Asien, Iran

Iran – der Drang nach Freiheit

Die Proteste im Iran halten an. Was als Kritik der Mittelschicht an der hohen Arbeitslosigkeit und der wirtschaftlichen Situation begann, hatte sich schnell zu einem grundsätzlichen Kampf um Freiräume und Mitspracherecht entwickelt. Nun versuchen iranische Politiker zum ersten Mal, hinter die Ursachen der Proteste zu kommen…

Zum wiederholtem Male weigert sich Leyla*, mich mit in ihre Heimat zu nehmen. Sie weigert sich einfach. Und sie ist besorgt.
„Einen Freund von mir haben sie verhaftet, weil er ein rosa T-shirt anhatte; sie dachten, er sei schwul. Es ist noch nicht so, dass man sich im Iran sicher fühlen könnte. Manchmal reicht nur eine Kleinigkeit…“

Leyla* ist in den USA aufgewachsen. Ihre Mutter verließ Iran und ihren damaligen Mann mit einem Baby auf dem Arm. Als junges Mädchen kamen sie nach Deutschland und seitdem ist der Iran für sie nur ein fernes Traumgebilde, welches sie aus den Erzählungen ihrer Familie kennt.

Doch vor zwei Jahren hat sich das geändert – denn vor zwei Jahren durfte sie zum ersten Mal in Begleitung ihrer Mutter das besuchen, was diese „Heimat“ nannte.

Es war ein Schock.

„Sie waren alle so… konservativ. Sie wollten mich ständig mit jemanden verheiraten.“ Erzählte sie mir nach ihrer Rückkehr. „Mein Lebensentwurf hier in Deutschland ist für sie die pure Sünde.“ Insofern wuchsen auch ihre Bedenken, mich mitzunehmen – aus Angst, ich könnte einen Fehler begehen, der mich die Freiheit kosten könnte.

Heute schnitten wir dieses Thema nochmal an.

„Ich dachte, Iran sei in seiner Entwicklung der letzten Monate wieder offener geworden?“ Frage ich sie. Leyla* zögert kurz, überlegt, schaut mich dann eindringlich an.
„Offener, ja. Aber längst nicht so offen wie das, was wir hier in Deutschland gewohnt sind. Wir haben ein solches Glück, einfach zu zweit da zu sitzen und Shisha zu rauchen.“ Sagt sie.
„Ja, vor allem um die späte Uhrzeit.“ Werfe ich ein. Wir haben es uns in Ludwigshafen im „Orient“ draußen auf einer der Couch-Ecken gemütlich gemacht. Es ist später, warmer Sommerabend, einer von jenen Abenden, die schier endlos sind und an denen die Wärme des Sommertages noch bis zur später Stunde anhält. Es dämmert bereits, der aromatische Rauch der Wasserpfeife zieht fast unsichtbar an unseren Nasen vorbei.

„Dadurch, dass es dort tagsüber unerträglich heiß werden kann, ist es zwar üblich, dass man eher spät ausgeht.“ Sagt sie nachdenklich. „Aber wir bräuchten vermutlich noch drei oder vier Mädels zusätzlich, um das als einen Mädelsabend durchgehen zu lassen. Eine solche Freiheit ist in Iran nicht möglich. Sicher, es gibt sie; es gibt diese mutigen Frauen, die sich nicht verbiegen lassen, die trotz alledem weiterhin ausgehen, weiterhin draußen ihre Freundinnen treffen, sich dieses Stück Freiheit nehmen. Doch sie nehmen einiges an persönlichen Opfern in Kauf; abgesehen davon, dass sie Gefahr laufen, ihr Ansehen innerhalb der Familie zu verlieren, sie gehen auch ein großes Risiko ein.“

„Und die Kopftücher?“ Werfe ich ein. „Ich habe gelesen, dass die Frauen in großen Städten ihre Kopftücher inzwischen ganz locker am Hinterkopf tragen?“

„Das wechselt immer wieder.“ Antwortet sie. „Es ist fast, man könnte sagen… wellenartig. Mal ist es lockerer und die legere Art des Tragens wird toleriert und dann ist wieder alles total streng. Einmal haben die Frauen versucht, das Verbot auf eine raffinierte Weise umzugehen: Sie begannen, Perücken zu tragen.“ Sie macht eine kunstvolle Pause, während dieser sie meine Reaktion abwartet. Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schaut mich immer noch eindringlich an.

„Genial!“ Rufe ich aus. „Ja klar – die Haare sind bedeckt.“ Doch fast kann ich es mir nicht vorstellen, dass die Lösung für die iranischen Frauen tatsächlich so einfach sein sollte. Und dann bestätigt Leyla* meine leisen Befürchtungen.

„Ja“ Sagt sie: „Das ging auch eine Zeitlang gut. Doch dann hat man beschlossen, dass eine Perücke keine Kopfbedeckung ist.“ Meine Euphorie verfliegt und hinterlässt nur einen kleinen, sehr kindlichen Gedanken: Wie gemein! Ja, bedeckt euer Haar, und der Staat schreibt euch vor, womit. Der Staat schreibt euch vor, was eine angemessene Kopfbedeckung für eine Frau zu sein hat, der Staat sagt euch, dass eine schicke Perücke es nicht ist.

Währenddessen spricht Leyla* weiter:

„Du musst dir das so vorstellen: Es läuft nicht ständig die Anstands-Polizei herum und kontrolliert. Es hängt immer davon ab, ob der Staat gerade das Geld hat, diese Männer zu bezahlen: Wenn nicht, schickt man sie eine Zeitlang auf die Baustelle, damit sie sich was verdienen, und wenn ja, dann laufen sie los und beginnen, solche Mädels einzukassieren. Du fühlst dich im Iran unwohl als Frau, immer noch. Und es ist doch so: Konservative aller Art, ob das nun Islamisten, Putin oder auch hier die Afd sind, sie alle wollen Frauen in ein bestimmtes Bild drängen, welches sie für die Frau vorbereitet haben. Und sei dir versichert: Es ist ganz sicher nicht das Bild, welches wir, du und ich, verkörpern.“

Nun fühle auch ich mich unwohl. Gebildet, beruflich erfolgreich, selbstbewusst. Frauen wie wir; ich weiß genau, was sie meint. Frauen, die die Familienrolle nicht annehmen. Für solche Frauen ist kein Platz in der konservativen Welt der iranischen Gesellschaft. Und nun verstehe ich auch, welcher Schock es für Leyla* gewesen sein musste, trotz alledem, was sie gehört, was sie gelesen hatte, mit eigenen Augen zu sehen, welches Schicksal man in Iran für sie vorzubereiten suchte…

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
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Die Welt wartet auf uns.

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