Europa, Niederlande

Amsterdam – Das Green House

Amsterdam, Januar 2016

In der Stadt sind jetzt am Nachmittag besonders viele Menschen unterwegs. Massen an Touristen, und zwischendrin die rasenden Radfahrer. Ich verlasse zwischenzeitlich die angezeigte Route und lasse mich durch die kleinen Gassen treiben. Brücken führen über Kanäle, und drunter fahren Boote vorbei. Ich beschließe, am nächsten Tag eine Grachtenfahrt zu machen.

In einem überlaufenen Imbiss hole ich mir Pommes. Ungeachtet der Erzählungen meiner Kollegin ist die „große Portion“ (ihre Handzeichen reichten von der Brust bis zu den Knien 😉 ) eher eine… so la la Portion. Trotzdem werde ich satt.
Noch ein paar Fotos, bevor die Sonne immer tiefer sinkt. Und dann wird es Zeit, dass ich mich auf dem kürzesten Weg zum ausgewählten Coffeeshop begebe. So langsam hätte ich gerne ein gemütliches Plätzen, um mich niederzulassen.

Das „Green House“ befindet sich in einer ruhigen Ecke der Stadt. Ich nähere mich und stelle fest, dass das Ding total überlaufen ist. Von gemütlicher Atmosphäre ist nichts zu spüren, aber vielleicht, wenn man erst drin ist…?

Ich schlüpfe rein und quetsche mich an die Bar.

Die Leute hier sehen allesamt wie Kenner aus. Plötzlich kommt sich das brave Mädchen, das einmal böse sein möchte, ein wenig wie Grizzly-Futter vor.

So. Ich bin drin. Ich sitze da. Schaue mich um. Geschäftiges Treiben an der Bar. Doch keiner fragt mich, was ich möchte. Und Karten für seichte Drogen sehe ich auch nirgends ausliegen…  Aber jeder hier hat so ein Ding in der Hand. Irgendwo muss das doch her kommen…?
Ich spähe zu den Tischen. Ist hier Selbstbedienung oder kommt jemand hin? Spielt aber keine Rolle, jeder einzelner Tisch ist hoffnungslos überfüllt.
Ich hätte gleich heute morgen herkommen sollen, denke ich mir, dann wären die ganzen Leichen noch in ihren Betten gelegen.

Es kommen immer weitere Leute rein, schauen sich um, manchen gehen direkt wieder raus. Ich sollte langsam mal was zum Trinken bestellen, bevor mir hier noch jemand meinen Platz streitig macht.
„Can I have a tea, please?“
„Do you like a special one?“ In den Augen der Bardame meine ich, ein wissendes Lächeln zu erkennen. Verdammt, trinkt man das Zeug hier neuerdings auch als Tee…?
„No, a normal one, please.“
„A black tea?“ Ach so, sie wollte nur wissen, welche Sorte du bevorzugst. Kasia, du Held.

Jetzt hatte ich einen Tee und meine Hände eine Beschäftigung. Beutel rein, warten. Beutel wieder raus. Honig rein. Am Tee nippen. Den Beigabe-Keks essen. Unauffällig zu den anderen schauen.
Ich war jetzt nun mindestens zwanzig Minuten hier, und habe immer noch nichts geraucht. Hilft alles nichts, ich muss wohl die „Ich bin eine Frau und so alleine hier“- Geschütze aufziehen.

Scheuer Blick nach links. Scheuer Blick nach rechts. Da sitzt jemand. Aha, Blickkontakt wird erwidert! Ein Lächeln andeuten, wegschauen, wieder am Tee nippen. Das Ganze zwei- bis drei Mal wiederholen. Dann, endlich, stellt sich der gewünschte Effekt ein.
„Are you alone here?“
„Yes.“ Tapfer lächeln. Selbstverständlich, was denkst du denn?
„Hi. I`am Iwan.“
Mein „Opfer“ hieß Ivan, war aber Italiener, und mit einem Arbeitskollegen hier zu Besuch. Ja, ich weiß, dass das ein russischer Name ist, sagt er gleich dazu, und jegliche Nachfrage erstirbt mir auf den Lippen.
Irgendwann, nach ein wenig small talk: „Why do you want to smoke anything?“
„I want to smoke“, sage ich und mache dabei ein hilfloses Gesicht, „but I don`t know how to order it.“

Ich hatte mich beim Hineingehen gefragt, was das da für befüllte, verschlossene Gläser da auf dem Tresen sind. Es standen zwei da, und der Inhalt sah für mein ungeschultes Auge wie… na ja, wie zerkleinerte Pflanzen aus. Sind das die Abgabemengen hier? Gehört das irgendwem? Haben das die Vorgänger vergessen oder stehen lassen, oder vielleicht wurde es ihnen zu viel…? Warum kümmert sich keiner um die Dinger? Soll ich mir daraus unauffällig einen drehen, oder doch lieber fragen? Aber dann kassiert die Bedienung das Zeug womöglich gleich ein, wozu schlafenden Hunde wecken…

Jetzt erklärte mir Iwan, dass es sich bei dem Inhalt dieser Gläser um eine Art Streckmittel für den Cannabis handelt. „Davon kann sich jeder nehmen. Aber richtiger Tabak ist zum Strecken besser.“
Ich dachte amüsiert daran, wie es wohl wäre, wenn ich mir aus dem Zeug tatsächlich vor aller Augen einen Joint gerollt hätte… 🙂
Cannabis gäbe es im hinteren Teil des Shops zu kaufen, erklärt mir Iwan weiter. Man kann es grammweise oder als vorgerollte Joints beziehen. „Ich habe schon was gekauft“, sagt er, und dass ich von ihm haben kann, wenn ich möchte. Doch ich will mein eigenes haben.

Ich laufe also nach hinten, während Iwan und sein Kollege mir den Platz freihalten. An der Verkaufstheke hinten angekommen sehe ich, dass eine Preisliste ausliegt. Verschiedene Sorten samt Beschreibung. Auf Niederländisch. Verdammt.
Ich mache ein kluges Gesicht und fange an zu lesen. Neben mir stehen zwei Männer, der eine gibt dem anderen ein Tütchen in die Hand und sagt verschwörerisch: „It`s very good, very, very strong.“ Er macht eine Geste wie ein italienischer Koch bei einer Lasagne-Verkostung.

Oje. Das Grizzlyfutter-Gefühl stellt sich wieder bei mir ein.

Dann stehe ich plötzlich vor dem Tresen, direkt vor dem Verkäufer, alle anderen haben schon bekommen. Was, ging es jetzt doch so schnell? Oh man…
Der Verkäufer fragt mich auf holländisch, was ich möchte.
„Hi.“ Sage ich. War das richtig so? Ist es so auf holländisch korrekt gewesen?

Er fängt an zu grinsen. „Hi.“ Zwei große, fragende Augen schauen mich an, oh man, Kasia, jetzt musst du was sagen, auch wenn du keine Ahnung hast, was du möchtest, fang an zu reden…
„Ähm… do you have something light… not so strong… something for beginners?“

So, geschafft, Bestellung abgegeben, ich bin grün hinter den Ohren, jetzt ist es raus.

Er dreht sich um, geht gezielt auf ein Tütchen zu, nimmt es in die Hand, wiegt es kurz, zögert, greift nach einem anderen, wägt ab, entscheidet sich dann doch für das erste, dreht sich wieder zu mir um.
„Das ist das leichteste, das ich habe.“ Sagt er. Oh, vielleicht wird es wieder zu leicht sein? Ich frage ihn nach der Sorte „white widow“, die hat Laura, meine Kollegin, mir empfohlen. Nein, das hat er leider nicht. Dann nehme ich eben dieses, wird schon gut werden.

Zurück an der Bar, lasse ich mir den ersten von Iwan rollen. Aha, zumindest weiß ich jetzt, was ich mit dem ganz harten Papier anfangen soll, und wozu das rote, gezackte Dreh-Dings zu gebrauchen ist. „Damit zerkleinerst du deinen Cannabis.“

Angezündet, gezogen.

„Und? Gut?“
„Ja.“ Gespielte Begeisterung. Ich merke rein gar nichts.
Nachdem ich allerdings zu ende geraucht habe, stellte sich so etwas wie ein Entspannungsmoment ein.
Den zweiten will ich mir selbst drehen. „Gut, aber ich gebe dir jetzt etwas von meinem.“ Besteht Iwan.
Das mit dem Rollen klappt nicht. Nachdem ich den Filter einigermaßen gut geformt habe, will das weiche Papier um keinen Preis an seinen Platz. Die Beiden Männer ließen mich soweit in Ruhe machen, doch als er feststellt, dass ich das so gar nicht kann, zeigt mir Iwan jetzt nochmal, wie es geht. Ein bisschen öfter als nötig greift er dabei meine Hand (oje, denke ich, lass das Ding schnellstmöglich gerollt sein…)

So, das Tütchen ist schon fast fertiggedreht (…was macht denn die Hand da an meinem Rücken…?). Noch ein letztes Mal rollen, dann wird zugeklebt. (Die Hand verschwindet wieder. Erleichterung. Was habe ich mir da bloß angelacht?)
Überraschtes Erstaunen beim ersten Zug. Das schmeckt ja fabelhaft! Intensiver als der vorherige, würziger, irgendwie duftender. Auch die Wirkung ist irgendwie… anders? Es verändert sich etwas, und dann doch wieder nicht. Aber was genau verändert sich? Ich merke, wie ich die ganze Zeit schon auf das Geschirrtuch am Tresen starre.

Iwan hat Hunger.

„Ich nicht.“ Sage ich betont fröhlich und entspannt, um einem eventuellen „kommst du mit?“ vorzubeugen.
„Ich weiß.“ Sagt er.
Die beiden verabschieden sich. „Vielleicht sehen wir uns ja nochmal, wenn du wieder hierher kommst?“

Bestimmt nicht.

„Weiß nicht, ich will noch gerne andere Shops testen…“ Wir wünschen uns eine gute Zeit. Anfragen nach der Telefonnummer oder Facebook kommen Gottseidank nicht.

Der schmackhafte Joint ist viel zu schnell zu Ende. Ich werde zunehmend ruhiger. Doch dieses völlige Entspannungsgefühl, auf das ich aus war, will sich irgendwie nicht einstellen. Es ist voll, es ist laut, immer wieder drängelt jemand an mir vorbei.

Irgendwann bekomme ich Lust, alle anzulächeln. Eine Art universelle Zuneigung für alle anwesenden Menschen macht sich bei mir breit.

Ich reiße mich zusammen.

Nach einer gewissen Zeit wird der Hocker ziemlich unbequem. Ich rauche nicht das ganze Tütchen zu Ende. Den Rest nehme ich mit und beschließe, mich auf die Suche nach einem gemütlicheren Coffeeshop zu begeben. Oder sogar gleich ganz ins Hostel zurück zu gehen. Für heute hatte ich schon genug erlebt.

Auf dem Weg nach Hause (=Hostel) tragen mich meine Füße wie von alleine. Auch die Kälte ist kaum mehr spürbar. Doch Moment, ich hatte noch…
Im Gehen krame ich eine der Pralinen aus der Tasche, die Stefan aus Polen für uns mitgenommen hat. Vor der Abfahrt hatte ich mir eine Handvoll in den Mantel gesteckt. Ich wickele die Silberfolie ab, beiße hinein.
Oh mein Gott.
Wann haben mir denn die Dinger schon mal so gut geschmeckt? Ich will noch eine. Ich habe noch… eins, zwei… vier. Ich esse eine nach der anderen. Auch der Schoko-Hippie mit der Milchcreme-Füllung muss dran glauben. Nix mehr da, schade. Ich hätte mir mein Snickers, das ich heute Mittag schon vernichtet habe, lieber für jetzt aufheben sollen.

Täusche ich mich, oder kommen da missbilligende Blicke von den Passanten? Ich gebe mir Mühe, nicht zu schwanken und versuche, betont gleichmütig auszusehen. Und hoffe, dass es nicht auf meiner Stirn geschrieben steht: „Ich bin stoned.“ Habe ich vielleicht rote Augen? Nein, kann nicht sein, schließlich habe ich Augentropfen genommen. Oder ist es der Geruch? Vielleicht ziehe ich eine Duftwolke hinter mir her? Ach was, denke ich, hier riecht doch die ganze Stadt so. Den Unterschied merken die doch gar nicht.

Im Hostel suche ich mir mein Zimmer. Wie war das, Zimmer 117, Bett 7?
Das Hostel ist eine ehemalige Schule, und das merkt man auch. Das „Design“ wirkt unbeholfen, wie wenn Schüler selbstgebastelte Kunstwerke drapieren und damit ihre Klassen schmücken.
Die Schlafräume… ich hatte mit großen, belebten Zimmern gerechnet, in denen man sitzen und quatschen kann und so schnell mit anderen in Kontakt kommt.  Doch als ich bei der Ankunft zum ersten Mal in einen solchen hineinschlüpfte, war es völlig abgedunkelt, nur am Eingang am Waschbecken brannte Licht. Zwei Gestalten, erst auf den zweiten Blick erkennbar, sitzen im hinteren Teil des Raumes. Der Mann springt sofort schuldbewusst von einem offensichtlich frisch bezogenem Bett hoch.

„Which number do you have?“

Ich teile mir das Zimmer mit einem jungen Pärchen, wie sich herausstellt. Lisa ist aus Deutschland, ihr Freund Björn aus den USA. Sie erzählt mir im Flüsterton, dass die schlafende Gestalt in anderen Bett ein junger Mann sei, der schon seit gestern Abend so schläft. Sie hatten noch keine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, wissen also nicht, wo er herkommt. Obendrüber schliefe auch ein Amerikaner, der sei aber momentan nicht da.
Das würde auch erklären, warum die Lichter bis auf das am Waschbecken am Eingang gelöscht sind.
Björn verließ eilig mein Bett, das er bis eben belagert hatte.
Doch viel unterhalten konnten wir uns leider nicht. Gesprochen wurde nur im Flüsterton, um die anderen nicht zu wecken.

Die „Wochenend-Leichen“ ließ man respektvoll in Ruhe schlafen.

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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