Europa, Polen

Das Przedwojenna-Bistro in Breslau – Wie in der guten, alten Zeit…

Als ich auf dem alten, hölzernen Barhocker sitze und an meiner Cola nippe, werfen sich mir zwei Fragen auf. Frage Nr. eins: ist das rohes Fleisch? Und Frage Nr. zwei: soll ich dieses rohe Fleisch wirklich essen?

Ich sehe die Fragezeichen, also von vorne.

Im Przedwojenna angekommen schaue ich mich erst einmal interessiert um. Die Einrichtung wirkt, als hätte man sie aus irgendwelchen Kellern und/oder Dachböden zusammengesucht, und das ist durchaus nicht negativ gemeint. Tatsächlich passen die alten Spiegel, Kommoden, Tische und Stühle sehr gut zum Thema der Bar, und alte, polnische Vorkriegslieder, die aus dem Lautsprecher rieseln, runden den Effekt ab. Über dem hölzernen Tresen hängen zwei gekreuzte Säbel und das Porträt des polnischen Generall Pilsudski, und unter den Deckenbalken hängen jede Menge gräulicher Spinnweben, von denen ich stark vermute, dass sie nachträglich angebracht worden sind. Die Einrichtung enthält gusseiserne Elemente wie den schwer wirkenden Kronleuchter an der Decke. Das Bistro hat oben noch eine zweite Ebene, die über eine Treppe zu erreichen ist.

Auch das Personal hinter dem Tresen (in der Bar ist Selbstbedienung angesagt) ist entsprechend altmodisch gekleidet.
Ich bleibe mit meiner Cola in der Nähe der Bar sitzen und beobachte das Treiben, denn in solchen Lokalen ist es am und um den Tresen rum oft am interessantesten. Das Mädel, eine zart wirkende Erscheinung in mädchenhaft weißer Bluse, kann auch schon lauter werden, wenn jemand sein bestelltes Essen nicht sofort abholt. Oft reicht jedoch die „Klingel“, um Gäste nach drinnen zu komplementieren, in dem Fall schlägt sie mit einem Löffel laut an einer Tasse herum, und ich falle dann jedesmal fast vom Hocker.
„Tatar! Der Tatar ist fertig!“

Der Tatar, das ist eine alte polnische Spezialität. Ich kenne das Gericht zwar vom Hörensagen, doch gegessen habe ich es noch nie; auch muss ich mich erst im Internet informieren, um was es sich hierbei genau handelt. Und, nachdem ich mich informiert habe, stellt sich mir die Frage: will – und werde – ich das essen?

Das Gericht geht, wie der Name schon vermuten lässt, auf Zeiten zurück, in denen wilde Tatarenhorden mit ihrer schieren Anzahl das Land quasi überflutet hatten. Damals hielt sich bei den Polen hartnäckig der Glaube, Tataren würden sich ausschließlich vom rohen Fleisch ernähren, was auch der Grund für ihre Wildheit und Brutalität gewesen sein soll. Tatsächlich war es so, dass Tataren für längere Reisen immer ein wenig rohes Fleisch als Proviant mit dabei hatten, welches sie unter dem Sattel platzierten. Das Fleisch, zerquetsch und mit Pferdeschweiß durchtränkt (lecker…) wurde bei Bedarf vom Pferderücken gekratzt und am Feuer gebraten. Manchmal jedoch, wenn die Gefahr zu groß war, duch den Rauch vom Feind entdeckt zu werden, verspeisten sie das Fleisch auch roh. Daher der in Polen damals weit verbreitete Irrglaube, Tataren würden ausschließlich rohes Fleisch essen.

Der traditionelle, polnische Tatar bestand früher aus Pferdefleisch, dem „Kalb für Arme“. Heutzutage kann sowohl Kalb als auch Schweinefleisch verwendet werden. Und ja, das Gehackte ist bei diesem Gericht tatsächlich auch roh. Es wird in der Regel mit (rohem) Eigelb, klein gehackten Zwiebeln, sauren Gurken und eventuell auch Pilzen serviert. Der Pole würzt das ganze dann noch mit Salz und Pfeffer, oder je nach Gusto auch mit Maggi. Auf Maggi verzichte ich.
Zu meinem Tatar bestelle ich Wodka. Den Wodka gibt es in Polen in allen möglichen Geschmacksrichtungen und gerade habe ich die Hagebutten-Variante für mich entdeckt.

Und als dann der Teller vor mir steht, mit dem roten, rohen Gehackten und dem Ei mittendrin, da frage ich mich tatsächlich: werde ich das essen? WIE SOLL DAS SCHMECKEN? Rohen Fisch kenne ich bereits (Sushi…), aber an rohes Fleisch habe ich mich noch nicht gewagt. Doch – vermischt mit dem Ei, den Zwiebel, viel Pfeffer und Salz – es schmeckt nicht schlecht. Es schmeckt sogar richtig gut! Schnell fliegen alle Bedenken über Bord und ich verputze meinen Teller. Nach einem Hagebutten-Wodka folgt ein zweiter. Danach verlasse ich fröhlich und lustig die Bar.

Hey, Zwerge suchen macht nach zwei Wodka viel mehr Spaß!
Aber, solltet ihr mal in Breslau sein, dann macht folgendes: geht in das Przedwojenna, schießt euch mit einem oder zwei Wodka ab, setzt euch an den Breslauer Ring und genießt einfach nur den kleinen Rausch, die Schönheit der Häuser um euch herum, das Treiben und die Musik, die – meistens Klavier – immer von irgendwoher zu einem dringt. Genau da sitze ich jetzt, an der Fontäne, und lasse alles an mir vorbei treiben.

Die Pferdekutsche, die davon trabbt. Die riesig großen Seifenblasen, die glänzent und quälend langsam an den wunderschönen Häusern vorbei gleiten. Bis sie platzen und nichts mehr da ist. Kinder, die die Seifenblasen fliegen lassen. Die Kinder machen die Seifenblasen selbst. Unglaublich, wie konzentriert und ruhig sie dabei sind. Vor lauter Konzentration halten sie die Zungen raus, eine Geste, die uns von unseren Eltern längst abgewöhnt worden ist. Und die Eltern haben sich drum herum aufgestellt, mit großen, schweren Kameras im Anschlag halten sie ihre lieben kleinen fest für die Ewigkeit.

Die Seifenblasen fliegen und selbst diejenigen, die nur vorbeigehen, versuchen, sie zum Platzen zu bringen. Keiner kann sich dem entziehen. Seifenblasen verzaubern.

Gegen Abend ist der Platz am schönsten. Die Sonne steht gleißend schräg zwischen den Häusern, flutet die Straßen mit ihrem Licht und Künstler und Unterhalter breiten ihre Utensilien aus. Die dichte Menschengruppe in einiger Entfernung halte ich zunächst für eine Reisegruppe, bis ich feststelle, dass es sich hierbei um eine Zirkusvorstellung handelt.

Als ich näher komme, hüpft ein Junge, nur in Unterhosen gekleidet, mit seinem Seil herum. Doch zugegeben, er weiß es wirklich, sein Publikum bei der Stange zu halten, und das nicht „einfach nur“ durch das Jonglieren oder Balancieren, nein, es sind die Dialoge und Interaktionen mit dem Publikum, die er meisterhaft beherrscht. Mühelos gelingt es ihm, zwei männliche Assistenten für seine Show zu gewinnen („Du – und du… ihr hebt jetzt beide die rechte Hand nach oben. Halten, weiter halten… Super, genau so, denn als nächstes suche ich jemanden, der mir bei der Show assistiert, also toll, dass ihr euch beide meldet!“)

An der anderen Ecke des Breslauer Rings machen ein paar weitere Künstler Break Dance, auch als Show unter Einbeziehen des Publikums. Ich schaue zu, bis der letzte Applaus erbebt, obwohl ich schon längst in Richtung Hostel laufen wollte. Aber, wenn man nichts erwartet, erlebt man die tollsten Dinge…

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kasia

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