Sommer 2019, Tharu-Community-Homestay
Draußen in den sumpfigen Gebieten direkt am Fluss, da raschelt es, da zwitschert es, da summt es und zirpt. Insekten, überall. Der Ventilator rauscht monoton vor sich hin. Heute Nachmittag entspanne ich, schlafe und ab und zu klopfe ich mir die roten, winzigen Ameisen vom Körper, die sich überall im Zimmer ausgebreitet haben. Sie krabbeln auf dem Tisch, krabbeln ins Bett. Sie sind kaum zu sehen, doch sie haben überraschend kräftige Kiefer und beißen damit richtig zu, die Biester.
Nach der beendeter Tour durch den Chitwan Nationalpark bringt mich der Manager zurück zum Homestay. Die Jungs registrieren mehr oder weniger gleichmütig, dass ich wieder da bin. Welch ein Unterschied zu heute Morgen, als sie sich alle voller Sorge um mich versammelt haben. Doch jetzt habe ich eine Erklärung unterschrieben, die besagt, dass ich auf eigene Faust umherspazieren darf (echt jetzt?). Insofern liegt die Verantwortung bei mir (…ähm, was sonst…?). Ich verschwinde auf meinem Zimmer. Ich bin heute den letzten Tag hier.
Es ist schade, dass das Homestay zwar von den Tharu-Frauen verwaltet, aber nur von den Männern geführt wird. Nachdem die Holländer abgereist sind, bin ich die einzige Touristin im ganzen Homestay. Man kümmert sich sehr gut um mich. Immer, wenn ich irgendwo zu sehen bin, taucht einer der Jungs wie ein Geist neben mir auf und fragt höflich, ob ich einen Kaffee oder einen Tee möchte und zu welcher Zeit das Mittag- bzw. Abendessen zubereitet werden soll. Was ich essen möchte (ich entscheide mich immer für Dal Bhat). Man geht sehr freundlich mit mir um, trotzdem fühle ich mich als einziges Mädchen nicht wirklich wohl. Hinzu kommt die überaus fürsorgliche Art, auf mich aufzupassen, die ich so nicht gewohnt bin und die durchaus einengend sein kann. Ehe ich mich gestern zur Mittagsstunde nach Sauraha aufmachte, bestand einer der Jungs unbedingt darauf, mich begleiten zu wollen. Nur mit Mühe konnte ich ihm klar machen, dass ich nicht begleitet werden möchte.
Die Tharu-Frauen sind zwar Besitzer und Manager des gesamten Projektes, doch da die Männer über bessere Englischkenntnisse verfügen (und Frauen im heimischen Zuhause gebraucht werden?), sind sie es, die für die Gästebetreuung zuständig sind. Und obwohl ich das Konzept als solches begrüße, fühlt sich das für mich in der Umsetzung etwas seltsam an.
Also bleibe ich die restliche Zeit über auf meinem Zimmer, treffe Vorbereitungen für meinen Blogbericht, wasche einmal meine Kleidung durch, packe für die Abreise. Und lausche den Geräuschen von draußen, heilfroh über den Ventilator im Inneren, der die Schwüle Hitze aus dem Raum hält. Morgen besteige ich wieder den Bus und dann gehts weiter nach Pokhara, in ein Hostel, wo es vielleicht noch andere Reisende gibt außer mir. Und obwohl ich sonst keinen Kontakt zu anderen Reisenden suche, finde ich den Gedanken gerade durchaus beruhigend, dass sie einfach da sind. Dass ich nicht die einzige bin auf diesem Planeten, in diesem Land zu dieser Zeit, die den Rucksack schnürt.
Es gibt viele Community-Homestays in Nepal. Ich hatte mich für das Tharu-Community-Homestay entschieden, obwohl es etwas teurer war als ein simples Hostel. Das Geld kommt der Gemeinde zugute. Es ist eine gute Idee, das Leben der Menschen kennen zu lernen und ihren Alltag, doch das ist hier nicht wirklich der Fall, denn das Homestay liegt ein ganzes Stück vom nächsten Tharu-Dorf entfernt. Ein Homestay, wie ich es mir vorgestellt habe, ist es nicht wirklich für mich. Über verschiedene Aktivitäten lässt sich ein kurzer Einblick in das Leben der Tharu erhaschen, jedoch nicht in ihren Alltag. Es ist schade, dass Frauen in ihrem Dorf bleiben und nur ab und zu Besuch empfangen. Dass keine einzige Frau hier im Homestay arbeitet. Und wenn sie auch kein Englisch spricht – das spielt doch keine Rolle. Man kann sich mit Händen und Füßen verständigen. Doch so wirkt das Ganze auf mich wie eine etwas teurere Lodge, in der man die meiste Zeit für sich ist. Was mich betrifft, auch wenn die Umgebung wunderschön ist und die Anlage selbst liebevoll gestaltet zum Entspannen einlädt, ich würde nicht unbedingt nochmal buchen.