist ein alter Wasserturm, um ihn gut ins Bild zu bekommen, bin ich unter die Stahlträgerbrücke gelaufen. Ich finde, Wassertürme haben was interessantes an sich .

      Die Unschärfe, da habe ich etwas mit der Kamera experimentiert. Der Effekt gefällt mir auch 🙂

      Letzte Woche haben wir den Handelshafen in Mannheim fotografiert und jetzt am Sonntag geht es wieder weiter. Ich finde, Industrie ist ein dankbares Objekt. Da kann man so richtig schön „spielen“ 🙂

      Liebe Grüße
      Kasia

  4. Das Werk Fritz findet man, wenn man bei Google folgendes eingibt bzw. reinkopiert
    49.444651,8.496229

    1. Hi Stefan! Danke für die Ergänzung 🙂

    2. Oh ich habe gerade noch was gefunden, Fotos vom leeren Torso vom Werk Fritz:
      https://www.verlag-waldkirch.de/pics/Kohlemord6.pdf

      1. Cool, danke! 😉 Was Google so alles rausspuckt…

      2. Ich werde das im Beitrag ergänzen 🙂

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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