Europa, Niederlande

Amsterdam – Allein in einer fremden Stadt

Amsterdam, Januar 2016

Ich habe es getan. Ich habe Amsterdam gebucht. Das Wetter soll am Wochenende besser werden als bisher. Kalt, aber voller Sonnenschein. Und ich erfülle mir einen kleinen Traum…

Es ist schon lange mein Wunsch, der Stadt mit den Grachten einen Besuch abzustatten. Der ursprüngliche Plan, mit einer Freundin hinzufahren, hat sich bisher nicht realisieren lassen, und da Stefan nicht mit möchte…
…aber ich will hin! Und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – in meinem Falle ein Busticket. Auf geht’s.

Nur kurz wiege ich die Vor- und Nachteile ab.

Der Nachteil ist: Ich bin alleine dort.

Es wird niemand auf mich aufpassen, wenn ich benebelt spät abends ins Hostel torkele. Das werde ich schon schön alleine machen müssen. Es wird niemand da sein, wenn ich etwas nicht vertragen sollte. Das ist dann meine Verantwortung.

Der Vorteil ist: Ich bin alleine dort.

Ich kann mich treiben lassen, so wie damals am Bodensee. Niemand lenkt mich irgendwohin, ich teile mir selbst die Zeit ein. Ich kann in aller Ruhe entspannen, ohne Angst haben zu müssen, dass es mit irgend jemanden nicht „harmoniert“.

 

Amsterdam Light Festival

Dies ist der Grund, warum ich so spontan „ausgebrochen“ bin. Die schmucken Häuser, getaucht in farbiges Licht, das sich im Wasser der vielen Kanäle spiegelt… irgendwo in der Apothekenumschau habe ich das gelesen. Ja, ich denke, die Umschau ist schuld. Ich stelle es mir bezaubernd vor. Und ja… es geht mir vor allem um die Stadt. Um die Romantik. Aber… man soll ja offen sein, und sich nicht vor Erfahrungen verschließen… und mitnehmen, was geht…

Beim Light Festival tauchen Lichtkünstler aus aller Welt die Stadt in farbige Lichterilluminationen. All das muss wirken wie ein Zaubermärchen. Man kann die Lichter zu Fuß oder im Rahmen einer Bootsfahrt durch die Grachten erkunden.

Das Festival gibt es seit 2012 und es zählt zu den größten seiner Art in Europa. Drei Wochen lang von Dezember bis Januar dauert das Fest, ausreichend Zeit also, um sich aufzumachen in das kalte Venedig des Nordens. Doch als ich von dem Festival erfahre, dauert es nur noch ein letztes Wochenende an. Dieses Wochenende. Dies ist eine Aktion für Schnellentschlossene.

Dies ist eine Aktion für mich.

Freitag Abend am Mannheimer Busbahnhof. Stefan bringt mich zum Bus und wartet solange, bis die Linie nach Amsterdam um die Ecke biegt und in einer der Buchten stehen bleibt. „Schick Bilder!“ Sagt er. Ich klettere in den Bus. Ohrstöpsel rein, um dann in einen ziemlich festen Schlaf geschaukelt zu werden.

 

Amsterdam in ten minutes

„Amsterdam in teeen minutes…! In ten minutes – Aaamsterdam!“

Die Durchsage weckt mich, ich suche meine Sachen zusammen. In den Fenstern sehe ich die vielen Lichter der Stadt. Ich lüfte den Vorhang. Das dunkle Wasser der Grachten zieht an uns vorbei. Wir nähern uns dem Bahnhof Sloterdijk.

Aussteigen. Sofort erfasst mich eine Windböe. Scheiße ist das windig! Meine Daunenjacke, die ich aus lauter Eitelkeit fast zu Hause gelassen hätte, ist entschuldigt. Ich krame meine Mütze raus und ziehe sie mir tief über die Ohren.

Was jetzt?

Erstmal ins Bahnhofsgebäude und in die nächste Toilette. Zähne putzen, frisch machen.

Dann wieder zurück in die Eingangshalle. Der Bahnhof ist recht klein, entspricht in etwa dem in Mannheim. Mir fehlen Bänke, Plätze, um sich niederlassen zu können, eine Art Warteraum. An einer Säule stelle ich meinen Rucksack ab und versuche, mich zu orientieren.

Nach ein paar Irrläufen über das Bahnhofsgelände habe ich in etwa die Richtung raus und beginne mit meiner Wanderung. Ziel: das Hostel. Ich hatte schon geahnt, dass sich diese ziehen würde. Doch ein bisschen Bewegung wird mir schon nicht schaden, denke ich und denke dabei an die vielen kleinen Polster, die sich seit Weihnachten angesammelt haben.

Überall sind Radwege zu sehen. Ein Paradies für Radler. Aber wo sind sie, die Radfahrer?

„Radfahrer sind in Amsterdam an jeder Ecke anzutreffen, sie sind überall und sie dürfen fast alles.“ Quelle: Marco Polo. Ein einsamer Roller tuckert an mir vorbei. Dann ein zweiter und ein dritter. Keine Radfahrer. Vielleicht weil Winter ist.

Doch da, da ist einer!

Auf einem Parkplatz dreht er einsam seine Runden.

Doch meinen Eindruck zum Thema Fahrrad sollte ich schon bald revidieren. Sie sind wirklich überall. Sie sind schnell, und sie sind gefährlich. Man muss sich in Acht nehmen. Mehr als nur einmal bekomme ich einen Schreck. Man spürt einen Windstoß, dreht sich um, erschrickt sich zur Tode… dann ist der Verursacher auf zwei Rädern auch schon auf und davon.

 

Die Holländerin

Die Häuser werden immer schöner, je näher ich dem Stadtzentrum bin.

Nanu? Ich stocke. Was ist das denn für ein süßlicher Geruch? Der Geruch ist überall, er scheint aus den kleinen Gassen rundherum zu dringen. Doch je länger ich gehe, umso weniger registriere ich ihn. Und irgendwann beginnt meine Nase, es auszublenden, ich weiß nur noch, dass da etwas ist.

Ich halte an einem Schaufenster. Eine Bäckerei, mit eindeutig orientalischen Betreibern – und Gästen. Klar, ich befinde mich noch im Außenbezirk. Die Croissants ziehen meine Aufmerksamkeit an. Ein Euro das Stück. Der Wunsch nach einem Frühstück macht sich bemerkbar. Ich gehe rein.

„Good Morgen!“

War das so? Oder so ähnlich? Aber es scheint in etwa zu stimmen, denn ich bekomme eine Antwort, die ich nicht verstehe, und werde gefragt, was ich möchte. Ein Croissant. „Bedankt.“ Ich lächle, packe mein Croissant und gehe wieder auf die Straße, stolz wie Oskar, dass ich mich mit dem bisschen Google-Holländisch irgendwie durchgemogelt habe.

Das Croissant ist anders, als ich es von hier kenne, und sehr lecker. Es ist süß, fast scheint es, als wäre es vor dem Backen mit Zuckerwasser bestrichen worden.

Am nächsten Postkartenstand mache ich wieder halt. Postkarten wollte ich noch holen, und ein Magnet für Franci.

An der Kasse spricht mich der Verkäufer sogleich auf englisch an. Die erkennen schon ihre Touristen, denke ich. Beim Bezahlen frage ich ihn nochmal, wie denn „Guten Morgen“ auf Niederländisch richtig heißt. Er sagte ganz schnell zwei Wörter. Es hört sich an wie „Hotmagen“ an. Ratlos stehe ich da und schaue ihn an. Er sagt es mir nochmal langsam, lässt mich wiederholen.

„So wie Guten Morgen auf Deutsch“, sagt er. Überhaupt scheint er sich zu freuen, dass sich jemand so viel Mühe mach. Zumindest strahlt er übers ganze Gesicht. Und auch ich laufe beflügelt wieder raus. Mit meinem „Hautenmorgen“ käme ich schon irgendwie als Holländerin durch.

Doch schon an der nächsten Ecke sollte ich eines Besseren belehrt werden.

Schuhe für Alex.

Es gibt diese Miniaturausgaben von holländischen Clocks, und genau solche hat sich meine Arbeitskollegin gewünscht.

Ich gehe an die Marktbude heran.

„Hut`rgen!“

Fast augenblicklich fängt der Verkäufer an, mit mir englisch zu sprechen, und ein belustigt-mitleidiges Lächeln spiegelt sich in seinem Blick. Kleinlaut drücke ich ihm die Schuhe in die Hand. War wohl nix mit der Holländerin.

 

„Allein in einer fremden Stadt…“

…allein in Amsterdam…“

Heute Morgen, als ich vom Bahnhof aus meine Tour beginne und die Kälte des Morgens meine Wangen zum Glühen bringt, fällt mir dieses Lied ein, welches ich früher in fast jeder Disco gehört hatte. Wie passend es jetzt erscheint.

Das Lied turnt in meinem Kopf herum.

Irgendwann erreiche ich das Zentrum und die Dichte der Coffee Shops erhöht sich bei jedem Schritt. Der Wind wird immer stärker und zeitweise fühle ich mich von hinten angeschoben wie von einer unsichtbaren Hand, bis ich in eine Art Galopp verfalle. An manchen Fahrradständern haben die umgewehten Räder eine Art Domino-Effekt erzeugt; eines schob das andere an. Reihenweise liegen sie jetzt auf den Gehwegen.

Doch hier, in den geschützten Seitengassen der Altstadt ist alles schön ruhig und der süße, intensive Geruch von vorhin hängt wie ein Schleier über allem. Einige der Coffee Shops haben bereits geöffnet. Es könnte ja sein, dass sich ein Tourist, der nur auf das eine aus ist, hinein verirrt. Es ist früh morgens, kurz nach halb neun.

Ich komme an „Popeye“ vorbei und einigen anderen, auf die ich bereits bei meiner Google-Recherche gestoßen bin. Allerdings wird der Rucksack immer schwerer… und so groß die Neugier auf das „Verruchte“ und „Verbotene“ ist, ich will zuerst zum Hostel und meine Sachen ablegen.

So steuere ich weiter mein künftiges Domizil an.

 

Die Museen von Amsterdam

Am Ende einer engen, mit kleinen Läden und Shops bestückten Gasse komme ich an einer Kreuzung an. Ich bleibe stehen und lehne mich an eine Ecke. Es nieselt matschigen Schnee. Zwischenzeitig klart es auf, nur um dann wieder von neuem anzufangen. Am anderen Ende der Kreuzung sehe ich einen wunderschönen Gebäudekomplex, von dem ich noch nicht wusste, was es war. Wahrscheinlich ein Museum, denke ich. Die Sonne kommt kurz heraus und beleuchtet die Fassade, die anfängt, golden zu glänzen.

Hier ist so ziemlich jedes dritte Haus ein Museum. Amsterdam ist ein unglaublich kulturelles Pflaster, es hat eine hohe Museensdichte. Rund 75 Museen gibt es hier für die rund sieben Millionen Besucher, die jedes Jahr kommen. Bekannt sind unter anderem das Rijks Museum, welches eine große Sammlung an Kunstwerken enthält; das Van Goth Museum und das Anne Frank Museum, doch auch die vielen Erotik- und Foltermuseen machen den Charme der Stadt aus.

Wer viel in kurzer Zeit sehen will, für den könnte sich die Museumscard oder der Amsterdam Pass lohnen.

Die Museumscard ist eine personifizierte Karte ähnlich einem Ausweis, die 59,90 kostet und für über vierhundert Museen in den Niederlanden gilt. Es gibt sie für Einheimische und für Touristen; für weitere Informationen schaut auf amsterdam.info oder auf adaminfo.amsterdam.ticketbar.eu rein.

Der Amsterdam Pass hingegen ist für Touristen gedacht und bietet einen kostenlosen Eintritt zu über 45 Attraktionen.

 

Der Dam

Eine oder zwei Straßen weiter kam ich an einem großen Platz vorbei, dem Dam.

„Der Dam ist der zentrale Hauptplatz der Stadt Amsterdam und der bekannteste Stadtplatz der Niederlande. Er liegt im Zentrum des mittelalterlichen Stadtkerns…“ Wikipedia-Wissen klingelt in meinen Ohren. Da ist er also, der zentrale Platz der Stadt, bereits im 13 Jahrhundert im zugeschütteten Flussbett der Amstel errichtet. Alles konzentriert sich hier: die prachtvollen, hohen Hausfassaden, Museen, auch ein Madame Tussauds ist anzutreffen. Die Mitte des Platzes bildete ein Denkmal, bestehend aus einer weißen Säule, dem Nationalmonument, Mahnmal und Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkrieges.

Was mich dazu bringt, stehen zu bleiben, ist der prachtvolle Königliche Palast aus dem 17 Jahrhundert, der von reichen Bürgern erbaut wurde. Ursprünglich sollte er als Rathaus dienen, doch während der französischen Besatzung machte Luis Bonaparte das Bauwerk zu seinem Palast. Auch nach Ende der französischen Besatzung blieb es dabei; das niederländische Königshaus kaufte das schmucke Gebäude und machte es zu seinem repräsentativen Palast.

Doch der Schneematsch, der jetzt wieder verstärkt vom Himmel fällt und der Wind, der ihn mir ins Gesicht treibt, machen das Fotografieren nahezu unmöglich. Keine Chance, ich muss morgen wiederkommen. Ich stelle mich unter, bis das Schlimmste vorbei ist, dann laufe ich weiter. Ich bewundere die Schönheit der Stadt und versuche dennoch, schnellstmöglich vorwärts zu kommen.

 

Das Stayokay Zeeburg

Eingebucht habe ich mich in einem Hostel, dem Stayokay in Zeeburg, Amsterdam. 6 Betten, ein gemischtes Zimmer, damit es nicht langweilig wird. Ein reines Frauenzimmer wollte ich nicht.  Wer weiß wem man so begegnet, Mädels unter sich können so unentspannt sein… bestenfalls. Schlimmstenfalls trifft man nur Zicken.

Das Hostel ist „in einem alten Schulgebäude aus dem 1900 Jahren untergebracht“ und es ist „nur 15 min mit der Bahn bis zur Innenstadt.“ Es hat eine „imposante, beeindruckende Fassade“ und die Zimmer sind von einem Designer entworfen worden. Ich checkte die Entfernung auf Maps, doch bisher schien alles so zu stimmen. Nähe Innenstadt, na ja…

Ein gemischtes Zimmer, also werden Schlafmaske und Ohrstöpsel unerlässlich sein. Aber wahrscheinlich werde ich so stoned sein, dass ich eh nichts um mich herum mitbekommen werde.

Apropos stoned, da kommen wir auch schon zum Grund meines Amsterdam-Besuches… die bezaubernde Altstadt sehen und die Grachten natürlich.

Natürlich…

Einchecken ist erst ab 14 Uhr möglich, aber es gibt die Möglichkeit, seine Sachen vorher schon einzuschließen, um schon mal eine Erkundungstour durch die Stadt zu machen. Ich spekuliere darauf, Menschen kennen zu lernen, je nachdem, wie viel um dieser Jahreszeit dort los ist. Es ist die letzte Woche, in der das Lichterfestival stattfindet.

Das „Stayokay“ liegt am anderen Ende der Stadt, so ziemlich genau gegenüber dem Busbahnhof, so dass ich quer durch die gesamte Altstadt laufen muss, um es zu erreichen. So langsam machen sich meine Beine bemerkbar. Ich bin inzwischen schon zwei Stunden unterwegs. Als ich am Zoo Natura Altis Magistra vorbei gehe, glaube ich, schon fast da zu sein. Rosarote Flamingos kauern inmitten trockener, kahler Äste in der Kälte. Das habt ihr euch auch anders vorgestellt, was?

Nach elf komme ich in „Stayokay“ an. Ich lasse mir die Zimmerkarte geben, checke ein, zahle. Doch aufs Zimmer darf ich erst in drei Stunden. Was nu?

Die Bar hat noch nicht geöffnet, doch ich spüre, ich muss mich hinsetzen, sonst fallen die Beine unter mir ab wie die verfaulten Glieder einer Moorleiche. Erstmal in den Aufenthaltsraum. Die Sachen ablegen. Dann sitze ich einfach nur da. Müde. Erschöpft. Lasse meine ersten Eindrücke Revue passieren. Um mich herum warten noch andere. Alle sehr jung. Es wird englisch gesprochen, und zwar wesentlich besseres Englisch als das meine. Muss mal wieder in die Bücher schauen, denke ich schuldbewusst…

Die Minuten vergehen. Meine Gliedmaßen fühlen sich mit Wärme. Die Müdigkeit fällt ab. Die Beine spüren, dass sie noch am Körper hängen. Die Lebensgeister kommen langsam wieder. Was nu?

Ich schließe meine Sachen ein und beschließe, zurück in die Stadt zu laufen. Vor allem, da jetzt das Wetter draußen wieder mit neuem Sonnenschein lockt. Noch schnell eine „bin angekommen“ Mail an Stefan abschicken, dann geht’s auch schon weiter.

 

Der schwimmende Blumenmarkt

Brr… immer noch kalt. Der Sonnenschein macht, von einem warmen Raum aus betrachtet, einfach mehr her.

Diesmal wähle ich eine andere Route in die Stadt. An den Ufern der Grachten wachsen gelbe Tulpen. Tulpen? Um die Jahreszeit? -überlege ich. Und überhaupt, was haben die Holländer bloß mit ihren Tulpen? Gibt es in jedem Land eine Art Nationalpflanze? Von Nationalgerichten habe ich schon mal was gehört.

Die Radwege sind hier sehr breit. Überhaupt habe ich noch nirgends so gut ausgebaute Radwege gesehen. Ein Fahrradweg ist genauso breit wie der sowieso schon sehr geräumige Fußgängerweg. Radspur in beide Richtungen. Auf jeder Straßenseite.

Und es gibt sie überall. Selbst wenn es mal einen Fußgängerweg nicht geben sollte, sei dir versichert, lieber Leser, ein Radweg findet sich unter Garantie.

Ich komme am Schwimmenden Blumenmarkt vorbei. Auf den zweiten Blick erkenne ich ihn als solchen. Da ich mehr oder weniger „blind“ laufe (das Handy mit Maps mal ausnahmsweise tief in die Tasche gesteckt), hatte ich nicht erwartet, so schnell darauf zu stoßen.

Ich laufe durch. Sehr viele Menschen tummeln sich hier. Tatsächlich, die Buden der Händler befinden sich auf dem Wasser. Sie sind sozusagen angebaut. Doch auf den ersten Blick merkt man nicht viel davon, ich hatte mir das ganze, als ich darüber gelesen habe, etwas… instabiler vorgestellt.

Und dann diese Vielfalt an Blumen! Mein kleines Gärtnerherz macht einen Hüpfer. Diese Anzahl an Tulpen, an verschiedensten Zwiebeln. Ich betrete eine dieser schwimmenden Blumeninseln. Der Duft! Reihe an Reihe Zwiebeln, Samen, Schnittpflanzen, und vor allem Tulpen. Und davon jede nur erdenkliche Art. Ich laufe an schwarzen Callas vorbei.

Und da… sind das… Cannabis-Samen? Ja, tatsächlich. In der nächsten Bude genauso. Liegen ganz ruhig, sorgfältig aufgereiht, direkt neben Tulpenzwiebeln. „Zieh dir deine eigene Cannabispflanze“, lese ich auf der Preistafel. Unglaublich nähere ich mich dem Stand. Zieht euch das rein! Du, Dame im weißem Mantel, die gerade eine Packung in den Händen hin und her dreht… willst du etwas kaufen? Nein? Dann räum den Platz, ich will ein Foto machen…! Das glaubt mir zu Hause sonst kein Mensch. Endlich schwebt sie davon und ich bekomme meine Beweisfotos.

 

Die Coffeeshop-Kultur in Amsterdam

Doch wie kommt es zu der – im Unterschied zu anderen Ländern – liberalen Haltung der Niederländer zum Cannabiskonsum? Wie entwickelte sich Amsterdam zu dem Mekka für Möchtegern-Kiffer, als das es heute gilt?

Die Cannabis-Kultur in den Niederlanden entwickelte sich in den wilden 60er Jahren, wo neben harten Drogen wie Heroin oder Opium eben auch leichte Drogen konsumiert wurden. Man muss dazu sagen, dass das damalige Marihuana nicht viel mit den heutigen, hochgezüchteten Sorten gemein hat, die im Großen und Ganzen eine stärker berauschende Wirkung haben.

Damals waren die niederländischen Anti-Drogen-Gesetze ziemlich repressiv. Doch in der Praxis dar das vorrangige Ziel die Zerschlagung des Marktes für harte Drogen. Den Cannabis-Konsum zu verfolgen hatte nicht die oberste Priorität. Ende der Sechziger Jahre führte man eine Trennung zwischen „harten“ und „weichen“ Drogen ein und Cannabis wurde praktisch entkriminalisiert.

In diesem politischen Klima entwickelten sich die ersten Coffeeshops. Das erste soll das Mellow Yellow gewesen sein, das sich zunächst als Teeshop bezeichnete. Obwohl die Politik die Shops nicht schließen ließ – illegal waren sie trotzdem noch. 1976 wurde das Betäubungsmittelgesetz überarbeitet und Cannabis als „leichte Droge“ war ab sofort Sache des Gesundheitsministeriums.

Die Entstehung der vielen Coffeeshops machte irgendwann das Einführen von Auflagen notwendig. So durften beispielsweise nicht mehr als 30g verkauft werden, der Lärm durfte die Nachbarschaft nicht stören und es durften keine harten Drogen verkauft oder gelagert werden. Auch der Verkauf an Kinder und Jugendliche war gesetzeswidrig.

Was zu der zunehmend toleranten Haltung der Behörden gegenüber Cannabis-Verkaufsstellen beitrug, waren nicht zuletzt die Einnahmen, die der Staat sich nicht durch die Lappen gehen lassen wollte. Ein lukrativer Markt entwickelte sich, der Millionenumsätze machte. Der Fokus lag daran, den Cannabiskonsum nicht in den Untergrund verschwinden zu lassen. Der illegale Straßenverkauf sollte weitgehend eingedämmt werden.

In den nächsten Jahren entwickelte sich ein regelrechter Cannabis-Tourismus. Millionen an Besuchern geben an, eigens aus diesem Grund nach Amsterdam zu kommen. Die Stadt ist überlaufen.

Doch seit ein paar Jahren ändert sich der Wind in Amsterdam. Die Auflagen für Coffeeshops werden immer härter, vor allem die verschärften Abstandsregelungen zu Schulen und Kindergärten führen dazu, dass immer mehr Läden schließen müssen. Und so gibt es trotz des gesteigerten Bedarfs eine zunehmend restriktive Haltung.

Auch der Bezug größerer Cannabis-Mengen ist im Grunde noch immer illegal. So kommt es, dass der Verkauf von Coffeeshopbetreibern peinlichst genau für das Finanzamt dokumentiert werden muss, während der Bezug nirgendwo auftaucht. Auch dürfen nicht mehr als ein halbes Kilo gelagert werden, so dass die Betreiber ständig für Nachschub sorgen müssen. Eine skurrile Situation.

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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