Deutschland, Europa, Motorradtouren

Pfingsturlaub – Motorradtour Moseltal-Wiedtal

„Wir sollten ein Schild aufstellen.“ Sagt mein Freund. „Honda-Handwerker willkommen, alle anderen: bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“
„Gleich bewerfen sie uns mit Erdnüssen.“ Knurre ich und stiere auf meine schweren Stiefel. Was die vorbeikommenden Leute nicht abzuschrecken scheint.

Was vor Corona ein Trip in eine schöne europäische Stadt gewesen wäre, ist heute kaum noch eine Option. Reisen über die Grenze kommen (noch) nicht infrage, doch es ist Pfingsten und da möchte der gemeine deutsche Urlauber seinen Kadaver auch mal aus den eigenen vier Wänden und in die Sonne hieven. Und viele besinnen sich dabei auf Dinge, für die sie vor lauter Überfluss an vorhandenen Möglichkeiten in den letzten Jahren schlicht zu wenig Zeit hatten: sie campen, zelten, gehen wandern, unternehmen lange Radtouren. All die schönen, nahe liegenden Aktivitäten, denen der optionsverwöhnte Mensch bislang ungenügend Beachtung schenkte.

Bei uns war es das Motorrad.

Klar, kleinere Touren waren immer mal wieder drin, bei Stefan mehr als bei mir, denn er hatte all die Jahre aufzuholen, in denen ich bereits auf Maja tobte. Maja ist mein Moped, meine Hornet. Nur so am Rande, denn wenn ihr das nicht wisst, werdet ihr dem Text nicht folgen können. Es ist die blaue Zicke im oberen Beitragsbild. Warum ich sie eine Zicke nenne? Tja, die eigenen schlechten Charaktereigenschaften möchte man nicht an seinen Mitmenschen, und schon gar nicht an seinem Motorrad entdecken…

Ich weiß noch wie heute, als ich die tolle Schöne vor Jahren mal zum ersten Mal sah. Es war Liebe auf dem ersten Blick, obgleich mir schien, als wenn sie jemandem gehörte und ich sie niemals nur für mich selbst haben kann. Ein junger Typ setzte sich gerade auf sie und fuhr los, und ich seufzte tief und bitterlich im Cafe nebenan, mit meinem Cappuccino in der Hand. Für die zweite große Liebe, Stefan, hatte ich da kaum noch einen Blick übrig.

Doch der Trübsal währte nicht lange, denn kurz darauf kam sie wieder zurück. Ich sah, wie ein Mitarbeiter vom Honda-Handel sie gerade wieder in den Verkaufsraum schob. Die Kleine war noch zu haben? Ich schoss wie ein Blitz hinterher; mein Liebster konnte nur noch eine Staubwolke sehen just an der Stelle, an der ich eben noch saß. „Ich gehe nur mal gucken.“ Brachte ich noch auf die Schnelle heraus. Da stand ich auch schon vor dem Verkäufer.

„Wo ist sie?“ Fragte ich atemlos.

Wo ist was, verriet sein irritierter Blick. Hey, mein Freundchen, treib keine Spielchen mit mir. Wo ist die blaue Hornet?

Als Stefan langsam schlendernd hinzu stieß und im Gehen seine Zigarette aufrauchte, war ich gerade dabei, den Kaufvertrag einzutüten. Die Hornet gehörte mir. Sie war wunderschön. Nie wieder würde ich sie gehen lassen.

Wunderschön ist sie heute noch, denke ich mir, als ich das kleine Monster nach sechs Jahren mürrisch anstarre. Sie steht da und glänzt in der Sonne, und das italienische Design oberhalb der japanischen Technologie macht mich noch immer sprach- und atemlos. Sie fährt sich zuverlässig wie ein Uhrwerk und ihr Verhalten in Kurvenlage ist konstant und berechenbar. Auf keinem Motorrad dieser Welt könnte ich mich sicherer fühlen.

Doch im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin (es war einen goldene 600er Hornet Baujahr 2011) hat sie ab und zu Macken, die mir wohl zeigen sollen, dass mit ihr nicht zu Spaßen ist. Nein, es ist nicht ihr Fahrverhalten. Manchmal will die Alte nicht mehr. Ohne ersichtlichen Grund. Wie ein störrischer Esel bockt sie dann und springt nicht an. Oder bleibt stehen. Zugegeben, sehr oft kommt es nicht vor, aber dafür, dass ich dich selten fahre, hast du eine schlechte Gesamtbilanz, meine liebe! Denke ich und schaue das Ding an. Denn heute ist wieder so ein Tag.

Ich erinnere mich genau, als ich sie das erste (oder zweite) Mal fuhr. Nein, es war nicht eine dieser kleinen Touren durch die Stadt oder von der Werkstadt Heim und zurück; das würde ja nur halb so viel Spaß machen, wenn die Werkstadt und der ADAC just um die Ecke wären. Nein, es war gegen späten Nachmittag in den Tiefen des Pfälzer Waldes, weit vom Schuss, wo man froh sein musste, Handyempfang zu haben. Da saß ich dann zum ersten Mal bei meiner frisch gekauften Maschine und kaute sprichwörtlich Nägel vor Sorge, denn meine Dame hat beschlossen, heute läuft nichts mehr. Erst lief sie nicht in der Spur, dann hatte sie kaum noch Zugkraft. Schließlich ließen wir sie stehen und riefen den ADAC an. Es war die Benzinpumpe.

Ich muss sagen, seit dem Tag beobachte ich immer wieder sorgsam ihren „Puls“. Ich horche beim Fahren auf ihre Geräusche und darauf, ob sie sauber läuft. Tja, aber nein, den Teufel würde ich mich auskennen, wenn sie wirklich irgend etwas hätte. Jedoch würde ich sofort erkennen, wenn irgendwas im Busch ist. Ich kenne dieses Motorrad in und auswendig. Nicht, dass ich es zerlegen und zusammenbauen könnte… 🙂

Und seitdem lief sie sauber, bis auf kleinere Zickereien immer mal zwischendurch. Vor allem wenn ich sie zu lange vernachlässigt hatte und in der Garage stehen ließ. Dann waren die Zündkerzen nicht mehr frei oder die Batterie schon wieder leer. Nichts Ernstes. Ich kann sie ja verstehen. In der Garage im Dunkeln stehen gelassen werden und sich immer wieder fragen müssen: Was bitte ist an dem Auto besser als an mir? Nein, das ist nicht schön. Deshalb (und wegen Corona) habe ich entschieden, ab sofort wieder mehr Motorrad zu fahren.

Wenn es mir die Zicke nur nicht so schwer machen würde! Hat sie beschlossen, sich zu rächen oder was?

 

Route: Mannheim – Ludwigshafen – an der BASF vorbei, A6 – A61 – Hunsrück Abfahrt Simmern – Kirchheim Richtung Zell a.d. Mosel

Den Start unserer Pfingsttour haben wir von Freitag auf Samstag verschoben, was sich im Nachhinein als die richtige Entscheidung herausstellen soll. Der Plan ist, einmal durch das Moseltal, dann querfeldein durch die Eifel am Nürburgring vorbei hoch in Richtung Koblenz zu brettern, wo dahinter, im schönen Wiedtal, unser Lieblingshotel auf uns wartet. Die Rucksäcke und Seitenkoffer werden gepackt und das Nötigste minimalistisch verstaut. Dann sitzen wir obenauf und sind bereit zum Start.

Stefan wirft mir noch einen letzten, grinsenden Blick zu, doch ich reagiere nicht – zu sehr bin ich damit beschäftigt, ja alles richtig zu machen. Mit Motorradfahren ist es wie mit allem anderen; hat man es lange nicht mehr gemacht, fehlt irgendwann die Routine. Die ersten paar Kilometer bin ich nervös und vorwiegend mit dem Handling beschäftigt, bis sich der über die Jahre erlernte Automatismus einstellt. Doch ich merke es immer wieder, dass ich im Grunde der geborene Autofahrer bin (danke, Außendienst!). Sei es, dass ich mich nach dem Aufsteigen nervös nach dem nicht vorhandenen Navi umschaue, sei es, dass ich ans Schalten denken muss oder daran, an der Tanke den richtigen Schlauch (also kein Diesel…) in meinen Tank zu legen.

Doch irgendwann pendelt sich das alles wieder ein. Schließlich kenne ich das alles schon, bin tagein-tagaus Motorrad gefahren, nur ist das alles nun schon ein paar Jahre her. All das Wissen ist noch da, es ist nur verschüttet. Irgendwann habe ich es wieder, dieses Glücksgefühl, welches mich beim Fahren überkommt und welches zu erreichen bei einer Autofahrt kaum möglich ist.

Da wir später gestartet sind als geplant (da waren wir uns wieder ausgesprochen einig; ein Blick in die verschlafenen Augen des jeweils anderen und der Start wurde kurzerhand von zehn auf zwölf verschoben…), wollen wir erst bei Koblenz über die Landstraße fahren, doch ich kann Stefan überreden, die Autobahn etwas eher zu verlassen. So seilen wir uns im Hunsrück direkt hinter der Raststätte von der A61 ab und purzeln durch die Pampa, bis wir Zell an der Mosel erreichen. Ab hier geht es nur noch am Moseltal entlang und bei Bremm an der Mosel machen wir unsere erste längere Rast.

„Ich dachte mir, du willst Bilder machen.“ Sagt Stefan, nachdem wir angehalten haben. Wir stellen notdürftig die Maschinen ab und genießen den Sonnenschein inmitten von Weinbergen, mit Blick auf die schöne, kleine Stadt, die sich an die Hügel schmiegt. Radfahrer, Wanderer und andere Motorradfahrer haben heute Hochkonjunktur. Alles strömt in die Natur und Urlaub im eigenen Land zu machen ist das neue Saufen auf Malle. Sehr schön.

Wir fahren weiter, nur um kurze Zeit später wieder anzuhalten, diesmal bei Beilstein an der Mosel. Ich betone das deshalb, weil es angeblich über zehn Mal Beilstein in Deutschland gibt, so sagt es mir die Dame vom ADAC. Aber dazu später.

 

Moseltal – Koblenz – Wiedtal – Roßbach

Unzählige Campingplätze ziehen sich die Mosel entlang, Zelte und Campingwägen stehen mehr oder weiter weg vom Ufer des Flusses. So ein Camping wäre jetzt auch was schönes gewesen, denke ich und schaue mir das Treiben begeistert an, während wir durch die Dörfer ruckeln. Bei Beilstein zieht die Burg Metternich unsere Blicke an, so dass es für mich noch für ein Foto und für Stefan für ein weiteres Zigarettchen reicht. Dann wollen wir weiter. Mein Freund hat schon Helm und Handschuhe an, lässt den Motor an und fährt ein Stückchen zur Straße hin vor. Ich versuche indessen, Maja zu starten. Ein leeres, nichts versprechendes Geräusch. Ein Klappern. Dann nichts mehr. Nochmal und nochmal. Komm schon, du kleines Biest, du willst uns doch nicht das Pfingstwochenende versauen?

Kurz darauf sitzen wir wieder im Gras und warten auf den ADAC. Maja will nicht, und wenn sie nicht will, dann wird auch nicht gefahren. Ich tobe, und während ich ein Zigarillo nach dem anderen rauche, fluche ich über mein Motorrad. „Weißt du, Stefan, ich habe keine Lust mehr.“ Der nickt mit dem Kopf. „Immer ist mit der irgendwas.“ Stefan nickt abermals und erinnert mich an die defekte Benzinpumpe, die uns eine Tagestour versaute, kurz nachdem wir die „Biene“ gekauft hatten. „Ja, genau! Und dann hatte sie immer so kleine Ausrutscher. Wir haben uns doch eh überlegt, uns Tourer zuzulegen.“

Für nicht eingeweihte, beim „Tourer“ handelt es sich um einen Motorradtyp, bequem vom Sitzen, ruhig  vom Fahren und dazu geeignet, es mit Gepäck zuzuhängen und damit kilometerweite Strecken zu robben. Ungeheuer praktisch, doch in meinen Augen auch ungeheuer hässlich, weshalb mir bisher der Gedanke an diesen Typ Motorrad nicht wirklich kam. Doch was Schönheit mir gebracht hat, das sehe ich an meiner „Beauty“. Zicke. Wenn wir hier raus sind und du repariert bist, dann verkaufe ich dich, denke ich und äußere es laut. Dabei ist sie gerade erst abbezahlt. Ach, alles doof. Noch ein Zigarillo.

Die Sonne brennt uns auf die Köpfe. Wir hätten längst in der Eifel sein sollen. Die Wartezeit auf dem ADAC-Mann gestaltet sich lange. An diesem Pfingstwochenende sollen die Maschinen reihenweise liegen geblieben sein, so die Berichte der Dame von der ADAC-Telefonbetreuung. Uralte Schinken, die einmal bis zweimal im Jahr aus der Garage geholt werden. So wie meine, denke ich schuldbewusst. Kein Wunder, dass sie schmollt…

Stefan streckt sich im Gras aus. Die Blicke, die wir sowieso auf uns ziehen, werden immer mehr. Es ist eine chaotische Szene, wir zwei gemütlich hinter unseren Motorrädern sitzend, die Klamotten und Helme im Gras verteilt. Aus unserer kleinen Rast wird ein unfreiwilliger Aufenthalt von zwei Stunden.

„Wir sollten ein Schild aufstellen.“ Sagt mein Freund. „Honda-Handwerker willkommen, alle anderen: bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen.“

„Gleich bewerfen sie uns mit Erdnüssen.“ Knurre ich. Stefan legt sich im kühlen Gras hin und schließt die Augen. Daraufhin werden die Blicke der Menschen immer mehr und kurz darauf bleibt jemand in seinem Sportwagen stehen, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist oder ob wir Hilfe brauchen. Ich schmunzle innerlich, denn wie es aussieht, ist die Gesellschaft gar nicht so verroht, wie es auf sozialen Netzwerken immer öfter den Anschein hat. „Setz dich mal wieder aufrecht hin.“ Sage ich zu meinem Freund, als der Typ mit seinem Wagen wieder abgezogen ist. „Sonst denken die Leute, dir ist was passiert.“ Stefan stöhnt gequält und richtet sich auf.

Verstohlen mache ich ein Foto: Motorrad vor einer Burgkulisse. Top. Ich poste das Bild auf Insta. Dass wir hier gerade sitzen und auf den ADAC warten, schreibe ich nicht dazu. Es ist Instagram, da ist das Leben immer sonnig und alle sind glücklich.

Das Bild vom Motorrad bekommt mehr Likes als die Fahrerin selbst.

Irgendwann – die Sonne steht schräg und wirft lange Schatten – ist der ADAC da und fällt die Diagnose: Batterie. Doch einen Ersatz hat er nicht dabei und es sei zu spät, um noch eine zu besorgen. Es ist bereits 18 Uhr, doch wegen Pfingsten hat alles zu, was uns helfen könnte. Er überbrückt Maja und vorerst hält die Spannung. Wir riskieren es und fahren weiter, doch diesmal in einem Rutsch zum Hotel. Keine Abstecher zum Nürburgring mehr, kein Anhalten mehr für irgendwelche Fotos. Ob ein malerischer Übergang, der sich mitten im Ort über der Straße spannt oder das Panorama auf die Koblenzer Festung, wir verzichten für die obligatorischen Aufnahmen. Während der Fahrt macht mein Moped keinen Ärger; vielleicht hat sie gehört, dass wir vorhaben, sie zu verkaufen und beschlossen, wieder brav zu sein. Und auch ich bin wieder mit ihr versöhnt. „Ein toller Ausblick und eine Hornet, was braucht man mehr.“ Schreibt jemand auf Instagram. Nein, ich glaube, ich verkaufe sie nicht.

Das Motorradfahren. Es gibt Momente, da spüre ich eine Leichtigkeit, eine Freude, die kaum zu beschreiben ist. Manchmal fühlt es sich an wie Schweben, wenn wir im Gleichtakt über die langgezogene Kurve gleiten, als seien wir zwei Raubvögel, die am Himmel ihre Schwingen ausbreiten und, die Thermik nutzend, mühelos ihre Bahnen ziehen. Am schönsten ist das Fahren dann an der Wied entlang, eine Strecke, die ich bereits oft mit dem Auto durchfahren habe. Als wir Roßbach erreichen, streckt Stefan auf seinem Moped eine Faust nach oben. Wir sind da.

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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