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Nepal – Der Festtag des Hundes

Zwei Hundeaugen, groß und glänzend, schauen unter dem Tisch hervor. Ich hebe die Tischdecke ein bisschen an und linse hinunter. Die schmachtenden Knopfaugen werden – falls das überhaupt möglich ist – noch ein bisschen größer. Bitte, hier bin ich, dein allerbester Freund, vergiss mich nur nicht… Ich lasse die Tischdecke hinunter und die Knopfaugen verschwinden. Der Kopf wird wieder auf die Vorderpfoten gelehnt. Irgendwann – denkt sich ihr Besitzer – irgendwann wird mich dieser Mensch da oben schon beachten.

Royusch wöchentliche Fotochallenge #3, Begriff: TIERE

Es ist jeden Morgen das gleiche Spiel. Immer, wenn ich zum Frühstück in mein nepalesisches Lieblingscafe in Pokhara komme, erlebe ich dieselbe Szene. Nur interessanterweise mit jeweils einem anderem Hund. Mal ist er pechschwarz, mal goldengelb, doch immer lieb und bittend. Und natürlich gebe ich ihm nichts.

Das macht schon der Besitzer, der erstaunlicherweise eine Engelsgeduld mit den Tieren und ein paar Happen übrig hat.

 

Nepals Straßenhunde

Es gibt viele Straßenhunde in Nepal. Sie vermehren sich rasend schnell, und halten sich vor allem in der Nähe der menschlichen Routen auf. Ob auf den Trekkingpfaden im Himalaya oder in der Stadt – da, wo Menschen Abfall und Essensreste hinterlassen, sind auch Straßenhunde nicht weit. Tagsüber sind sie friedlich und schlafen meist im Schatten oder liegen einfach nur apathisch in der Hitze da. Nachts werden sie munter und ziehen – laut Berichten – in Rudeln durch Kathmandu. Diese Berichte sind allerdings schon ein paar Jährchen alt, ich werde sie trotzdem mal unten anfügen. Als ich 2019 in Kathmandu unterwegs war, waren keine Rudel von Straßenhunden zu sehen. Ja, auch nachts nicht.

Nicht alle Hunde, die tagsüber streunen, sind auch Straßenhunde. Viele von ihnen gehören tatsächlich jemandem und werden nachts in Zwinger gesperrt, damit sie durch lautes Gebell vor Eindringlingen warnen. Und damit sie draußen, wenn die Straßenbanden… pardon: Straßenrudel unterwegs sind, nicht zu Schaden kommen.

Doch einmal im Jahr, an einem ganz besonderen Tag, da erhalten all diese Hunde eine besondere Behandlung. Sie werden gefüttert, gestreichelt, mit Kränzen behängt und mit Farbe bestreut, und ja, es wird vor ihnen sogar salutiert.

Es ist das Kukur-Tihar-Fest in Nepal; das heilige Fest des Hundes.

 

Tihar, das Lichterfestival

Tihar, das hinduistische Lichterfest, findet jährlich statt, immer zum Neumond irgendwann zwischen Oktober und November herum statt. Es dauert fünf Tage an und ist das zweitgrößte Fest des Landes.

Tihar ist der Göttin Lakshmi gewidmet, Göttin der Wohlstands und der Liebe. Laut einer Legende rettete Lakshmi einem König das Leben, indem sie den Todesgott davon überzeugte, dass die Zeit des Königs noch nicht reif war. So lebte der Gute noch weitere siebzig Jahre – stellt euch also gut mit Lakshmi…

Doch auch andere Götter werden zu dieser Zeit mitverehrt. Man kann es mit dem indischen Diwali-Fest vergleichen; die Häuser und Straßen werden mit Lichterketten geschmückt, Menschen malen mit farbigem Sand oder Reis Muster auf dem Boden ihres Wohnzimmers. Kinder gehen singend von Haus zu Haus und bitten um Geschenke oder kleine Geldspenden.

Im Gegensatz zum indischen Diwali-Fest werden in Nepal Tiere verehrt, die mit dem Menschen leben und mit dem Gott des Todes Yamaraj zu tun haben, unter anderem die Krähe, die Kuh und der Ochse. Am fünften und letzten Tag des Festes bezeugen Geschwister ihre Verbindung zueinander. Brüder besuchen ihre Schwestern und lassen sich von ihnen segnen, im Gegenzug erhalten sie kleine Geldgeschenke. Man geht davon aus, dass das Lichterfest bereits seit dem Mittelalter existiert.

 

Kukur Tihar, der Tag des Hundes

Laut einer hinduistischen Überlieferung ist der Hund die Verkörperung des Todesgottes Yamaraj und somit eng mit ihm verbunden. Er ist der Wächter der Tore zur Unterwelt und der Bewacher der Toten. Der Todesgott Yamaraj soll zwei Hunde gehabt haben, die ihn begleiteten. Am Kukur Tihar wird nicht nur die enge Beziehung des Menschen zum Hund gefeiert, sondern auch um ein langes Leben gebetet. Die Menschen glauben, dass der Hund die Toten in die Unterwelt begleitet und sie vor den Folterqualen der Höhle schützt.

An diesem Tag werden die Hunde behandelt wie Könige. Sie werden gebadet und bekommen das beste (Hunde)futter, Fisch, Fleisch und Leckerli. Zudem wird ihre Stirn mit rotem Tika gesegnet. Blumengirlanden hängen um ihren Hals. Uniformierte salutieren. So viel der Ehre. Einen Hund am Kukur Tihar schlecht zu behandeln, das geht einfach nicht.

Und was ist nach dem Fest?

Nach dem Fest ist vor dem Fest: da kehrt wieder der Alltag ein und der Hund ist, was er auch bisher war – entweder ein Familientier oder eben ein Streuner. Das Problem der Straßenhunde löst sich eben nicht von alleine, und schon gar nicht von heute auf morgen. Doch auch in Nepal hält eine moderne Denkweise Einzug: so werden die Tiere am Hundetag nicht nur verhätschelt, es wird auch für Tierschutzprojekte und -organisationen gespendet. Laut Wikipedia sind 2018 rund 300 000 nepalesische Rupien für diesen Zweck zusammen gekommen.

Die Organisation Animal Nepal nutzt diesen Feiertag, um auf die Situation der Hunde aufmerksam zu machen. Im Jahr 2005 wurden in Lalitpur (Patan) Straßenhunde zum ersten Mal gegen Tollwut geimpft. Auch das Einfangen und Kastrieren der Tiere ersetzt das vor längerer Zeit übliche Vergiften mit Strychnin. Man sollte sich das ganze Jahr über für den Hund engagieren, so der Präsident von Animal Nepal in einem Interview 2016, nicht nur an einem einzelnen Tag.

Wer mehr zum Thema lesen möchte, hier sind Quellen und weiterführende Links:

Wikipedia: Tihar (Festival)
Wikipedia: Kukur (Tihar)
my lucky dog: Das Festival für Hunde – wie die Bewohner von Nepal ihren Tieren ihre Liebe zeigen
Hannover Allgemeine: Salutieren vor dem Hund
ORF News: Ehrung von Hunden in Nepal soll Totengott besänftigen
Mein Nepal Blog: Das Hundeproblem in Nepal 
wuff.eu: Einmal im Jahr: Hundefest in Nepal

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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18 Kommentare

  1. Haha, ich und Hunde? Da wäre ich in Nepal wohl der Hundekönig! Im Ernst Hunde lieben mich. Und je größer Sie sind umso größer ist auch Ihre Liebe zu mir! Frag mich nicht weshalb..! Ein großer Hund und ich? Wir sind sofort „Bros“..Wenn ich mit 10 Leuten irgendwo sitze und ein fremder Hund kommt vorbei, dann läuft er scnurstracks auf mich zu um mich zu begrüßen. Das führt manchmal zu kuriosen Geschichten.
    So war ich einmal unterwegs zu einem Kunden, der in den neuen Bundesländern in einem alten Schlösschen mitten im Wald wohnte. Navi gab’s nicht, ich verfranste mich und kam mit 2 Stunden Verspätung an – wusste aber dass der Kunde auf mich warten würde weil er dort auch wohnte. Also Wagen geparkt und einen Eingang gesucht. Oben im Erker brannte Licht – ansonsten war alles finster. Klar, das Personal war schon längst zu Hause. Hinten war ein Anbau in Form eines Wintergartens, wo eine Tür offen stand.. ich also hineingegangen, den Lichtschalter ertastet und als es hell wurde und ich wieder sehen konnte steht mitten im Raum ein riesiger schwarzer Schäferhund. Er guckt mich an, ich gucke ihn an. OK, dachte ich, nettes Hundi, also ging ich in die Hocke, streckte die Hand aus, damit er schnuppern konnte und der Hund trottete auf mich zu, schnupperte kurz um mir dann gleich mal das Gesicht abzuschlecken. Nachdem ich mich wieder halbwegs befreit hatte und wieder aufrecht stand sagte ich: na komm, bring mich zu deinem Herrchen – und Hundi trottete los und ich folgte ihm durch das ganze düstere Gemäuer – an manchen Ecken wartete er, weil ich im dunkeln nicht so gut sehen konnte und den Weg nicht kannte, aber schließlich stand ich oben im Erkerzimmer – wo der Herr fast vor Schreck vom Stuhl gefallen wäre!
    Denn der nette Hundi war ein scharfer Wachhund, der auf Mann dressiert war und der aus Sicherheitsgründen eigentlich im Zwinger hätte sein sollen, aber man hatte vergessen ihn dort einzuschliessen.
    Der Kunde sagte glaube ich 100 mal „ich versteh das nicht..“, „ich fass es nicht..“, „wie kann das sein..?“. Auch weil sein „scharfer Wachund“ ständig versuchte meine Hand abzuschlecken und sich eher wie ein Hundewelpe gab, wie ein Kampfhund.
    Ich fürchte dass mein neugewonnener Freund seinen Job an dem Abend los war.. 😉

    1. Was für eine geniale Geschichte! Ja, da wird sich der Hausherr wohl gefragt haben, was an dem Tag schiefgelaufen war… Du scheinst wirklich ein Händchen für Hunde zu haben. Das ist beneidenswert. Ist bei meinem Freund ähnlich, während ich noch skeptisch gucke, ist er mit dem Tier schon auf du und du. Keine Ahnung, wie ihr Leute das anstellt, es wirkt wie Zauberei auf mich 🙂

      Ich bin eher ein Katzenmensch. Hunde sind mir suspekt. Wir tolerieren uns, aber naja… 🙂

      Liebe Grüße
      Kasia

  2. Danke für deinen total interessanten Bericht! Mir sind größere Mengen an Straßenhunden eher in Indien als in Nepal aufgefallen. Angenehm fand ich in beiden Ländern deren entspannte Friedlichkeit, denn ich habe tendenziell eine unterschwellige Angst vor Hunden. Von dem Fest eigens für Hunde hatte ich bisher noch nicht gehört. Danke für die Erweiterung meines Horizontes!

    Ich war übrigens auch in 2019 in Pokhara und Katmandu unterwegs. Falls du ebenfalls Ende November/Anfang Dezember dort warst, hätten wir uns theoretisch glatt über den Weg laufen können ?.

    1. Hallo liebe Elke,

      na ja, fast… ich war Ende August dort, also theoretisch gerade noch in der Regenzeit… und eigentlich hätte der Beitrag über die Straßenhunde in Nepal werden sollen, doch während der Onlinerecherche bin ich auf die Sache mit dem Festival gestoßen. Das war für mich genauso neu wie für dich 🙂

      „Eine tendenziell unterschwellige Angst vor Hunden…“, Mensch, das hast du ja sehr schön in Worte gefasst 🙂 Diese „tendenzielle“ Angst habe ich nämlich auch, seit ein Nachbarshund beschlossen hat, zu testen, wie saftig zart die Pobacken einer verängstigten Fünfjährigen schmecken… *lach* Was folgte, war nicht minder unangenehm, lauter Untersuchungen beim Arzt und die Tetanus-Spritze…

      Aber die Tiere in Nepal waren, wie du beschreibst, sehr friedlich. Quellen, welche von ganzen Rudeln sprechen, sind schon ein paar Jährchen alt, eventuell hat sich seit der Zeit etwas getan. Auch das Bewusstsein für die Hunde wächst so langsam.

      Ich hoffe, Nepal hat dir genauso gut gefallen wie mir. Ich träume noch immer davon, da mal wieder aufzuschlagen… 😉 und so ein Hundefest aus der Nähe zu sehen fände ich total interessant.

      Liebe Grüße
      Kasia

  3. Der Hund hat wirklich einen sehr traurigen, bettelnden Blick, sehr informativ dein Beitrag, danke
    LG Andrea

    1. Liebe Andrea,
      ich vermute, der hatte einfach Hunger. Allerdings habe ich mit dem Zufüttern von fremden Tieren bereits schlechte Erfahrungen gemacht, nicht jedem Lokal ist das recht, dass man das macht. Die Hunde waren sehr friedlich, meistens schliefen sie unter einem der vorderen Tische. Und manchmal bekamen sie auch einen Happen… 😉

      Liebe Grüße
      Kasia

  4. Ein toller Bericht … das Mensch-HundVerhältnis ist halt immer wieder spannend … und die Hunde sind so schlau, uns z.B. mit ihrer Mimik zu ködern 🙂

    1. Das stimmt 🙂 ich habe mal eine Doku gesehen, in der es hieß, der schmachtender, bettelnder Blick wäre rein taktischer Natur… wer weiß? Hunde können auch lächeln, und ihre Zuneigung über ihre Mimik zeigen. Es ist faszinierend.

      Liebe Grüße
      Kasia

  5. says:

    Hunde koennen so traurig, aber auch so vertrauensvoll blicken.

    1. Ja, das haben sie sich im Laufe der Evolution während des Zusammenlebens mit Menschen so angeeignet. Hunde haben ihre eigenen, ganz unterschiedlichen „Gesichtsausdrücke“, ihre eigene Mimik. Und dies sind die „gib mir was, lass mich nicht verhungern“- Augen… 🙂

      Liebe Grüße
      Kasia

      1. says:

        Sie sind wirklich auf den Menschen bezogen/fixiert. Ich erinnere mich noch an unseren Buster. Wenn es dem mal schlecht ging und er mich anblickte, dann hatte ich das Gefuehl, er wolle mir sagen, „Mir geht es im Augenblick gar nicht gut, aber ich weiss, Du wirst mir helfen.“ Mir ist klar, ich habe da etwas hinein interpretiert, aber wir haben uns wirklich gut verstanden.

        1. Ich glaube wirklich, dass dein Hund dir das sagen wollte. Nicht wie ein Mensch es gesagt hätte. Eher so was wie: mir gehts nicht gut, aber bei dir fühle ich mich sicher. Ich würde nicht sagen, dass du zu viel hinein interpretiert hast.

          Liebe Grüße
          Kasia

          1. says:

            In einem gewissen Sinne hast Du bestimmt Recht: er wusste eben, dass er mir vertrauen konnte.

  6. Also das salutieren geht auch mir als Hundefan schon ein bisschen zu weit ! Das muss nicht sein und auch ein Festtag nicht ! Der Hund gehört heute zumindest bei uns mehrheitlich zur Familie und ist für den Mensch ein treuer Begleiter. Kinder haben ihre Freude und ein Hund ist ehrlich und treu ( bis auf wenige Ausnahmen ) ! Alles was schief läuft ist nicht die Schuld des Hundes sondern dessen Erziehung der Besitzer.
    Für mich mich sind Hunde sensible Weggefährten und so sollten sie auch täglich ( ich schreibe bewusst täglich ) behandelt werden. Auch wir freuen uns über Leckerli und ein Hund darf das auch ! Wenn man sich einen Hund zulegt sollte man sich ausführlich mit der Rasse und dem Verhalten auseinandersetzen dann steht einem nichts im Wege. Man sollte aber auch über die notwendigen Voraussetzungen verfügen was den Auslauf ectl. betrifft und natürlich den Zeitaufwand den ein Hund benötigt. LG Manni

    1. Ja, lieber Manni, da hast du Recht: dem Hund sind die Blumenkränze und das Salutieren wohl egal… 🙂 Ich glaube, solche Feste sind mehr für den Menschen gedacht. Langsam kommt auch in Nepal das Umdenken. Es wird in Tierschutzprojekte investiert. Davon haben die Tiere mehr…
      Aber, andere Länder, andere Sitten… 😉

      Liebe Grüße
      Kasia

      1. Da bin ich voll bei dir!!

  7. Vielen Dank für Deinen tollen und interessanten Beitrag zum meinem kleinen Foto-Challenge, Thema „Tiere“
    Liebe Grüße
    Roland

    1. Sehr gerne 🙂 ist immer wieder eine Herausforderung, was draus zu machen… 😉

      Lg Kasia

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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