Deutschland, Europa

Das Tübinger Rathaus und der alte Professor

Mit leuchtenden Augen betrachte ich die farbenfrohen, detailreichen Bemalungen an den Wänden. Blumen, Gestalten und allerlei Geschnörkel zieren die Fassade, zum Teil sind die Darstellungen golden umrankt und glänzen in der Sonne. Und dabei sieht jede Ecke des Gebäudes so aus, jede Wand, die gesamte Front ist großflächig verziert. Die Augen wandern mal hierhin, mal dorthin, hängen sich an Details auf. Ich strecke die Hand aus, und berühre glänzendes Papier.

Von den Tübinger Universitäten, vielleicht auch noch vom Tübinger Forschungsinstitut hat man schon mal was gehört, denn Forschung und neue Erkenntnisse sind die Gründe, weshalb Tübingen in der Fachpresse hin und wieder mal auftaucht. Zuletzt hatte die Max Planck-Universität 2014 und 2017 aufgrund von Tierversuchen an Rhesusaffen von sich reden lassen.

Doch Tübingen als Besuchsziel für Sightseeing? Da wäre ich jetzt auch nicht drauf gekommen. Schuld daran ist ein Bücherausverkauf im Frühjahr am Paradeplatz in Mannheim.

Da stand ich also und stöberte in der „reduziert“ und „Mängelexemplar“-Ecke, überflog kurz mit den Augen die Groschenromane und Kochbücher, bis ich schließlich an ausgemusterten Reise-Wälzern hängen blieb. Und da lag er, ein dicker Schinken mit schönen, bunten Bildern (jaa, Kasia braucht bunte Bilder…), irgendwas mit „Reiseziel Deutschland“ oder so.

Und zu Hause fing das Blättern dann an. Und als meine Hand die Seiten umblätterte, hielt ich bei Tübingen an. Denn das bunte Rathaus, dieses kleine, schmucke Gesamtkunstwerk aus dem Jahr 1435 hat es mir angetan und es war klar, dass ich es sehen wollte.

Schön ökologisch und mit der Umwelt im Einklang (damals hatte ich noch kein Auto) fahre ich also mit der Regionalbahn Richtung Stuttgart los. Die Bahn gondelt gemütlich vor sich hin und müht sich nach Kräften, dem Reisenden nicht zu enttäuschen, den nach der Langsamkeit des Reisens die Sehnsucht plagt. Die Landschaft ist schon so mäßig grün, denn es ist Frühjahr, Februar oder so. Auf jeden Fall kurz nach Fastnacht, denn ich kann mich noch an die bunten Girlanden und Fähnchen, die die Tübinger Altstadt schmückten und den ganzen Firlefanz, der auf dem Pflaster noch vom Wochenende herumliegt, lebhaft erinnern.

An etwas anderes kann ich mich auch noch lebhaft erinnern, nämlich an das mit Streetart gestaltete Jugendhaus, das mir in Bahnhofsnähe direkt ins Auge fällt und eines klar macht: trotz Altstadt, Fachwerk und Co. ist Tübingen eine junge Stadt. Eine sehr junge.

Der Weg in die Altstadt führt über die Neckarbrücke. Das ruhige Wasser fließt unter ihr hindurch und wirft das Bild der bunten, sonnenbeschienenen Häuserreihen zurück wie ein Spiegel. Die berühmte Neckarfront. Gelb, und grün, und blau… oben wie unten.

Es ist noch früher Vormittag und an diesem Montag kaum jemand auf den Straßen. Kurz verirre ich mich auf einem sonnigen Aussichtspunkt der Stadt, von wo man auf die umliegenden Weinberge blicken kann und wo Rentner auf den wenigen Bänken sitzen und mich misstrauisch beäugen mit der unausgesprochenen Frage in der Luft, ob ich denn noch lange gedenke, ihnen mit meiner Anwesenheit die schöne Aussicht zu verschandeln.

Das gedenke ich nicht. Denn ich will ja nicht die Weinberge sehen, sondern den Marktplatz, und das Rathaus noch dazu.

So laufe ich weiter und vertiefe mich in die engen Gässchen der Altstadt, an der Stiftskirche vorbei, und meine Schritte hallen etwas zu laut auf den glatten Pflastersteinen zwischen den Wänden der Häuser. Auf angebrachten Infotafeln lese ich Namen der Hochschulen und ihrer Fachrichtungen. In den Fugen am Boden haben sich bunte Papierschnipsel gesammelt und ein zerquetschter Bonbon ist hier und da zu sehen. Doch die Girlanden über meinem Kopf gefallen mir. Die Altstadt so geschmückt zu sehen, das hat irgendwie was.

Die Sonne steht noch schräg und schafft es, sich stellenweise zwischen den Häusern zu behaupten. Dann scheint sie so intensiv, als gäbe es kein Morgen, so hell, als würde sie für den anstehenden Frühling üben wollen. Ich erreiche den kleinen, schmucken Tübinger Marktplatz. Und auf dem kleinen Marktplatz gibt es sogar einen kleinen Markt!

Dieser wird jedoch nach und nach zusammengeräumt. Nur noch ein bisschen Obst und blaue Primeln leuchten mir in der Sonne entgegen. Ein Mann ist dabei, mit Kisten zu hantieren. Ich kneife die Augen zu, denn die Sonne scheint mir direkt ins Gesicht und lässt die schemenhaften Schatten der Menschen und Marktstände wie eine unwirkliche Szenerie erscheinen.

Hilfesuchend schaue ich mich um. Ich will mich irgendwohin setzen und ein Cappuccino wäre jetzt auch ganz in Ordnung. Doch die kleinen Tische der wenigen Cafes, die die Ränder des Marktplatzes umranken, sind allesamt besetzt.

Nur dass mich das noch nie gestört hat.

Ein paar nette Worte, eine freundliche Anfrage und ein Lächeln später sitze ich an einem der kleinen Tische neben einem netten, alten Herrn, der sich zudem noch als ein echter Glücksgriff entpuppt, denn es ist ein Uni-Professor im Ruhestand, hat sein ganzes Leben lang in Tübingen gelebt und weiß so manches über die kleine Stadt zu erzählen. So sitzen wir also da und die Zeit verfliegt beim Lauschen von Tübinger Anekdoten.

Was für Anekdoten?

Verzeih, lieber Leser, aber es ist schon so lange her… so lange, dass ich mich kaum noch an etwas von dem, was gesprochen wurde, erinnern kann, ebenso wenig wie an das Fachgebiet des Professors, obwohl ich weiß, dass dieses zur Sprache kam. Auf jeden Fall weiß ich eines noch genau; wie ich lauschte, ab und zu mit dem Kopf nickte und die angenehme Woge der Erkenntnis ein wohliges Gefühl in meinem Kopf hinterließ. Ach, hätte ich damals nur zum Stift (hier: Tastatur, man verzeihe mir die nostalgische Anwandlung…) gegriffen…

Als ich ging, lud mich der Herr schließlich zu meinem Cappuccino ein. Und einen Tipp hatte er noch für mich: die Platanenallee, die sich ein Stück entlang des Neckar zieht, dort müsse ich unbedingt mal spazieren gehen.

Also suche ich die Platanenallee. Ich muss nicht lange suchen, denn an selbigen läuft man automatisch vorbei, wenn man über die Brücke in Richtung Altstadt will. Über eine kleine, seitliche Treppe steige ich runter und spaziere knirschenden Schrittes den Kiesweg entlang. Die 200 Jahre alten Stämme der Platanen wirken wie Säulen einer Kathedrale, dick, glatt und ebenmäßig in einem sich immer wiederholendem Muster. Die Platanenallee in Tübingen gehört zu den schönsten Allen des Landes. Hatten die Bäume da schon Blätter? Ich weiß es nicht, ich muss mir die Bilder von damals ansehen.

Doch es gibt Details, die hängen bleiben. Die leuchtenden Farben der Häuser, die sich im Wasser spiegeln. Die zweite Brücke, an der ich schließlich ankomme. Am Ende der Platanenallee steht das Seufzerwäldchen, mit einem Denkmal für die Schriftstellerin Ottilie Wildermuth. Der Weg führt unter ihr hindurch und rote und grüne Graffitis sind auf dem grauen Beton zu sehen. Zwischen den Brückenpfeilern hat sich ein Obdachloser einen ausgedienten Liegestuhl hingestellt; ein paar Habseligkeiten liegen herum, doch ansonsten ist niemand zu sehen. Bin ich versehentlich etwa in jemandes Wohnzimmer gelandet?

Als ich meinen Spaziergang beende, ist es bereits Nachmittag. Mehr und mehr Menschen sind auf der kleinen Grünfläche zu sehen. Studenten sitzen in der Sonne auf der Stadtmauer, die noch vor einer Stunde vollkommen menschenleer war.

Und da die Bahn entschleunigtes, langsames Reisen verspricht, das seine Zeit braucht, mache auch ich mich wieder auf den Weg.

Tübingen, Februar 2014

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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2 Kommentare

  1. Das von dir zitierte Foto von Tübingen ist sicherlich das Highlight ! einfach super die Altstadtfront und die Spiegelung im Wasser. Ich mag Tübingen auch sehr ! Klar von mir max. 40 Minuten Fahrzeug und man ist dort ! War auch schon abends dort um genau von diesem Motiv ein Nachtfoto zu machen. bin aber nicht 100 % zufrieden und muss das nochmal machen bei Gelegenheit. Ist leicht unscharf und wie du weißt mit halben Sachen gebe ich mich nicht ab ! Wenn dann richtig ist immer mein Motto !
    Das Rathaus ist super das stimmt überhaupt der ganze Markplatz ! Also ein schmuckes schwäbisches Städtchen !!! LG Manni

    1. Zur Zeit läuft drei Wochen lang dieses Pilotprogramm in Tübingen, wo du nach einem kostenlosen Corona-Test (wird überall angeboten) einen Tübingenpass bekommst und die geöffneten Außengastronomien, Kino, Theater, Geschäfte und Biergarten nutzen kannst. Hast du schon davon gehört? Mach dich auf die Socken 😉

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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