Kataloniens Küste – Sitges und Tarragona

Kategorien Europa, Katalonien, Spanien

Unser Exe-Hotel (unbeauftragte Werbung!) liegt etwas außerhalb von Barcelona, in einem der vielen Ausläufer mit dem Namen Sant Joan Despi. Die Ortschaft ist eher eine Ansammlung von, ich sage mal, katalanischen Plattenbauten und so bewundern wir selbige an diesem Morgen beim Blick aus dem Fenster. Wir steigen ins Auto mit lediglich einer groben Vorstellung, denn heute wollen wir uns ansehen, was es südlich von Barcelona entlang der Küste so Schönes zu sehen gibt.

Wenn du mal in der Gegend bist und ausreichend Zeit zur Verfügung hast, belasse es nicht nur dabei, dir Barcelona, die Stadt anzusehen. Ich weiß, auch da gibt es so viele tolle Sachen und man kann gut und gerne Tage damit verbringen, durch die City zu schlendern, gute Paella zu essen, zu besichtigen oder einfach nur zu chillen. Doch auch die Umgebung hier ist wunderschön! So steuern wir das Auto diesmal entlang der Küste in Richtung Süden, sparen dabei gezielt, wenn möglich, Autobahnstrecken aus. Wieder zieht eine grüne, mediterrane Landschaft an uns vorbei mit ihren saftigen Gärten, Gewächshäusern, kleinen Orten und riesenhaftem Schilf. Große, blühende Kakteen, blühende Sträucher am Straßenrand, pink blühende Büsche überall – Spanien blüht für uns auf, wie wunderbar.

Runter von der C1 geht es weiter entlang der C2, einer kurvigen, abenteuerlichen Küstenstrecke, die höllische Aufmerksamkeit erfordert, uns aber mit sagenhaften Ausblicken belohnt. Perlenschnüre an Fahrzeugen kommen uns entgegen, mutige Motorradfahrer, die sich in den Kurven gefährlich in der Schräge auf unsere Fahrbahn neigen, Lastfahrzeuge, Cabrios. Ganz Katalonien scheint hier unterwegs zu sein (später begreifen wir auch, wieso, als wir feststellen, wie teuer hier die Maut-Abschnitte sind!). Kurve um Kurve schlängeln wir uns entlang einer Fahrbahn, die am steilen Felsen angeklebt zu sein scheint; rechts von uns ragt senkrecht der Fels in die Höhe und links von uns fällt es ab in die Tiefe, nur die Leitplanke teilt die Straße vom Abgrund. Manche Felsen über uns wirken, als würde nur die reine Willenskraft sie am Abhang festhalten und unten in der Ferne können wir dunkelblau und dunstig das Meer sehen. Der Wind weht durch die offenen Autofenster und wir versichern uns eins fürs andere Mal, wie schön es hier doch ist. Ab und an kommt uns eine alte Kirche entgegen, hier und da sandsteinfarbene Häuser oder ein Bootshafen. Dann, nach circa dreißig Kilometern erreichen wir Sitges.

 

Sitges

Sitges ist ein kleiner, ruhiger Ort an der Mittelmeerküste, geprägt von weißen Häusern, einem kleinen Hafen und gemütlichen Badebuchten. Wir parken unser Auto am Hafen und spazieren die Hafenpromenade hinauf. Nur wenige Menschen sind in der sandigen Bucht unter uns zu sehen, die Wellen schlagen schaumig gegen die Steine. Bars und Restaurants am Hafen öffnen gerade erst und der Ortskern wirkt sonnig und verschlafen wie ein fauler, ruhiger Sonntag. Die strahlend weißen Häuser umgeben blühende Gärten, hier und da flattert Wäsche an der Leine, ab und an drückt sich verstohlen ein Bewohner vorbei. Die wenigen Farbklekse bildet eine Mauer am Hafen mit etwas maritimer Streetart. Dann gilt es, Höhenmeter zu überwinden; eine steile Treppe führt uns hinauf und ein Aussichtspunkt bietet einen Ausblick über die Stadt. Die alte Kirche ragt mit ihrem Küstenabschnitt ins Meer hinein, ein Segelboot zieht am Horizont entlang und links ist eine weitere Badebucht zu sehen. Ich fotografiere die Bucht, bis mir erst später auffällt, dass es sich um einen Nack-Badestrand handelt…

Der Aussichtspunkt mit Blick auf die Stadt ist ein langgezogener Steg mit Bänken. Hier lassen wir uns im Schatten nieder und betrachten das Meer. Ein kühler, angenehmer Wind geht an der Küste entlang. Ab und zu spähen wir zu den Badenden herüber, ein menschlicher Automatismus, glaube ich – bis ich schließlich sage: „Im Grunde ist die Stelle hier der perfekte Point für Spanner. Fehlt nur noch ein stationiertes Fernglas…“ Wir lachen, packen unsere Sachen und gehen. Die Lufttemperatur am heutigen Tag beträgt nicht mehr als 23 Grad, die Wassertemperatur… ach, das will ich gar nicht wissen. Habe ich vorher noch mit dem Gedanken gespielt, einen Badetag einzulegen, so hat sich dieser damit erledigt. Da friert man schon beim Hinsehen…

Die meisten Lokale an der Promenade haben jetzt am Vormittag gerade erst geöffnet und entsprechend leer sieht es in ihnen aus. Wir lassen uns im Schatten eines der Sonnenschirme nieder. Außer uns ist nur eine Gruppe Spanier da, die angeregt und ausgiebig über irgend etwas diskutieren. Der Redeschwall wird lauter, dann wieder leiser, leere Biergläser werden in frisch gefüllte umgetauscht. Ich kann nicht ausmachen, wer von den Männern gerade das Gespräch führt, denn scheinbar reden alle durcheinander, immerzu sind es mehrere Stimmen, die die Luft um uns herum erfüllen. Und wenn das angeregte Gespräch für kurze Zeit etwas abebbt, so ist es nie vollkommen still, einer oder zwei reden immer weiter. Dann klinken sich weitere Stimmen ein, bis das Gewirr anschwillt wie das angeregte Zwitschern der Spatzen am frühen Morgen.

Kühler Wind kommt uns vom Meer entgegen. Vor uns schaukeln vertäute Boote auf dem Wasser auf und ab und Spatzen springen von Gebüschen auf die Tische, lassen sich auf Stuhllehnen nieder, hüpfen auf Zweigen herum und trauen sich bis einige wenige Zentimeter an uns heran, immer neugierig äugend, ob nicht doch einmal ein Krümmel für sie abfällt.

 

Tarragona

Wir lassen das verschlafene Sitges hinter uns und machen uns auf zu unserem nächsten Ziel: Tarragona, ein historischer Küstenort, an dem schon die alten Römer ihre Spuren hinterlassen haben. Diesmal führt uns der Weg mitten durchs Hinterland, an grünen Hügeln und Bergen vorbei. Ab und zu ragt von Weitem eine Kirchturmspitze aus der Vegetation, hier und da tauchen romantisch überwucherte Häuser auf.

Tarragona liegt noch weitere sechszig Kilometer von Sitges entfernt. Eine blühende Stadt, im wahrsten Sinne des Wortes – pinkene Blüten ranken an den Mauern hoch, rote Rosenstöcke klettern die Wände hinauf. Die alte Stadtmauer ist noch nahezu vollständig erhalten. Die Stadt an der Costa Dorada ist Weltkulturerbe und wer sich für die Antike interessiert, trifft hier an Ausgrabungen aus der Römerzeit wie das Amphitheater, die Nekropole, die römische Gräber enthält oder die Reste des römischen Forum. Immer wieder werden neue Ausgrabungen bei Bauarbeiten entdeckt und immer wieder müssen die Arbeiten gestoppt werden, um die archäologischen Funde zu schützen. Nach dem Abzug der Römer war Tarragona bis ins 12 Jahrhundert unbewohnt, erst ab da wuchs die Stadt wieder zur neuen Größe heran. So enthält sie heute einen spannenden Mix aus antiken Bauresten, einem modernen Nordwestteil und einen wunderschön erhaltenen, mittelalterlichen Kern.

Wir parken direkt im Zentrum, laufen eine Treppe hoch und finden uns genau auf dem malerisch belebten Rathausplatz wieder. Das Rathaus ziert eine Fahne, die ich jedoch nicht näher identifizieren kann. Die Stadt Tarragona hat kein offiziell anerkanntes Stadtwappen, jedoch gibt es Entwürfe, die durchaus toleriert werden. Überhaupt scheint es sich um einen sehr liberalen Ort zu handeln, denn was mir als Erstes auffällt, das ist die regenbogenbunte, an einem der Häuser genau am Rathausplatz angebrachte Flagge mit dem Logo der Antifa. Auch später, als wir die Stadt verlassen, prangt an einen Bogen, unter dem wir hindurch fahren, der rote, gesprühte Schriftzug: Antifa Zone. Es gibt politische Parteien, die sich hierzulande sehr darüber ärgern würden, denke ich mir belustigt.

Die Stadtbesichtigung verschieben wir auf später, denn zunächst einmal zieht es uns in einen der Lokale – der kleine Hunger ruft. Nachdem wir von unserer Mahlzeit gestern in Monistrol so la la begeistert waren (mein Hauptgang war einfach gegrilltes Hähnchen mit Fritten, Stefans gelierte Schweinefüße, tja…), wählen wir nun gezielt ein Restaurant, in dem wir in erster Linie Spanier sitzen sehen. Mich gelüstet es nach Tapas, Stefans Teller zieren zwei üppige Schweinekoteletts. Ja, es hat sich schon herum gesprochen, dass die spanische Küche sehr fleischlastig ist… Doch auch diesmal haut es uns geschmacklich nicht von den Socken; entweder hatten wir falsche Vorstellungen oder schlicht und ergreifend kein Glück… Meine Tapasvariationen entpuppen sich als ein Teller Fritten, ein Teller frittierte Calamares und eine Schale Thunfischsalat. Das hat man davon, wenn man nicht weiß, dass „Tapas“ eigentlich nur so viel wie „kleine Portionen“ von was auch immer heißt… Sehnsüchtig denke ich an die sagenhaft gute Küche der Italiener.

Obwohl es ein schöner, sonniger Tag ist, kommt immer mal wieder ein kalter Wind angeweht. Man glaube es kaum, doch im Schatten der Schirme friere ich unbarmherzig. Im Frühsommer, in Spanien, wer hätte das gedacht… doch Kasia ist gerüstet, schnell wird der Pulli aus der Tasche gekrammt.

Nach dem Essen erkunden wir die blühende Stadt, laufe am Nekropol vorbei mit all seinen Grabstätten hin zum Amphitheater. Hier, fast vor den Toren der Stadt, möchte man sagen, gibt es eine schön gestaltete Grünanlage. Von hier oben haben wir einen tollen Blick nicht nur auf die Ruinen des Theaters, sondern können auch auf die Hafenpromenade und weit bis aufs Meer schauen. Von einer aufgebauten Bühne rechts  von uns dringt Musik an meine Ohren; hier bleiben wir inmitten von Grün und entspannen, genießen den sagenhaften Blick und lassen die Zeit verrinnen. Lange Blütendolden hängen von Bäumen herunter und weit in der Ferne ziehen zwei Boote über die See. Und hinter uns erheben sich die beeindruckenden Mauern der mittelalterlichen Stadt.

Die Altstadt von Tarragona ist geprägt von hohen Villen und engen Gassen; die Hauswände stehen so dicht beieinander, dass man sich stellenweise im einen oder anderen Gässchen wie in einem Tunnel fühlt. Für unser Auge faszinierend, wie nah man früher gebaut hat, doch wollt ich nicht mit denjenigen tauschen, die ihre Wohnungen mit Fenstern zur Schattenseite hin haben, denn in die Gassen gelangt scheinbar niemals Sonnenlicht hinein. Eine Passage, in der sich touristische Souvenirshops mit Manufakturen und Lederwarengeschäften abwechseln, führt uns immer weiter hinauf zur alten Kathedrale von Tarragona.

Die Kathedrale stammt aus dem 12 Jahrhundert; schon von Weitem taucht am Ende der Gasse ihr beeindruckendes Rosettenfenster auf, das größer und größer wird, je näher wir kommen. Die römisch-katholische Kathedrale de Santa Maria erreicht man nur über eine Treppe, die den Eindruck erweckt, als würde sie gen Himmel führen. Tja, und in gewisser Weise führt sie ja auch in göttliche Sphären; zumindest sollte auf diese Weise die Ehrfurcht der Gläubigen vor dem Haus Gottes noch etwas größer werden. Hat man sie dann erklommen, findet man sich auf einem Platz wieder, der wiederum gesäumt ist mit Cafes. Dreht man sich um, hat man von hier aus einen guten Blick auf die Passage und ihre dicht an dicht stehenden Häuser. Wer sich das Bauwerk von innen anschauen möchte – der Eintritt kostet ohne Ermäßigung fünf Euro pro Nase. Wir sehen davon ab – stattdessen investieren wir die fünf Euro in die örtliche Wirtschaft und holen uns einen Cappuccino in einem der Cafes.

Noch etwas fällt uns stark auf. An vielen Hauswänden, faktisch überall, hängen Fahnen und Transparente mit dem Schriftzug: „Llibertat presos politics!“ – Freiheit für politische Gefangene, ein Protest gegen die Inhaftierung katalanischer Politiker, die 2017 versuchten, ein Unabhängigkeitsreferendum für Katalonien durchzusetzen. Die Durchführung der Abstimmung wurde von der Regierung in Madrid als illegal erklärt und daraufhin unterbunden und die Initiatoren des Referendums kurze Zeit später verhaftet und der Rebellion angeklagt. Der Anführer der Separatisten, Carles Puigdemont, kam nach Deutschland ins Exil.

Auch katalanische Flaggen sind zu sehen. Und schaut man genau hin, so findet das Auge an fast jeder Ecke mehr oder weniger sichtbare Zeichen des Protestes in Form von Flaggen, Graffiti und politischen Plakaten.

Wir fahren zurück, wieder die sich am Abgrund über dem Meer schlängelnde Strecke entlang. Es ist spät, die Sonne geht gerade unter. An einem Parkplatz hinter Sitges halten wir noch einmal kurz an für einen Blick aufs Meer. Der Hafen von Sitges taucht ein in ein golden-nebliges Licht, ein pastell-rauchiger Streifen zieht sich über dem Horizont und eine penetrant summende Drohne, die zwei Männer neben uns fliegen lassen, schwirrt mal näher, mal weiter entfernt über unseren Köpfen herum. Recht schnell hüpfen wir wieder ins Auto und fahren weiter. Es wird kalt.

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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