Asien, Nepal

Der Dschungel-Walk – Auf den Spuren des nepalesischen Nashorns

Irgendwie bin ich froh, als wir die Elefantenstation verlassen und zu den Kanus weiter gehen. Ein kleines Stück noch geht es den Rapti River hinunter, um am Ufer am Rande des Chitwan Nationalparks wieder auszusteigen. Wir verlassen das Kanu und laufen los. Vom Ufer aus führt der Weg über hohe rauschende Gräser in den tiefsten Dschungel. Nachdem wir ein Stück gegangen sind, finden wir uns in einer Art Savanne wieder. Kurze Zeit später bleibt der Guide stehen und gibt uns Instruktionen. Und hier, inmitten von hohem Gras, gibt uns der Guide die Einweisung – die zufolge hat, dass sich jeder mindestens einmal nervös umdreht.

„Wir befinden uns nun im Nationalpark.“ Sagt er. „Hier gibt es Tiger, Bären und Nashörner. Wenn ihr einen Tiger sieht, gebt Acht. Dreht euch nicht um und lauft nicht weg, denn dann wird er euch angreifen. Tiger greifen immer von hinten an und springen in den Nacken. Haltet Augenkontakt – der Tiger muss euer Gesicht sehen.

Sieht ihr einen Nashorn, dann dreht euch um und rennt weg, so schnell ihr könnt. Wenn Bäume da sind und ihr gut klettern könnt, klettert auf einen Baum. Könnt ihr nicht gut klettern, stellt euch hinter einen Baum. Nashörner können kaum etwas sehen, aber sie können sehr gut hören und gut riechen.

Sieht ihr hingegen einen Schwarzbären, versucht im Zickzack zu laufen. Die gefährlichsten Tiere hier sind die Bären. Wegen den Bären haben wir auch die Stöcke.“ Sagt er und zeigt auf seinen langen Stock, von denen sowohl er als auch sein Kollege einen in der Hand halten.

„So, genug der Instruktionen. Wir laufen los.“

Beim Bushwalk sind wieder die drei Holländer dabei. Die restlichen Touristen haben sich irgendwo verloren bei ihren sonstweiligen Touristenaktivitäten. Wir starten im Gänsemarsch und sind sofort gepusht vor lauter Adrenalin. In jeder Ecke, hinter jedem Busch sehe ich einen imaginären Tiger kauern, deshalb drehe ich mich andauernd um und schaue um mich. Ich habe diese Sendung im Kopf, die ich irgendwann vor der Reise mal gesehen habe. Diese hatte Tigerangriffe im Dschungel Indiens zum Thema.

Die Angriffe der Tiger auf die Menschen, die sich mit einem schmalen Kanu über die Wasserflächen im Dschungel bewegten, hielten so lange an, bis jemand auf die Idee kam, Masken mit aufgemalten Gesichtern auf dem Hinterkopf zu tragen. Egal, von welcher Seite sich der Tiger nun anpirschte, jedes Mal sah er in ein Gesicht, das ihn anblickte. Da der Tiger nicht angreift, wenn man ihm das Gesicht zuwendet, funktionierte die Methode ausgezeichnet und die Angriffszahlen wanderten gen null. In diesem Moment wünsche ich mir von irgendwoher eine improvisierte, schön bemalte Maske für meinen Kopf. Aber woher nehmen? Ich schwitze und hoffe, wie jedes Mal bei solch leicht verrückten Aktionen, dass ich da wieder lebendig herauskommen werde.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf versuche ich mich so oft umzudrehen, wie es irgendwie geht. Und wundere mich über die anderen, die nicht das gleiche Bedürfnis nach Sicherheit zu haben scheinen.

War es vorhin auf dem Fluss heiß, so ist es im tropischen Dschungel von Chitwan noch heißer. Insekten summen vor sich hin und exotische Vögel rufen schreiend ihr Lied. Und in die extrem hohe Feuchtigkeit der Luft mischt sich der Duft von Gräsern. Mächtige Lianen schlingen sich an Bäumen entlang, wachsen in die Höhe, verhölzern und bilden seltsame Skulpturen. Wir kommen an Teichen, an kleinen und größeren Seen vorbei, die vielleicht noch von der vergangenen Regenzeit stammen. Wasserflächen, in denen sich die langen Baumstämme wie Pfeiler im bewegungslosen Wasser spiegeln. Es gibt Schildkröten, doch sie tauchen schnell unter, so dass wir keine zu Gesicht bekommen.

Und irrsinniger Weise geht mir, während wir uns über den matschigen Boden durch den heißen Dschungel quälen, folgendes durch den Kopf: da glauben wir uns im tiefsten Urwald, abgeschieden von allerlei menschlicher Zivilisation, wo sich Tiger und Nashorn Gute Nacht sagen, und vermutlich ist gleich ein paar Meter weiter eine belebte Schnellstraße zu finden, mit Trucks und Tuk-Tuks – volles Programm. Ein wenig glaube ich noch immer an eine Show für Touristen, die einfach durch das nächstgelegene Gestrüpp rund ums Dorf führt. Surreale Gedanken und Vorstellungen akzeptiert das Gehirn erst als letzten Ausweg. So etwas wie „ich gehe durch den Dschungel und da ist ein Tiger, jaa, ein echter, richtiger Tiger“, so etwas ist eine surreale Vorstellung. Und der Kopf ergänzt es mit der belebten Schnellstraße. Ohne Tiger.

Chitwan ist der erste Nationalpark Nepals, der 1973 gegründet wurde. Damals hieß er noch Royal Chitwan Nationalpark. Er ist heute Welterbe der UNESCO. Hier treiben sich das Panzernashorn und der Königstiger herum. Doch es gibt auch Leoparden, Schakale, Rothunde, Lippenbären… was nicht heißt, dass sie einem Besucher automatisch über den Weg tanzen. Die Fläche des Chitwan Nationalparks beträgt unglaubliche 932 km² und bildet gleichzeitig die Grenze zu Indien. Das Gebiet ist voller Gras bewachsener Savannen, Seen, Sümpfe und Wasserflächen. Und Sal-Bäume, die geradewegs in die Höhe wachsen und bis zu 35 Meter groß und bis zu hundert Jahre alt werden können.

Der Rapti River grenzt den Park zu den Dörfern der Menschen ab. Das Permit kostet aktuell rund 200 NRs und gilt für zwei Tage.

Manchmal bleiben wir stehen. Die Guides lauschen, um uns dann wieder zügigen Schrittes weiter zu führen. Wir hoffen hier nicht nur auf den Königstiger zu treffen, sondern auch darauf, dem seltenen nepalesischen Nashorn zu begegnen, von dem wir bereits Spuren im feuchten Boden gesichtet haben. Das Panzernashorn ist kleiner als seine afrikanischen Verwandten und kann sich geschickt im Dickicht des Dschungels verstecken. Dort im Wechselspiel von Licht und Schatten unter Bäumen ruhend ist es kaum zu sehen, erinnert vielmehr an einen unbeweglichen Fels.

Nashörner können wir keine sehen, obwohl wir fast ständig über ihre taufrischen Spuren stolpern.

Tigerspur
Spur des Panzernashorns

 

 

 

 

 

 

 

Der Weg vor uns ist voller frischer Spuren. Große Termitenhügel aus rotem Sand stehen wie seltsame Raumschiffe in einiger Entfernung. Kleine Samen der Gräser bohren sich mit Widerhacken in den Stoff meiner Hose. Das zum Turban gewickelte Tuch um meinen Kopf hält ein wenig die allgegenwärtige Hitze ab. Seltene Blumen leuchten rot wie Fackeln auf, doch für ein Foto ist kaum Zeit, denn es wäre unklug, sich zu weit zurückfallen zu lassen. Immer schön zusammen bleiben, ermahnen die Guides.

Einer von ihnen läuft vorne, einer hinter uns. Und ich bin es leid, den Abschluss zu bilden und schließe bei der nächstbietenden Gelegenheit bis ganz vorne auf. Etwas umständlich versuchen wir, die größeren und kleineren Pfützen und schlammige Flächen zu umrunden. Die Regenzeit schenkt dem Dschungel noch immer ihren täglichen Regenschauer und weicht den Boden auf. Da sind auch Spuren der Tiere leicht zu entdecken. In einem Moment der Unachtsamkeit sinke ich mit meinem Fuß ganz tief in den Matsch. Das gibt schlammige Socken, denke ich mir, als ich die Pfütze in meinem Schuh sehe.

Wir folgen der Nashornfährte. Links und rechts sind frisch eingedrückte Korridore im Gras zu sehen, die entstanden sind, als die Tiere zum Trinken kamen. Die ausgetrampelten Fährte der Tiere, kaum sichtbar für das Auge eines Stadtmenschen, kreuzen unseren Pfad. Und ständig stolpern wir über die Spuren der Nashörner. Nur von ihnen selbst fehlt… hm… also sie selbst sind nicht da.

Einmal sagt der Guide ganz leise: „Oh…! Hier ist die Spur eines Tigers.“ Die Spur ist noch extrem frisch; der Tiger ist noch in der Nähe. Das Tier muss nur kurz vor uns hier entlang gegangen sein.

Doch so ein Tiger zeigt sich nicht. Und auch die Nashörner nicht, obwohl sie da sind, obwohl selbst ich sie manchmal hören kann. Das sind die Momente, in denen es im Gestrüpp raschelt und die Guides lauschend die Truppe anhalten. Geräusche, irgendwo tief im Wald, irgendwo tief im Gras. Seltsame Rufe, das Knacken der Äste. Hören das die Guides nicht? Doch, denn sie schauen sich ständig um. Sie wissen, dass die Nashörner irgendwo in der Nähe sind. Doch sie bleiben, wo sie sind, nämlich in ihrem Versteck – und vernachlässigen damit sträflich ihre täglichen Verpflichtungen, sich dem zahlendem Publikum zu zeigen. So ein Nashorn hält sich nicht an Termine und feste Uhrzeiten, um zum Wasser zu gehen.

So sitzen wir eine ganze weile an einem stillen See, einem mit dieser silbrigen, undurchdringlichen Oberfläche, und warten, während die Guides angestrengt Ausschau mit ihrem Fernglas halten. Auf der hölzernen Bank am See trocknen ausgelegte Honigwaben, von denen ich nur vermuten kann, dass sie Schwarzbären und andere Tiere anlocken sollen, und ein paar Schritte weiter steht ein langstelziges Waldhaus als Beobachtungsposten. Doch es geschieht nichts und es ist auch nichts zu sehen. Inzwischen hat sich die Aufregung ein wenig gelegt. Ich betrachte bunte Libellen, die sich am Ufer niederlassen, und Ameisen, die sich unter Grashalmen verstecken. Schließlich sagt uns der Guide, wir sollen weiter gehen. Heute wird es wohl nichts mehr werden mit den Tigern und mit den Einhörnern… ähm, ich meine, Nashörnern.

Was wir sehen, das ist eine Herde wilder Elefanten, die am Ufer des Flusses grasen.

Der Dschungel-Walk macht mir zu schaffen. Ich bin ständig am Trinken und ein feiner, stetiger Wasserfilm bedeckt unser aller Gesichter. Es ist nicht anstrengend im eigentlichen Sinne, doch es ist höllisch heiß und die Luft steht. Nix für Stadtmenschen. Wichtig ist es, ausreichend Wasser dabei zu haben. Du willst andauernd trinken. Du hast andauernd Durst, denn das Wasser verdunstet im selben Moment über die Haut. Es ist nicht die beste Reisezeit für die Gegend um den Chitwan herum im August, so kurz nach dem Monsun. Besser ist da der Oktober oder November.

Nun, Tiere haben wir im Dschungel keine Gesehen. Doch unterwegs zu sein mit erfahrenen Fährtenlesern ist eine tolle Erfahrung. Und wenn man denn Tiere entdeckt, so ist es viel schöner, sie in ihrem eigenen Habitat zu sehen. Doch es gibt keine Sichtungsgarantie. Und das ist mir auch bewusst. Wenn ich garantiert Tiere sehen möchte, dann mache ich meine Bush-Safari mit; dann gehe ich in den Zoo. Aber so ist es viel schöner. All die Aufregung, das Herzklopfen, die Unbekannte. Es kann alles passieren – oder eben nicht, doch das weiß man nicht vorher.

Solange wir noch im Dschungel sind, schaue ich mich nervös in alle Richtungen um. Meine, Geräusche zu hören, irgendwas knacken zu hören. Doch dann verschwindet die Nervosität und ich bin nur noch hochkonzentriert.

Als wir den Dschungel verlassen, wartet gleich dahinter ein kleiner Stand mit Snacks auf uns. Hier machen wir kurz Rast, bevor es mit dem Jeep wieder zurück geht. Ich hole mir Eis – Mangoeis am Stiel. Wunderbar süß und wunderbar kühl. Wohltuend und wohlverdient. Und für mich in diesem Augenblick das allerbeste Eis auf Erden.

Ich blicke über die freie Ebene, auf der die Büffel grasen, bis hin zur scharf abgetrennten Grenze, wo der Dschungel beginnt. Alles ist wieder normal, es ist keine Aufregung mehr zu spüren. Das soeben Erlebte scheint nun dort in der Ferne geblieben, scheint ganz weit weg zu sein.

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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