Ziegenmilch am Wegesrand – Die „Grüne Schule“ im ländlichen Polen

Kategorien Europa, Polen

Ja, auch so etwas kommt schon mal vor, wenn man sich nur ins Auto setzt und vom städtischen Warschau entfernt. Bewegt man sich dann weiter Richtung Nordosten, vorbei an Dörfern und kleinen Ortschaften jenseits von Gut und Böse, so fühlt man sich irgendwann wie am Ende der Welt. 

Verstärkt wird dieses Gefühl vom trüben, kalten Wetter, der anbrechenden Dämmerung, der Sonne, die sich langsam in die Wellen der Bug absinkt. Die prachtvollsten Bauten der Dörfer sind die Kirchen, doch auch sie sind bereits dem Zahn der Zeit verfallen. Nur selten huscht eine vor Kälte zusammengekullerte Gestalt einer alten Oma durch die Szenerie, denn die meisten Menschen sind bereits am frühen Abend in ihren Häusern, in der Wärme, von wo sich das Licht hinter dichten Gardinen hinaus auf die Straße ergießt und die allgegenwärtige Kälte noch zu betonen schient.

Hier ist die Kirche noch das größte Gebäude im Dorf
Doch auch an ihr nagte der Zahn der Zeit
Sonnenuntergang an der Bug

Wir kehren zurück von unserem heutigen Tagesziel, welches uns den Atem nahm und uns für eine kurze Zeit in einen Abgrund der menschlichen Natur warf, vor unseren Augen sehen wir nur Steine, aus diesen Steinen ergibt sich ein Meer, ein Meer deshalb, weil sie gar nicht mehr aufhören. Und dabei steht jeder dieser Steine, dieser stillen, aufgerichteten Monumente, für je einen Ort, aus dem deportiert worden ist. Nein, ein Stein steht nicht für je einen Menschen, denn dann wäre es kein Meer, sondern ein Ozean. Wir besuchten das KZ in Treblinka.

Steine – es sind mehr und mehr und sie klagen an. Selbst der Baum scheint vor ihnen zurück weichen zu wollen…

Nun lösen sich langsam die trüben Gedanken. Auch dafür muss mal Zeit sein: Zeit, um loszulassen. Die Einsamkeit der winterlichen, schneelosen Dörfer hat eine gewisse Schönheit in ihrer Trostlosigkeit. Das Fehlen jeglicher Blumen, die Abwesenheit von Farben lässt das Wenige, was die Natur zu bieten hat, umso stärker erstrahlen. Und im Moment ist es die feuerrote Sonnenkugel, die sich wie eine Primadonna in den Spiegeln der Gewässer betrachtet und uns dazu nötigt, das Auto anzuhalten und die Kamera zu zücken.

Ab und zu sieht man auch Überraschendes in dieser tristen Welt. Zwischen laublosen Bäumen, am Rande eines kleinen Ortes das Schild, das uns weg von der Straße lockt, da es so unerwartet auftaucht, als sei es just für uns dorthin platziert worden:

„Ziegenfrischkäse – bitte folgen“

Ein hölzernes Schild, die Schrift mit Kreide (?) gemalt. Wir wenden das Auto und begeben uns in die Felder, einen schmalen Weg entlang. An einer Weggabelung taucht das mysteriöse Schild wieder auf. Der Pfeil lotst uns nach links. Es ist beinahe wie eine Brotkrümmelspur; werden wir als Nächstes das Lebkuchenhaus erblicken?

Nun, ganz verkehrt bin ich mit dieser Vermutung nicht. Es ist zwar nicht ganz das Lebkuchenhaus, doch es reicht locker an selbiges heran, genauso alt und verschnörkelt präsentiert es sich uns. Wir stoppen an einem alten Hof, deren Häuser alle aus Holz gefertigt und über hundert Jahre alt sind. Im Hintergrund kann ich bereits die Ziegen sehen und ein alter Mann mit einem langen Bart (sind wir jetzt doch in einem Märchen gelandet oder was?) kommt uns entgegen. Es passiert wohl nicht alle Tage, dass ein deutsches Kennzeichen am Rande dieses von Gott verlassenen Ortes anhält.

Am Schild „Gminna (Kreis) Brok“ wenden wir das Auto

Stefan hält sich im Hintergrund, ich übernehme das Reden. Frischkäse, ja, davon habe er noch etwas, aber wir seien spät dran, denn die Saison sei schon fast zu ende. Er führt uns in einen vollgestellten Abstellraum, in dessen hinteren Ecke ein Kühlschrank steht, und entschuldigt sich mehrmals für die Unordnung. Der Kühlschrank bringt ein Gefäß zutage, in denen noch ein Rest Frischkäse aufgehoben ist und eine Geschmacksprobe sagt mir: lecker. Ich kaufe alles, was Sie noch haben, sage ich zum alten Mann, der sich als Herr Kolanowski vorstellt. Viel hat er nicht mehr: ich erstehe drei kleine, volle Gläser zu einem fast schon lächerlich niedrigen Preis, wenn man den Aufwand der Herstellung bedenkt.

Und nachdem mir Herr Kolanowski seinen Hausmacher-Frischkäse in die Gläser füllt, beginne ich, ihn über dieses faszinierend alte Gehöft auszufragen.

Im Gegensatz zu meiner ursprünglichen Vermutung wird dieser Hof, der tatsächlich aus den 1930er Jahren stammt, nicht (mehr) von Generation zu Generation weiter geführt; auch im ländlichen Polen haben sich die Zeiten inzwischen geändert.

Frau Zofia und Herr Jerzy Kolanowscy (hier: Mehrzahl von „Kolanowski“), von Berufswegen Pädagogen, lebten schon immer auf dem Land. Die große Stadt reizte sie noch nie und so führten sie gemeinsam einen kleinen Hof unweit von Warschau. Doch die Stadt wuchs und mehrte sich, und irgendwann, nach 26 Jahren auf dem Lande, kam die Stadt dann zu ihnen. Immer wieder schossen neue Häuser aus dem Boden und die nebenan verlaufende Schnellstraße wurde nach und nach verkehrsreicher. Da beschlossen sie, wegzugehen und suchten sich in Masowsze, weit weg vom Trubel, ein neues Heim.

Die Entscheidung machten sie sich nicht einfach. Ehe sie sich endgültig niederließen, seien sie über 8000 km mit dem Auto unterwegs gewesen. Doch es sei die beste Entscheidung, die sie hätten treffen können. Sie kauften Haus und Hof am Rande des „Weißen Urwalds“ (Puszcza Biala) und brachten ihre Ziegen hierher.

Der Verkauf von Milchprodukten ist nur ein kleiner Teil des Agrar-Bildungsprogramms, denn das Angebot richtet sich vor allem an Schüler der Grundschulen und Gymnasien, die durch den unmittelbaren Kontakt zur Natur ihr in der Theorie erlerntes Wissen prüfen und vertiefen können. Der „Grüne Unterricht“ befasst sich mit Natur, Umwelt und Landwirtschaft, er beinhaltet auch Elemente der alten Traditionen, Feste und Folklore. Sie lernen alles über die Ziegenhaltung, dürfen sie füttern und auch melken. Zur Begrüßung gibt es immer Frischkäse und Ziegenmilch zum Kosten und zum Abschluss Würstchen oder Ofenkartoffeln, unter freiem Himmel am Lagerfeuer gebraten.

Mit Frischkäse versorgt und um ein paar Erfahrungswerte reicher kutschieren wir uns nach Hause; die Gläser klimpern hinten im Kofferraum im Takt der größeren und kleineren Schlaglöcher auf der Straße. Unerwartet etwas Interessantes gefunden, denke ich mir und schaue mir die Visitenkarte an, die mir Herr Kolanowski bei der Abfahrt in die Hand drückte.

„Ziegenmilch, Joghurt, Käse“ – und einen bissigen Hund versprechen die Schilder
Das Haus aus Holz ist über hundert Jahre alt

Wenn mal jemand unseren Spuren folgen will: der Hof befindet sich ca. 100 km nordöstlich von Warschau entfernt; der Besuch lässt sich gut mit Treblinka verbinden.

Hier die genaue Adresse:

Glina 13,
07-320 Małkinia Górna
Polen

tel. +48 29 644 73 96 oder +48 510 833 733
www.agroedukacja.edu.com.pl

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