Asien, Nepal

Kinder mit Kanistern – Die Wasserversorgung in Nepal

Nepal, Sommer 2019

Regen über Pokhara

„How to cross the street – in Nepal!“ Denke ich mir, während mir der Regenguss noch im Kopf nachplätschert. Wie überquert man trockenen Fusses eine Straße während des Monsunregens. Oder in Kathmandu in der Rush Hour, ohne überfahren zu werden. Dazu sollte es eine Anleitung geben, die jedem Reisenden in schriftlicher Form bei seiner Ankunft am Flughafen ausgehändigt wird. Überlebensnotwendig.

Ich rufe Stefan an. Draußen vor dem Fenster wird es langsam dunkel. „Es ist schon Wahnsinn.“ Sagt er. „Dass du hier auf der Höhe des indischen Subkontinents bist und wir miteinander telefonieren können.“ Dass wir kostenlos telefonieren können, sage ich und lache. Für das Gespräch nutze ich Whats App und die Verbindung ist klar und einwandfrei. Er will wissen, welche hohen Gipfel ist bereits gesehen habe. Ich schaue nach draußen, auf die Lichter der Stadt und die Wolkendecke, die sich keinen Meter von der Stelle bewegen will. Tja, im Moment noch keine…

Dies hier ist die Gegend um den Annapurna, den Machapuchare herum, die sich über dem Ort auftürmen. Der Annapurna Himal. Bei klarem Himmel zu sehen. Die berühmten Everest und K2 liegen hingegen im Nordosten des Landes, in der Everest-Region östlich von Kathmandu, und sind nur über den gefährlichen Lukla-Flughafen zu erreichen.

Es ist wie es ist, Nepal ist Nepal. Nach unserem Telefonat fällt für einige Zeit der Strom aus und ich sitze im Dunkeln. Ganz laut zwitschern die Zikaden. Doch hier klingen sie ganz anders als im Chitwan Nationalpark. Hier sind sie melodischer. Lauter. Ihr Zirpen dringt durch das geöffnete Fenster, vermengt sich mit dem Quaken der Frösche. All das Getier verbirgt sich in den grünen Reisfeldern; sie sehen aus wie grüne, zusammengeflickte Teppiche.

Entlang der Straße leuchten die Laternen und die Bar des Hostels ist beleuchtet. Ein Teil des Hostels hat Strom. Seltsam. Doch schon nach kurzer Zeit gehen auch in meinem Zimmer die Lichter wieder an.

Der Regen hat aufgehört und langsam verziehen sich die Wolken.

 

Das Zostel Hostel

Das Zostel ist ein gemütliches Hostel mit einem bunt gemischten Publikum. Die meisten von denen, die hier übernachten, sind wegen der Treks gekommen. Und ich spüre jetzt schon, dass mir dieses Backpacker-Trekkingvölkchen dezent auf die Nerven gehen wird. Einem davon bin ich an der Rezeption bereits begegnet. Er saß auf einer Couch am niedrigen Tisch und war gerade dabei, sein Zimmer um eine Nacht zu verlängern. Während ich interessiert die aufgezeichnete, groß umrissene Karte der Umgebung studierte, trat Leben in ihn und er fragte mich, ob ich denn trekken gehen wollte. Ich verneinte und sein Interesse an meiner Person flaute ebenso schnell ab wie es gekommen ist. Kein Austausch, kein „woher kommst du, wohin gehst du“, nichts von alldem, was man unter Reisenden so kennt. Trekking, Trekking, Trekking. Diese Fixiertheit darauf, das ist es, was mir befremdlich anmutet. Ob diese Menschen auch nur einen Blick für die Menschen übrig haben? Wissen sie, dass Nepal nicht nur aus Bergen besteht? Oder hat sie ihr Ehrgeiz verblendet?

Die Frauen hier im Umkreis waschen ihre Wäsche größtenteils im Fluss. Das wird mir bewusst, als ich damit beschäftigt bin, meine paar Sachen per Hand durchzuwaschen. Eine anstrengende Arbeit, die ich mir nicht machen müsste; ich habe einfach nichts zu tun.

Und dadurch wird die Kluft zwischen mir und diesen Frauen, die ihre Wäsche in den Kanälen der Reisfelder mit bloßer Hand schrubben, größer.

Anfangs, als ich diese Dinge sah, hatte ich keinen Bezug dazu. Dass die Menschen ihre Wäsche im Fluss waschen, ihre Büffel im Fluss schrubben. Es war so surreal, es war mir fremd. Es war das gleiche wie mit den Totenverbrennungen im Pashupatinath-Tempel in Kathmandu. So fernab von allem, das ich kannte, erreichte es mich zunächst nicht. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Tharu-Frauen in ihren aus Kuhdung und Stroh erbauten Hütten noch über dem Feuer kochen. Diese Bilder erreichen mich erst nach und nach, und dann, mit ein paar Tagen Verzögerung, legen sie mein Hirn lahm. Es ist nicht der sofortige Kontrast, den man erlebt. Nein. Es ist mehr eine schleichende Erkenntnis.

Wie wertet unser Gehirn das Gesehene aus? Man neigt zunächst dazu, an eine Art Inszenierung zu glauben. Aber niemand wäscht seine Wäsche im Fluss, um mich als Tourist zu unterhalten. Es sind Alltagssituationen, die aus Armut entstehen, nicht aus Tradition. Keine einzige nepalesische Frau würde das machen, wenn sie eine andere Möglichkeit säe.

Ich erwische mich dabei, die Frauen wegen all dem, was sie zu entbehren haben, zu bedauern. Doch ob das nicht vorschnell ist? Ist mein Bedauern nicht fehl am Platze? Menschen zu bedauern nimmt ihnen Würde, verhindert eine Begegnung auf Augenhöhe. Vielleicht glaube ich nur, zu wissen, was ihnen alles fehlt. Aber wissen sie es selber, obwohl sie es nie anders kannten? Und schließlich – sehen sie sich selbst so, wie ein Westler sie sieht? Und wollen sie, dass ich sie so sehe wie ich sie sehe? Würde ich es an ihrer Stelle wollen?

Seltsame Gedanken, die ich mir da mache. Mein Kopf wird ganz konfus. Und das nur, weil ich ein paar Höschen mit Gallseife schrubbe. Ich könnte auch den Wäscheservice nutzen.

Denn das Hostel hat alles, was man braucht: Handtücher, Toilettenpapier (in Nepal nicht selbstverständlich!) und heißes Wasser in der Dusche, das nicht erst volle fünf Minuten braucht, bis es heiß wird. Wie sehr ich doch an diesen Komfort gewöhnt bin. Ja, ich stehe dazu – ich habe all diese Dinge gerne zur Verfügung. Es ginge auch ohne – aber mit solchen Kleinigkeiten ist das Leben einfach schöner.

Und diese Unterkunft ist sauber. Traditionelle Bauweise hin oder her, doch im Community Homestay in Chitwan hatte ich ständig irgendwelche Tierchen im Zimmer: Ameisen im Bett, Ameisen auf dem Esstisch. Es war ein Leben inmitten – und mit der Natur, und manchmal hinterließ die Natur ein paar rote, juckende Spuren an meinem Körper.

Die Grillen und die Frösche machen draußen in der Nacht eine unglaubliche Musik. Es ist ein wahres Konzert. Und auf der anderen Seite machen die Backpacker Musik unten in der Bar. Vielleicht tritt eine Live-Band auf. Vielleicht kommt der Sound aus der Konserve. So oder so, an diesem Abend habe ich keine Lust auf Menschen, keine Lust, runter zu gehen, mich über bereits absolvierte Treks zu unterhalten.

 

Pokhara, Tag 2 – Die Kinder vor meinem Fenster

Der Regen indessen plätschert immer weiter. Der klare Himmel am Abend stellte bloß eine kurze Atempause dar. Während ich in meinem Zimmer des Zostel Hostels aus dem Fenster schaue, sieht es nicht danach aus, als wenn sich die Regenschauer auf irgend eine Art und weise einstellen wollten. Im Gegenteil, hier, in nächster Nähe der Berge ist der Regen kräftig und stetig.

Wie ich schon mal schrieb: ich besuche Nepal wegen der Menschen, das nächste Mal werde ich wegen der Berge kommen.

Und für Tageswanderungen. Ja, Wandern wird hier bestimmt Spaß machen, es ist eine bildschöne Gegend. Gestern Abend hoffte ich auf einen Sonnenuntergang irgendwo über dem See. Ich hatte Zeit und hätte nochmal in die Stadt gehen können. Wäre, hätte, Fahrradkette… so langsam muss ich mich mit dem Regen arrangieren, schließlich kann ich nicht volle drei Tage in der Unterkunft sitzen.

Trotz des Regens sind viele im Feld auf der Straße unterwegs. Jemand läuft durch die Reisfelder und pflückt. Vor meinem Fenster wuseln Menschen auf der verlassenen Baustelle herum. Es sind Kinder, vielleicht fünf, sechs Jahre alt, die mit großen Kanistern von den nahe gelegenen Häusern kommen, um sich sauberes Wasser aufzufüllen. Es gibt einen Wasserzufluss, und das ganze Dorf bedient sich daran. Der Anblick rührt mich, während ich meinerseits hier oben sitze und froh über meine Heißwasserdusche bin. Welch Galaxien uns doch teilen. Zudem wundert mich das Fehlen von Wasseranschlüssen in den Häusern.

Gestern sah ich eine Frau an derselben Baustelle Regenwasser aufsammeln. In Kathmandu gibt es auf den Dachterrassen der Häuser Regentonnen und Wassertanks. Regenwasser wird zum Kochen und Waschen verwendet. Warum auch nicht? Mit der hygienischen Unbedenklichkeit des Leitungswassers ist es nicht weit her. Die meisten Haushalte in Nepal haben kein fließend Wasser, obwohl die Häuser zum Teil groß und modern sind.

Die Kinder kommen mehrmals zum Wasserzufluss gelaufen. In ihren kleinen Händen können sie nur einen Kanister tragen. Manchmal kommen ganze Familien zum „Brunnen“, hier in die schlammige Grube. Eine Mutter und eine Schar Kinder, alle Kanister schleppend, staksen von den umliegenden Häusern durchs nasse Feld. Kanister, Eimer, Plastikflaschen. Das Wasser wird gebraucht.

Die Frau wäscht ihre Wäsche in einem der Kanäle, die das Reisfeld durchziehen und die Pflanzen mit Wasser versorgen. Dann taucht sie selbst in das kalte Wasser ein und wäscht ihre Haare. Plötzlich entgleitet ihr der große Plastikkanister aus der Hand. Mit großem Geschrei und lautem Gezeter scheucht sie ihre zwei Kinder, Sohn und Tochter auf, während der Kanister fröhlich hüpfend davon schwimmt. Schnell rennen die Kinder los und beginnen, das Ding aus dem Fluss zu fischen. Ich sitze hier oben, beobachte alles und bin froh, dass keiner von ihnen auf die Idee kommt, den Kopf zu heben und zum Fenster des Zostel Hostel zu blicken. Alles spielt sich direkt vor meinem Raum ab, wo es schönes, warmes, fließendes Wasser aus dem Hahn gibt.

Ja, ich habe gestern schon festgestellt, wie gut es tut, solche grundliegenden Dinge zu haben. Und nein, ich schäme mich nicht dafür noch habe ich ein schlechtes Gewissen. Es sollte nicht zur Selbstverständlichkeit deklariert werden, arm zu sein. Es sollte nicht zur Selbstverständlichkeit deklariert werden, fließend Wasser oder auch warmes Wasser nicht zur Verfügung zu haben und es sollte nicht zu einer dekadenten Wunschvorstellung erklärt werden, all das haben zu wollen. Ich bin happy um meine warme Dusche, ich bin happy um mein schönes Handtuch und ich bin happy um mein schönes Seifchen, das am Waschbecken liegt. Und ich bin happy, dass ich für all das nicht raus und in die Reisfelder laufen muss.

Ich dachte früher einmal, als ich von zu Hause aus über die Welt sinnierte, dass mir Schnickschnack nicht wirklich fehlen würde und ich mit einfachen Mitteln gut zurecht käme, doch eines habe ich nicht bedacht: zurechtkommen und sich wohl fühlen sind zweierlei. Und nein, ich lasse mir nicht schlecht reden, dass ich glaube, die tägliche „hot shower“ zu brauchen. Im Gegenteil, ich finde, der westliche Standard sollte etwas sein, das jedem zusteht. Es ist nicht so, als würden Menschen freiwillig darauf verzichten. Es müsste viel mehr angeprangert werden, dass es an vielen Orten noch nicht soweit ist.

Zwei Krähen sitzen auf einer Stromleitung und krähen vor sich hin. Menschen schleppen sich durch die trübe Landschaft. Und ich überlege, was ich machen soll.

Es ist früher Morgen und die Zeit schreitet  voran, doch der Regen will nicht aufhören. In Anbetracht dessen ärgert es mich nun, dass ich den Reisezeitraum auf August vorverlegt habe, denn eigentlich hätte ich in Oktober fliegen sollen. Oktober und April, die perfekte Reisezeit. Ich kann aktuell viele Dinge nicht machen, die ich sonst gemacht hätte und auch die Berge, die mörderisch hohen Gipfel, sind nicht zu sehen.

Doch fairerweise muss man dazu sagen, dass ich aus eigenem Antrieb nicht nach Nepal geflogen und dieses schöne Land kennen gelernt hätte.

Nun sitze ich unentschlossen im Zimmer des Hostels herum und überlege, was ich machen soll. Einen ganzen Tag hier verbringen, weil es regnet? Das wäre Verschwendung. Ich packe ein paar Sachen zusammen. Dann laufe ich los.

Wer mehr über das Thema Wasserversorgung in Nepal erfahren möchte, dem sei Sabines Bericht auf ihrem Blog Nepal Spirit ans Herz gelegt. In ihrem Beitrag schreibt sie über ihren Alltag in Nepal und gibt interessante Einblicke in viele Details, die man als Außenstehender nicht immer mitbekommt. 

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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