Asien, Turkmenistan

Der Russische Basar und die Suche nach Bier

September/Oktober 2024

Der russische Basar

Geld tauschen. Eine unliebsame Angelegenheit. Unliebsam deshalb, weil es zum einen den offiziellen Kurs der Regierung für Fremdwährungen gibt – und zum anderen den inoffiziellen Schwarzmarktkurs. Unsere Mitreisende Sonja macht es genau richtig: sie zieht sich eine kleine Summe der Landeswährung aus dem örtlichen Automaten. „Der Kurs ist egal.“ Begründet sie ihr Vorgehen. „Aber wenn mich jemand fragt, dann habe ich hier eine Quittung als Nachweis, dass das Geld legal gewechselt wurde.“ Hm, gar nicht dumm. Wir hingegen verlassen uns auf den örtlichen Geldmarkt. Nervös warte ich mit den anderen vor einem großen Basar im Stadtzentrum, dem sogenannten Russenbasar. Irgendwann ist das Warten zu Ende und wir alle mit neuen Scheinen zum für uns günstigen Kurs versorgt. Diese Art des Geldwechselns ist nicht legal, doch eines vorneweg: es hat uns während der gesamten Reise niemand überprüft. Überhaupt war vor dem „omnipräsenten Polizeiapparat“, vor dem immer wieder gewarnt wurde, nicht viel zu spüren. Wir bewegten uns frei, gingen, wohin wir wollten, wurden von niemandem behelligt. Genau wie jetzt. Ich schwitze Blut und Wasser, als die Scheine an uns ausgegeben werden. Doch die Turkmenen interessieren sich nicht dafür, was wir hier treiben. Eigentlich interessiert sich hier jeder für seine eigenen Angelegenheiten.

Lasset mich noch ein paar Worte zu unserer Reisegruppe verlieren. Irre Reiseziele wie dieses hier scheinen eine Männervorliebe zu sein. Und überhaupt, man muss schon ein besonderer Schlag Mensch sein, um Lust auf Turkmenistan zu haben – oder überhaupt zu wissen, was das ist und wo das liegt. Es gibt also folgerichtig nur zwei Frauen in unserer Gruppe: Sonja, eine Schweizerin – und mich.

Der Russenmarkt heißt umgangssprachlich deshalb so, weil er vor allem, was sein Warenangebot betrifft, auf die Bedürfnisse der russischen Gäste ausgelegt zu sein scheint. Und davon gibt es hier anscheinend gar nicht wenige. Unsere Gruppe wird folgerichtig auch für Russen gehalten, und so wird uns an jeder Ecke Kaviar zum Probieren auf einem ausgestreckten Löffel angeboten. Fischeier, öhm, danke. Aber vielleicht sollte ich das Zeug tatsächlich mal versuchen…?

Der Markt besteht zum großen Teilen aus einer überdachten Halle, in der sich die Marktstände gruppieren. Fasziniert betrachte ich mir fremde Speisen, abenteuerlich bunte Torten, ebensolche Kleider. Immer wieder werde ich angesprochen (der Kaviar, ihr wisst schon). Fotografieren ist so ne Sache für sich. Grundsätzlich ja, aber schnell und verstohlen, denn keiner der hier anwesenden Turkmenen möchte mit auf den Bildern sein. Und jetzt mach mal ein Foto von einem belebten Ort so ganz ohne Menschen. „Könntet ihr mal bitte alle zur Seite…“ Ich mache das Beste draus.

Zunächst schlendere ich alleine umher. Dann jedoch zwickt der Hunger. Und wie es der Zufall so will, sehe ich drei Jungs aus unserer Reisegruppe, denen es genauso ergeht. Froh über ein wenig Gesellschaft hänge ich mich dran. Ein Kebabladen lockt mit leckeren Düften. Wie ein Kebab hierzulande wohl schmeckt? Wir gehen rein. Der Besitzer grinst breit, sichtlich erfreut darüber, dass sich Ausländer in seine Bude verirren. Die Jungs eilen sofort an den Kühlschrank. „Gibt’s Bier?“ Nein, Bier hat der gute Mann nicht, dafür leckeres Essen und exotische Softdrinks. Sogar deutsche Musik! An einem der Tische nehmen wir Platz, das Essen vor der Nase. Der Mann will uns was Gutes tun und schaltet den Fernseher um. In der Flimmerkiste fängt Modern Talking an zu plärren. „You my heart…“ Die Gesichter der Jungs wechseln zwischen Maske, fassungslosem Erstaunen und dem Versuch, nicht loszulachen. Unser turkmenischer Dönermann ist sichtlich mit sich zufrieden, uns so beglückt zu haben; er gibt mir sogar einen Hocker und platziert mich neben dem Tisch, damit ich auch das bewegte Bild sehen kann. Ich finde diese Geste rührend und wippe pro forma ein Bisschen mit. Deutsche Gäste wollen in fernem Turkmenistan doch bestimmt etwas aus ihrer Heimat hören…

Nach dem Essen geht es für uns weiter. Ich bleibe mit meinem kleinen Grüppchen zusammen, denn es ist nicht das erste Mal, dass mir das Alleinreisen hin und wieder einsam und lästig vorkommt. Schnell kristallisiert sich heraus: die Jungs wollen Bier. Und begeben sich auf die Suche. Das finde ich ganz witzig und suche mit. Schließlich werden wir fündig. Alkohol wird hierzulande nicht überall, jedoch in einigen speziell lizensierten und ein wenig versteckten Kaschemmen ausgegeben. So eine Bar finden wir mehr per Zufall, denn sie ist ziemlich versteckt. Es geht über eine Treppe in einen zwielichtigen Eingang hinein, und man findet sich an einem Tresen wieder. Hm, es gibt tatsächlich frisch gezapftes. Eigentlich trinke ich keinen Alkohol auf Reisen – klarer Kopf und so. Doch egal, dann nehme ich eben eines mit. Oh, ich soll auf dieser Reise noch gründlich umerzogen werden…

Bei unserem Besuch auf dem Markt hat Maia Essenspakete für uns zusammengeschnürt. Wir durften uns an einem Stand mit vielen Gerichten etwas nach unserem Gusto zusammenstellen. Dazu gibt es ein süßes Getränk mit Strohhalm und etwas Obst. Der Bus bringt uns zum Bahnhof, von wo uns ein Nachtzug in die Karakum-Wüste bringen wird. Uniformierte Schaffner sorgen für Ordnung. Erstaunlicherweise sind außer uns noch ein paar Touris zugegen. Der Zug hält, wir steigen ein und verteilen uns in den Kabinen des nostalgischen Waggons. Die Züge sind alter, sowjetischer Bauart, gemütlich, mit jeweils vier Kojen pro Kabine ausgestattet. Altbackene Vorhänge schirmen die Fenster von der Außenwelt ab, der Boden ist mit rot gemustertem Teppichboden ausgelegt. Man teilt sich zu zweit eine Kabine; ich bin logischerweise mit Sonja, der einzigen anderen Frau, untergebracht. Interessiert schaue ich zu, wie meine Mitreisende ihren großen, schwarzen Koffer auf die untere Koje bugsiert. Oben werden wir schlafen, unten liegen Fleeddecken und frische Bettwäsche. Die unteren Schlafkojen sind auch der inoffizielle „Platz der Geselligkeit“: wir sitzen da, schauen aus dem Fenster, sehen dabei zu, wie der Zug langsam anrollt. Felder, Weiden, Kühe ziehen an uns vorbei. Während die Sonne sinkt und kaum noch durch die trüben, milchigen Glasscheiben dringt, Rangierbahnhöfe und Güterwaggons auftauchen und wieder verschwinden, kleine und größere Orte an uns vorbei fliegen, Häuser, Moscheen… da richten wir uns schon mal gemütlich ein und packen unsere Lunchpakete aus. Schuhe werden aus- und bequeme Schlafkleidung angezogen. Sonja hat auf dem Markt Nüsse gekauft; nun packt sie ihre Vorräte aus, um sie schwesterlich zu teilen.

Der Bahnhof

Eine Eigenart in vielen östlichen (und nicht nur) Zügen sind die „fliegenden Händler“, Leute, die mit ihren Waren an einer Station einsteigen, einmal durch den Zug gehen, in jeden Waggon reinschauen und das, was sie da so parat haben, feilbieten. Hat man Hunger? Kein Problem, es wird jemanden geben, der mit Snacks unterwegs ist. Braucht man noch irgendwas für Zuhause? Will man vielleicht Schmuck kaufen? Tatsächlich brauche ich kein Gedöns, bleibe jedoch länger bei der Händlerin mit ihren selbstgeflochtenen Armbändern hängen. Die Frau verkauft Handgemachtes; schlichten Schmuck aus Kamelwolle mit eingearbeiteten, blauen und glitzernden Glassteinen. Ich, die keinen Schmuck trägt, werde schwach und fange an zu feilschen. Es läuft nicht schlecht und so bleiben die Andenken an meinen Handgelenken hängen. Sie werden mich den Rest der Reise begleiten.

Als Schlafenszeit ist, schaukelt mich der Zug weich und gleichmäßig ins Land der Träume. Es ist jedes Mal das Gleiche, schon damals in den fernen Neunziger Jahren, als uns, meine Mutter und ich, der Nachtzug „Kuschetka“ direkt von Frankfurt nach Warschau brachte (inzwischen wurde die Verbindung längst eingestellt). „Wie soll man denn bei dem Geruckel schlafen?“ Dachte ich damals und denke ich heute. Doch das Geruckel erweist sich als überaus schlaffördernd. Schneller als gedacht fliege ich weg.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
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Die Welt wartet auf uns.

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