Europa, Italien

11. Lass dir Zeit in Florenz

Morgens um fünf am Campingplatz

Müde quäle ich mich aus dem Bett. Stefan hatte irgendwo gelesen, dass die Duschanlagen nicht in ausreichender Zahl vorhanden seien, also schnappe ich mir gleich früh um sechs meine sieben (Dusch)Sachen und schlürfe zu den Baderäumen.

Längst habe ich gelernt, die vermeintliche Kälte am Morgen zu ignorieren. Kälte ist, was du draus machst, und seltsamerweise macht sie mir beim Zelten oder Campen weit weniger aus als zu Hause. Auch das frühe Aufstehen gewöhnten wir uns beide an, und so sind wir zwischen fünf und sechs auf den Beinen, ohne geweckt worden zu sein und ohne, dass es einen Anlass dafür gibt. Dafür mit dem Gefühl, richtiggehend ausgeschlafen zu sein.

Ein leichter Wind weht und der Himmel ist bewölkt. Wir wollen nach Florenz.

In der Dusche scheuche ich die Putzfrau auf, die in aller Ruhe auf ihr Smartphone eintippt. Mürrisch schnappt sie sich den Eimer. Ansonsten bin ich alleine.

Kurze Zeit später, nach einem Einkauf im hiesigen Supermarkt und ausgiebigem Frühstück, besteigen wir den Shuttlebus. Busfahren ist in Italien nur mit Mundschutz möglich, und im Gegensatz zu einigen „Kreativen“ hierzulande hält sich dort jeder dran. Dicke Spender mit noch dickerem Desinfektionsgel hängen an den Stangen befestigt. Der Bus setzt sich in Bewegung und bringt uns kopfwackelnd in die Stadt, während aus dem Lautsprecher die Lieblingsmusik des Busfahrers läuft.

 

Schön, dich wiederzusehen, Florenz!

Florenz. Da sehen wir uns wieder.

Es ist leider das eingetroffen, was ich vermeiden wollte – wir haben nur drei Tage in dieser schönen Stadt. Florenz will umworben werden, sie will ihre Geheimnisse langsam entdeckt wissen. Wirst du nur schnell hindurchrauschen, so wird sie sich dir genauso zeigen – hektisch und voll. Obgleich coronabedingt temporär Leere in den touristischen Innenstädten herrscht und lokale Tourismusschaffende um ihr Überleben fürchten. Doch das wird sich ändern, ganz sicher! Das glauben wir zu diesem Zeitpunkt noch.

Das erste und letzte Mal sah ich Florenz mit meiner Freundin Nina im Jahr 2012. Damals waren wir beide jung und frei. Ich erzähle Stefan, wie wir beide damals Münzen in einen Brunnen warfen und uns Peppe, der Museumswärter, sagte: wenn jemand hier eine Münze hinein wirft, wird er Florenz in seinem Leben wiedersehen.

Nina ist inzwischen verheiratet und hat fast zwei Kinder. Fast, denn das zweite ist unterwegs. Ich bin noch immer jung und frei. Ja, also gut – jung sind wir beide nicht mehr… An jedem Ort, an dem ich stehen bleibe, muss ich nun an sie denken. Und an Florenz im Sommer. An die langen Abende, erfüllt von Musik und dem Flanieren am Arno entlang. Von unseren Jungmädchenabenteuern, die im Nachhinein den besten Stoff für Geschichten ergeben.

Jetzt sind die Abende kurz und kalt. Ebenso wie der heutige Morgen. Es gibt so viel zu sehen, ich möchte Stefan so vieles zeigen – und ich weiß zugleich, dass es nicht mehr dasselbe sein wird. Florenz im Herbst, das ist irgendwie nix. Aber wir versuchen es.

Da unsere zeitlichen Kapazitäten begrenzt sind, machen wir uns einen Plan. Zunächst am Arno entlang in Richtung Altstadt schlendern wir auf den Boboli Garden zu. Der Boboli-Garden ist eine schöne, als Terrassen errichtete Gartenanlage, weitläufig und voller Springbrunnen, künstlicher Wasserfälle und versteckter Skulpturen. Stefan will sie sehen, weil dort „Das Inferno“ gedreht worden ist. Oder zumindest ein Teil davon. Und mein Liebster besitzt alle zugehörenden Bücher…

 

Die Piazzale Michelangelo

Wir folgen den Menschen nicht in die Innenstadt, nein. Zumindest nicht sofort. Stattdessen habe ich eine künstliche Gartenanlage erspäht, die mich mit Grotten, Muscheln und Wasserfällen an den Boboli Garden erinnert. Fälschlicherweise glaube ich, bereits an dessen Ausläufern zu sein, doch Stefan googelt.

Nichts destotrotz verspricht die Anlage einen sagenhaften Blick von oben auf die Stadt Florenz mit seiner Domkuppel, seinem bewölkten Himmel und seinem Fluss Arno. Die Wolken hängen bleiern über den Dächern der Stadt und es ist unklar, ob sich daran im Laufe des Tages etwas ändern wird.

Die bepflanzten Terrassen mit der Gartenanlage und den Wasserspielen sind versetzt angeordnet. Über eine Treppe begibt man sich steil nach oben. Ohne viel Hoffnung versuche ich, meinen Liebsten mit dem grandiosen Ausblick zu locken und unerwarteter Weise folgt er mir nach oben. Unbeabsichtigt haben wir den Aufstieg zur Piazzale Michelangelo mit der David-Skulptur gefunden.

Florenz. Auch mit Schietwetter gefällst du mir.

Der Michelangelo-Platz. 1873 wurde eine Nachbildung der berühmten Statue des David mit ein paar Ochsen hier hinauf gebracht. Damals, als Florenz noch die Hauptstadt Italiens war, wurde die Lungarni entworfen: eine Panoramastraße, die rund acht Kilometer hinauf zum Michelangelo-Platz führt. Die Straße ist mit Bäumen bepflanzt und bietet immer mal wieder einen fabelhaften Ausblick. Tagsüber kommen Touristen hierher, um die Stadt mit seiner berühmten Ponte Vecchio, seinem Fluss Arno und seinen Domkuppeln zu fotografieren. Die Statue des David ist dabei eher zweitrangig.

Am Abend kommt die einheimische Jugend. Die Wasserspiele der Anlage werden dabei farbig erleuchtet. Vor allem im Sommer finden hier oben Treffen statt und man blick romantisch auf die funkelnden Lichter von Florenz. Auch ich war damals hier, an einem sommerlichen Abend. Mit meiner Freundin Nina und ein paar Locals wanderten wir die Allee hinauf, um einen Blick auf die Stadt zu werfen. Hier oben finden an Sommertagen auch Veranstaltungen statt.

Die Gartenanlage, obwohl künstlich angelegt, hat etwas Urtümliches. Als wir oben ankommen, bietet der Platz zunächst einen unspektakulären Anblick. Ein paar Buden mit Souvenirs und Nippes umrunden den Platz, hier und da verkaufen sich Fastfood-Hotdogs mit ungesunden Soßen. Ein Stück weiter unten befindet sich ein Panorama-Restaurant, welches, wenn man der touristischen Webseite von Florenz glauben darf, ursprünglich ein Museum werden sollte. Doch wir interessieren uns, wie viele andere auch, ausschließlich für den Ausblick.

Als wir hier oben so stehen, wird es wärmer. Nach und nach verziehen sich die Wolken und sogar ein paar verirrte Sonnenstrahlen wandern wie leuchtende Geisterflecken über den Dächern der Stadt. Das Panorama ist fantastisch. Und weiter unten am steinernen Geländer prangt ein Aufkleber mit der Inschrift: Nett hier. Aber waren Sie schon in Baden Württemberg? Ich stupse Stefan an.

Fabelhafter Ausblick. „So.“ Sagt Stefan. „Wir haben Florenz gesehen.“ Ich verdrehe die Augen, da ich weiß, wie viel die Stadt einem interessierten Gast zu geben und zu bieten hat. Auf jeden Fall werden wir uns alles ansehen, was wir uns vorgenommen haben. Wir werden den Boboli-Garden sehen. Wir werden die Altstadt sehen. Wir werden die Uffizien besuchen. Und bei alldem werden wir uns schön viel Zeit lassen.

 

Der verborgene Rosengarten

Den Rosengarten entdecken wir durch Zufall, wie so vieles in Florenz. Mehr oder weniger versehentlich stolpern wir herein, als wir einen Weg von der Piazzale wieder nach unten suchen. Inzwischen haben sich die Wolken größtenteils verzogen und die Sonnenstrahlen lassen den Garten verwunschen aussehen. Die tollsten Orte entdeckt man, indem man sich Zeit lässt und eben nicht nach ihnen sucht. Ohne Erwartungshaltung gibt es die schönsten Überraschungen.

Langsam bewegen wir uns eine Treppe hinunter.

Der Rosengarten wurden von Giuseppe Poggi im Jahr 1865 angelegt und beherbergt rund 350 antike Rosenarten. Wie schön muss es hier in Juni sein, seufze ich – der Zeit, in der die meisten Rosen blühen!

Nun sind fast alle Sträucher verblüht und zugeschnitten, doch ab und zu leuchtet noch ein Farbkleks inmitten der herbstlichen Vegetation. Das tut dem Garten keinen Abbruch. Dieser Zustand des Schlafs, des Verfalls lässt dies hier wie einen vergessenen Ort aussehen. Wir sind fast alleine. Nur wenige verirren sich hierher. Hier kann man schlendern, sich lange unterhalten oder auf der Bank sitzen, in den letzten Sonnenstrahlen baden und ein Buch lesen. Oder sich darüber ärgern, dass die Speicherkarte voll und kein Ersatz dabei ist.

Oder man schaut sich auch von hier den Ausblick auf die Dächer von Florenz an. Möglichkeiten gibt es viele. Es ist ein ruhiger Ort.

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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4 Kommentare

  1. klar schon viel gehört über Florenz aber noch nie dagewesen. Überhaupt noch nicht in der Toskana ! Eine Stadt mit viel Kultur, aber da muss man sich auch dafür interessieren und das hält sich bei mir ehrlicherweise in Grenzen. Hast aber sehr schön die Stadt abgebildet und es hat sicherlich auch Spaß gemacht ehemaliges wiederzusehen !!

    1. Hallo Manni,
      ich denke, im Sommer wäre es noch schöner gewesen. Zwar ist die Stadt dann sehr voll, aber vor allem die Abende sind ganz toll, wenn die Straßenkünstler ihre Musik spielen und Menschen in den Ristorantes sitzen. Aktuell sind wir, was das Reisen betrifft, noch etwas eingeschränkt, aber ich bin überzeugt, dass sich das schon bald ändert. Bis dahin bleibt uns das Träumen.

      Lg Kasia

      1. genau denn die Abende im Sommer sind in südlichen Länder eh immer was ganz besonders ! Italien eh !

        1. Ja, Italien ist toll 🙂

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