Asien, Nepal

Das Tharu-Community Homestay

Sommer 2019, irgendwo in Nepal…

Müde dusche ich mir erst einmal den Schweiß vom Leib.

Das Zimmer ist schön schattig und der surrende Ventilator sorgt für ein zusätzliches, laues Lüftchen. Geckos flitzen die Wände entlang und die erbarmungslose Sonne ist nur noch als helle Flecken an der Wand zu sehen.

Die Häuser der Gasthäuser sind der alten Tradition nachempfunden; die Wände bestehen aus Kuhdung, Stroh und Matsch. Getrocknet und ausgehärtet wirkt das Ganze wie Ton und riecht überraschender Weise kein bisschen. Diese Art, Häuser zu bauen, ist an die heiße, tropische Hitze angepasst und sorgt für ein angenehmes Mikroklima im Innern des Hauses.

In die Wände im Innern wurden traditionelle Muster eingearbeitet und ich kann nur raten, was sie bedeuten. Eines der Cottages wird neu gebaut. Jeder Gast bekommt so ein Häuschen. Im Inneren sind sie groß und geräumig und haben bis auf die Art, wie sie gebaut wurden, mit einem Tharu-Haus nicht mehr viel zu tun. Es gibt W-lan und elektrisches Licht, warmes Wasser in der Dusche und sonst auch alles, was ein Reisender so vermissen könnte.

Das Cottage ist weg vom Schuss, ein Stück weit weg von der nächsten Ortschaft. Es ist heiß, die Ventilatoren an der Decke laufen. Ein kleiner Gecko springt mir um die Hände. Männer baden ihre Elefanten im Fluss. Nicht als Show für Touristen, weil außer mir keine da sind. Sondern weil die Tiere gebadet werden müssen. Jemand badet seinen Büffel. Die Hunde schlafen, wie schon in Kathmandu. Hunde schlafen überall. Was sollen sie auch machen bei der Hitze?

Es ist ein ruhiger Ort.

Ich strecke mich auf dem Bett und den dünnen Decken aus. Über dem Bett hängt zusammengeknotet das Moskitonetz. Die Temperaturen draußen sind heiß, doch noch unangenehmer ist die hohe Luftfeuchtigkeit. Es ist, als ob die Luft steht. „Du hast dir eine ungünstige Zeit für den Chitwan Nationalpark ausgesucht.“ Sagte mir Jitu, der Inhaber einer Reiseagentur in Kathmandu. Es ist gegen Ende der Monsunzeit. Einmal am Tag, meist gegen Nachmittag, benetzen Regenfälle noch das Land, während sich die Wolken die restliche Zeit über langsam wieder sammeln.

Als ich im Homestay ankomme, werde ich mit einem kühlen Drink empfangen, an dessen Glas die Wassertropfen perlen. Ich scheine zunächst der einzige Gast zu sein, und später wird es auch so stimmen, doch noch sind andere Besucher da. Der Angestellte des Homestays möchte wissen, wann ich mein Mittagessen will. So in einer Stunde?

Diese Stunde verbringe ich im Zimmer auf dem Bett. In meinem Zimmer riecht es nach frisch gestrichener Farbe. Man merkt, dass hier alles frisch renoviert worden ist. Ich werfe mir eine Schmerztablette ein, um die Schwellung in meinem Knöchel zu unterdrücken. Und auch um die Kopfschmerzen zu unterdrücken, die sich im Laufe des Tages herauskristallisiert hatten. Ich hab Urlaub, ich muss fit sein. Welch Ironie. Doch die Zeit ist begrenzt.

Um die Häuserreihe herum zieht sich ein schattiger, gepflegter Garten, doch noch ist mir nicht wieder danach, dort umher zu spazieren. Es wird noch eine Weile dauern, bis mich die Sonne wieder sieht. Den Rolladen habe ich zugezogen und verarbeite all das bisher Geschehene. Eine Reise ist immer randvoll mit Eindrücken. Kaum komme ich nach, die vergangenen Tage und Stunden festsetzen zu lassen, schon kommen wieder neue dazu. Vor meinem Fenster wiegen sich die Bäume in der Sonne und auf der rückwärtigen Seite meines Häuschens rauschen die hohen Gräser. Hier erstrecken sich die Felder.

Mein Knöchel ist komplett angeschwollen. Vielleicht die Bänder überdehnt, wer weiß, doch es fühlt sich nicht an, als könnte ich damit noch laufen. Und solange ich laufen kann, werde ich das auch tun. Schließlich warten morgen zwei Stunden Busch Walk auf mich, ein Stelldichein mit Tigern und Schwarzbären. Auf die Wanderung durch die Wälder Chitwans habe ich mich schon lange gefreut, sie konnte bei der Buchung der Unterkunft mit gebucht werden. Mein Knöchel hat bis dahin zu machen, was ich ihm sage.

Das wird die Lauferei vom heutigen Nachmittag gewesen sein. Als mich der Tharu-Junge in einem der umliegenden Dörfer aufsammelt, teilt er mir mit, dass es zu Fuß noch mindestens eine Stunde Gehzeit gewesen wäre. Hätte ich das geahnt, hätte ich vermutlich den leicht überzogenen Preis der Tuk Tuk Fahrer bezahlt, ehe ich mich zu Fuß auf den Weg gemacht hätte. Aber das Laufen hat auch seine schönen Seiten, denn so konnte ich die Schönheit der Landschaft in diesem speziellen Teil von Nepal hautnah erleben. Leuchtend rote Blumen, wie kleine Feuerbälle, zieren die Ränder der saftig grünen Reisfelder. Männer mit ihren Büffeln. Schwarze Büffel baden im Fluss oder streifen durch die Felder. Fischer sitzen im Schatten der Bäume und knüpfen Netze mit der Hand. Bilder, die mir durch den Kopf surren.

Als ich mein Zimmer wieder verlasse, erscheint es mir verlockend, im Garten umher zu wandern. Doch zuerst das Mittagessen. Vor dem Hauptgebäude werden, wie es Brauch ist in nepalesischen Häusern, die Schuhe ausgezogen. Drinnen erwartet mich ein langgezogener raum mit Tischen, Stühlen und jeder Menge Gemälde an den Wänden. Alltagsszenen aus dem Leben der Tharu. An den Wänden und der Decke hängt Geflochtenes, bemalte Tongefäße und Schälchen stehen zum Verkauf bereit. Ein Foto der Gründerin, einer aufrechten Frau mit stolzem Blick, hängt ganz prominent da und fällt direkt ins Auge.

Auf dem langen Tisch gegenüber sitzen, oder besser gesagt; liegen, zwei völlig erschöpfte westliche Jugendliche. Einer von ihnen hat sich auf dem Boden ausgestreckt und tippt am Laptop herum. Die drei sind mit ihrem Vater unterwegs: die holländische Familie wird mich später am Abend auf der Wanderung zum Tharu Dorf begleiten. Sie sind, bis auf mich, die einzigen Touristen hier.

Das Essen besteht aus Pommes Frites, Nudeln, Fleisch und Gemüse. Man hätte nicht gewusst, wann ich komme, doch die folgenden Tage könne man auf meine Wünsche besser Rücksicht nehmen, sagt der TharuJunge, den ich aufgrund seines starken Akzents zu Anfang nicht verstehe. Dhal Bhat zu Mittag? Kein Problem.

Später, nach dem Essen, bespricht der Manager mit mir den Plan für die folgenden Tage.

Das Community Hostel bietet verschiedene Möglichkeiten an, den Alltag der Menschen hier kennen zu lernen; unter anderem kann der interessierte Besucher beim Fischen mit dabei sein. Ich sehe zum ersten Mal dabei zu, wie die Fischernetze traditionell mit der Hand geknüpft werden. Gemälde im Hostel zeigen Darstellungen davon, wie damit gefischt wird. Im umliegendem Dorf gibt es auch ein Tharu-Museum, welches ich bei diesem Aufenthalt jedoch nicht besuche.

Das Community Hostel organisiert Safari-Tours in den Dschungel von Chitwan sowie den Besuch der umliegenden Tharu-Dörfer. Die Wanderung zu den Tharu wird beim Aufenthalt im Homestay kostenlos angeboten, um die Traditionen und das Leben der Menschen kennen zu lernen. Diverse andere Aktivitäten sind kostenpflichtig und nach Wunsch zubuchbar. Ob Jeeptour, Bush Walk und/oder der Besuch der Elefantenzuchtstation, Kanufahrt über dem Rapti River, der Manager erstellt mit mir zusammen einen Plan für den heutigen und den folgenden Tag. Puh, viel Programm, denke ich mir mit Blick auf den vollgeschriebenen Zettel. Dafür stehen Tag drei und vier völlig frei zu meiner Verfügung.

Doch wer sind die Tharu, von denen ich die ganze Zeit spreche und was hat es mit dem Community Homestay auf sich?

 

Wer sind die Tharu?

Wir sitzen draußen unter dem Sonnenschirm an einem der Plastiktische, die am Ufer des Rapti River stehen. Vorsichtig schiebe ich meine Füße unter den Tisch, darauf bedacht, nicht auf den gelbschwarzen Haushund zu treten. Ein Stück weiter fischen die Männer im Fluss, baden ihre Büffel im trüben, braunen Wasser.

Menschen aus dem Dorf laufen hin und wieder vorbei. Der schmale Feldweg, der zum nächsten größeren Ort führt, verläuft hier entlang. Sie schauen neugierig und grüßen freundlich, wenn ich sie erblicke. „Namaste!“ Einige führen ihre Ziegen oder Büffel neben sich spazieren, als wären es Hunde. Es fasziniert mich, dieses ganz natürliche Zusammenleben von Mensch und Tier.

Frauen in bunten Saris, Bauern mit Lasten auf dem Kopf und Rücken. An die Farben Nepals gewöhne ich mich nur langsam. All dem haftet eine gewisse – aus meiner Sicht betrachtet – Exotik an, doch für die Menschen hier ist es ihr Alltag und ihr Leben. Es ist, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Ich staune.

Neugierig nähere ich mich den Männern mit ihren Elefanten. Elefanten werden hier noch für die Feldarbeit, doch hauptsächlich zu touristischen Zwecken gehalten. Am Abend, nach getaner Arbeit schrubben ihre Besitzer die Dickhäuter im Fluss. Und diese scheinen es zu genießen. Unauffällig mache ich ein Foto. Doch so unauffällig ist es wohl nicht, denn als einzige Touristin bin ich ebenfalls in gewisser Weise im Punkt des Interesses. Vermutlich sind es die Menschen gewohnt, hin und wieder als buntes Fotomotiv zu fungieren.

Die Tharu, „Menschen des Waldes“, wie sie sich selbst nennen, sind nur eine der vielen Volksgruppen Nepals. Eine Volkszählung hat ergeben, dass das Land ein vielfältiges Mosaik verschiedener zusammen lebender Ethnien darstellt. Über 124 Sprachen werden gesprochen, die sich ihrerseits in Dialekte unterscheiden lassen.

Die Volksgruppe der Tharu lebt in der subtropischen Region Chitwan an der Grenze zu Indien. Woher die Tharu kommen, ist weitgehend unbekannt, sie gelten als Ureinwohner der Tiefebenen und der Salwälder. Früher lebten sie als Fischer und Jäger, heute ernähren sie sich hauptsächlich von der Landwirtschaft. Doch gefischt wird noch immer, wie ich beobachten kann. Hierzu werden mit der Hand geknüpfte Netze verwendet. Wer möchte, kann die Tharu-Männer beim Fischen begleiten.

Die Tharu leben in den Terai (Tiefebenen) von Chitwan, in Zentralnepal sowie einigen umgrenzenden indischen Bundesstaaten. Manche Antrophologen glauben, die Tharu seien direkte Nachkommen Buddhas. Sie werden als eine matriarchalische Gemeinschaft bezeichnet und auch hier im Tharu Community Homestay wird schnell klar: die Frauen haben das Sagen. Auch wenn bei meiner Ankunft keine einzige Frau zu sehen ist, verwalten sie die ganze Angelegenheit – und auch das Geld. Die Männer betreuen die Gäste.

 

Das Konzept der Business Ladies

Die in Nepal weit verbreiteten Gastprogramme verschiedener ethnischer Gruppen sind ein Phänomen, das es erst seit rund zehn Jahren gibt. Es ermöglicht den Einheimischen, selbständig und in Eigenregie Einkünfte aus dem Tourismus zu erzielen, ohne von großen Hotelketten und Agenturen abhängig zu sein.

Gleichzeitig hat der Besucher die Möglichkeit, das Leben und die Kultur der Menschen hautnah vor Ort zu erleben, was viele Programmangebote erleichtern sollen.

Auch das Konzept des Tharu Community Homestay begann um 2011 als touristisches Programm, das es ermöglichen sollte, den damaligen Mangel an Hotelbetten über Gastfamilien auszugleichen. Gleichzeitig sollten weitere Touristen ins Land gelockt werden. Rund dreißig Millionen Rupien hat die Tourismusbehörde in die Ausbildung der interessierten Gastfamilien investiert.

Es gibt in Nepal zwei Möglichkeiten, bei einer Gastfamilie unterzukommen: entweder der Besucher lebt mit der Familie zusammen in deren Haus, Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen und der Alltag der Menschen kann aus erster Hand miterlebt werden.

Oder der Gast bewohnt ein separates Homestay und bekommt die Möglichkeit, seine Gastfamilie zu besuchen. Das Tharu-Community-Homestay bietet die zweite Möglichkeit an. Die Cottages sind in einer Entfernung von rund einem Kilometer vom Dorf der Tharu entfernt.

Die Besitzer des Homestays sind Tharu-Frauen. Sie werden gecoacht, wenn es um Management und touristische Fragen geht. Viele von ihnen sprechen noch kein Englisch, deshalb sind es Männer, die sich aktuell noch um die Gäste kümmern, aber auch das soll sich bald ändern.

Durch die Führung und Verwaltung der Communitys haben sie die Möglichkeit, eigenständig und nachhaltig ihren Lebensunterhalt zu sichern. Es sind die Frauen des Dorfes, die auch die Finanzen verwalten. Es kommt gar nicht so selten vor, dass aus eben diesem Grund die Frau des Hauses mehr verdient als ihr Mann. Rund fünfundachtzig Prozent der Einkünfte der Community Homestays kommen ohne Umwege den Dörfern zugute. Tradition und Moderne vertragen sich sehr wohl.

Also denkt daran, wenn ihr mal bei den Tharu zu Gast seid: die freundlichen Hausfrauen, die ihr beim Kochen, beim Zwiebel schneiden beobachtet, sind in Wahrheit knallharte Geschäftsfrauen ?

Quelle: royalmt.com.np/blog/tharu-homestay-chitwan/
Weiterführende Links: http://www.tharumuseum.org/

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

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