Europa, Italien

Sizilien – Willkommen auf der Insel

„Guten Tag!“ Die Männer in schwarzen Anzügen hatten uns wie ein Ring umschlossen. Ihre dunklen Sonnenbrillen spiegeln den Himmel wider und auch mich und meine fragenden Augen. Einzig der kleine, gedrungene Italiener mit dem weißen Anzug, dem hellen Hut mit schwarzer Schleife und der Pate – Pose trägt keine Sonnenbrille; seine teils forschen, teils lustigen dunklen Augen blicken uns gutmütig an und ich frage mich unwillkürlich, wo die weiße, plüschige Katze bleibt. „Guten Tag! Wir sind von der Mafia. Kommen Sie mit uns, wir zeigen Ihnen die Insel.“ Seine goldenen Ringe blenden mich mit all ihren Diamanten – er gibt mir zur Begrüßung die Hand.

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August 2010

„Kasia, komm jetzt!“ Höre ich neben mir. Ich blinzele gen Himmel, schaue mich um. Und ja, natürlich ist da keine Mafia, es ist überhaupt niemand da außer ein paar gelangweilten Menschen, die sich langsam, als hätten sie es überhaupt nicht eilig, den Flughafen zu verlassen, in Bewegung setzen. Ich schaue meinen Begleiter an, der schon ungeduldig drängelt. „Komm, wir müssen den Mietwagen abholen!“

Bei Sicily by car, einem Mietbüro gleich neben dem Flughafen, warten wir etwas nervös am Schalter. Wir fürchten die ganze Zeit über, irgendwie übers Ohr gehauen zu werden. Es sind ja schließlich alles Sizilianer, oder? Alles Schlitzohren, ne?
Doch überrascht stellen wir fest, dass alles sehr professionell, ja, gar seriös vonstatten geht. Die Mitarbeiter des Büros nehmen es sehr genau mit unseren Unterlangen und dokumentieren jeden Kratzer am Auto. Und wir? Wir führen uns auf, als wären wir in der Bronx. Mindestens. Wir misstrauen allen und jedem, halten unsere Taschen krampfhaft fest und sichern den Mietwagen bei jedem Stopp mit einer Lenkradkralle. Und das alles ist nur der einen Tatsache geschuldet: Hey, wir sind auf Sizilien!

Ich muss sagen: Ich hätte Sizilien damals nicht zu meinem vorrangigen Reiseziel auserkoren. Ja, ich hätte es zu gar keinem Reiseziel auserkoren, ob vorrangig oder nicht. Was wussten wir schon über die Insel? Sizilien, hm… lass mal überlegen… es gehört irgendwie zu Italien (und irgendwie auch nicht, denn sowohl die Festland-Italiener wie auch die Sizilianer selbst sind darüber nicht ganz einer Meinung…) und es gibt dort Mafia. Seeehr viel Mafia. Und die hat alles in ihren Mafia-Fängen. Alte Männer, die Katzen streicheln; Bilder aus alten Filmen werden wach.

Und so bin ich fast schon überrascht, als uns selbige eben nicht direkt am Flughafen von Catania ihre Aufwartung macht. Sollte unsere Ankunft hier auf die Insel etwa unbemerkt geblieben sein?

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So dann; als Nächstes sitzen wir folglich im Auto und während ich aus dem Fenster schaue und die fantastische, sandig-trockene, ständig wechselnde Landschaft bewundere, nähre ich weiter fleißig meine Vorurteile. Sobald wir an einer Straßenbiegung anhielten, würden wir ausgeraubt werden, ganz sicher. Die werden aus dem Gebüsch springen, ach was, sich aus der Luft manifestieren und uns dicke Knarren an den Schädel halten.

Doch irgendwann sagt Jimmy* zu mir: „Ich kann nicht mehr, ich muss kurz anhalten, ich schlafe sonst beim Fahren ein.“ Seine Augen sind rot und klein und tiefe Ringe schmücken unser beider Gesichter. Eine schlaflose Nacht liegt hinter uns, kein Wunder also, dass nun die Grenzen der Erschöpfung erreicht sind. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Führerschein habe, bleibt uns nichts anderes übrig als eine, wie ich finde, höchst gefährliche Pause einzulegen. Wir fahren eine Tankstelle an und stellen uns auf einen der hinteren Parkplätze. Dort verriegeln wir das Auto von innen und Jimmy* schläft. Ich mache kein Auge zu. Aufmerksam beobachte ich die Männer, die, an die Zapfsäule gelehnt, gemütlich ihr Bierchen (oder was auch immer) trinken. Auch jeder Neuankömmling wird von mir beäugt.

Als wir nach einer Stunde endlich weiter fahren, atme ich erleichtert auf.

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„Three Palms“ in Raffadali

„Hier in dieser Straße? Bist du sicher?“
„Ja, klar, ich habe mir das doch mehrmals auf Google Street View angeschaut.“
„Na, hier sieht aber nichts nach einem Bed & Breakfast aus…“ Wir steigen aus dem Auto, schauen uns um. Die Straße liegt hell und staubig vor uns, es wirkt alles wie verlassen. Wir sind in Raffadali angekommen.

Der Grund, weshalb mir jetzt so die Muffe geht, ist verhältnismäßig simpel: Geld. Über dreihundert Euro genauer gesagt – die gesamte Summe für zwei Wochen Aufenthalt, die nun in den Tiefen der undurchdringlichen insulanischen Strukturen verschwunden sind.

Und das kam so: Wie schon im ersten Beitrag gesagt hätte ich die Insel spontan nicht gerade zu meinem Urlaubsziel erkoren, und Jimmy* erging es genauso. Warum nicht? Aufgrund von Ängsten, Vorurteilen und weiß der Teufel was noch allem (heute denke ich anders darüber, doch 2010 war ich noch ein voreingenommener Mensch 🙂 ). Doch es hatte sich so ergeben, dass eine PTA-Freundin von mir auf Sizilien heiratete – also haben wir, Jimmy* und ich, kurzerhand unsere Flitterwochen dorthin verlegt, um bei ihrer Hochzeit dabei sein zu können. Stefanias Vater hatte sich um eine Unterkunft für uns gekümmert; eine Bed & Breakfast-Pension bei Franco, einem sehr guten Bekannten der Familie, in Stefanias Heimatort Raffadali. Es ist schön und sauber dort, sagte er uns; er hatte sich selbst davon überzeugt. Er wolle, dass wir gut unterkommen und eine angenehme Zeit in seiner Heimatstadt haben.

Also hatte ich mich mit Franco in Verbindung gesetzt und uns für zwei Wochen einquartiert. Anstatt der üblichen Anzahlung hatte ich das Geld für die gesamte Aufenthaltsdauer nach Sizilien überwiesen – was weg ist, ist weg, eine Sache weniger, an die ich später denken muss. Bedenken hatte ich keine; da Stefanias Vater den Mann offensichtlich kennt, wird schon alles gut werden.

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Doch jetzt, in der prallen Mittagssonne inmitten der einsamen Straße und mediterraner Vegetation kommen mir Zweifel. Hoffentlich sind wir hier richtig, hoffentlich existiert das Three Palms auch tatsächlich, und überhaupt hatte ich das mit was weg ist, ist weg so wörtlich nun auch wieder nicht gemeint… Die wachsenden Ängste in meinem Inneren malen bereits die schwärzesten Bilder in meinem Kopf. Was, wenn es hier gar kein Hotel gibt? Oder man plötzlich von einer Reservierung nichts mehr wissen will? Was, wenn…

Doch inzwischen hat Jimmy* die richtige Adresse gefunden – wir stehen nun vor einem großen Haus mit unscheinbarer, etwas bröckeliger Fassade und einem imposantem Tor, klingeln und lassen uns von einem kleinen, zotteligen Köter ankläffen, während wir warten. Warum die kleinsten Hunde am lautesten bellen müssen, wird mir für immer ein Rätsel bleiben.

Doch Achtung – die Tür geht auf. Ein kleiner Italiener mit rundem, lachendem Gesicht tritt zu uns heraus.
Franco.

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Franco begrüßt uns in passablen Deutsch und lässt uns unsere Sachen nach oben bringen. In der Tür steht eine Frau mit Küchenschürze und lächelt uns freundlich zu. Man hatte schon auf uns gewartet, klar ist das Zimmer für uns reserviert, man freut sich sichtbar, dass wir hier sind. Wie selbstverständlich nimmt er mir meinen Koffer ab und trägt ihn für mich aufs Zimmer.

Gleich danach folgen wir Franco auf eine Rundfahrt durch Raffadali, denn er möchte uns unbedingt die Winkel und Ecken seiner Stadt zeigen. Raffadali ist ein kleiner Ort bestehend aus wenigen Häusern, einem großen Platz und einer Kirche. Unterwegs erzählt uns Franco von sich, seinen Kindern und seiner Zeit in Deutschland. Er und seine Familie lebten eine lange Zeit in Frankfurt, hatten dort eine gut laufende Pizzeria – das erklärt dann die guten Deutschkenntnisse. Doch vor wenigen Jahren entschied er sich dafür, zurück zu gehen – zurück nach Hause.

Doch eine der Töchter, Laura, die wir später noch kennenlernen sollten, sagte einmal zu uns: „Menschen, die zum ersten Mal hier sind, sehen die Strände, das Meer… sie sehen das Paradies. Auch ich habe zur Anfang immer nur das gesehen. Doch das echte Leben hier kann hart sein.“ Schwang da etwa ein bisschen Wehmut mit?

Unser Zimmer begeistert mich; es ist, wie auch die Einrichtung des gesamten Hauses, in warmen, mediterranen Farben gehalten. Vom Frühstücksraum aus tritt man hinaus auf eine großzügige Terrasse, um dort auf Liegen und unter Sonnenschirmen mit dem Blick auf die Stadt die Seele baumeln zu lassen.

Das Three Palms in Raffadali ist ein familienbetriebenes Hotel, das eigentlich mehr mit einem Zuhause bei Freunden als mit einem Hotel gemein hat. Die Familie kümmert sich um uns; die Töchter reinigen die Zimmer und richten das Frühstück und Franko verwaltet alles und schaut nach dem Rechten.

Und während ich mir das alles so anschaue, schleicht sich in meinem Herzen zum erstem Mal zaghaft das Gefühl, dass die „bösen“ Sizilianer vielleicht doch gar nicht so böse sind…

 

Das „Lokalino“

Nachdem Jimmy* seine Müdigkeit ausgeschlafen hatte, gehen wir essen. Wir bekommen eine Empfehlung von Franco für das Lokal seines Bruders (welch Zufall aber auch 🙂 ) mit dem lieblich schwingenden Namen Localino.

Doch Vetternwirtschaft hin oder her, es schmeckt sagenhaft. Wir sitzen draußen, schauen in die Nacht hinaus und sind die einzigen Nichtitaliener im Lokal Localino.

Das Bestellen gestaltet sich zur Anfang schwierig, da die Karten nicht auf Touristen ausgelegt sind – was gut ist, denn nur wo viele zufriedene Italiener sitzen, da bekommt man auch mit Gewissheit die beste italienische Küche vorgesetzt. Persönlich bereitet es mir keine Schwierigkeiten, einfach mit dem Finger die Karte anzutippen und nach dem Zufallsprinzip etwas auszuwählen, doch Jimmy* tut es sich da etwas schwieriger. „Was soll ich denn jetzt essen?“

„Nimm doch einfach irgend etwas, lass dich mal fallen.“ Empfehle ich, stoße dabei jedoch auf taube Ohren. Also bestellen wir letztlich das, was wir auch lesen können und womit man nichts, aber auch gar nichts falsch machen kann: Pizza.

Francos Bruder sieht fast genauso aus wie Franco und serviert uns die beste Pizza aller Zeiten. Und Franco bringt sie uns höchstpersönlich an den Tisch. Hey, mein Freund – haben wir dich nicht eben noch im Hotel gesehen? Es stellt sich heraus, dass Franco abends bei seinem Bruder im Localino aushilft – genauso wie Laura, eine der Töchter mit pechschwarzen Haaren und schönem, mondhellen und unbewegten Gesicht; sie macht die Kellnerin. Ihr Blick und ihr emotionsloser Ausdruck scheinen immer etwas Melancholisches an sich zu haben.

„Vielleicht sehen wir uns irgendwann mal in Mannheim.“ Sagt sie zu uns. „Nein, wirklich, ich meine das ernst. Ich war früher oft dort.“ Warum kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie gerne zurück gehen würde?

Wir bestellen einen halben Liter sizilianischen Hausweines. Das halten wir von da an jeden Abend so und fahren gut damit. Denn trotz der Bezeichnung „Hauswein“ handelt es sich um einen richtig leckeren Tropfen: er schmeckt nach Sonne und Süße. Der knusprige Boden der Pizza ist unglaublich: nie zuvor und nie wieder danach habe ich etwas vergleichbares gegessen. „Wir verwenden noch einen Holzkohle-Ofen.“ Verrät Franco uns. „Das machen nicht mehr viele.“

Satt und beschwipst fahren wir die zwei Kilometer nach Hause (=Hotel) zurück. Ich bin froh, dass wir den Mietwagen haben. Es ist zwar nicht wirklich weit, doch diese Insel ist nicht dafür gemacht, zu Fuß zu laufen. Die Straßen sind bröckelig und teilweise unbefestigt, und Fußgängerwege sind außerhalb des Stadtzentrums Wunschdenken. Eines Abends sind wir mutig und laufen einfach los, doch der Anblick der vielen herrenlosen Hunde, die hier in der Gegend herumstreunen, lässt es zu einem sehr kurzen Ausflug werden; ziemlich zügig kehren wir um und setzen uns in unseren Fiat Panda. Es ist hier sowieso weit und breit keine Menschendeele zu Fuß unterwegs…

Nach diesem Abend entwickelt sich das Localino zu unserem zweiten Zuhause. Fast jeden Abend sitzen wir da und lassen uns kulinarisch verwöhnen, unterhalten uns dabei mit Franco oder Laura. Wenn wenig los ist, setzten sich die beiden zu uns und erzählen uns von ihrem Leben auf Sizilien und ihrem früheren Leben in Deutschland. Manchmal kommen wir recht spät – wenn wir wieder einmal kreuz und quer durch die Insel gefahren sind auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten und interessanten Orten. Dann rufen wir von unterwegs schon an und Francos Bruder schmeißt uns noch schnell eine Pizza in den Ofen.

Aufgeschmissen sind wir nur Montags – da hat das Restaurant seinen Ruhetag…

Ein Riesenteller Eis - Hm, alles für mich? :-)
Ein Riesenteller Eis – Hm, alles für mich? 🙂

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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