Swakopmund, Namibia
15 September 2017
Mürrische Gesichter schauen uns entgegen, schauen zu uns ins Auto. Wir werden beäugt, oder zumindest mit einer Art Interesse empfangen, die ich nicht einordnen kann. Zum ersten Mal seit Anbeginn unserer Reise bin ich froh um die Sicherungsvorrichtung in unserem Auto, das sofort nach dem Losfahren alle Türen automatisch verriegelt.
Als ich die Augen wieder öffne, hat sich die Landschaft schon wieder gewandelt. Die hügelige Welt ist einer flachen, fahlen Ebene gewichen. Flaches Land links und rechts von uns; nichts, woran man das Auge festmachen könnte, genauso gut hätten wir uns auch auf einem anderen Planeten befinden können. Keine Bäume, Sträucher, kein Wild, nur kleine, dunkle Gewächse, die wie Flecken in der Landschaft verteilt sind.
„So geht es schon seit sechszig Kilometern.“ Sagt Stefan, der bemerkt, dass ich wach bin.
Die kahle Ebene reicht bis an den Horizont. Doch, wie man so schön sagt – nur weil man glaubt, die Horizontlinie zu sehen, heißt das noch lange nicht, dass man ihn jemals erreichen wird…
Rechts von uns setzt eine kleine Maschine an der Landebahn des Walvis Bay International Airport. Als wir uns der Küste nähern, verändert sich wieder die Landschaft. Die Ebenen weichen sandigen Dünen. Ein schmaler, dunkler Streifen am Horizont kündigt den Atlantik an, was Stefan Tränen der Freude in die Augen drückt. Die Temperaturanzeige im Auto sinkt nun mit jedem gefahrenen Kilometer. Hohe Kräne, aus der Ferne als nebelgraue Gebilde sichtbar, kündigen Namibias einzigen Tiefseehafen an: Walvis Bay.
Dort geht die Straße nach rechts ab, wir folgen der Beschilderung, die Swakopmund ankündigt.
Zu unserer Rechten erheben sich Sanddünen, hell und nicht so rot wie die im Naukluft Park. Kleine, verloren wirkende Punkte, die sich dunkel vom hellen Sand abheben und sich nach oben bewegen, sind Menschen, die beschlossen haben, die hohen Dünen zu erklimmen.
Links von uns glitzert das Meer, einzelne Sonnenstrahlen in weiter Ferne erhellen die Oberfläche und lassen sie leuchten. Denn zum ersten Mal seit über zwei Wochen ist die Sonne hinter einer Wolkendecke verborgen.
Die erste Möwe, die wir hier in Afrika sehen, sitzt einsam auf einem Pfahl. Wir fahren eine Palmengesäumte, asphaltierte (ja, jeden asphaltierten Streckenabschnitt in Namibia muss man feiern…) Straße entlang, die ich als die „Afrikanische Alleenstraße“, ein Pendant zur so oft von mir befahrenen „Deutschen Alleenstraße“ bezeichnen würde.
Danach sind keine Palmen mehr zu sehen, dafür wieder die gleichförmigen, kleinen Häuschen, die ich schon in den Außenbezirken anderer Städte gesehen hatte und die aussehen wie allesamt aus ein und derselben Kuchenform gebacken. Vor diesen Häuschen, auf dem freien Feld, liegt Müll in der Landschaft verteilt, Kinder spielen Fussball.
„Das muss hier das Downtown sein.“ Sagt Stefan. Auf mich wirkt es wie eine Arbeitersiedlung, die zu Walvis Bay dazugehört. Afrikanische Slums mit Wellblechdach sind etwas ganz anderes.
Wir nähern uns Swakopmund. Die Häuser am Rande dieser Stadt sind groß, geräumig, liegen direkt am Strand, hier und da glitzert ein Pool. Ja, in diesen Bezirken wohnt das Geld.
Die Stadt selbst wirkt wie ein Ort an der deutschen Ostsee, nicht zuletzt durch das bewölkte Wetter und die für Namibia kühlen Temperaturen. Kirchtürme, Häuser und Hotels prägen das Stadtbild und lassen an einen Kurort an der Nordsee denken. Nur die großen Palmen, die die Straßen säumen, passen nicht ins Bild. Und auch nicht die Menschen. Wir sind immer noch in Afrika – Gottseidank.
Die Menschen tragen dicke Kleidung, Wollmützen und warme Ohrenschützer. Es ist tiefster Winter für namibische Verhältnisse; das Thermometer zeigt gerade mal 18 Grad an. Vielleicht liegt es auch an den kühlen Temperaturen, vielleicht an dem Fehlen von Sonne, aber… sie ist eigenartig, die Stimmung in Swakopmund, als wir durch die Straßen der Stadt fahren. Mürrische Gesichter schauen uns entgegen, schauen zu uns ins Auto. Wir werden beäugt, oder zumindest mit einer Art Interesse empfangen, die ich nicht sofort einschätzen kann. Zum ersten Mal seit Anbeginn unserer Reise bin ich froh um die Sicherungsvorrichtung in unserem Auto, das sofort nach dem Losfahren alle Türen automatisch verriegelt. Als wir an der Polizeistation vorbei fahren, ist die hohe Mauer, die das Gelände umgibt, mit Glasscherben gesichert.
Im Intermezzo Gasthaus empfängt uns eine kleine, quirlige Person mit einem „Hallo! Hattet ihr eine gute Reise?“ Carmen kommt uns kauend entgegen, entschuldigt sich im gleichen Atemzug und schluckt ihr was-auch-immer hastig herunter, was sie gleich irgendwie sympathisch macht. Sie leitet das Intermezzo Gasthaus mit viel Aufmerksamkeit und Liebe zum Detail, davon zeugen Kleinigkeiten wie die kleinen lila Blümchen, die überall im Haus verteilt sind und unsere Handtücher sowie das Toilettenpapier zieren. Im Wohnraum stehen deutschsprachige Bücher in den Regalen und deutschsprachige Zeitungen liegen auf dem Tisch verteilt.
Carmen leitet das Gasthaus seit 14 Jahren; früher tat sie das mit ihrem Mann zusammen, doch: „…jetzt bin ich alleine“, wie sie sagt, denn ihr Mann sei gerade verstorben.
In Stefan findet sie beim Thema Rauchen sogleich einen Verbündeten, und bei der Gelegenheit will ich von ihr wissen, was es mit den strengen namibischen Anti-Raucher-Gesetzen auf sich hat.
„Ach, unsere Regierung, die spinnen momentan!“ Ruft sie aufgeregt aus und winkt ab. „Es ist alles schon wieder gelockert worden.“
Und während wir uns unterhalten, kommt ein alter Mann, offensichtlich ein deutschstämmiger Nachbar, um die Ecke und verwickelt sie in ein Gespräch. Er sieht ernsthaft besorgt aus.
„Hier in der Nachbarschaft ist gerade erst eingebrochen worden.“ Erzählt er aufgeregt. „Haben Sie davon gehört?“ Nein, davon hatte sie noch nichts gehört; Carmen schaut nicht minder erschrocken aus.
„Gerade erst!“ Erzählt er weiter. „Bei Romy Schneider!“ Es scheint sich hierbei um ein anderes Gasthaus zu handeln. Der alte Mann hatte sich mit jemanden vom Neighborhood Watch unterhalten, der seit Neuesten diese Gegend patrouilliert. Wie zur Bestätigung erscheint der mann in grüner Uniform und wachsamen Blick hinter der Mauer.
„Und Sie?“ Fragt der alte Mann Carmen. „Haben Sie einen Security Service?“ Carmen ist sichtlich überrumpelt. „Nein, schon lange nicht mehr.“
„Und? Fühlen Sie sich sicher?“
Im weiteren Verlauf des Gespräches bekommen wir mit, dass in der unmittelbaren Nachbarschaft vor einiger Zeit ein altes Ehepaar ermordet worden ist. Stefan und ich schauen uns an. Ich bin überrascht, wie schnell sich mein erster Eindruck von der Stadt, der sich vorwiegend an Halbwissen und Vorurteilen nährte, bekräftigte. Oder war das Instinkt? Die großen Kameras werden jedenfalls im Hotel bleiben, wenn wir uns morgen in die Stadt begeben. Bei Tageslicht, versteht sich.
„Ist es so schlimm hier?“ Fragt Stefan, als der alte Mann gerade eine Sprechpause einlegt. Carmen nickt. „Momentan schon.“ Anscheinend muss sie das soeben Gehörte erst noch verdauen.
Doch als ich später kurz mit ihr alleine bin, sagt sie: „Vieles von dem, was der alte Mann sagt, ist übertrieben; ihr müsst nicht alles glauben.“
„Keine Sorge.“ Sage ich. „Wir reisen nicht gleich wieder ab.“
Sie seufzt. „Gott sei Dank!“
Start: Elegant Desert Lodge, Sossusvlei
Ziel: Intermezzo Guest House, Swakopmund
(S 22°39’51.484″E 14°31’41.880″)
Distanz: 367 km
Reisezeit: 4:43 Stunden
Erlebnisse der nicht so schönen Art und wenn man gerade erst angereist ist gibt das Zündstoff für Überlegungen und Gedanken . Mich würde es auch nicht begeistern was man da zu hören bekommt. Denke generell ist die Kriminalität schon hoch in Afrika ! Das hängt sicherlich auch mit der enormen Schere „Arm und Reich“ zusammen. Ich weiß es aber natürlich nicht, kann mir es nur vorstellen.
Wenn ich mir das Foto von den Sanddünen anschauen, da sind doch Motorradfahrer unterwegs oder täusche ich mich so ???
Lieber Manni, das werden Sandborder sein, vermute ich. In Swakopmund konnte man derartige Touren buchen.
Na ja, es ist ja nichts passiert, als wir dort waren bis auf ein paar Kinder, die uns angebettelt haben. Ja, es ist tatsächlich die Arm-Reich-Schere, aber nicht nur. Soweit ich gesehen habe, waren Lodges und größere Farmen noch immer in weißer Hand. Namibia versucht, das zu ändern und die Eigentümer zum Verkauf zu bewegen, um ihre Landsleute dort einzusetzen. Jetzt ist es aber so, dass die Menschen in Namibia keine Kenntnisse darüber haben, wie man so eine Farm richtig führen sollte. Deutsche sind da halt sehr effizient. Veränderungen dauern lange…
Sandborder ! was ist das ? muss ich mal googeln
Sowas wie Snowboarding, nur auf Sanddünen 🙂
[…] Als wir in der Küstenstadt ankommen ist es zunehmend kalt. Das nicht nur meteorologisch, obwohl sich die Thermometeranzeige bereits Kilometer zuvor beginnt zu senken. Nein, in der Stadt selbst herrscht eine kühle, seltsame Stimmung. Menschen mit Mützen und Ohrenschützern beäugen uns misstrauisch und wir fühlen uns zunehmend unwohl. Aber lest selbst: Hier geht’s zur Reise… […]