Asien, Katar

Souk Waqif

Doha, Katar
7 September 2017

Draußen vor dem Museum setzt bereits die Dämmerung ein, was die Hitze ein wenig mildert. Ohne die Sonne, die von oben scheint, empfinde ich die feuchte, warme Luft als noch angenehmer, ich meine, das Salzige darin zu schmecken. In Böen kommt sie auf uns zu, die Wärme, umgarnt uns wie die Luft eines Föns. 

Beide sitzen wir auf einer Mauer vor dem Museumsgebäude, das um diese Stunde in einem warmen Gelb angestrahlt wird, und betrachten den schönen Bau, der nun, mit all dem Licht, noch leichter, noch feiner wirkt. Menschen gehen den palmengesäumten Weg entlang; die weißen Kleider der katarischen Männer heben sich hell von der Dämmerung ab, während die dunkel verhüllten Frauengestalten mit ihr zu verschmelzen scheinen. Am Brunnen, der vor dem Eingang plätschert, hat sich eine Gruppe dieser dunklen Frauengestalten versammelt. Schwach zeichnet sich die Skyline von Doha vom taubengrauen Himmel ab, verborgen hinter einem Dunstschleier, und wir, wir warten darauf, dass alle Lichter angehen, das nächtliche Doha erstrahlt wie jenes, das wir auf den Bildern im Flugzeug gesehen haben.

Und ich, ich fühle mich immer noch wie in einem Märchen, kann kaum glauben, dass ich hier bin, sauge alle Eindrücke in mich auf. Denn Katar ist ein Land, dass ich bislang vom Hörensagen kannte, nie hätte ich gedacht, irgendwann selbst hier zu landen. Unwirklich fühlt sich das an, immerzu habe ich die Weltkarte im Kopf, verinnerliche mir, wo ich hier eigentlich bin. So fremd ist hier alles, so anders.

Schaue ich nach links, sehe ich Doha, wie es sich über den Persischen Golf erhebt. Schaue ich nach rechts, sehe ich den alten Hafen, die Docks, die nun, bunt mit Neonlichtern beleuchtet, aufs Meer hinausfahren. Von den Docks aus ertönt laute Partymusik, die mir irgendwie nicht in das konservative Land passen will. Ich vermute eines der Partyboote, wie es sie unter anderem auch in der Türkei gibt und die als Bespaßungsmaßnahme für Touristen „unter der Hand“ toleriert werden.

Immer mehr Boote fahren aufs Meer hinaus. Und uns wird wieder mal bewusst, wie die Touristenpolitik in diesem Land funktioniert. Eigentlich darf man alles – solange man die Öffentlichkeit damit nicht behelligt. Das bestätigt sich am späten Abend auch, als wir an einem Hotel vorbeigehen, von deren oberstem Stockwerk aus laute Discomusik dröhnt.

Schwach erscheinen die Lichter von Doha. Inzwischen sind wir die lange, palmengesäumte Treppe wieder hinunter gelaufen und sitzen wieder auf der niedrigen Mauer. Es ist inzwischen dunkel und uns wird bewusst: Die Lichter der Skyline, auf die wir warten, sind die ganze Zeit schon da – nur haben wir sie durch das trübe Grau und den Dunstschleier hindurch nicht gesehen. Und auch jetzt wirken sie wie gedämpft – die feuchtwarme Luft hier wirkt ähnlich wie ein Nebel.

„Wie haben sie die Aufnahmen hinbekommen, die wir im Flieger gesehen haben?“

Wir nehmen uns ein Taxi zum Souk Waqif, dem alten Markt, an dem wir heute Mittag bereits bei unserer Rundfahrt kurz angehalten haben. Mittags war dort so gut wie nichts los, nur ein paar Kamele und ein paar alte Männer standen herum, doch abends, das versicherte uns der Fahrer, abends, wenn die Luft angenehmer wird, erwache der Souk Waqif zum Leben. Langsam zieht die Stadt an uns vorbei, die Straßen, die Lichter, der unvermeidliche Kopf des Königs, der uns leuchtend aus jeder Ecke heraus anstrahlt.

Der Souk Waqif ist tatsächlich sehr belebt. Als wir dort halten und aus dem Taxi steigen, bleibe ich erstmal stehen, überrascht vom Trubel. Es brennen Lichter, der ganze Markt ist erleuchtet; Kataris schlendern in ihren Gewändern zwischen den Ständen entlang, Frauen sitzen auf dem Boden, vor sich große, dampfende Töpfe mit Essen, und schöpfen mit einer großen Schöpfkelle daraus. Gerne würde ich probieren, doch Stefan hat Bedenken und so gehen wir weiter, vorbei an Gewürzen, Teppichen, Lebensmitteln, kleinen Shops mit Schmuck, Gold und Parfümölen, in denen sich dunkeln gewandete Frauen schwer duftende, öllige Flüssigkeiten in kleine Fläschen abfüllen lassen. Und ich, ich sauge mich an den Gerüchen fest, mit denen die ganze Luft erfüllt ist: Wie in Tausendundeiner Nacht fühle ich mich berauscht von den vielen Eindrücken, den Rufen der Menschen, den dampfenden Töpfen, der feuchten, dampfend warmen Luft, den feierlich ernsten Kataris. Und über allem hier am Souk hängt dieser einzigartiger Duft, der eigentlich kein einheitlicher Duft ist, denn dieser Geruch ist wie ein Regenbogen aus Düften. Je nachdem, wo wir hinkommen, riecht es nach gekochtem Essen, nach Gewürzen, nach schweren Parfüms, nach Ölen. Passieren wir die kleinen Shops, in denen Inder einkaufen und Inder auf Kundschaft warten, mischt sich in die Geruchskulisse der Duft von indischen Gewürzen. Säckeweise stehen die Gewürze da, zum Verkauf bereit, säckeweise Linsen, Bohnen und verschiedene Nüsse.

Stefan versucht, sich in einem indischen Shop Zigaretten zu kaufen – ohne die gültige Währung in der Tasche natürlich ein schweres Unterfangen, da hier auf dem Markt alles über Cash läuft. Die letzten Rial haben wir bereits für sündhaft teure Datteln ausgegeben, verkauft von einem dunklen Sudanesen. Sofort stellte der Mann uns mehrere Schüsseln verschiedene Dattelsorten zum Probieren hin und eine Flasche Wasser hinterher. Und dann durften wir live erfahren, was es bedeutet, wenn es in Katar heißt „Kataris first“, denn als ein Katari mitsamt seiner Frau den Shop betritt, überlässt der Sudanese uns unseren Datteln und kümmert sich sogleich eilfertig um die neu angekommene Kundschaft.

Überwältigt von all den Eindrücken will ich mich erstmal setzen: Auf einem Platz vor dem Souk lassen wir uns auf einer Holzbank nieder. Von hier aus beobachte ich in aller Ruhe das Treiben um uns herum. Vor uns liegt die Stadt, hell erleuchtet ragt die Moschee auf. Der Ruf des Muezzin vermischt sich mit den farbigen Gerüchen des Souk. Taxis kommen und gehen, Menschen laufen an uns vorbei. Hinter uns – der Souk, die niedrigen, sandsteinfarbenen Gebäude, Besucher, die zwischen den Säulen verschwinden. Ein alter Mann kommt mit einer Schubkarre voller Waren an, entlädt sie, fährt wieder weg. Ein anderer Mann sitzt auf einem Stuhl, hält etwas in der Hand, das er durch eine Lupe hindurch betrachtet. Touristen machen Selvies. Über den Minaretten der Moschee steigt ein roter Mond am Himmel auf. Menschen fotografieren die Moschee und es scheint niemand Anstoß daran zu finden.

So sitzen wir da und nehmen alles in uns auf, und als wir weiter laufen, habe ich nicht mehr das Gefühl, hier durchgehetzt zu sein.

Diesmal passieren wir einen Teil des Souk, der allen Anschein nach so etwas wie ein Tiermarkt ist: Große und kleine, pelzige, gefiederte und andere Lebewesen werden hier gehandelt, es riecht nach Federn, Tierfutter und Kot. Als ich Katzen in einem Drahtkäfig sehe, in den man nicht einmal eine Unterlage hinein getan hat, stocke ich kurz. Die Katze leckt sich gleichmütig ihre auf harten Metallstäben gebeteten Pfoten, als wolle sie sagen: Geh weiter, was willst du denn schon dagegen tun.

Zahlreiche kleine Sittiche und Papageie machen Lärm, ein Mann versucht spielerisch, die Aufmerksamkeit eines großen Ara für sich zu gewinnen. Immer mutiger geworden beginne ich zu filmen.

Der indische Kellner eines Lokals, in dem wir uns niederlassen wollen, zeigt uns einen Geldautomaten, der lustigerweise mitten im Souk steht. Und hier versuche ich nun aufgeregt, mit meiner Kreditkarte an ein paar Rial zu kommen, beobachtet von der Teppichverkäuferin hinter uns, die mit belustigtem Gesicht an ihrem Stand steht. Doch anscheinend mache ich irgend etwas falsch, denn bevor der Automat Geld ausspuckt, spuckt er zunächst einmal meine Karte aus. Ich weise Stefan an, sich dicht hinter mich zu platzieren; die Kriminalität in Katar soll sich der Statistik nach gen null bewegen (klar, die Kataris sind reich und die Gastarbeiter haben zu viel zu verlieren…), was uns ein sicheres Gefühl vermittelt, doch man muss das Schicksal ja nicht provozieren.

Irgendwann sitzen wir, diesmal mit gültiger Währung in der Tasche, draußen an einem der vielen Tische und rauchen eine der besten Shishas, die ich je hatte. Menschen gehen hin und her, Lichter erleuchten die Gänge des Souk, zwei verschleierte Frauen sitzen an eine Wand gelehnt und verkaufen ihre Waren. In einem Gefäß brennen sie aromatischen Weihrauch ab und der Geruch vermischt sich mit dem Duft der Shisha und meines Pfefferminztees. Wir lästern über die unvermeidlichen Touristen in ihren sexy knappen Shorts, die den sehr traditionell lebenden Menschen hier ihre nackte Haut vor die Augen führen. Doch es wird weder jemand von den Einheimischen ermahnt noch seltsam angeschaut; die Kataris scheinen sich in Geduld und Nachsicht zu üben. Vermutlich wundern sie sich nur – und ich wundere mich auch.

Was wir erlebt haben? Schau selbst:

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Kasia

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