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Pfingsturlaub – Der Fels der Loreley

Am Abend ziehen Kanus über den Schellen der Wied. Wir beobachten sie von unserem angestammten Tisch an der grasbewachsenen Terrasse des Hotels aus und zum ersten Mal erfahre ich etwas übers Kanu-Wandern. Man bewegt sich mit dem Boot von Fluss zu Fluss über die Wasserandern der Republik, das wenige Hab und Gut trocken in einem wasserdichten Beutel im Kanu verstaut. Doch der aktuelle Wasserspiegel der Wied ist so niedrig, dass immer mal wieder einer aussteigen und das Gefährt über flache Stellen ziehen muss. Ich schaue nachdenklich hin, während wir auf unser Essen warten. Hm, Kanuwandern. Das wäre doch was.

Am nächsten Morgen packen wir zusammen. Wenn alles gut geht, werden wir mit zwei Motorrädern den letzten Abschnitt unserer Tour nach Hause fahren. Und mit „wenn alles gut geht“ meine ich: wenn meine Zicke anspringt. Während Stefan an der Rezeption bezahlt, befestige ich schon mal meinen Tankrucksack und ziehe Helm und Handschuhe an, noch ehe ich den Zündschlüssel drehe. Ich bin optimistisch – vor allem, weil mir nichts anderes übrig bleibt. Und siehe da, der Motor startet. Das vertraute Brummen erklingt. Stefan gesellt sich mit einem breiten Grinsen zu mir und gemeinsam verlassen wir den Parkplatz und machen uns über die Landstraße auf, das Wiedtal zu verlassen.

Doch schon hinter der nächsten Kurve, die in den Wald führt, merken wir, dass etwas nicht stimmt. Eine Frau läuft mitten auf der Straße und haltet uns an, langsamer zu machen. Und um die Kurve gebogen zeigt sich dann das ganze Ausmaß: ein Motorradunfall. Polizei und der Abschleppdienst sind schon da und fast fertig mit ihrer Arbeit. Hinter ihnen hat sich bereits eine kleine Fahrzeugkolonne gebildet.

Schon nach kurzer Zeit wird der Weg frei und wir werden weiter gewunken.

Es ist seltsam, denke ich mir, während es weiter durch den morgenkühlen Wald geht; es ist seltsam, ein verunglücktes Motorrad zu sehen mit der klaren Gewissheit: das könnte ich sein. Die Unfallstatistik besagt zwar, dass Motorradunfälle nur einen sehr geringen Teil der Verkehrsunfälle ausmachen, doch das bezieht sich auf die Gesamtzahlen. Würde man die Verunglückten rein auf die Anzahl der Mopedfahrer herunter rechnen, sähe die Sache schon ganz anders aus.

Doch das sind die Dinge, über die man nicht nachdenkt, wenn man fährt. Es bringt nichts. „Hast du Angst, Motorrad zu fahren?“ Nein. Welchen Vorteil würde mir die Angst denn bringen? Angst war noch nie ein guter Begleiter.

 

Das Obere Mittelrheintal

Wir fahren an Koblenz vorbei, passieren die preußische Festung Ehrenbreitenstein, wo man mit der Seilbahn vom Rheinufer aus hinauf gelangen kann. Hier, genau in der Mitte begegnen sich Rhein und Mosel und die spitze, künstlich aufgeschüttete Landzunge, Deutsches Eck genannt, wird von der hoch aufragenden Statue des ersten deutschen Kaisers, Wilhelm I, gekrönt.

Doch wir steigen nicht ab. Zu groß ist die Furcht, irgend etwas könnte mal wieder mit dem Motorrad sein. Solange die Batterie hält, würden wir durchfahren.

Dann geht es weiter, an den Ufern des Rheins entlang. Das Wetter ist fantastisch; es ist insgesamt ein extrem warmer und sonniger Frühling mit überdurchschnittlichen Temperaturen. Ach wie gerne bin ich hier im Südwesten, denke ich mir, während die hügelige Landschaft mit ihren auf unmöglicher Steigung angelegten Weinbergen an mir vorbei zieht. Burg Lahneck, Burg Rheinfels, Burg Katz, Burg Maus und wie sie alle heißen – das nenne ich landschaftlich reizvoll. Ganz gleich, wie oft ich hier schon war, zu verschiedenen Jahreszeiten; von der Schönheit der Landschaft geht nichts verloren, nichts davon wird je zur Gewohnheit.

Wir überlegen zunächst, in Boppard unseren einzigen Stopp zu machen, entscheiden uns dann jedoch für den Fels der Loreley. Ein kleiner, schattiger Parkplatz am gegenüber liegenden Ufer des Rheins tut Not und so können wir, mit einem schnellen Sprung über die zur Uhrzeit noch freie Straße, den Blick auf den charakteristischen, hoch aufragenden Fels genießen.

Oben am Fels wehen Fahnen. Und oben saß auch, der Sage nach, die schöne Loreley und hatte auf ihren Geliebten, den Ritter Erhardt, gewartet. Als er eines Tages nicht kam, stürzte sie sich vor Verzweiflung in die Fluten. So manch einer will sie später hoch oben gesehen haben, wie sie auf dem Felsen saß, ihr goldenes Haar kämmte und Fischer dazu brachte, vor Unachtsamkeit ihre Boote gegen Felsen zu fahren und zu zerschellen.

Von dieser Sage gibt es viele Versionen. Eine andere besagt, dass das blonde, schöne Mädchen regelmäßig oben am Felsen saß und mit ihrem Gesang die Fischer dazu brachte, mit ihrem Boot zu kentern.

Doch am schönsten finde ich wohl diese hier:

 

Die Loreley und der Teufel

„Wo das Stromtal des Rheins unterhalb von Kaub am engsten ist, starren zu beiden Seiten schroffe Felswände von schwarzem Schiefergestein unheimlich hoch empor. Schneller schießt dort die Flut des Rheinstroms, lauter brausen die Wogen, prallen ab am Felsen und bilden schäumende Wasserwirbel.

Nicht geheuer ist es in dieser Schlucht, über diesen Stromschnellen. Die schöne Nixe des Rheins, die gefährliche Loreley, erscheint oft den Schiffern, kämmt mit goldenem Kamme ihr langes flachsenes Haar und singt dazu ein süßes betörendes Lied. Mancher, der sich davon locken ließ und den Fels erklimmen wollte, fand seinen Tod in den Wellen.

Wer sie sieht, wer ihr Lied hört, der verliert sein Herz. Hoch oben auf der höchsten Spitze ihres Felsen steht sie, in weißem Kleide, mit fliegendem Schleier, mit wehendem Haar, mit winkenden Armen. Keiner aber kommt ihr nahe. Sie weicht vor ihm zurück, sie lockt ihn durch ihre zaubervolle Schönheit – bis an den jähen Rand des Abgrundes. Er sieht nur sie, er glaubt sie vor sich auf festem Boden, schreitet vor und stürzt zerschmetternd in die Tiefe.

Einst fuhr auch der Teufel mit dem Schiff auf dem Rhein und geriet zwischen die Loreley-Felsen. Der Pass schien ihm zu eng, er wollte ihn weiten und den gegenüberliegenden Felsenkoloss von der Stelle rücken. Er stemmte seinen Rücken an den Loreley-Felsen und hob und schob und rüttelte an dem gegenüber liegenden Berg.

Schon begann dieser zu wanken, da sang die Loreley. Der Teufel hörte den Gesang, und es wurde ihm seltsam zumute. Er hielt inne mit seiner Arbeit und hielt es fast nicht länger aus. Gern hätte er die Loreley für sich gewonnen, aber hatte keine Macht über sie. Er wurde von Liebe so heiß, dass er dampfte. Als das Lied der Loreley schwieg, eilte der Teufel fort. Er hatte schon gedacht, an den Felsen gebannt bleiben zu müssen. Aber als er fort war, da zeigte sich, o Wunder, seine ganze Gestalt, schwarz in die Felswand eingebrannt. Nachher hat sich der Teufel sehr gehütet, der Sirene des Rheins wieder nahe zu kommen.

Die Loreley aber singt immer noch, in stillen ruhigen Mondnächten, erscheint immer noch auf dem Felsengipfel, wartet immer noch auf Erlösung.“

 

Es kursieren auch Gedichte über den Felsen und seine Schöne. Am bekanntesten ist wohl das von Heinrich Heine, welches auf vielen Postkarten und Souvenirs zu lesen ist.

Etwas länger ist das Gedicht von Clemens Brentano, welches er 1800 verfasste, welches jedoch die ganze Geschichte der Loreley-Sage erzählt.

 

Gedicht von Clemens Brentano

„Lore Lay
Zu Bacharach am Rheine
Wohnt‘ eine Zauberin;
Sie war so schön und feine
Und riss viel Herzen hin.

Und machte viel zu Schanden
Der Männer rings umher;
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.

Der Bischof ließ sie laden
Vor geistliche Gewalt –
Und musste sie begnaden,
So schön war ihr Gestalt.

Er sprach zu ihr gerühret:
Du arme Lore Lay!
Wer hat dich denn verführet
Zu böser Zauberei?

Herr Bischof, lasst mich sterben,
Ich bin des Lebens müd,
Weil jeder muss verderben,
Der meine Augen sieht.

Die Augen sind zwei Flammen,
Mein Arm ein Zauberstab –
O legt mich in die Flammen!
O brechet mir den Stab!

Ich kann dich nicht verdammen,
Bis du mir erst bekennst,
Warum in deinen Flammen
Mein eignes Herz schon brennt.“

Dies waren nur die ersten Strophen, denn das Gedicht und die Geschichte sind damit längst nicht zu Ende erzählt. Wer die vollständige Version lesen möchte, dem sei die Seite loreleyfelsen.de ans Herz gelegt, wo sich alle drei Versionen der Loreleysage finden lassen.

Als wir anhalten, lasse ich den Motor laufen. Die Umwelt wird es mir nicht danken, aber vielleicht komme ich zumindest heute um den Abschleppdienst drumrum.

In der knallen Sonne leuchtet der Rhein grünlich. Schuhe liegen auf einem Stein, geschützt vor den Fluten und ein paar Meter weiter sehen wir das zugehörende Pärchen. An dieser Stelle macht der Rhein eine Biegung. Im ruhigen Wasser spiegelt sich der Loreleyfelsen. Doch so ruhig ist der Rhein gar nicht, sagt Stefan und macht mich auf einige tückische Stromschnellen aufmerksam. Hier kann man sich bestens vorstellen, wie unvorsichtige oder unerfahrene Schiffer ihr Schiff untergehen ließen.

Heute ziehen gemächlich Flusskreuzer den Rhein entlang. Von Loreley, die oben auf dem Felsen singt, ist keine Spur mehr zu sehen.

 

Die William Turner Route

William Turner, ein britischer Maler, der 1817 in Deutschland unterwegs war, war von den Rheinhängen und der Landschaft des Rheintals so angetan, dass er während seiner Reise gleich mehrere Aquarellen malte. Er wird von vielen als einer der Gründerväter der Rheinromantik gesehen. Heute ist es möglich, die Route, die der Maler damals bereist hat, noch einmal zu erleben. Zu diesem Zweck wurden im Rahmen eines Projekts an 26 Standorten Infotafeln mit den „Fußspuren“ Turners aufgestellt, unter anderem in St Goar, wo wir uns gerade befinden. Für weitere Informationen schau bei https://www.turner-route.de/ vorbei.

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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