Asien, Nepal

Mit dem Bus von Kathmandu nach Chitwan

Ich ziehe die Vorhänge weg und ein Gecko springt mir frech von den Händen weg. Ich befinde mich am Chitwan Nationalpark im Süden Kathmandu, unweit der Grenze zu Indien. Hier weichen die Berge einer sumpfigen Dschungellandschaft. Krokodile, Schwarzbären und bengalische Tiger soll es hier geben.

Die Hitze treibt mir Schweißtropfen auf mein Gesicht, sobald ich mich nach draußen bewege. Dieser Teil
Nepals ist so anders als der Rest des Landes. Gleich für vier Nächte habe ich mich einquartiert, hier, im
Tharu Community Homestay.

Wie bin ich hierher gekommen?

Gestern Abend bin ich noch in Kathmandu, erkunde mit Jitu das Ausgehviertel Thamel. Jitu zeigt mir die ganzen Lokalitäten, wo man am besten essen kann und eine gute Shisha bekommt. Gut, werdet ihr jetzt sagen, es ist nicht so schwer, herauszufinden, wo in Thamel die Touristen ausgehen, allerdings ist das Viertel auch für die jungen Nepalesen ein Treffpunkt, um feiern zu gehen. Das erfahre ich, als ich Jitu frage, ob Nepalesen auch so etwas wie ein eigenes Ausgehviertel haben. Nein, antwortet dieser: die treffen sich alle hier.

Nach einem leckeren Essen und Shisha hören wir Rockmusik, die eine Live Band im Purple Baze spielt.

Relativ spät gehe ich schlafen. Noch voller Eindrücke vom gestrigen Tag kann ich nicht einschlafen. Nichts neues für mich auf Reisen. Die Aufregung ist wieder einmal zu groß. Eigentlich bin ich auf fast jeder Reise mit chronischem Schlafmangel unterwegs.

Nach unzureichenden vier Stunden Schlummer klingelt der Wecker gefühlt viel zu früh. Zunächst kann ich das Klingeln nicht hören, da das Smartphone noch am Ladegerät an der gegenüber liegenden Wand hängt. Ich springe schlaftrunken auf dem Bett und meine Beine versagen plötzlich ihren Dienst. Ich falle der Länge nach hin. Ein angestauchter Knöchel ist die Folge. Na, wenn es weiter nichts ist.

Die Vögel vor dem Fenster geben ein wahres Konzert. Ein Dschungelkonzert, obwohl es mitten in der Stadt ist. Die Fauna ist hier sehr aktiv am Morgen.

Entgegen meiner Befürchtungen ist die Rezeption bereits besetzt und ganz Kathmandu schon morgens um sechs auf den Beinen. In Jordanien hatte alles zu der Zeit noch tief und fest geschlafen, aber das trifft hier nicht zu. Ich kann meine ausstehenden Übernachtungskosten sowohl mit Euro begleichen als auch mein Geld in Nepali-Rupien tauschen; ich mache von beiden Möglichkeiten Gebrauch.

Auf den Straßen wuselt und hupt es wie eh und je, die ganze Stadt ist wach und fit und flott unterwegs. Junge Menschen, alte Menschen, Schüler, Rentner, praktisch jeder. Schulmädchen in Uniformen, die zu Fuß gehen oder auf ihre Schulbusse warten. Menschen reden, lachen, scherzen, beginnen ihren Tag. Und ich mit meinem Rucksack, den ich heute morgen zusammen gepackt habe, bin unterwegs in Richtung Busstation. Die Haltestelle für Touristenbusse ist nicht weit vom Avalon Hostel entfernt, sie befindet sich circa zweihundertzweihundertfünfzig Meter in Richtung Brücke, die den Bagmati Fluss umspannt. Von hier fahren Busse nach Chitwan und nach Pokhara ab.

Doch wer schon einmal zu Fuß in Kathmandu unterwegs war, wird wissen, dass die zweihundert Meter dort keinesfalls zu unterschätzen sind. So husche ich über die belebten Straßen, lasse mich anhupen und versuche, nicht überfahren zu werden; mein neuerdings angeschlagener Knöchel macht die Sache nicht gerade leichter.

Lange muss ich nicht suchen. Ich stehe unschlüssig zwischen zwei Bussen herum, da fischt mich auch schon jemand raus und will wissen, wo ich hin will. „Nein, nein, ich brauche kein Taxi.“ Ich versuche abzuwinken, doch es handelt sich um einen Mitarbeiter des Busunternehmens. In Asien kann man sich bei solchen Dingen keineswegs sicher sein; ich habe schon haarsträubende Geschichten gehört über Touristen, die sich abfangen ließen und Neppern auf den Leim gingen.

Ein bisschen Misstrauen sollte das Urvertrauen garnieren wie Salz ein gutes Gericht.

Es ist zum Beispiel immer gut, die regulären Preise einer Fahrt im Kopf zu haben. Der gute Mann gehört zwar zum Betrieb, möchte mir aber siebenhundert Rupien für das Ticket abnehmen. Nun ist es so, dass ich mich im Vorfeld online über die aktuellen Preise für die Strecke von Kathmandu nach Chitwan informiert habe. Auf den offiziellen Touristenseiten, zum Beispiel auf chitwantourism.com, sind sowohl die Abfahrtszeiten als auch die Abfahrtsorte der Busse sowie die aktuellen Preise angegeben. Meine Fahrt kostet sechshundert Rupien.

Es geht mir nicht um die hundert Rupien Differenz, Leute. Ich mag nur nicht das Gefühl, von jemandem verarscht worden zu sein; ich glaube, das mag niemand. Ich möchte auch nicht, dass sich Menschen überhaupt erst angewöhnen, Touristen so zu behandeln. Und dass der Eindruck entsteht, man könne es machen, weil wir eh nichts merken würden.

Doch sollte es wirklich mal jemand schaffen, mich übers Ohr zu hauen wie diese Apothekerin gestern in Thamel, dann hat er sich das Kleingeld redlich verdient. Wieso?

Solche Dinge lehren mich, wachsam zu sein. Und sie lehren mich, eine gute Portion Humor und Gelassenheit an den Tag zu legen. Was nicht heißt, dass ich alles durchgehen lasse. Aber speziell in den ersten Tagen in einem fremden Land, wenn man das Preisniveau noch nicht kennt, wird es einem immer wieder passieren, übervorteilt worden zu sein. Und mal ehrlich, sieht es als Lektion. Es tut einem nicht weh, doch es lehrt einiges, zum Beispiel ein geschultes Auge und Aufmerksamkeit.

Der junge Mitarbeiter guckt wie ein erwischtes Kind, als ich ihm den Ausdruck der Website unter die Nase halte. „Ja, stimmt, sind sechshundert.“ Sagt er kleinlaut und sein Grinsen wirkt wie das des sprichwörtlichen Kindes, das mit der Hand in der Keksdose erwischt wurde.

So bin ich froh, als ich endlich an der richtigen Haltestelle im richtigen Bus sitze. Danach beobachte ich die hektische Welt da draußen nur noch hinter einer Glasscheibe hindurch.

Die Menschen gehen ihrem Tagewerk nach. Ein alter Mann schiebt seinen Wagen voller Gemüse und Waren die Straße hinauf. Mühsam sieht das Leben in Nepal aus, mühsam, grau und staubig. Alte Männer, die ihre Lasten auf dem Rücken tragen, mit dem Gurt um die Stirn. Ein Mann, der voll beladen sein Fahrrad schiebt.  Transportiert wird alles mögliche: Obst, Flaschen, einfach alles.

Das emsige Treiben der Menschen, die Schüler, wie sie lachen. Das Mädchen, das mit einem Jungen scherzt.

Später sehe ich sie hinter ihm auf seinem Moped sitzen. Schönheit und Freude. Da fällt mir die Sache mit dem Mandala ein, mit den vier Fragmenten des Lebens. In der Mitte ist die Lotusblüte, die wunderschön und unerreichbar rein aus dem Dreck erwächst. Das ist das Glück, wie Buddhisten es meinen, das ist das Nirwana, das ist das Schöne, Reine. Das wird mir klar, als ich diese warmen, herzlichen Menschen sehe, in dieser hässlichen Stadt, in diesen Wolken aus Staub.

Die Götter und Göttinnen haben nicht deshalb so viele Hände und Füße, weil sie sie bräuchten, sondern um die Tiefschichtigkeit zu demonstrieren, zu der eine Gottheit fähig ist. Tiefschichtig wie das Leben, wie die Menschen, wie Kathmandu selbst. Der Glaube hilft den Menschen, durchzuhalten.

Kathmandu ist keine schöne Stadt. Es ist eine baufällige Stadt. Es gibt kaum ein Gebäude, von dem ich sagen könnte, das es nicht baufällig wäre. Was sicher zu einem nicht unerheblichen Teil dem Erdbeben von 2015 zu verdanken ist. Doch Kathmandu hat wunderschöne Menschen; innerlich wunderschöne Menschen und Kathmandu hat… Spirit. Ich weiß nicht, wie ich das sonst beschreiben soll. Es hat dieses Geheimnisvolle, dieses Wunderbare, das sich nicht auf den ersten Blick erschließt.

Alles ist draußen mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Es ist, als hätte jemand einen nostalgischen Sepia-Filter über die Stadt gelegt. Schon am frühen Morgen erhebt sich der Smog über den Straßen, lässt alles grau und farblos werden. Und wenn ich mir anschaue, wie dunkel meine weiße Mundschutzmaske inzwischen aussieht, wird mir klar: so hätten stattdessen meine Lungen aussehen können. Fast jeder in Kathmandu hat diesen Hustenreiz, fast jeder rotzt auf die Straße, zieht es tief aus dem Hals hinauf. Männer und Frauen, ganz ohne Unterschied. Der Staub verschont keinen in dieser Stadt.

Ich bin zu früh dran, bin entsprechend auch der erste Fahrgast. Der Touristenbus wirkt sehr komfortabel und klimatisiert. Als wir losfahren, werden an jeden Fahrgast Literflaschen mit gekühltem Wasser verteilt. Es gibt USB Anschlüsse, um seine Geräte aufzuladen und es gibt sogar W-lan.

Nicht nur Touristen fahren hier mit, wie sich später herausstellen wird, sondern auch jeder Nepalese, der es sich leisten kann – und will.

Das ist auch der Grund dafür, weshalb der Bus an jeder Haltestelle hält und es eine geschlagene Stunde bis anderthalb Stunden dauert, bis wir aus Kathmandu raus sind. Die Langsamkeit, der Verkehr, das Gehupe… überholen, überholt werden… Quälend langsam kommen wir in der Stadt voran. Doch als wir Kathmandu verlassen, wird es auch nicht viel schneller, denn dann quälen wir uns die enge Bergstraße hinauf.

Ich hatte freie Platzwahl und habe mich richtig entschieden. Merkt euch: Kathmandu Richtung Chitwan bzw. Pokhara: immer rechts am Fenster sitzen. Die meiste Zeit habt ihr einen Blick auf die Hügel, Täler und Flüsse, während die Passagiere auf der anderen Seite meist auf eine steile Felswand starren.
Saftig grüne Landschaften bilden einen willkommenen Kontrast zu den graubraunen, verstaubten Häusern der Stadt. Die Strecke schlängelt sich die meiste Zeit am Bagmati Fluss entlang. Kleine, weiße Wölkchen halten sich in der Luft und bleiben zwischen den dunkelgrünen Bergkämmen hängen.

Kathmandu liegt auf rund 1400 Metern Höhe und das macht sich jetzt bemerkbar, als wir uns im Schritttempo über den Schluchten bewegen. Hier, hinter der Stadt tauchen wir in die Bergwelt ein. Wie eine Perlenkette kommen uns kunstvoll und bunt bemalte Laster entgegen. „I love Nepal“, ist auf einem davon zu lesen. Sie erinnern mich mit ihrer individuellen Bemalung stark an die Lastwagen, die Pakistan durchqueren – zumindest an das, was ich in diversen Berichten davon sehen konnte.

Langsam passieren wir enge Kurven. Jetzt wird spätestens klar, weshalb die Busse für diese zwei- bis
dreihundert Kilometer rund sieben Stunden brauchen. Die Local Buses sind noch langsamer, habe ich mir
sagen lassen, denn sie halten wirklich überall. Die Straßen schlängeln sich teilweise steil die Berghänge
rauf und runter.

Doch die Strecke ist nicht so eng und halsbrecherisch wie ich mir das in meinen wilden Fantasien vorgestellt habe. Die Fahrbahn auf unserer Strecke ist durchgehend asphaltiert und von wesentlich besserer Beschaffenheit als in Kathmandu, wo an jeder Ecke ein tiefes Loch klaffte. Ein Mittelstreifen ist vorhanden und größere Steinquader oder Absperrungen begrenzen die Straße zum Abgrund hin und sorgen in engen Kurven für Sicherheit. Niemand, der in der Kurve aus der Spur kommt, läuft Gefahr, hinunter in die Schlucht zu stürzen.

Und das Unfälle durchaus passieren, bestätigt mir der eine oder andere umgefallene Truck, den wir auf der Strecke noch sehen sollen.

Die Fahrt geht nur langsam voran, da uns immer wieder Trucks und andere Busse entgegen kommen oder vorneweg die Fahrbahn blockieren. Es ruckelt und immer wieder wird abwechselnd gebremst und beschleunigt.

Wenn es möglich ist, überholt unser Busfahrer die langsameren Fahrzeuge vor uns. Ich schaue dabei nicht so genau hin, das ist besser für meine mentale Gesundheit.

Stattdessen sehe ich zu, wie sich die Landschaft vor meinen Augen verändert. Lag Kathmandu noch auf 1400 Metern, so liegt Chitwan nur noch auf achthundert Metern Höhe. Nichtsdestotrotz fahren wir sozusagen in die Berglandschaft hinein. Langsam verändert sich die Landschaft von bergig in sumpfig und tropisch in der Tiefebene. Und es wird heißer. Es wird richtig heiß, ich kann förmlich dabei zusehen, wie die Temperaturen hochklettern.

Reisfelder, soweit das Auge reicht. Saftig grüne Reisfelder, die mit ihrem krassen Grün beinahe die
Augen verbrennen. Wie aus dem Photoshop nach zehnfacher Farbverstärkung – und doch echt. Ab und zu unterbrechen bunte, übergroße Werbetafeln die Landschaft und ich frage mich, wie das zusammen
passt. Kühe. Menschen mit ihren Kühen oder Büffeln.

Menschen, die in ihren selbst gezimmerten Hütten und Ständen am Straßenrand sitzen und Waren, Snacks und Souvenirs verkaufen. Die Hütten wirken sehr ärmlich, viele davon sind mit Wellblech bedeckt. Zunächst halte ich sie einfach nur für Verkaufsstände, doch die meisten davon haben provisorische Duschen und in großen Kübeln wird Regenwasser aufgefangen. Wie gesagt, ich glaube zunächst an Verkaufstände, doch dann flüstert eine kleine, gemeine Stimme in meinen Kopf hinein:

Sag mal, bist du doof? Glaubst du, sie verkaufen hier tagsüber und danach, ja was? Danach steigen sie in
ihren SUV und fahren runter in ihr schickes Haus mit Pool und Klimaanlage? Was stellst du dir eigentlich vor; natürlich leben die dort. Wo sollen sie sonst hin?

Mein angeknackster Knöchel fühlt sich heiß an. Morgen steht ein zweistündiger Jungle-Walk in Chitwan auf dem Plan. Mal sehen, was das gibt…

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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