Glasnevin Cementery in Dublin – Regenschauer und morbide Romantik

Glasnevin Cementery in Dublin – Regenschauer und morbide Romantik

Isaacs Hostel

In der Nacht werde ich unsanft aus dem Schlaf geweckt. Die Taschenlampe in meinem Gesicht und die beiden Personen, die als dunkle Silhouetten am Ende des Bettes stehen lassen direkt an eine Polizeirazzia denken. Benommen setze ich mich aufrecht hin. „Kannst du mir deinen Buchungszettel zeigen?“ Fragt mich einer der Männer. Glücklicherweise finde ich auf Anhieb, was gemeint ist, ohne groß im Rucksack kramen zu müssen. Der Hostelmitarbeiter checkt die aufgedruckte Zimmer- und Bettennummer und gibt mir den Wisch zurück. „Danke.“ Kein „Sorry, dass wir dich geweckt haben“, kein nix – ich ziehe mir die Decke über die Ohren und schlafe wieder ein. Die Zimmernummern und Bettennummern werden im „Isaacs Hostel“ automatisch vom System zugewiesen und ein Buchungsbon wird gedruckt. Anscheinend ist es zu einer Doppelbuchung gekommen, denn ich höre noch den anderen verwundert fragen: „How is it possible?“ Doch dies soll nicht meine Sorge sein, denke ich mir befriedigt – die schlechte Laune jedoch bleibt.

Und die setzt sich am nächsten Morgen ohne Unterbrechung fort. Vor den einzigen beiden Duschen, die fürs Stockwerk zur Verfügung stehen, warten bereits Mädels. Als ich vom Zähneputzen zurück komme, warten sie immer noch. Überhaupt scheint mir das „Isaacs“ nicht besonders gut auf Reisende ausgerichtet zu sein: es gibt zu wenig Duschen, zu wenig Steckdosen und auch die sind nicht in Bettnähe, sondern überall und nirgends im Zimmer verteilt. Die Duschräume an sich bestehen nur aus einem sehr engem Vorraum mit Bank und drei Kabinen (eine davon kaputt). Zähne putzen kann man dann im Klo, während jemand anders hinter der luftigen Tür fröhlich vor sich hin pupst. Ich habe selbst in Asien Hostels mit einem wesentlich besseren Standard erlebt. Aber mit einem Hostel ist es immer so eine Sache: trotz diverser Vorschaubilder auf diversen Portalen weiß man im Grunde erst bei der Ankunft so richtig, was man kriegt.

Überhaupt scheint mir das Hostelleben nicht mehr so richtig zu bekommen – ich habe mich dieses Mal einzig aus Preisgründen dafür entschieden. Man ist nie alleine, ob nachts, während man schläft, morgens während der Morgenpflege oder dann später im Frühstücksraum. Letzteren erreiche ich recht spät, es hat sich eine Schlange gebildet, Kaffeetassen fehlen und es summt wie im Bienenstock. Ich greife mir, was an Essbarem noch da ist und setze mich an einen der Tische mit dem Rücken zum Raum. Der Morgen ist gelaufen – und alles begann mit dem Weckruf mitten in der Nacht…

Doch man muss fairerweise sagen: das Isaacs hat ein paar besondere Extras, die die Zeit im Hostel doch recht angenehm machen wie die kostenlose Nutzung der Sauna (war ich nicht drin, aber schön, dass es sie gibt…), einen organisierten, recht günstigen Shuttle zum Flughafen (ganz praktisch, wenn man morgens dort sein muss und mitten in der Nacht kein Bus mehr fährt) und kostenfreien Touren durch Dublin (Altstadt, Pubs…). Auch Radausflüge werden organisiert. Tja, noch ein paar Duschen mehr und ich empfehle euch weiter…

 

Schietwetter

Der Regen ist nur ein feiner Sprühnebel, der die roten Ziegeln der Mauern bestäubt und draußen höre ich das ferne Heulen der Sirenen. Ich stecke den Kopf wieder rein. Heute ist ein Wetter von der Sorte: nicht rausgehen. Daheim bleiben. Oder im Hostel. In trockenem auf jeden Fall. Am liebsten im Bett.

Draußen legt sich die Feuchtigkeit sofort über mein Gesicht. Der Regenschirm hilft da nur bedingt, denn alles ist irgendwie klamm und feucht, als ich durch die nassen Straßen Dublins gehe. Ich wende mich diesmal in die dem Stadtzentrum entgegengesetzte Richtung, denn nordwestlich befindet sich der mit seiner Fläche von 500 ha (rund 5 km²) größte Nationalfriedhof Irlands.

Was soll ich weiter groß beschreiben, letztlich laufen meine „Feldzüge“ allesamt aufs gleiche hinaus: Kasia nimmt die Beine in die Hand und läuft los, bis sie irgendwann ihr Ziel erreicht hat. Es ist mein dritter Tag in der Stadt und langsam bemächtigt sich meiner das Gefühl, alles gesehen zu haben, oder zumindest das wichtigste, das es hier zu sehen gibt. Dublin ist überschaubar, doch voller spannender Details, zu leicht zu übersehen und zu interessant, um sie einfach auszulassen.

In der Stadt schiebe ich mich zwischen die Leute, doch schon bald lasse ich den Großstadtflair (lach… ach Dublin) hinter mir und finde mich auf exakt der Strecke wieder, die ich am ersten Tag mit dem Bus entlang gekommen bin. An einem malerischen Kanal sitzen Möwen und Tauben auf einer Mauer aufgereiht, einer Perlenkette gleich, so als würden sie auf irgend etwas warten. Die Statue des Schriftstellers Brendan Behan, der auf einer bronzenen Bank am Ufer Platz genommen hat, wirkt so echt, als würde sie sich gleich umdrehen, um etwas zu sagen. Menschen mit ihren Hunden kommen mir entgegen, ein Jogger braucht gerade mal einen Bruchteil meiner Zeit, um den Kanal auf- und ab zu laufen. Ein Reiher schleicht am Wasser entlang – ein ganz gewöhnlicher Morgen also.

 

„Zu jung, um zu sterben, zu betrunken, um zu leben“ – Nachruf an Brendan Behan

Brendan Behan war ein Rebell. Geboren 1923 ließ er sich schon mit 16 Jahren von der IRA für Anschläge in England rekrutieren. Vor einem geplanten Sprengstoffanschlag auf eine Schiffswerft wurde er jedoch erwischt und saß eine dreijährige Jugendstrafe ab. Es sollte nicht sein einziger Gefängnisaufenthalt gewesen sein; immer wieder wurde er inhaftiert, mal wegen Randale, Trunkenheit oder Beihilfe zum versuchten Mord an zwei Polizisten. Traut man ihm gar nicht zu, so wie er hier Entchen fütternd malerisch am Wasser sitzt. Doch Behan war nicht nur Rebell…

Er war auch Poet, Journalist, Schriftsteller und nach seiner Inhaftierungszeit ein gefeierter Bühnenautor. Seine Werke waren von seiner Zeit und seinen Erfahrungen im Gefängnis geprägt. Mit dem Bühnenstück „The Quare Fellow“, in Deutschland als „Der Spaßvogel“ bekannt, war sein Durchbruch und wurde 1962 verfilmt. Doch einmal Rebell, immer Rebell – Behan pflegte einen ausschweifenden Lebensstil und trank den Druck, der auf ihm als erfolgreichem Schriftsteller lastete, einfach weg. Er starb mit nur 41 Jahren an übermäßigem Alkohol- und Medikamentenkonsum. „Zu jung, um zu sterben, doch zu betrunken, um zu leben“, schrieb nach seinem Tod die irische Daily Express in seinem Nachruf.

 

Glasnevin Cementery – der größte Friedhof Irlands

Die bereits erwähnten rund 50 ha Fläche sind auf dem ersten Blick gar nicht mal zu sehen. Er wird – wie fast alle Friedhöfe – von einer dicken Mauer umgeben, die ihn von der wirklichen Welt da draußen trennt.  Die dicke Mauer und die Türme hatten Ende 18- Anfang 19 Jahrhundert schon ihren Sinn – sie dienten dazu, Leichendiebe abzuschrecken, denn in der damaligen Zeit waren frische, tote Körper heiß begehrte Ware. Zu den Interessenten zählten unter anderem Ärzte, die so den menschlichen Körper studierten. Aus Glaubensgründen war es damals nicht möglich, auf legalem Wege an „Studienobjekte“ zu kommen.

Ich schlüpfe hinein durch einen der Seiteneingänge und es wird sofort stiller um mich herum. Ich erwarte eine andere Welt, eine stimmungsvolle Welt, wo unbewegte, steinerne Engel als Wächter und uralte Grabsteine als Wegweiser fungieren. Im ultrafeinem Nieselregen betrete ich eine der angelegten Wege. Der feuchte Rasen zwischen den Gräbern lässt meine Schuhe durchweichen. Doch nur so lassen sich die Kunstwerke, denn nichts anderes sind die fein verzierten Grabsteine, aus der Nähe betrachten.

In einiger Entfernung befindet sich eine Kapelle, ein Cafe und das monumentale Denkmal von Daniel O’Connel, der 1832 eine Nische für katholische Iren auf dem Glasnevin Friedhof angelegt hat. Davor mussten Katholiken auf protestantischen Friedhöfen beerdigt werden und konnten ihren Glauben während der Bestattung nicht praktizieren; das sollte sich durch O’Connels Initiative ändern. Der Glasnevin Friedhof ist heute für alle Glaubensrichtungen offen und, obwohl ursprünglich für Katholiken gedacht, so ist er nicht an eine Glaubensrichtung gebunden.

Daniel O’Connel war einer der ersten katholischen Anwälte Irlands und später ein herausragender irischer Politiker des frühen 19 Jahrhunderts, der sich unter anderem für die Gleichsetzung von irischen Katholiken einsetzte. Er wurde auch „der Befreier“ genannt. Er glaubte, dass die Iren ihre Forderungen nach Unabhängigkeit und Gleichbehandlung auf diplomatischem Wege erreichen müssen, kehrte deshalb extremistischen irischen Organisationen den Rücken zu und ging in die Politik. 1841 wurde er erster katholischer Oberbürgermeister von Dublin. Seine Bestrebungen für ein unabhängiges Irland und die Abschaffung der Union waren vielen damaligen Politikern ein Dorn im Auge, doch er versuchte stets, seine Ziele auf friedlichem und, was noch wichtiger ist, legalem Wege zu erreichen, indem er Menschen mobilisierte. Das führte oft zu Unverständnis in den eigenen Reihen. Mit der friedlichen Taktik erreichte er einige seiner Ziele: so wurde es katholischen gewählten Abgeordneten möglich, ihre Sitze im Parlament einzunehmen, doch er scheiterte an der Abschaffung der Union.

Sein Körper liegt auf dem Glasnevin Cementery begraben, doch sein Herz befindet sich in Rom, da er mit 71 Jahren während einer Pilgerreise auf dem Weg dorthin starb. Der Name O’Connel wird einem Besucher noch öfters in Dublin begegnen, so ist zum Beispiel die Hauptstraße im Zentrum Dublins zu seinen Ehren in O’Connel Street umbenannt worden.

Doch nicht nur Daniel O’Connel; viele weitere irische Politiker, Unabhängigkeitskämpfer und berühmte Persönlichkeiten liegen hier begraben. Namen wie Brendan Behan, der Schriftsteller; Roger Casement, der britische Diplomat, der als Hochverräter hingerichtet wurde oder Michael Collins, ein Mitbegründer der IRA – und das sind nur einige.

Ich sehe Besucher mit kleinen Broschüren in der Hand, die über die Kieswege spazieren. Ein wenig entzaubert das die Romantik, aber was solls. Ich versuche, mich tiefer hinein zu begeben, weiter weg von den Menschen und hin zu der stimmungsvollen Atmosphäre, die hinter dem nächsten Grabstein bestimmt auf mich wartet. Doch nach ein paar Schritten warten ein paar Bauarbeiter auf mich, die im Nieselregen ihrem Tagewerk nachgehen. Wie gesagt, ich ahne da noch nichts von der tatsächlichen Größe des Friedhofs und bewege mich noch die Außenbezirke entlang. Als ich endlich die Einsamkeit finde, huschen nur noch kleine, flinke Grauhörnchen über die Gräber und an den alten, dicken Baumstämmen entlang – die wahren Bewohner von diesem Ort.

Natürlich sind die steinernen, keltischen Kreuze der Hammer! So etwas habe ich bisher nur in Filmen gesehen. Schwarz und finster zeichnen sie sich vom Himmel ab und erzählen von Dämonen und unruhigen Geistern. Die Steinmetze haben aber auch großartige Arbeit geleistet; die Grabsteine und Oberflächen der massiven Kreuze sind voller eingemeißelter keltischer Symbole wie Knoten, Schafe, Harfen und Kleeblätter. So viele Details, denn jeder Grabstein sieht anders aus. Einige sind relativ neu und auf vielen zerfallenden Platten prangt ein blaues Etikett. Sie werden bald restauriert werden. Der Friedhof ist eine wichtige Sehenswürdigkeit und ein Teil der Geschichte.

Dann, urplötzlich, bessert sich das Wetter. Die Wolken verziehen sich und die Sonne kommt strahlend raus.  Ich komme in den Teil des Friedhofs, wo große, begehbare Grabkammern ganze Inseln bilden, die über schmale Übergänge (Brücke) passierbar sind. Hier umranden goldene Blätter das Bild, das sich bietet, Statuen wachen unbewegt über die Toten. Aufgrund seiner Größe ist es mir von vorneherein bewusst, dass ich nicht die gesamte Fläche des Friedhofs ablaufen kann, irgendwann wende ich mich doch in Richtung Ausgang. Die ganz irdischen Belange des Lebens machen sich bemerkbar wie der leise anschleichende Hunger, der mich daran erinnert, dass ich am heutigen Morgen kaum etwas vom Hostelfrühstück abbekommen habe.

An der Ostseite des Friedhofs befindet sich ein Pub. Hier finde ich mich ein für ein leckeres Mittagessen und ein großes Glas Guiness, das mich für die nächste halbe Stunde leicht schläfrig macht. Doch wenn ich mich so umsehe, scheint Guiness zu der früher Uhrzeit nichts Ungewöhnliches zu sein – jeder zweite Gast hat das schaumige Getränk in der Hand. Von wegen, Iren würden tagsüber Tee trinken…

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