Afrika, Senegal

Eindrücke vom Straßenrand

Es ist eine lange Fahrt bis zum Lompoul Camp. Eine monotonne Landschaft zieht am staubigen Fenster vorbei. Zwischendurch halten wir mal an Tankstellen, sei es, um zu tanken oder sei es, um zu verschnaufen. Dann geht es wieder weiter. Bilder tauchen auf und fliegen davon, fließen ineinander über. Straßenszenen, Aufnahmen des Lebens. Rinder, welche am Straßenrand herumstehen. Ziegenherden. Ausladende Akazien, Baobab-Bäume mit mächtigen Stämmen. Fliegendes Plastik. Ziegen, die sich an den Müllhalden hinter den Orten zu schaffen machen.

Senegal ist übel, was das Müllproblem anbetrifft. Und vielleicht entspring dies einer unbekümmerten Sorglosigkeit der Menschen, denn alles an Verpackung, was anfällt, wird einfach dort hingeworfen, wo man gerade steht. Menschliche Siedlungen sind an den Müllflächen um sie herum erkennbar, buntes Plastik verfängt sich wie leuchtende Blüten in den Sträuchern. Eine fehlende Infrastruktur, um den Müll loszuwerden, ist sicher ein Teil des Problems. Doch nicht überall in Senegal ist es so. Einige Gemeinden haben im Alleingang so etwas wie eine Müllabfuhr organisiert: Mitarbeiter dieser kommunalen Einsatzkommandos, an ihrer Kleidung erkennbar, kehren den anfallenden Abfall zusammen. Dieser wird dann verbrannt. Es ist sicherlich keine ideale Lösung, aber mangels anderer Möglichkeiten eine Alternative.

Der Fahrer verlangsamt kaum das Tempo, wenn wir Ortschaften erreichen. Auch Kurven sind kein Grund, um langsamer zu machen, ebenso wenig wie Tiere oder spielende Kinder auf der Straße. Jedes Lebewesen hier in Senegal weiß inzwischen genau, dass man sich vor einem ankommenden Fahrzeug in Sicherheit bringt, und das tun sie auch. Ohne übertriebene Eile und mit stoischer Ruhe. Manchmal weicht ein Rind oder eine Kuh in letzter Minute, jedoch nie mit Eile. Als ob sie sagen wollte: „Ja, mag sein, dass ich sterbe – aber ich nehme dich mit mir.“

Zwischendurch macht uns Mamadou auf Besonderheiten aufmerksam. Sei es die Tatsache, welche Gemüsesorten in jener Gegend, die wir durchqueren, angebaut werden oder sei es die Geschichte mancher Orte, die wir passieren.

Wie den besonderen Fakt, dass der Ort Thiès, den wir durchfahren, sozusagen als die Hauptstadt der Senegalesischen Eisenbahn bezeichnet wird. Über Thies führt die erste Eisenbahnstrecke in Westafrika, die 1287 km lange Bahnstrecke Dakar-Niger. 641 Kilometer dieser Eisenbahnstrecke liegen in Mali. Heute ist die Stadt Thies hauptsächlich für Teppichherstellung bekannt.

Doch im Vorbeifahren haben wir sogar die Gelegenheit, zwei Mal einen schweren Güterzug beim Überqueren der Gleise zu sehen. Einmal, als die Schranke vor uns schließt und wir so zwangsausgebremst werden. Mit lautem Rumoren fährt der Zug vorbei, Waggon für Waggon. Stefan ist aus dem Häuschen, hängt mit der Kamera an der Frontscheibe des Wagens und macht fachmännische Bemerkungen. Ich, die ich mich null für die Eisenbahn interessiere, nicke und mache ein aufmerksames Gesicht. Schließlich ist der Spuck vorbei, die Schranke geht hoch, wir können weiter.

 

Der Handwerkerort Mékhé

Unterwegs gibt es noch mehr Handwerk. In Mékhe (oder Méckhé) halten wir an Flechtkorbständen, die sich links und rechts entlang der Hauptstraße ziehen. Die Korbflechter haben ihre Waren ausgebreitet und Mamadou lässt uns von der Leine. „Schaut euch um.“ Rät er, und ich befürchte schon, von Händlern umringt zu werden. Langsam wagen wir uns vor – und nichts geschieht. Hier sind die Menschen zurückhaltend und freundlich, scheinbar nicht wirklich an uns interessiert. Die Flechtwaren reichen in ihrer Vielfalt über Körbe und Tabletts, Untersetzer und Behältnisse für Krimskrams bis hin zu großen, langen Flechtkörben für den Transport von Waren. Zudem kann man getrocknete Hibiskusblüten zur Herstellung von Bissap, dem senegalesischen Nationalgetränk, erstehen.

Mamadou ist inzwischen zu uns gestoßen und macht uns aufmerksam. Wie auf diese großen Müllsäcke, die zum Verkauf feilgeboten werden und bis zum Rand mit zerkleinerter Pappe gefüllt sind. Die Pappe stellt in mageren Zeiten eine haltbare Nahrungsquelle für das Vieh, vorwiegend für Ziegen, dar. Der Verdauungstrakt der Tiere ist imstande, Cellulose zu spalten.

Ziegenfutter

Wir sind nicht alleine; erstaunlich viele Touristen, an den bisherigen Verhältnissen gemessen, schleichen um die Verkaufsstände. Die zurückhaltende Art der Verkäufer hier ermuntert uns und es geschieht so etwas wie ein kleines Wunder: zum ersten Mal in Senegal kaufe ich etwas. Nun ziert ein türkisblauer Flechtkorb den Kofferraum des Wagens und ich verdränge den Gedanken daran, wie ich das Ding denn in meinem Reisekoffer verstaue. Wird schon werden. Die junge Verkäuferin posiert auf Nachfrage für ein Foto.

Doch nicht nur die Körbe beschäftigen mich. Interessiert schaue ich mich um, um das Leben und den Alltag um mich herum zu begreifen. Ein Pferdewagen wartet auf Passagiere, entspannt sitzen Männer im Schatten der Bäume. Kinder beäugen uns neugierig. Wir sind und bleiben ein Fremdkörper in dieser Welt, die wir schon bald wieder verlassen haben werden.

Der Automatenkaffee an den örtlichen Tankstellen schmeckt ausgesprochen gut. Mamadou fischt uns je einen Bechern heraus. Ein Päuschen haben wir uns verdient, bevor es weiter geht. Und was macht Kasia? Inspiziert die Warenauslagen des örtlichen Tankstellenladens. Schon in Saudi Arabien war es ein Erlebnis für sich, zwischen den Waren umher zu stöbern, wo sich Großpackungen Chips bis zur Decke stapelten zwischen Kochtöpfen, so riesig, dass selbige Großfamilie mit Leichtigkeit hinein gepasst hätte. Oder ein ganzer Hammel.

Aber das war Arabien, dies hier ist Senegal. Und hier finde ich vor allem alle möglichen Kaffeesorten, vor allem kräftigen Mokka aus Touba oder Mali, wahlweise mit einer würzig scharfen Pfeffernote. Ein Stückchen weiter gibt es Kochgewürze und diverse Kräuterchen und Pulver, deren Bedeutung sich mir auch auf den zweiten Blick nicht erschließt. Erst die Nachfrage bei Mamadou schafft Klarheit. Ich verlasse den Laden mit einen Päckchen Kaffee und Baobab-Pulver gegen Durchfall. Nicht dass der momentan nötig wäre, aber man weiß nie.

Einen oder zwei Orte weiter finden wir uns im Zentrum der Lederverarbeitung wieder. Alles erdenkliche aus Leder kann man hier beziehen, am beliebtesten scheinen die typischen, flachen und spitzen Lederschuhe sowie Gürtel und Sandalen zu sein. Senegal sei eine Partnerschaft mit Italien eingegangen, erzählt uns unser Guide. Die in Florenz und an anderen Orten verkauften, „italienischen“ Lederwaren würden von hier importiert, betont er.

Der Aufenthalt im Lederparadies ist kurz. Schnell haben wir uns umgesehen, meinem Stefan zum ersten Mal in seinem Leben eine Herrentasche verpasst und schon hat uns die Straße wieder. Monotonne Landschaft. Rinder, Ziegen, fliegendes Plastik, Akazien, Müll. Alle Farben verkommen zu einem undefinierbarem, staubigen Sepia. Trockenes Holz, trockene Steppe, trockenes Gras. Einzig der Mensch bringt ein wenig Farbe ins Geschehen. Vor allem die Frauen, schlank und aufrecht, mit Körben auf dem Kopf; ihre bunte Kleidung und Kopftücher flattern im Wind. Sie sind die einzigen leuchtenden Blumen weit und breit, welche die Landschaft hervorzubringen vermag.

Ein interessantes Detail ist mir von Anbeginn an ins Auge gesprungen. In Senegal fahren, wie in vielen anderen Ländern auch, viele Mopeds durch die Straßen. So weit, so gewöhnlich. Doch oft sehe ich, dass sie noch mit Polsterfolie umwickelt sind, was mir Fragen aufwirft. Ist das Fahrzeug von Werk gepolstert geliefert worden? Oder wurde die Folie nachträglich angebracht, um das Moped vor Schäden zu schützen? Wenn ich mir den Zustand anderer Fahrzeuge hier ansehe, vermute ich, dass eher die erste Option zutrifft. Vielleicht ließ man die Folie einfach am Fahrzeug, um es so weit möglich zu schützen. Leider versäume ich es, unseren Guide danach zu fragen. Weiß jemand von der Leserschaft die Antwort?

 

Mit dem Jeep geht’s weiter…

Wir biegen von der Hauptroute gen Westen ab, was mich ein wenig traurig macht, denn nun lassen wir das bunte Markttreiben hinter uns. Die Obst- und Gemüsestände haben sich entlang der Hauptroute organisiert; der Weg nach Lompoul ist bei weitem nicht so belebt. In erster Linie sieht man Dörfer, und gleich hinter ihnen die unvermeidlichen Müllfelder.  Jetzt am Nachmittag sehen wir Gruppen spielender Kinder auf und abseits der Straßen. Meist sind es Jungen, und sie spielen Fußball. Ab und zu fliegt eine Moschee vorbei; erreicht ein Fragment des Muezzingesangs mein Ohr. Dann folgt wieder lange Zeit ein Nichts.

Bei einem außerplanmäßigen Halt im Nirgendwo (auch ein Fahrer hat ab und zu mal ein Bedürfnis) gibt Mamadou einmal wieder welche von seinen kostbaren Infos an uns weiter. Diese Gegend um Thies herum ist, ungeachtet des ersten kargen Eindrucks, den sie hinterlässt, recht fruchtbar. Vieles wird genau hier angebaut, seien es Erdnüsse oder Hibiskus für den berühmten, senegalesischen Tee. Fast alles an Gemüse (außer Kartoffeln und Zwiebeln, denn die werden importiert) stammt aus der Region.

Unser Team von links nach rechts: Guide Mamadou, Tourist Stefan, Fahrer Ibrahim und für Berichte, Kommentare und Fotografie zuständige (nicht im Bild)

Als wir einen größeren Parkplatz erreichen, steigen wir auf Geländefahrzeuge um. Auch hier gibt es wieder die hartnäckigen Verkäuferinnen, die uns mehr oder minder laut ins Ohr flüstern, wir sollen uns doch nur mal kurz in ihrem Shop umsehen. Die Umsteigestelle ist der Umschlagsplatz für alle Touristen, die nach Lompoul wollen; so kommt es, dass rund um den Platz kleinere und größere Verkaufsstände miteinander um Kunden konkurrieren. Doch unsere Geländefahrzeuge warten schon, so dass wir gar nicht erst in die Versuchung kommen.

Umschlagplatz für abenteuerlustige Touris. Es sollen schon welche für immer zwischen den Verkaufsständen der findigen Händler verloren gegangen sein 😉

Stefan sitzt vorne beim Fahrer; Mamadou und ich nehmen auf der Ladefläche des Jeeps Platz. Eine junge, englisch sprechende Familie sitzt bereits da. Die drei Kinder unterschiedlichen Alters sind aufgeschlossen und neugierig, mit wachen Augen schauen sie in die Landschaft hinaus.

Und diese beginnt, interessanter zu werden. Wir fahren durch eine Art Savanne mit hohen Gräsern und knorrigen, gedrungenen Akazienbäumen. Die sandige Piste ist voller Löcher und Beulen, der Jeep wackelt und ruckelt, immer wieder hüpfe ich auf der gepolsterten Bank in die Höhe. Die Sonne steht nicht mehr ganz so hoch, die Konturen der Landschaft wirken weich. Ich halte mich mit einer Hand an einer der Metallstangen fest und wundere mich über unseren Guide, der seelenruhig mir gegenüber sitzt, ohne sich irgendwo festzuhalten und ohne, wie ich, hin und her geschleudert zu werden.

Die Fahrt durch die Savannenlandschaft ist kurz. Am Rande eines Sandfeldes kommen die Wagen zum Stehen. Später Nachmittag produziert lange Schatten, und beim Blick hinunter auf das Camp erfüllt mich Euphorie. Es ist eines der wenigen Camps, das direkt an den Dünen liegt, versprach unser Guide. Hier werden wir die Nacht verbringen.

Unser Camp in der Lompoul Wüste

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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6 Kommentare

  1. Mmh, Pappe für schlechte Zeiten. Das muss ich mir unbedingt auch in den Keller stellen. Am besten Pappe mit Schokokeksen drin.
    Und der Müll überall, das verdirbt einem schon die Laune.

    1. Ja, das mit der Pappe war erstaunlich. Nein, bleib du mal lieber bei Nudeln und Klopapier, wir haben hier schließlich Traditionen zu wahren 😉
      Wir dürfen nicht vergessen, dass westliche Länder bis vor kurzem ihren Müll in die dritte Welt verkauft haben, aus den Augen, aus dem Sinn. So etwas wie Müllabfuhr gibt es in Senegal leider nicht großflächig. Und ich glaube, es ist den Menschen nicht so bewusst bzw. sie sehen das irgendwie gar nicht mehr…

  2. Ah, doch endlich zugeschlagen auf einem Markt! Ich frage mal neugierig: ging das Gepäckthema am Ende so aus wie in Istanbul? Ach nee, halt, das war ja nur bei deiner Freundin so kritisch, oder 😇? Aber im Ernst: schön, dass du dieses Mal das Glück hattest, in einer entspannten, unbedrängten Situation einkaufen zu können. Was den Müll betrifft: das hat mich auch schon in Indien so schockiert. Aber wir Europäer sind eben nicht der Maßstab für andere Teile der Welt.

    1. Neein, in Istanbul war ich nicht schuld, wirklich nicht 🙂 Mit dem Gepäck hat es gut geklappt, sogar Stefans Holzstuhl haben wir irgendwo verstaut. Der Müll… tja, ich weiß auch nicht. Es wäre sicher hilfreich, wenn der Staat eine Lösung für alle etablieren würde. Aber was weiß ich schon, wie du sagst, wir sind nicht der Maßstab. Es soll ein jeder auf seine Weise…

  3. Was mir aufgefallen ist, ist, dass Senegal ein Land der 1.000 Farben und Geschmacksrichtungen ist 🙂
    Es ist eine Schande, wie sie mit ihrem Müll umgehen.

    1. Ein Land der tausend Farben in jedem Falle; die tausend Geschmacksrichtungen habe ich noch nicht kennengelernt in der kurzen Zeit. Mit dem Müll ist es so eine Sache. Es gibt keine Müllabfuhr und ich schätze, die Leute kennen es nicht anders. In manchen Gegenden haben die Kommunen aus eigenem Antrieb ein System zur Müllbeseitigung organisiert, der Müll wird gesammelt und verbrannt. Es handelt sich vor allem um touristische Orte. Vielleicht ist die Lösung, Abfall zu verbrennen, nicht optimal und nicht, was wir uns vorstellen, aber besser als gar nichts.

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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