Europa, Polen

Einmal Heimat und zurück

Es ist wieder grau in grau. Mit Mütze und Handschuhen sitze ich in der Wartehalle des Regionalbahnhofs Blonie, wartend auf den Zug nach Warschau West. Das Ehepaar neben mir flüstert sich Gesprächsfetzen zu.

Mit gemischten Gefühlen, wie immer wenn ich hier in Polen bin, schaue ich auf das trübe Wetter draußen hinaus, lausche den Sirenen der Polizei in der Ferne, die sich hier anhören wie in der Bronx. Zum ersten Mal ist der Gedanke an Mannheim während einer Reise richtiggehend verlockend und löst ein Gefühl von Zuhause aus. Polen ist, auch vorsichtig dosiert, manchmal zu viel für mich. Es wird lange – sehr lange dauern, bis es mich wiedersieht.

Am Bahnhof Warschau West halte ich an einer ziemlich abgegriffenen Kneipe mit ebenso wirkenden Verkäuferinnen. Die Stimmung ist zum Schneiden. Ich bestelle ein Panini und Wasser. Die meine ist ebenso zum Schneiden, also passt es ja. Ich bleibe da, nehme Platz an einem der Tische. Es geht anscheinend um Geld – um Geld, welches in der Kasse fehlt.

Sitzend beobachte ich, dass die Bar durchaus Kundschaft hat – die Leute lassen sich kaum von der rüden Art der Kassiererin stören.

Aus dem Radio läuft polnische Discomusik. Ich hab noch Zeit. Einige Typen kommen rein auf ein Bier. Obgleich sie – passend zur Kneipe – einen ebenso abgegriffenen Eindruck machen und ich alleine bin, stört mich keiner. Die Männer scheinen Weißrussen oder Ukrainer zu sein, es ist kein sauberes Polnisch, das sie da sprechen.

Später beobachte ich, dass die schroffe Art der Damen wohl dem fehlenden Geld in der Kasse zuzuschreiben war – die können durchaus auch anders.

Nach einer langen Zeit des Frierens sitze ich endlich im Bus nach Mannheim und schaue aus dem Fenster. Trostlose Landschaften ziehen an mir vorbei und genauso sieht es in mir aus. Heimatgefühle für Mannheim – wobei die Heimat inzwischen überall sein könnte.

Kurz vor der Grenze stiegen die Passagiere um. Eine nette Unterhaltung lenkte mich bis dahin von meinen Gedanken ab; Artur reist genauso gerne und die Liste seiner abgehackten Reiseziele lässt mich vor Neid erblassen. New York, Moskau, Wilna, Washington D.C… Warum war bloß gefühlt jeder, mit dem ich mich unterhielt, bereits in New York?
Meine Löffen-Liste wird immer länger:

  • Metro in Kiew
  • Tokyo
  • New York

Jetzt haben wir 15 Minuten Pause in Słubice. Diesmal bleibt mir das Warten draußen auf mein Gepäck und die Suche nach einem neuen Sitzplatz erspart. Mal schauen, wer nun den Platz neben mir einnimmt – doch ich glaube, es steigt niemand mehr zu… oder doch? Mein Gesprächspartner reist weiter nach München.

Die gesamte Parkreihe ist mit Sindbad-Bussen besetzt. Es steigen Menschen um – und nach und nach auch bei uns ein. An der Gepäckausgabe hatte sich eine Menschentraube gebildet, alles ist in Bewegung. Es ist dunkel, die Uhr zeigt zwanzig nach 23 Uhr.

Polen. Mit gemischten Gefühlen. Selten war ich so froh, nach Hause zu kommen. Ab jetzt geht es schnurstracks auf die Grenze zu.

Sonntag Morgen. Verschlafen reib ich mir die Augen. Mannheim. Stefan steht am Busbahnhof und grinst.

Das war: Polen, Oktober 2016

 

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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