Jordanien, Tag 5 – Die Felsenstadt Petra

Jordanien, Tag 5 – Die Felsenstadt Petra

Wir gehen weiter, den Blick einzig auf das Wunder vor uns gerichtet. „So oft habe ich von diesem Ort geträumt.“ Sagt Fran. Auf dem vollen Platz vor dem Schatzhaus tummeln sich Touristen, Esel- und Kameltreiber, Guides, die Führungen anbieten und fliegende Händler, die von Besucher zu Besucher wandern und Armbänder, Ohrringe, Halskettchen, kleine Elefanten und allerlei Schnickschnack anbieten.

Als der Abend irgendwann ganz spät endet, bringt mich Djamal* die paar Meter vor die Tür meines Zimmers. Ungern will ich alleine laufen und möchte auch nicht, dass mich irgend jemand stolpern sieht. Schon lange war ich nicht mehr so angesäuselt wie hier, mitten in der Wüste im traditionellen, muslimischen Jordanien.

„Schließ das Zimmer von innen ab.“ Sagt er mir noch, ehe er geht. Gehorsam drehe ich den Schlüssel im Schloss.

Der Raum ist der Wahnsinn, groß und komfortabel; das nehme ich am Rande noch wahr, ehe ich mich aufs Bett lege und sofort in einen tiefen Schlaf falle.

Ein Klopfen an der Tür weckt mich auf; ich springe sofort auf die Beine. Die Nacht war sehr kurz – draußen scheint schon hell die Sonne. Es ist acht.

Man, bin ich erledigt.

Als ich ein paar Minuten später verkatert und mit gepackter Tasche draußen bin, warten Djamal* und Fran schon auf mich. Es war schon Zeit und man hatte beschlossen, mich zu wecken, wandern sind beide an diesem Morgen nicht gewesen. Djamal* ist dabei fit wie immer, was man von mir nicht behaupten kann. Wortkarg und mit einem flauen Gefühl im Magen versuche ich, den Anblick von Dana im Morgenlicht zu genießen.

Wir verlassen Dana Village und fahren durch Berge und gerade erst erwachende Städte. Und auch wenn ich im Auto die Gelegenheit gehabt hätte, noch ein wenig zu schlafen, tue ich es nicht; ich bin nicht hier, um irgend etwas von all dem um mich herum zu verpassen. Milchig hängt die Sonne am Himmel. Schleierhaft breitet sich die Landschaft aus. Immer wieder kommen wir an Orten vorbei, in denen noch kaum jemand wach zu sein scheint.

In einem dieser Orte hält Djamal* an und verschwindet im nahe gelegenem Cafe, um mit frischem Tee und warmen Brotfladen zurück zu kommen. „Das Brot hier ist das beste im Umkreis. Selbstgemacht.“ Sagt er und tatsächlich: die runden Fladen unterscheiden sich von dem, was wir in Amman kaufen konnten. Nach ein paar Happen fühle ich mich besser

Immer häufiger passieren wir Schilder, die auf die Felsenstadt hinweisen.

Dann sind wir in Wadi Musa.

Wadi Musa bezeichnete ursprünglich die Region, die die Felsenstadt Petra umgibt. Petra liegt in einer Senke zwischen dem Toten Meer und Aquaba, doch Wadi Musa bezeichnet längst nicht mehr das Gebiet, sondern auch den Ort, der an die Felsenstadt anliegt und Ausgangspunkt für Tagestouren ist. Auch die Mosesquelle in Wadi Musa ist ein Touristenmagnet – die Nabatäer Wasser leiteten das Wasser der Quelle bis nach Petra um, um ihren Bedarf zu decken.

Djamal* hat heute seinen freien Tag; er gibt uns noch den Rat mit auf den Weg, dass wir uns in Petra besser nicht aufteilen sollen, dann marschieren wir los. Fürsorglich wie er ist, packt uns Djamal* noch eine Menge Essen und zwei Flaschen Wasser in unsere Taschen und verspricht, nachmittags um vier wieder auf uns zu warten.

Am Ticketschalter sind noch ganz wenige Besucher zu sehen, so dass wir nicht warten müssen. Achtung, der Ticketschalter bei Petra sollte nicht mit dem Einlass verwechselt werden, denn am Einlass zum Gelände werden die Eintrittskarten nur noch kontrolliert. Eine Tageskarte kostet um die 53 JD.

Wir sind nicht ganz so früh da wie ich mir erhofft hatte. Langsam laufen wir den sandigen Weg entlang, auf dem sich mit uns noch viele weitere Besucher tummeln. Am Rande des breiten Weges warten Eselführer auf Kundschaft und ab und zu sehen wir einen der Touristen auf einem Esel- oder Kamelrücken in Richtung Sik-Passage schaukeln. „Donkey?“ Rufen uns die Jungs zu. „Es ist weit bis Petra und ihr werdet noch in Petra viel laufen!“

Immer mal wieder wird uns ein Ritt angeboten: wir können Pferde reiten, Kamele reiten, Esel reiten… oder auch nix reiten, denken wir uns und gehen weiter, schließlich muss man die trägen Knochen auch mal bewegen nach dem tagelangen Sitzen im Auto. Als ich die mit Fransen geschmückten Kamele sehe, zögere ich kurz. Die Idee wäre ja ganz nett, da ich aber keine große Lust auf das lange Preis Verhandeln habe…

Belustigt betrachte ich die Touristen auf des Esels Rücken. Dann erreichen wir den Sik. Sofort türmen hohe, rote Felsen über uns auf, und der blaue Spalt über unseren Köpfen wird immer enger. Hier ist es angenehm kühl, jedoch auch etwas voller, da sich die Menschen nicht mehr so sehr in der Landschaft verteilen. Das Echo trägt unsere Stimmen die Felswand hinauf und ich ermahne uns beide dazu, nicht  zu rennen und sich nicht allzu sehr zu beeilen. „Es ist dieser Moment,“ sage ich zu Fran, „dieser einzigartiger Moment, wenn zwischen den Felsen das erste Gebäude der Felsenstadt auftaucht: das Schatzhaus.“ Das ist für viele Menschen das eigentliche Petra, weil sie dieses erste Gebäude aus all den Bildern und Berichten kennen. Und diesen Moment gilt es nicht zu verpassen. Wir verlangsamen unsere Schritte ein wenig, ehe uns die Ungeduld wieder vorwärts drängt.

Die Felsen um uns herum sind auf eine seltsame Art und Weise geschliffen, ob von der Natur oder von Menschenhand, das ist auf den ersten Blick schwer zu sagen, da auch die Natur schon die seltsamsten Formationen hervorgebracht hatte. So wirken einige wie Gesichter, die sich wiederholen, andere sehen einfach aus wie geschliffene Kunstwerke, dann wieder wie Elefanten. Wie schon im Mujib Canyon, so sind auch hier die Farben wie ein einziger Kaleidoskop aus roten, gelben, weißen und braunen Streifen.

Am Wegesrand entlang verläuft eine in den Fels gehauene Rinne, die das Wasser damals in die Stadt geleitet hat. „Stell dir vor.“ Sage ich zu Fran. „Welche Ehrfurcht das ausgelöst haben musste bei den Besuchern, die ihrerzeit diesen Weg entlang in die Stadt kamen.“

Irgendwann schubst mich Fran an. „Da, das ist es!“ Sie zeigt nach vorne. So viel dazu, den Moment nicht zu verpassen; zwischen den Felsen tauchen die ersten Umrisse des Schatzhauses auf. Wir bleiben stehen.

Doch der Zauber des Augenblickes will sich irgendwie nicht so recht einstellen, zumindest nicht bei mir, denn immer mal wieder steht jemand vor mir oder läuft vorbei; kurz nach neun ist einfach eine doofe Zeit, eine Zeit, in der alle einigermaßen ausgeschlafen sich auf den Weg in die Felsenstadt machen. Und wer mitten im Weg steht, der lebt gefährlich, denn immer wieder werden in einem leichten Trab Esel oder, majestätisch schreitend, die Kamele hindurch getrieben. Und dann heißt es: Vooorsiiicht, weiche, Tourist! Nur um im nächsten Moment verschmitzt gefragt zu werden: „Donkey? Kamel? Was immer ihr wollt…“

„Einen Helikopter!“ Sagt irgendwann Fran und lacht, doch sie sagt es dermaßen charmant, dass der Junge mit ihr zu lachen beginnt.

Wir gehen weiter, den Blick einzig auf das Wunder vor uns gerichtet. „So oft habe ich von diesem Ort geträumt.“ Sagt Fran. Auf dem vollen Platz vor dem Schatzhaus tummeln sich Touristen, Esel- und Kameltreiber, Guides, die Führungen anbieten und fliegende Händler, die von Besucher zu Besucher wandern und Armbänder, Ohrringe, Halskettchen, kleine Elefanten und allerlei Schnickschnack anbieten. Wir suchen uns einen einigermaßen ruhigen Sitzplatz auf einer steinernen Bank am Rande des Platzes und versuchen, den Trubel um uns herum auszublenden, uns nur auf das Wichtigste zu konzentrieren, das, weshalb wir hier sind.

Der Mythos der verschollenen Felsenstadt, die „halb so alt ist wie die Zeit.“ Lange Zeit nach den Nabatäern einzig von Beduinen bewohnt, schließlich 1812 von einem Schweizer wiederentdeckt. Petras Anfänge reichen bis 9000 Jahre v. Chr., damit ist sie eine der ältesten Siedlungen der Menschheit. Zwei Erdbeben hatte sie überstanden, Indiana Jones und der letzte Kreuzzug wurde hier gedreht. Und nicht zuletzt – eines der sieben Weltwunder der Neuzeit.

Ich betrachte die mächtigen Säulen vor uns und frage mich, wie es wohl damals war, wie man es schaffte, so perfekte Formen in den reinen Fels hinein zu hauen. „Stell dir vor.“ Sage ich. „Ein Fehler lässt sich kaum mehr korrigieren. Hier muss von Anfang an alles stimmen.“

Manche Besucher kommen an, machen ihre Bilder und laufen wieder weiter. Wie die elegante, blonde Frau, die in einem weißen Hut und in ihren gut frisierten, halblangen Locken wie ein Filmstar der Zwanziger Jahre auf ihrem Kamel sitzt und für Bilder posiert. Sie muss Bloggerin sein, oder Instagramerin, denke ich mir. „Hast du gesehen?“ Sagt Fran. „Sie hat kein einziges Mal wirklich hingeschaut, sie hat sich nicht mal umgedreht!“ Dann wollen wir es besser machen, oder? 😉

Doch komme ich trotzdem nicht umhin, das Geschehen um mich herum zu beobachten, mir die Taktik der Guides, die um Touristen werben, zu verinnerlichen und ab und zu mal schmunzelnd die Kniffe der Händler zur Kenntnis zu nehmen. So kosten die metallenen Armbändchen grundsätzlich immer mehr, je stärker das Interesse der potentiellen Käufer zu sein scheint. Von acht Dinar bis hin zu „drei für einen“ für ein und dieselbe Ware ist hier normal und man tut gut daran, solche Verkaufsgespräche erst einmal zu beobachten. Bei der acht-Dinar Kundin schupse ich Fran kurz an. „Niemals den ersten Preis nehmen!“ Doch eigentlich wollen wir keinen Schmuck kaufen.

Während wir noch vor dem Schatzhaus standen und vergebens versuchten, all die Händler und potentiellen Guides abzuwehren, sind wir, ohne es zu ahnen, längst in die Kartei derer, die hier Handel treiben, aufgenommen worden. Die Guides gehören hier zusammen und die übliche Taktik ist es, dass es immer mal wieder jemand anderes versucht, bis die potentiellen Kunden irgendwann einknicken. Selten hat bereits der erste Versuch Erfolg, deshalb werden hier häufig die jüngeren, nicht so erfahrenen vorgeschickt, damit sie lernen, wie man am besten an Touristen herangeht. Schafft es der kleine Neffe nicht, dann vielleicht der ältere Kusin, und wenn der es nicht schafft, dann jemand drittes oder viertes. Es sind Clans, die hier zugange sind; das Geld bleibt ja in der Familie, doch die Jungs machen sich auch einen Heidenspass daraus, sich gegenseitig zu battlen.

Mit einem von ihnen kommen wir ins Gespräch und das aus dem einfachen Grund: weil er mehr Respekt zeigt als die anderen. „Tut mir leid, dass ich eure Zeit gestohlen habe.“ Sagt er. „Ich weiß, für euch ist es hier etwas Besonderes und ihr wollt Petra genießen, tja, und für uns ist das hier unsere Arbeit und deshalb müssen wir die Menschen dabei stören.“ Na schau an – Fran und ich blicken uns amüsiert an. Die Jungs hier wissen also ganz genau, wie so ein Tourist tickt. Und diese paar Worte haben gereicht.

„Es wirkt, als wärt ihr Freunde.“ Sage ich mit Blick auf den anderen Mann, der bis eben bei uns stand und uns beschwor, uns ja nicht vom ersteren herumführen zu lassen. Ersterer lacht nur. „Ja. Er ist mein Kusin.“ Dann will er uns um die Ecke bringen.

„Um die Ecke“ bedeutet in dem Falle tatsächlich um die Ecke, oder besser gesagt auf einen Felsenvorsprung, von dem aus man besonders gelungene Aufnahmen machen kann von sich selbst mit dem Schatzhaus im Hintergrund. Es sind Aufnahmen, wie man sie recht häufig in ein- und derselben Variante in Blogs und auf Instagram sieht – der Besucher/die Besucherin sitzt auf dem Felsen und schaut verträumt zu der Felsenstadt hinunter. Das Foto wirkt durch den Aufnahmewinkel so, als sei man ganz alleine hier, es ist dasselbe Bild, welches ich momentan auf meinem Facebook-Account habe.

Und da die berühmte „Ecke“ kein Geheimtipp mehr ist, stehen auch hier bereits die Besucher Schlange, um sich vor der Kulisse ablichten zu lassen.

Fran hatte sich in einem der Shops am Eingang zur Petra ein weißes Tuch gekauft. Während wir warten, hilft Tarek, denn so heißt der junge Guide, Fran, ihr, aus dem Tuch einen Turban zu wickeln. Er selbst trägt die Haare lang unter seinem schwarzen Tuch und seine Augen wirken, als hätte er sie mit etwas schwarzem betont. Zugegeben, schlecht sieht er nicht aus, im Gegenteil: schöne Männer, „Beduinen“ (ob echte oder nicht) mit geheimnisvollen, grünen Augen gibt es viele in Jordanien. Doch warum konzentriere ich mich so auf diesen Menschen?

Ganz einfach: weil er später noch eine Rolle für unseren Aufenthalt spielen wird. Doch nun muss es weiter gehen, denn weit sind wir, seit wir den Eingang betreten hatten, nicht gekommen. Immer noch sitzen wir vor dem Schatzhaus, nur um uns herum hat sich etwas verändert: es ist fast leer geworden. All die Besucher sind zum großen Teil verschwunden, haben sich in der Landschaft verteilt. Nur noch ein paar Touristen sind auf dem Platz zu sehen und ein paar der reich geschmückten, touristischen Kamele liegen in der Mitte des Platzes herum.

Das „um die Ecke“ bringen war gratis, doch nun nutzt Tarek seine Chance und will sein Geschäft abschließen: er will uns einen Ort zeigen, wo das Schatzhaus von ganz oben von einem Felsen aus sehen kann. Den Ort würden wir alleine nicht finden oder es sei zu gefährlich, hoch oben in den Felsen gelegen, aber er würde ihn uns zeigen – für einen ordentlichen Obolus natürlich. Eine junge Frau mischt sich in das Gespräch ein: „Ja, das stimmt, es ist wirklich ein schöner Ort, gleich da oben, da könnt ihr auch alleine hingehen.“ Tarek lächelt dünn. „Ich danke dir für deine Hilfe.“ Sagt er zu ihr.

Ich bin hin und her gerissen und auch Fran weiß nicht, was sie machen soll. Für die kurze Tour will Tarek dreißig Dinar haben, was natürlich astronomisch hoch angesetzt ist. Seine Anfrage konzentriert sich in erster Linie auf Fran, da ich mich von vorne herein gleichgültig gebe. Eines weiß ich: dreißig Dinar sind zu teuer, doch Lust auf Verhandlungen habe ich keine. „Mach wie du denkst.“ Sage ich zu Fran und überlasse ihr damit das Handeln. Ich selbst setze mich nebenan auf einen Felsen und schaue den beiden zu.

Ist sie clever, so wird sie jetzt einen Preis nennen, der weit unter dem liegt, was Tarek haben will. Sie sagt: zehn Dinar für uns beide. Kluges Mädchen; Tarek lacht. Nach einigen preislichen Annäherungen und einigem Hin und Her bleiben die Verhandlungen bei fünfzehn Dinar für uns beide; Fran dreht sich zu mir um.

„Auf gehts!“ Sage ich und klopfe mir den Sand von den Hosen.

Tarek führt uns vom Platz weg. Wir klettern über eine Absperrung und steigen einen schmalen, felsigen Pfad hinauf. Der Weg war schweißtreibend, da die Sonne inzwischen recht hoch am Himmel steht. Teilweise verläuft der Pfad, den man kaum als solchen bezeichnen kann, über große Steine, teilweise müssen wir uns unseren Weg stückchenweise erklettern. Doch Klettern liegt mir und so komme ich fast ohne Hilfe aus.

Ein Pärchen kommt uns entgegen. „Wo ist euer Guide?“ Fragt Tarek sofort. Die Guides sind bedacht, ihre geheimen Plätze auch geheim zu halten, das wäre auch noch schöner, würde jeder Tourist auf eigene Faust anfangen, hier hinauf zu klettern. Und als wir die Absperrung passierten, die den Platz von den Bergen trennt, war mir eh klar, dass die Sache hier eher einen halb-legalen Charakter hat.

Glücklicherweise hatte sich mein Kater größtenteils verabschiedet, nur ein dumpfes Gefühl in meiner Schädeldecke ist geblieben, welches ich aber ganz gut ignorieren kann. Tarek springt indessen wie eine Bergziege von Felsen zu Felsen und ist auch immer da, wenn es schwierige Passagen zu bewältigen gibt.

Oben angekommen wartet ein schattiges Zelt auf uns. Ich hatte einfach nur mit einem Felsvorsprung gerechnet, doch es ist ein richtig schöner, kleiner Zufluchtsort am Rande der Felskante, wo Kaffee, Tee und gekühlte Getränke angeboten werden, je 1 Dinar pro Getränk. Auch einige andere Besucher sind hier.

Von der Felskante aus liegen ausgebreitet wie auf der Handfläche die Tore des Schatzhauses und der Platz, an dem wir eben saßen. Vor uns flattert in grün-roten Farben die jordanische Flagge. Vorsichtig klettere ich ein Stückchen herunter. „Sei vorsichtig!“ Ruft mir jemand zu.

An der Kante liegt ein kleiner Teppich, auf dem ein Besucher nach dem anderen Platz einnimmt, um für tolle Aufnahmen zu sorgen. Die Jungs klettern auf die Stangen des Zeltes, um bessere Bilder von ihren Schützlingen machen zu können. Mit entschlossener Stimme scheucht Tarek die anderen Besucher auf, damit Fran und ich nicht allzu lange auf unser Foto warten müssen. „Auf, auf, macht schon, andere Leute warten auch noch!“ Vermutlich ist manch ein Besucher erstaunt ob des schroffen Verhaltens. Im Hintergrund höre ich eine Besucherin diskutieren: Warum müsse sie hier ein Getränk für einen Dinar kaufen, sie habe doch schon für den Weg hierher bezahlt?

Ja, das Pappschild gleich am Eingang zum Zelt ist auch in meinen Augen ein starkes Stück. Bitte kaufen Sie ein Getränk (Kaffee, Tee, gekühlte Getränke 1 JD) oder bezahlen Sie 1 JD für den Ausblick. Uns nötigt glücklicherweise niemand weder zum einem noch zum anderen.

Und während Fran noch am Felsvorsprung sitzt und sich mit Tarek unterhält, bleibe ich im kühlen Schatten des Zeltes sitzen. Auf der anderen Seite der hoch aufragenden Felsen hatte ich beim Hinaufsteigen weitere kleine Hütten gesehen, von denen ich glaube, dass es die (temporären) Behausungen der Menschen sind, die hier in Petra vom Handel und Tourismus leben. Über den Hütten sehe ich – ganz modern – Solaranlagen für die Stromerzeugung. Auf meine Nachfrage hin, ob die Menschen denn hier Strom hätten, bekomme ich als Antwort, nein, die Solaranlage speist die Kameras in und um die Felsenstadt.

„Wohnt ihr hier?“ Frage ich einen der Guides, der auf der anderen Seite des Zeltes sitzt. Über den Sommer ja, sagt er, da schlafen die Jungs auch hier. Das Zelt ist also keine rein touristische Einrichtung und ein bisschen fühlt es sich ja auch an, als würde man bei jemanden im Wohnzimmer sitzen.

Ich hole Fran und mir einen heißen Salbeitee.

Es gibt nichts besseres an heißen Tagen als Salbeitee, von dem ziemlich viel im orientalischen Raum getrunken wird – was jedoch weniger bekannt ist als der berühmte, sprichwörtlicher Minztee. Salbei ist eine Heilpflanze, deren Wirkung auf ätherischen Ölen basiert: so wirkt Salbei erfrischend und desinfizierend und reduziert im Sommer das Schwitzen.

Mit ihrem Teeglas setzt sich Fran zu mir. Sie hatte ihre Neugierde gestillt und den Guide mit Fragen gelöchert. Hier im Zelt sind es nun entspannende Momente, die roten Fransen der Plane wackeln im Wind. Ich wünschte, mir würde so vieles einfallen, was ich die Menschen in fernen Ländern fragen könnte, ohne mir indiskret vorzukommen, doch in der Regel beschränkt sich meine Neugier aufs Beobachten.

Tarek bringt  uns wieder den Pfad nach unten.

Den Weg hinunter kann Fran besser bewältigen als ich. Interessanterweise hatte ich das bereits an der syrischen Grenze beobachten können; alles, was abwärts ging, machte ihr keine Angst, im Gegenteil. Im Gegensatz zu mir schaffte sie es ohne weiteres, sich fallen – und auch treiben zu lassen, einen Abhang hinunter oder auch so; ganz im Vertrauen darauf, dass schon alles gut sein würde.

Unten angekommen verabschiedet sich unser Guide. Es ist schon Vormittag und der Platz fast leer geworden, wir setzen uns auf die nun verweiste Steinbank und genießen, nun ungestört und ohne Massen an Touristen und Händlern vor der Nase, den Anblick. Dann laufen wir los.

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