Europa, Polen

Junge Bäume pflanzen – Ein alter Ort bekommt neues Leben

Als ich diesmal über die Felder gehe, nehme ich einen anderen Weg. Anstatt den Pfad nach links zu nehmen, der an einem verlassenen Bauernhof führt, zieht es mich geradeaus, zu einem Weg, der ein Kanal durchtrennt, welcher in meiner kindlichen Vorstellung zu einem Teich angewachsen ist.

Ein Raubvogel, vielleicht ein Habicht, fliegt lautlos davon. Haine und grüne, dicht bewachsene Flächen grenzen hier an die Felder und in meiner verklärten Erinnerung hatte eben dieser Pfad etwas sehr geheimnisvolles. Auch jetzt, als ein junger Rehbock aus dem Gebüsch geschossen kommt und vor mir flüchtet, fühle ich mich, als wäre ich nicht ganz wach. Ich reibe mir die Augen, kann das Tier jedoch zwischen den Bäumen und Sträuchern stehen sehen. Ich bleibe stehen, drehe mich um. Weit und breit ist niemand. Also stehe ich da, mitten im Feld und ein wenig deplatziert, und starre mir die Augen nach diesem Rehbock aus. Meine Geduld zahlt sich aus, denn nach rund zehn Minuten erspähe ich ihn am Waldrand beim Grasen.

Ein großes Rauschen zieht durch die Felder, ein langgezogener Seufzer. Der Wind raschelt, die Bäume rascheln, die Sonne scheint milchig auf meinen Kopf. Ebenso milchig fühlt sich mein Kopf im Inneren, immer wieder muss ich blinzeln. Dieser Geruch. Nach Wärme, nach Wiese, nach Feld. Die Lerche ist wieder einmal zu hören.

In einiger Entfernung vor mir tauchen ein paar Häuser auf. Ich fürchte schon, dieser Feldweg führe nirgendwohin, denn er scheibt in den Hof eines der Häuser zu biegen. Doch eine asphaltierte Straße taucht auf. Diesmal erreicht mich der süße, schwere Duft von Raps.

Spät am Abend pflanze ich mit meinem Onkel junge Bäume ein. Mein Onkel will einen Erholungsgarten mit einem gemischten Waldbestand. In einer hinteren Ecke des Gartens soll die Grillhütte stehen. Irgendwann mal. „Ich sehe es praktisch schon vor mir.“ Sagt mein Onkel.

Heute kommen die Rhododendronsträucher dran. Ein ganzer Kreisel wird damit verpflanzt. Auch Flieder und die weißgelben, runden Dolden finden ihren Platz.

Was ist es für ein Gefühl, wenn ich mit einer Schubkarre über den Hof fahre? Den Spatel in die tiefschwarze Erde setze? Mich umsehe und die stetige Gegenwart meiner Großeltern spüre? Wehmut, tiefe Wehmut. Ein bisschen vom Glück. Ein bisschen vom beiden. Wenn ich mit meinem Blick über die Scheune streife, wie sie so im Licht der goldenen, untergehenden Sonne liegt, drängt sich der Gedanke förmlich auf: „Ich bin hier aufgewachsen, verdammt.“

Solche Gartenarbeiten habe ich früher mit meinen Großeltern verrichtet. Meiner Oma beim Gärtnern geholfen, mit ihr die Blumen mit der riesengroßen, geschweißten Metallgießkanne gegossen. Um meinen Opa herumscharwenzelt, wenn er etwas in der Scheune gemacht hat. Sie haben mir immer geduldig alles gezeigt, was gemacht werden musste, so geduldig wie man es eben einem Kind erklärt. Ich war immer zu etwas nütze, auch weil ich immer zu etwas nütze sein wollte.

Auch jetzt lässt mich mein Onkel höchstens mal die Blumen gießen. Lange mit dem Spatel die Erde umgraben darf ich nicht. Obgleich erwachsen und nicht aus Zucker, bekomme ich alle anstrengenden Aufgaben mehr oder weniger geschickt abgenommen. Na, dann gehe ich mal in die Scheune und suche zwei Holzpfähle und ein Seil, um einen perfekt runden Kreis auszumessen.

In der Scheune – in einer der Scheunen, müsste man eher sagen – steht noch die alte Küchenkommode meiner Oma. Die richtig alte, eine, die sie noch aus ihrer alten Heimat mitgebracht hat. Wie alt wird das Ding wohl sein, an die hundert Jahre? „Ich werfe es nicht weg.“ Sagt mein Onkel, als er meinen drohenden Blick sieht.

Die alte Nähmaschine meiner Omas steht auch noch da. „Was wäre ich ohne sie.“ sagte sie immer. Und hier, das Pferdegeschirr aus der Zeit, als mein Opa noch geritten ist. Es existierten diese alten, berühmten Bilder, die Opa hoch auf einem Pferd zeigen. Auch mir wollte man ein so schönes Bild angedeihen lassen, doch als Baby habe ich diese Ehre nicht zu schätzen gewusst. Ich habe geschrien wie am Spieß, als man mich aufs Pferd setzen wollte.

Nach getaner Arbeit und nachdem alle Rhododendronsatzlinge ihren Platz in der Erde gefunden haben („Wir müssen noch einen kaufen…“), sitzen wir auf zwei Stühlen zwischen den jungen Bäumen da, wo später die Grillhütte Platz finden sollte. Es dämmert, und die Dämmerung geht langsam in die Dunkelheit über.

Später in der Nacht setze ich mich oben auf den Balkon. Der Zigarillo will geraucht werden, und so lasse ich den Blick über die nächtliche Szenerie streifen. Ich höre meinen Onkel noch irgendwo gedämpft telefonieren. Ansonsten – Stille. Aber eine solche Stille, wie nur die Nacht sie produzieren kann. Grillen zirpen in unserem Garten, irgendwo im Gebüsch ist ein Vogel aufgewacht. Die Straße vor mir liegt schwach beleuchtet und verlassen da. Ist hier schon am Tage sehr wenig los, ist es in der Nacht noch einsamer. Kleine Tiere, die ich nicht identifizieren kann, nutzen die Straße als Highway. Kein, keine Mäuse. Auch keine Katzen. Etwas größeres läuft auf vier Pfoten eilig entlang. Irgendwann ist ein deutliches Geräusch unter mir im Garten zu hören, aus der Ecke mit den alten Linden kommend. Etwas bewegt sich, in unserem Garten. Dann ein Knurren, ein Fauchen. Ich werde schlagartig wacher und ein schneller Schatten rennt auf vier Pfoten am Zaun vorbei und wieder weg. Mit einem Mal finde ich die vielen, ins Holz hineingebissenen Löcher im Zaun gar nicht mehr so unerklärlich. Und ich bin froh, dass ich mich für keinen Gartenspaziergang entschieden habe.

Dann liegt die Straße wieder in tiefer, nächtlicher Stille. Leise mache ich die Balkontür hinter mir zu.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

22 Kommentare

  1. Toll, dass du dich so gut auf den Garten und das Arbeiten darin einlassen kannst. Das Ergebnis wird sich, wenn auch erst auf längere Sicht, was die Bäume betrifft, sehen lassen können! Ich bin ja auch auf dem Land aufgewachsen, wenn auch nicht ganz so dörflich wie in deiner Heimat. Mit Haus, Garten und allem, was dazu gehört. Doch für Haus- und Gartenarbeit konnte ich mich noch nie begeistern. Körperliche Arbeit liegt mir einfach nicht 😅. Ich mag es schon gerne, auf der Terrasse meiner Eltern oder bei Freunden zu sitzen und auf einen blühenden, grünen Garten zu schauen. Aber selbst einen haben und mich darum kümmern zu müssen – lieber nicht. Da reicht mit meine Handvoll Blumentöpfe auf dem Balkon.

    Der Garten deines Onkels ist toll! Und Zukunftspläne in dem Zusammenhang hegt er ja offenbar auch 👍. Schön, dass er so in diesem Hobby aufgeht!

    1. says:

      Der Garten ist irgendwie eine Fortsetzung dessen, was meine Großeltern angefangen haben. Gut, „Fortsetzung“ im weitesten Sinne; ich kann noch immer nicht verschmerzen, dass mein Onkel all die schönen, alten Obstbaumsorten rausgeschmissen hat, aber gut. Ich bin gespannt, wie der Garten aussehen wird, wenn ich in einem Jahr wiederkomme, in zwei, in drei…

      Mit dem Gärtnern geht es dir so ähnlich wie mir mit dem Motorradfahren. Fahren, ja gerne, aber daran rumschrauben sollen bitte die Mechaniker, damit kenne ich mich nicht aus (auch nie die Ambitionen gehabt, das zu ändern;-) )

      Die letzte Woche war ich ganz viel beruflich in der Gegend deiner Eltern unterwegs, bei Mettlach, in Perl im Dreiländerdreieck und die ganze ländliche Umgebung drumherum. Das wirkt wie eine von Gott verlassene Gegend dort. Ich werde mal einen Beitrag drüber schreiben 😉

      1. Oh, da bin ich aber schon sehr gespannt!

  2. Wenn man die Zigarillostummel in den Garten wirft, wachsen die Bäume besser.
    Das sage ich zumindest immer meinen Eltern, wenn ich bei ihnen bin und im Garten rauche.

    1. says:

      Das kommt drauf an, ob sie mit Filter sind oder ohne. Die Filter bauen sich nicht so gut ab… 😉

      1. Deshalb rauche ich nur ohne Filter.

        Möglicherweise etwas ungesünder für mich, aber gesund für Umwelt, Boden und Natur.

        1. says:

          Oh, ich habe da eine neue Marke entdeckt… Achtung, unbeauftragte Werbung: die Hausmarke von Bonner Zigarren- und Pfeifenhaus. Seit ich die habe, schmecken mir meine Standard-Moods nicht mehr 🙂

          1. says:

            Wenn ich irgendwo hinkomme, wo es meine hochgeschätzten Toscanos nicht gibt, greife ich auch immer auf die Hausmarken zurück.
            Die sind meist günstig und nicht die schlechtesten.

          2. says:

            Das stimmt, ich war überrascht 🙂

  3. says:

    Hehehe – da fallen einem dann die ganzen Horrorfilme ein, die man gesehen hat, wenn da so im dunkeln seltsame Geräusche sind und seltsame Spuren am Zaun…

    Ich war als Kind immer in Serbien – mein Stiefvater hat dort seine Familie…ich hab zwar nie gross geholfen – aber fleissig gegessen…die Karotten, direkt aus dem Beet….jami….

    Der Garten sieht jetzt schon wie eine Wohlfühloase aus.

    1. says:

      Karotten aus dem Beet? Da ist doch noch die ganze Erde dran…? Bei den seltsamen Geräuschen habe ich mich eher gefragt, was für Tiere da leben. Das waren keine Hunde, keine Katzen, für Mader zu groß… hm… oder es waren Mader und ich habe sie mir nur größer gedacht als sie waren?

      1. says:

        Ach – die klopft man ab…Dreck reinigt den Magen und so…

        Ja – Mader….grosse Mader mit gelben Auge…halt…ich lese gerade ein Horrorbuch….entschuldige…

        1. says:

          Oh, mit gelben Augen? Meinst du? Ich habe da tatsächlich am Abend danach was leuchten sehen… brr…
          Kommen wir nochmal zu den Karotten; der Sand knirscht doch zwischen den Zähnen? Ansonsten mag ich die auch frisch, aber gewaschen und geschält…

          1. says:

            Uhhh – gruuuselig…

            Da spart man sich das Zähneputzen…hihi..nein….wenn man das gut mit den Händen abwischt geht das – aber meine Oma hatte auch im Garten einen Wasserhahn, da konnte ich es auch abwaschen wenn es zuviel war….

          2. says:

            Gut, mit dem Wasserhahn klingt das schon besser/leckerer 🙂

          3. says:

            😁😁

      2. Waschbären nagen sich gerne durch Holz. In Ostdeutschland haben die sich ziemlich verbreitet. Gibts in Polen bestimmt auch …

        1. says:

          Liebe Sabine, ich glaube, du hast Recht… das mit den Waschbären passt irgendwie am besten, auch von der Größe her und so. Dann dieser schnelle, tapsige Gang… Ich glaube, es können tatsächlich Waschbären gewesen sein 😉

  4. Das wird bestimmt hübsch 😊 Rhododendron … Flieder … und verschiedenartige Bäume 😊

    1. says:

      Ich stelle es mir wie ein kleines Stück Wald vor. In der Mitte soll dann eine Grillhütte stehen. Mal schauen, wie mein Onkel das dann umsetzt 🙂

  5. Ein schönes Ergebnis…. jetzt liegt es an den Bäumen, sich an die Arbeit zu machen 🙂

    1. Vielen Dank! Bäume wachsen langsam, aber da ich sowieso nicht so oft da bin, werde ich beim nächsten Mal sofort einen Unterschied merken 😉

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.