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Die Fastnacht in Triberg – und warum alemannisch nicht gleich alemannisch ist…

„Es ist die Badisch-Alemannsche Fastnacht!“ Sagt Anne und sieht empört aus. „Einer der Jungs da draußen hat mir dafür gegen das Schienbein getreten!“ Ja, meine Freundin Anne hatte den Fehler gemacht, von einer Schwäbisch-Alemannschen Fastnacht zu sprechen. Und das ist hier nicht das gleiche, oh nein, ganz und gar nicht! Da reagieren die Einheimischen ganz empfindlich drauf…

Die Alemannische Fastnacht, die hier um Himmels Willen nicht Karneval genannt werden darf, hatte ich schon vor ein paar Jahren und nur wenige Kilometer weiter im Schwarzwälder Haslach erleben dürfen. Faszinierend, all die Kostüme, die fellbedeckten, zotteligen Gestalten mit den hölzernen Teufelsgesichtern, die traditionsreichen Hexen, die sich immer wieder aus dem Zug lösen und auf die Zuschauer zurennen, vor allem, wenn sie merken, dass sie fotografiert werden. Doch dass alemannisch nicht gleich alemannisch ist und hier nochmals nach schwäbischen und badischen unterschieden wird, darüber hatte mich zum ersten Mal Anne Katrin aufgeklärt.

Wie hatte sie es also geschafft, sich dermaßen in die Nesseln zu setzen?

Zu ihrer Ehrenrettung muss ich gestehen: es war nicht ihre Schuld.

Mit dem Wetter haben wir wirklich Glück, denn die Sonne ist zwar trüb, aber sie ist da und scheint sachte auf unsere Köpfe, als ich das Auto in eine Parklücke steuere. Und wir haben noch Zeit. Sehr viel Zeit. Was liegt also näher, als unsere Hintern im nächstgelegenen Cafe zu parken und eine lecker Schwarzwälder Kirschtorte zu essen. Neben uns im Cafe sitzen noch andere Touristen, die sich ganz gerne den traditionellen Umzug ansehen wollen, doch es ist noch ein- bis anderthalb Stunden hin, bis die ersten Waldgeister losmarschieren.

Später beim Bezahlen frage ich die Mitarbeiterin, die uns bedient, welche Art Fastnacht denn hier gefeiert wird. Ich hatte es versäumt, im Vorfeld zu recherchieren, aber sicher ist sicher…

Die Ressentiments zwischen den Schwaben und den Badenern gehen zurück bis ins Mittelalter, als zwischen den reichen Schwaben und den weniger wohlhabenden Badenern ein ungesundes Abhängigkeitsverhältnis entstand. So wurden beispielsweise die Kinder armer badischer Bauern in Dienerschaft nach Schwaben verkauft und auch sonst viel Schabernack getrieben. Allein schon die Namensgebung war ein Grund für den gekränkten Stolz der Badener, denn ein Badisches Großherzogtum war dem Königreich Schwaben natürlich nicht gleichzusetzen. Nicht zuletzt befeuert die Streitfrage um die badische Flagge auf dem Karlsruher Schloss die gegenseitige Abneigung, doch die Liste der Gründe ließe sich unendlich lang fortsetzen.

Lang, lang ist es her, doch noch immer wird die gegenseitige Abneigung künstlich aufrechterhalten und kommt bei diversen Festivitäten wie eben dem Fastnachtsumzug, oder bei Fussballspielen zwischen Anhängern des VfB Stuttgart und des SC Karlsruhe zutage.

Und vor einem badischen Fastnachtsumzug hatte mich Anne gewarnt. „Sie ziehen Leute aus dem Publikum und verhauen ihnen mit bearbeiteten Schweineblasen den Hintern. Man wird nass gemacht und zum Beispiel in eine Badewanne gepackt.“ Ich bin beeindruckt und ziehe meine älteste, ausgewaschene Jacke an…

„Das hier ist schwäbisch.“ Sagt uns die Dame. „Schwäbisch-Alemannisch. Das Alemannisch ist wichtig.“

Also verlassen wir das Cafe und glauben uns gut informiert.

Der Umzug verläuft ziemlich unaufgeregt und erinnert ziemlich stark an die Fastnacht in Haslach. So ziemlich die gleichen Kostüme, die gleichen Teufel, Hexen und Wölfe. Auch hier reißen sich die Hexen aus der Reihe und erschrecken die Außenstehenden. Anne ergattert ein Bild mit einem der Teufel.

Bonbons fangen ist nicht drin, denn es werden kaum welche geworfen und den Schnaps, der in Haslach bei dieser Gelegenheit ausgeschenkt wird, kann man hier komplett vergessen – den saufen die Umzügler selber, um sich anzuheitern. Als ich mich nach einem Bonbon bücke, sehe ich den genervten Blick einer Frau hinter mir. Es gibt sie immer, diese Menschen, die, egal, was gerade um sie herum passiert, zum Lachen grundsätzlich in den Keller gehen. Einfach nicht davon beeindrucken lassen…

Der Umzug ist ziemlich schnell vorbei und wir suchen uns eine Lokalität, wo wir die unbefriedigende Veranstaltung nachfeiern können. Das „Schwarzwälder-Kirschtortenhaus“, das ich von meinem letzten Besuch hier in Triberg kenne, bietet sich da förmlich an und meine Freundin fühlt sich hier drinnen pudelwohl. Das Lokal ist urig und gemütlich, geführt wird es von einer ungarischen Familie. Wir setzen uns an die Bar und bestellen ein Schnäpschen.

Und das fast leere Lokal bleibt nicht lange leer; kurz, nachdem wir uns hingesetzt hatten, betritt unter dem Geräusch von Pauken und Trompetenmusik der erste Fastnachtsverein die Räume. Sogleich wird es laut und schunkelig und ein Harlekin steht am Mikrofon und singt Sauflieder. Anne kennt sie alle. Das Lokal füllt sich und verkleidete Menschen neben uns prosten uns zu. „Ihr sieht so unverkleidet aus!“ Ruft jemand. Ich antworte: „Wir sind nur Touristen!“ Wir sitzen da und wackeln zur Musik; hier drinnen ist mehr Stimmung als draußen während des gesamten Umzugs und unsere Laune steigt mit jeder Minute.

Irgendwann ist Anne weg. Ihre Tasche liegt noch auf dem Sitz. Jemand will mich zum Tanzen herausziehen; ich sage ab. Und im selben Moment denke ich, warum eigentlich nicht, es ist Fasching, verdammt noch mal…

Als meine Freundin wieder kommt und sich neben mich setzt, ist sie sichtlich empört. „Ich habe mich mit den Jugendlichen draußen unterhalten. Die sind im Fastnachtsverein und die haben mir gesagt, dass das hier schon badisch ist! Ich habe mich total blamiert. Die Frau im Cafe hat uns eine falsche Information gegeben.“ Ich muss lachen. Vermutlich wusste die Dame es nicht besser. Noch mehr lache ich, als Anne wütend sagt: „Einer hat mir dafür gegen das Schienbein getreten. Zwar leicht, aber trotzdem!“ Anscheinend war der einzige Grund, weshalb man uns nicht vermöbelt und gebadet hatte, der Tatsache geschuldet, dass Triberg noch ziemlich nahe der schwäbischen Grenze sind. „Bei meiner Familie“ – sagt Anne – „wird gaaanz anders gefeiert…“

Nichtsdestotrotz war klar, dass wir einer Fehlinformation erlegen sind und der falsche Eindruck verstärkte sich während des Umzuges noch. So sparsam wie hier in Triberg die Bonbons flogen, glaubte wir doch tatsächlich, im Schwabenland zu sein…

Abends gegen sechs verlassen wir das „Schwarzwälder Kirschtortenhaus“. Immerhin haben wir noch eine Heimfahrt von mehr als zwei Stunden. Als wir am besagten Cafe vorbei laufen, sehen wir besagte Dame drinnen stehen. „Sie haben gesagt, sie werden mit ihr reden. Damit sie badisch nicht mehr als schwäbisch bezeichnet…“

Kasia

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