London, Tag 2 – Piccadilly, Buckhingham Palast, Westminster und Big Ben

Kategorien Europa, Großbritannien

Ja, morgens um sechs aufzustehen ist meine Sache nicht. Vor allem im Urlaub nicht. Doch das sieht meine Freundin naturgemäß anders, denn das schicke, marokkanische Restaurant hatte sie zu ihrem Stammlokal erkoren. Es ist auch tatsächlich nett und lecker, wie man in meinem ersten Bericht nachlesen kann, und das Schöne dabei ist das große Angebot. So bekommt der Kunde sowohl mit dem islamischen Glauben kompatible Halal-Speisen als auch vulgären Speck, je nach Geschmack und Belieben, und eine Alkohol-Ausschanklizenz gibt es auch. Nicht, dass es für unseren Trip relevant wäre, doch ich wollte es mal erwähnt haben. 🙂

Blöd nur, dass ich nicht frühstücke. Und wenn, dann nicht viel und schon gar nicht zu der Uhrzeit. Und im Leben würde ich mich um sechs aus dem Bett quälen – für mein Frühstück. Oder gar den Wecker danach stellen. Besagter Wecker klingelt auch am ersten oder zweiten Morgen mehrmals hintereinander (für mich waren es fünfmal, für meine Freundin drei – hier scheiden sich die Geister). Jedenfalls war ich kurz davor, das Gerät aus dem Fenster zu werfen. Und die  Besitzerin gleich mit dazu…

Das Thema Frühstück war, denke ich, für Janine schon mal eine erste Umstellung, denn sie musste da alleine hin. Und ich sank zufrieden wieder in meine warmen Kissen zurück. Ach, ist es schön noch ein bisschen schlafen zu können.

London, früh am Morgen.

Menschen ergießen sich aus – und in die U-Bahnen, Männer in blauen Overalls reinigen die Straßen. Menschen fluten die Kreuzungen, ungeachtet der Grünphasen der Ampeln. Ein Obdachloser, der vor uns her läuft, lässt uns passieren. „Bitteschön.“ Sogar die Obdachlosen hier sind höfliche Menschen, wundert sich Janine.

Diesmal marschieren wir ohne Unterbrechungen los und kommen einige Zeit danach zum Piccadilly Circus, dem berühmten Eck in London, an dem ich nichts besonderes entdecken kann – außer der übergroßen Leuchtreklame, die man von den meisten Bildern kennt und auf der ununterbrochen Coca-Cola Werbung flimmert. Die Straße führt in einer langgezogenen Kurve auf den Piccadilly Platz zu und um uns herum türmen sich weiße, steinernde Häuser. Laden an Laden locken mit lauter Musik und Konditoreien mit bunten, leckeren Törtchen. Ja, in London kann man überhaupt nicht verhungern, denn immer wieder treffen wir auf ein neues Lokal, von dem wir sagen: ja… dieses wollen wir unbedingt noch ausprobieren.

An vielen Schaufenstern bleiben wir stehen. Es gibt noch so viel Leckeres zu probieren…

Die Menschen sind unglaublich schick. Gut angezogen schaue ich sie mir gerne an, Männlein als auch Weiblein. Und sie sind in Eile – der Londoner hat einen schnellen Schritt drauf und ein Handy am Ohr. Willst du aussehen wie sie, dann schau dir das ab. Wer schlendert, das sind die Touristen.

Rote Busse fahren an uns vorbei, schwarze und bunte Taxis und immer wieder passieren wir die typischen, roten Telefonzellen.
„Weißt du noch, wie wir gestern noch mit der Kamera hinter den roten Bussen her waren? Man sieht die ja an jeder Ecke!“ Sie nickt.

Ein Doppeldeckerbus. Hier nähern wir uns dem Piccadilly Circus.

An der Piccadilly U-Bahn Station kontaktiere ich meine Maps-Karte, während Janine im nächstgelegenem Souvenirshop verschwindet. Als sie wieder zurück kommt, weiß ich, wo es lang geht. Wir wenden uns nach Südwesten, zum Waterloo-Platz.

Hier ist es ruhiger, die berufstätigen sind schon in ihren Büros und die Touristen um die Zeit noch nicht unterwegs. Hier und da ist ein Business-Mann zu sehen, der mit seiner Aktentasche vor uns her läuft und dabei in sein Handy spricht. Die Sonne blendet meine Augen; das Wetter ist sagenhaft schön. Heute Morgen, als ich aus dem Fenster sah, war der Himmel voller Wolken, doch das scheint hier auf der Insel nichts zu bedeuten. Mit Bedauern denke ich an meine Sonnenbrille, die schön brav auf dem Hotelzimmer liegt. Wenn du in London bist, egal wie trüb das Wetter ist – nimm eine Sonnenbrille mit. Im Ernst: nimm sie mit.

Am Waterloo-Place

An einer Treppe gegenüber vom St. James Park treffen wir auf eine versammelte Reisegruppe, die erste am heutigen Tag. Meine Freundin ist aufgeregt; schnatternd kommentiert sie alles, was sie sieht und kreist um mich wie ein kleiner Mond um seinen Orbit. Ich lächle. Ich bin das nicht gewohnt, aber ich gewöhne mich schon noch daran.

In St. James Park treffen wir auf Eichhörnchen: auf diese kleinen, grauen, süßen, die ihre rostbraunen Vorgänger aus dem Ökosystem verdrängt und nun keine scheu haben, aus ihrer Niedlichkeit Profit zu schlagen. Ohne zu zögern wären sie bereit, Janine aus der Hand zu fressen – wenn sie denn etwas Eichhörnchen-adäquates dabei gehabt hätte. „Sind die süüüß!“ Meine Freundin ist völlig aus dem Häuschen.

Die grauen Eichhörnchen schauen nach Fresschen… 🙂

In der Ferne schimmert ein kleiner See – Enten, Schwäne und Pelikane schwimmen auf dem Wasser, Menschen laufen vorbei oder sitzen auf den vielen Bänken. Meine Freundin hat sich ein Foto mit den Eichhörnchen in den Kopf gesetzt. „Ich will sie füttern!“ Minuten später stehen wir vor einem Schild. „Please dont feed the animals.“

Gerne würde ich mir für eine Stunde eine der Liegen gönnen, die hier für einen lächerlich geringen Preis vermietet werden (nur 2,8 Pfund; meine heiße Schokolade ein paar Tage später wird an die vier Pfund gekostet haben…), doch meine Freundin möchte weiter. Also raufe ich mich auf und auch sie muss sich schweren Herzens von den Eichhörnchen trennen. Wir laufen auf den Buckingham Palast zu.

Hier werden die Menschen immer mehr. Um den Zaun des Schlosses drängen sich Menschentrauben mit ihren Smartphones und Selfiesticks und filmen in den Hof hinein, wo die Wachen in ihren roten Uniformen und ihren hohen, schwarzen Puschelmützen stehen. Janine reißt sich los und reserviert uns mit der Schnelligkeit eines Sprinters eine freie Lücke. Die Wachen im Innenhof stehen unbeweglich da, doch irgendwann beginnen sie zu marschieren. Hin und her, hin und her, einige Male, nur um dann wieder unbeweglich stehen zu bleiben. Dafür läuft jetzt ein bewaffneter Polizist auf und ab und behält die Massen im Auge. Ich bewundere die Disziplin und bin sicher nicht die Einzige, die sich fragt, wie man es wohl mit der warmen Mütze aushält. Die Sonne knallt ganz schön herunter; es ist ein warmer Tag.

Diszipliniert, ja, das müssen sie sein, denn die königliche Garde ist kein reines Zierwerk, es sind exzellent ausgebildete Soldaten.

Die Garde der Queen

Zurück geht es wieder durch den St. James Park, denn meine Freundin möchte unbedingt zum Big Ben. Also bleibe ich immer mal wieder stehen und prüfe den Weg. „Wo ist eigentlich dein Stadtplan?“ Frage ich sie, denn ich weiß wohl, dass der Plan das erste war, was sie sich am Flughafen gekauft hat.

„Der Plan? Im Hotel.“ Sie versucht zumindest, zerknirscht auszusehen, doch ändert es nichts an der Tatsache, dass die Sucherei und die Orientierung wieder einmal bei mir bleibt. Und irgendwann, als wir uns auf eine Bank setzen, bin ich müde und mag nicht mehr weiter. Es ist früher Nachmittag und schon seit heute Morgen sind wir nur am Laufen. Ich setze keinen Fuß mehr vor den anderen. Nie wieder. Kasia streikt.

Und Janine redet mir gut zu. Irgendwann erwähnt sie Essen – in der touristischen Gegend um Big Ben wird es bestimmt etwas zum Snacken geben, und dieser Gedanke bringt mich wieder auf die Beine.

„Sag mal, ist das etwa der Big Ben?“ Fragt mich Janine und mir schwankt nichts Gutes. Wir nähern uns dem Westminster Palast und die gesamte Front inklusive Turm ist von Baugerüsten und Planen umgeben. „Also, wenn das der Big Ben ist, dann werfe ich mich auf den Boden und schreie!“ Sagt sie. Trotz allem muss ich grinsen, denn das würde ich gerne sehen. Ich sage nichts. Es ist der Big Ben.

Die nächste Zeit rede ich meiner Freundin gut zu, während ich ein nicht wirklich leckeres Softeis esse (wir haben eine wirklich gute Eisdiele in Mannheim-Niederfeld, bei uns um die Ecke; daneben verblasst alles…). Laut einem Aushang wird der Turm bis ca. 2021 restauriert. Für Janine, deren erklärtes Ziel ein Foto vom Big Ben in London war, kommt das einer mittleren Katastrophe gleich. Wir schießen aus Trotz ein paar Bilder.

Wir haben kein Glück. Der Big Ben Tower ist von einem „Kleidchen“ aus Planen und Gerüsten verhüllt.

Doch sie hat noch einen anderen London-Wunsch, und der soll ihr schon bald erfüllt werden.

An der Westseite vom Westminster Palast hat sich eine Demonstration versammelt. Schon von weitem sind die Fahnen zu sehen und die lauten Rufe zu hören; es geht gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU. Viele Demonstranten sind es nicht, doch sind sie umso engagierter, leidenschaftlich halten sie Plakate in die Höhe. Ich wüsste gerne, was der Großteil der Bevölkerung darüber denkt und mir ist klar, dass die Demo zu spät kommt. Um einiges zu spät.

Die Demonstration wird von Polizeikräften gesichert und auch der Eingang zum Westminster Palast wird bewacht von der Metropolitan Police, einer eigenen, städtischen Polizeieinheit in London. Janine will unbedingt ein Bild mit dem „Bully“, und auch er bekommt ziemlich schnell mit, weshalb wir unschlüssig um ihn herum scharwenzeln.

„Wollt ihr ein Foto machen?“ Fragt er uns. „Dann aber schnell, sonst wollen gleich alle ein Foto.“ Meine Freundin ist auf Wolke sieben.

„Ist Big Ben jetzt entschädigt?“ Frage ich sie.
„Fast.“

Ein Foto mit der Polizei

Die Abtei von Westminster beeindruckt mich sehr – zumindest was ihre äußere Erscheinung betrifft. Ihre markante Front kennt jeder, doch nähern wir uns nun von der westlichen Seite. Allein die Spitzbögen, die nach oben streben, zierlich, elegant, leicht. Die hohen Fenster, durch die sich Licht bricht. Die ganze äußere Fassade scheint dem Himmel nah sein zu wollen. Immer wieder entdecke ich neue Details zum Fotografieren. Ich weiß nicht, wie oft ich die Kathedrale schon im Kasten habe, doch noch eine Aufnahme mehr geht immer.

Hier werden, wie jeder weiß, Könige gekrönt, hier werden sie auch beigesetzt; das gibt dem Bauwerk etwas Legendäres. Hier heirateten William und Kate.

Ein Dudelsackspieler im Kilt steht an einer Kreuzung und stimmt sein Instrument. Als wir vor der Kirchenfront stehen, hatte sich bereits eine kleine Warteschlange gebildet. Janine möchte unbedingt rein, doch da das Fotografieren nicht erlaubt ist bei einem Eintrittspreis von über 20 Pfund, verzichte ich dankend und lasse mich neben unzähligen Bäumen nieder. Ein Pfarrer im roten Gewand steht da und lässt die Besucher hinein; meine Freundin lässt mir all ihre Bagage da und mischt sich schnell zwischen die anderen Besucher. Bald ist sie nicht mehr zu sehen.

Ich sitze in der Sonne und warte. Ein Geiger hatte sich am Straßenrand aufgestellt und macht sich bereit. Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut, ein bisschen alleine herumzulaufen, doch nun bin ich mit einem schweren Mantel und zwei oder drei zusätzlichen Taschen an meinen Sitz gefesselt. Ach warum habe ich bloß nicht protestiert, warum nur. Der Geiger beginnt mit seinem Spiel. Die schiefen Klänge bohren sich schon nach kurzer Zeit durch meine Schädeldecke. Sehnsüchtig schaue ich hinter mich, über den Westminster Platz. Die Geige nervt mich immer mehr.

Irgendwann, nach circa einer Stunde, halte ich es nicht mehr aus; ich stehe auf, packe Janines Sachen weitestgehend zusammen und laufe los. Zumindest ein bisschen die Straße entlang, hier ein Foto, da ein Blick. Nach bereits fünf Minuten sehe ich sie von weitem mit ihrem flammend rotem Haar unruhig nach mir suchen.

Am Abend gehen wir Shisha rauchen. Die kleine Bar bei uns um die Ecke bietet ausschließlich E-Shisha an, die man für einen Zeitraum von einer halben bis hin zu zwei Stunden mieten kann. Sie dampft stärker als normale Shisha, können dafür aber in Innenräumen geraucht werden – fast in ganz London wird diese Art von Shisha angeboten. Die Geschmacksrichtung ergibt sich aus einem Liquid-Einsatz, der auf Wunsch nach Belieben gewechselt werden kann. Vorteil gegenüber normaler Shisha? Mag sein, und im ersten Moment schmeckt sie auch intensiver. Doch ich persönlich kann den Liquids nichts abgewinnen, weder bei E-Zigaretten noch bei Wasserpfeifen.

Die Elektro-Shisha ist erstaunlich häufig in London zu finden.

Wir sitzen draußen vor dem Cafe und rauchen, beobachten die Leute um uns herum. Manche Londoner kommen jetzt erst von der Arbeit nach Hause; es ist kurz vor 22 Uhr. Anzug und Aktentasche betonen noch die Müdigkeit, und trotzdem werden noch auf dem Heimweg Mails gecheckt oder telefoniert. Die Arbeitswelt hier ist vermutlich erbarmungslos und die hohe Anzahl derer, die den Kampf verloren haben, die ohne eine Bleibe ein Wägelchen hinter sich ziehen, jagt mir ein kaltes Gefühl von Existenzangst ums Herz. In Deutschland fällt man nicht ins Bodenlose. Nicht sofort. Hier scheinbar schon. Es gibt Gewinner und Verlierer, dazwischen sehe ich wenig. Und ich kann mir vorstellen, dass die Gewinner des Systems ihren Sieg in der Arbeitswelt hart erkämpfen müssen, auf Kosten von privater Zeit, vermutlich auch Familie und Gesundheit. Glücklich, wer ein Job hat. Ansonsten – die Straße winkt.

Nach einer Stunde schaltet sich der voreingestellte Einsatz selbständig ab – die Shisha ist aus. Wir machen uns auf ins Hotel, denn morgen werde ich früh wach sein – wenn meine Freundin wieder frühstücken geht.

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Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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