Wie ich in Melilla an der marokkanischen Grenze stand…

Wie ich in Melilla an der marokkanischen Grenze stand…

Melilla, Sommer (2001 – 2002)

Es muss so um 2001-2002 herum gewesen sein. Müde und total erledigt von der Anreise stehe ich vor dem Grenzposten, der mit unbewegtem Gesicht meinen Pass in den Händen hält. „Sie können dich nicht reinlassen.“ Sagt Halil*; er und sein Bruder stehen neben mir. „Er sagt, mit dem Pass geht es nicht. Du brauchst ein Visum.“

Ich weiß nicht, wer von uns beiden damals auf diese Idee kam; ich glaube, es war seine. „Meine Familie in Marokko will dich kennenlernen.“ So kam er irgendwann auf mich zu.

„Kennenlernen? Wie soll das gehen?“ Frage ich. Halil* hatte neun Schwestern und einen Bruder. Ich hatte seine Schwestern bereits auf einem Familienvideo gesehen, das er mit nach Deutschland gebracht hatte, neben all den anderen Geschenken für mich wie Schmuck und Kleidern. Da lachen sie und winken in die Kamera: „Hallo Kasia!“ So entstand diese Idee und sie wurde auch prompt und ohne viel Vorbereitung in die Tat umgesetzt. Es wurde gebucht und vorbereitet. „Brauche ich ein Visum für Marokko?“ Frage ich.

„Ich habe mich erkundigt – nein, du brauchst keins.“ Sagt er.

Vielleicht hätte ich selber nachforschen sollen. Ja, ich hätte sogar ganz sicher selbst nachforschen sollen. Nur war es so: seine Information beruhte anscheinend auf einem Missverständnis. Er – und somit auch das marokkanische Konsulat – alle gingen sie damals von der Annahme aus, dass ich den deutschen Pass besitze – den ich zum damaligen Zeitpunkt nicht besaß.

Der Reisetermin stand also fest und während ich damit beschäftigt war, mich vorzufreuen und vorzubereiten, reiste Halil* früher nach Marokko. Ich kam eine Woche später nach; meinen Flug hatte er bereits vor Ort, von Marokko aus gebucht. Warum so umständlich, das kann ich heute nicht mehr sagen; aber alle Wege führten bekanntlich nach Rom und so fand ich mich also zum besagten Datum am Frankfurter Flughafen ein.

Ich war erstaunt, wie schnell und mühelos ich mich zum ersten Mal in der damals schon riesigen Flughafenanlage zurechtfand. Mein Flug war vorgebucht und so musste ich nur noch einchecken, mein Gepäck aufgeben und warten.

Während der Landung schaute ich aus dem Fenster, als die sandgelbe Küste weit unter mir sichtbar wurde. Afrika. Schon bald hatte ich meine Füße auf dem afrikanischen Kontinent.

Am Flughafen in Melilla war ich die einzige Europäerin, entsprechend schnell wurde ich, auffallend wie ich war mit meinen langen, blonden Haaren, als einzige der Passagiere zur erneuten Passkontrolle an der Gepäckausgabe herausgewunken. Ich glaube, es war eher die Langeweile der Herren in Uniform und die Wissbegierigkeit ob meines Herkunftslandes, als wirkliche Notwendigkeit, die sie zu diesem Check veranlasste.

Hinter der Absperrung warteten schon Halil* und sein Bruder auf mich.

Melilla gehört, obwohl man afrikanischen Boden betritt, zu Spanien, ist also EU. Doch nach EU sah da gar nichts aus; es war alles arabisch-orientalisch von den Gebäuden über die vielen Geschäfte und Lokale bis hin zu den Menschen. „Spanien wollte uns Melilla schon längst zurückgeben,“ sagt Halil* „doch Marokko will es nicht haben.“ Sein Bruder arbeitet hier, erzählt er; er fährt jeden Tag über die Grenze nach Melilla, weil es drüben in Marokko keine Arbeit für ihn gebe. Viele würden es so machen, sagt er. Die Spanier zahlen besser.

Ich nicke, obwohl ich weit und breit keinen einzigen Spanier sehe. Dafür ganz viele Marokkaner, die mich ihrerseits neugierig anschauen. Wir wollen keine Zeit verlieren und steuern gleich die spanisch-marokkanische Grenze an.

Und da stehen wir nun und können immer noch nicht glauben, dass uns das jetzt gerade passiert. Inzwischen bin ich müde und will einfach nur ankommen; egal wo. Auf der anderen Seite der Grenze, in Beni Chiker, einer kleinen Stadt in der nördlichen Provinz Nador, da warten bereits seine Schwestern mit warmen Essen auf uns. Irgendwie glaube ich immer noch, man könne es noch irgendwie herumreißen, aber als Halil* nach einem intensiven Gespräch mit dem Wachposten ergebnislos zurückkommt, schwindet meine Hoffnung. „Ich habe ihm sogar Geld geboten.“ Sagt er. „Aber er will das nicht machen. Das würde für ihn großem Ärger bedeuten, wenn es herauskäme.“

Wir mussten erstmal ein Hotel für mich finden, für die Nacht. Heute Abend ließe sich eh nicht mehr viel ausrichten.

Am nächsten Tag gingen wir zusammen mit Halils* Bruder am Hafen von Melilla spazieren. In einem Cafe beratschlagten wir uns, was denn nun zu tun sei, doch wir fanden auf die schnelle keine Lösung. Und während Halil* mit seinem Bruder sprach, bewunderte ich die vielen schönen Frauen, die ihre sowieso schon großen, dunklen Augen schwarz umrandet zur Schau trugen.

Ganze drei Tage blieben wir in Melilla. In dieser Zeit saugte ich alles in mich auf, was ich dort sah und erlebte. Der Hafen, das Meer, die Palmen im Wind… das alles fand ich damals sehr beeindruckend. Die Geschäfte, die Bazars… Das frische Fladenbrot in Olivenöl getunkt und natürlich diesen leckeren Minztee, wie ihn wohl nur Marokkaner machen können; mit grünem Tee und frischer Minze aufgekocht, süß, spritzig und aromatisch zugleich.
„Meine Schwestern bedauern, dass sie dich nicht sehen können. Sie haben sich schon sehr auf dich gefreut.“

„Sag mal, Halil*; dieser Mann da… wieso starrt er mich so an?“

„Ach, lass ihn doch starren. Es ist doch nur ein alter Mann.“

Der Mann saß an eine Hauswand gelehnt und die Augen in seinem faltigen Gesicht waren starr und ungeniert auf mich gerichtet. Es gab viele Blicke und nicht alle waren freundlich.

Als uns am dritten Tag immer noch nichts einfiel, buchten wir die Rückfahrt. Diesmal ging es mit dem Schiff von Melillas Hafen nach Spanien über und von da aus mit dem Flieger von Madrid zurück nach Deutschland.

Es haben sich leider aus der damaligen Zeit keine Aufnahmen erhalten, somit gibt es keine Bilder zu diesem Beitrag. Was von Marokko geblieben ist, sind marokkanische Kleider, der Duft schwerer, süß-öliger Parfüms, der frische Geschmack des Minztees und die Erinnerung an diese verrückte Geschichte.

* Name geändert

8 Gedanken zu „Wie ich in Melilla an der marokkanischen Grenze stand…

  1. Hehe, ja da sickert es wieder durch. Dieses einfach total unorganisierte Chaos! Bei meinem Mann ist es manchmal genauso. Wieso denn einfach wenn es auch umständlich geht :-))) Alles in der letzten Sekunde, ohne guten Plan, ohne nachzudenken.

    Ich denke, egal wo sie aufwachsen, das steckt ihnen einfach mit im Blut. Und manche Dinge werden wir niemals verstehen können. Ist vielleicht auch besser so!

    1. Ja, das stimmt! Wir hatten manchmal total irre Aktionen wie über Nacht für zwei Stunden nach Straßburg zu fahren, um mit seinen Cousins über die Altstadt zu laufen. Bei dem Visum hätte ich mich selbst informieren müssen, nur war das damals nicht wie heute, mit überall Internet und so weiter, und ich hatte mich ja auch auf ihn verlassen. Sehr schade im Nachhinein, das wäre ein Einblick gewesen, den man sonst nicht so einfach bekommt. Gerade deshalb habe ich das Gefühl, mit Marokko „noch nicht fertig“ zu sein…

      Liebe Kasia

  2. Hallo Kasia

    Was für ein Pass hattest du? Und wäre ich du ich hätte es immer wieder versucht bei andere Zoll Polizisten, es hätte bestimmt geklappt.

    Lg Faton

    1. Hallo Faton, es war damals noch ein polnischer Pass und die Visa-Bestimmungen waren zu der Zeit anders. Die Gespräche mit dem Zoll haben mein damaliger Freund und sein Bruder geführt, das ließen sie sich nicht nehmen, Fürsorge und so… :-). Ist aber auch schon siebzehn, achtzehn Jahre her… Lg Kasia

      1. Hallo Kasia, Ah Okay

        Weil meine Frau kommt aus Marokko also besser gesagt meine Verlobte, und das Problem ist ich bekomme kein Visum obwohl ich drei mal Visum Antrag gestellt habe und ich bin schon fast drei Jahre am warten, das Konsulat gibt einfach kein Antwort das ist sehr Mühsam und obwohl ich hier in der Schweiz aufgewachsen bin und ich besitzen den Kosovarischen Pass. leider bleibt mir nichts übrig als über Melilla zu gehen und von dort aus evtl. nach Marokko zu gelangen. Ich hoffe es klappt

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