Al Ula – Geisterstadt aus Stein und Schlamm
Über achthundert Lehmhäuser stehen dicht gedrängt nahe der Altstadt von Al Ula im Nordwesten des Landes. Über zweitausend Jahre lang verfallen sie schon in der Sonne; ein Spaziergang durch ihre Labyrinthe ist wie ein Eintauchen in die Geschichte. Berühren der Steine, bewundern der erstaunlich stabilen Hauswände, die nur dank dem trockenen Wüstenklima erhalten geblieben sind – samt den verbleichten Palmblättern, ebenfalls tausende Jahre alt, die in der brütenden Sonne aus den Dächern der Häuser ragen. Falls eines der Häuser noch ein solches Dach hat, heißt das. Denn manchmal sind nur noch Wände und Türrahmen erhalten, während der Rest in einem Sammelsurium aus Steinen auf dem umliegenden Boden verteilt ist. Das ist die Geisterstadt Al Ula, in der nicht einmal mehr die Geister der vergangenen Zeiten flüstern.
Nach unseren Erkundungen der historischen Stadt Dadan und der „Offenen Bibliothek“, einer mit tausenden Inschriften übersäten, tiefen Schlucht inmitten der Wüste, mit einem Kopf voller Informationen und Bilder, sitzen wir im Bus und lassen die Wüstenlandschaft an uns vorbei ziehen. Die faszinierenden Felsformationen hinterlassen jedoch keinen solch tiefen Eindruck als zur Beginn der Reise; längst ist der Geist voll und eine Pause dringend nötig. Doch eine solche wäre reine Zeitverschwendung, denn hat man, so wie wir, mehrere Tausende Euro für die Touristik ausgegeben, so möchte man diese Zeit bis zum letzten Nektartropfen auskosten – auch wenn es heißt, sich gegen den eigenen Kopf und gegen die eigene Erschöpfung zu stellen. Ich habe an dieser Stelle längst aufgehört, zu sammeln und zu sortieren; inzwischen lasse ich Erlebtes nur noch an mir vorbei ziehen. Ohne zu kommentieren, ohne zu werten. Das ist der Zustand, der auf große Euphorie folgt. Noch mehr Euphorie – und eine Art Willenlosigkeit. Ich weiß nicht, wie viel davon ich im Nachgang behalten werde, was geht verloren, welches Detail wird mir entgleiten. Was ist wichtig, was nicht? Die Bilder müssen sich setzen, müssen sich ordnen.
Doch bis zu unserem nächsten Reisepunkt, dem „Elephant Rock“, bleibt uns noch etwas Zeit für einen Spaziergang in der alten Geisterstadt von Al Ula. Viele der Häuser wurden inzwischen abgerissen, um Platz für neue Bauten zu schaffen, doch ein erhaltener Rest dient nun dem Ankurbeln der Touristik. Ich denke, dass sich die wahre Bedeutung solcher Orte den Menschen hier erst seit kurzem wirklich erschließt. Nicht nur geschichtlich, sondern auch als Mittel zum Zweck für etwas, was bislang so gar keine Rolle spielte in diesem Land: um Reisende aus aller Welt anzulocken.
Rund sechshundert Jahre vor Christus wurde Al Ula gegründet. Die grüne Oase, entlang der Weihrauchroute gelegen, war mit ihrem fruchtbaren Boden und ausreichend Wasser dafür prädestiniert, sich zu einem blühenden Ort zu entwickeln. Die Stadt aus Lehm entstand und wuchs, von Mauern umgeben. Die Stadt steht an Stelle des biblischen Ortes Dadan. Einige der Steine, die in den Fundamenten gefunden wurden, tragen noch alte, lihyanitische Markierungen, ein Zeichen dafür, dass die Ursprünge der Stadt bereits zur Zeit des Lihyanitischen Königreiches gegründet wurden. Im Laufe der Zeit jedoch wurden viele der Häuser erneuert, zerstört, wieder aufgebaut, die alten Steine zu anderem Zweck verwendet. Die Stadt wandelte sich und veränderte immer wieder ihr Gesicht, bis hinein in die Neuzeit.
So wurde das zwischenzeitlich verlassene Al Ula im 13 Jahrhundert wieder aufgebaut und bis in die Neuzeit bewohnt. Erst im 20 Jahrhundert, als die Standards in den beengten Gassen nicht mehr den Anforderungen der Moderne entsprachen, wurde Al Ula zugunsten einer neu erbauten Stadt Namens Al-‚Ula aufgegeben. Der neue Ort Al-‚Ula befindet sich direkt daneben; es ist der Ort, den wir vor zwei Tagen abends bei unserer Ankunft in der Rub al Chali besuchten. An jenem Abend war mir nicht klar, dass es sich hierbei trotz aller Namensähnlichkeit nicht ganz um ein- und denselben Ort handelt.
Es gibt hier keine Beschränkungen, als wir die sandigen Hänge hinauf klettern und uns zwischen den alten Lehmhütten verlieren. Hier stehen noch keine Aufpasser, die Wege sind nicht vorgegeben, nein – hier können wir den Ort auf eigene Faust entdecken. Wir erklettern alte Leitern, steigen auf einsturzgefährdete Dächer und begehen Häuser, stellen uns, im Innern stehend, vor, wie es wohl war, damals hier zu leben. Tausende Menschen dicht an dicht, nebeneinander, miteinander. Solche Orte gibt es auch heute noch in der Welt. Orte, wo der Wohlstand noch nicht hingekommen ist und wo Privatsphäre nur ein abstraktes Gedankenkonstrukt darstellt.
Doch in Wahrheit ist es schwer zu sagen, wie wohlhabend Al Ula wohl gewesen war. Bedenkt man ihre strategisch günstige Lage an alten Karawanenrouten, so erscheint ein gewisser Wohlstand als logische Konsequenz. Wohlstand war in jener Zeit nicht unbedingt mit dem Vorhandensein von räumlicher Freizügigkeit gleichzusetzen – ist ein wohlhabender Ort stark frequentiert, muss er sich auch schützen können. Das Leben spielt sich innerhalb der Mauern ab, der Platz ist begrenzt. Nun wirkt alles wie aufgebrochen, die Mauern sind dünn und fragil, kaum noch stehend zwischen knorrigen Bäumen und Dattelpalmhainen.
Um uns nicht zu verlieren und in der Zeit zu bleiben, halten wir uns an den Orangenpfad, der uns schnurstracks durch das damalige Zentrum des Ortes führt. Für mich ist es ein willkommener Spaziergang, für Stefan wohl eine Qual. Die er jedoch ganz schnell beendet, denn er darf mit den Guides im Schritttempo im Jeep mitfahren. Der Orangenpfad ist circa anderthalb Kilometer lang, eine perfekte Strecke, um nach den langen Busfahrten die Beine zu vertreten.
Der Bus wartet bereits auf der anderen Seite des Al Wadi auf uns. Oder besser: wir auf den Bus, der aus unerfindlichen Gründen noch nicht eingetroffen ist. Die Sonne steht bereits tief und es wäre nur gut, pünktlich zum Sonnenuntergang beim Elephant Rock zu sein. Einen Augenblick später sitzen wir schon wieder köpfewackelnd in unserem klimatisierten Vehikel.
Jabal al Fil – Der Elephant Rock
Dass Saudi Arabien über fantastisch anmutende Felsformationen verfügt, die wie von Zauberhand geformt den Gesetzten der Schwerkraft zu trotzen scheinen, hat sich inzwischen herumgesprochen. Da wären dann der Rainbow Rock, ein Bogen, der sich wie ein Regenbogen über der Wüste krümmt. Die Dancing Stones, hohe, schmale Steinsäulen, der Face Rock oder der Mushroom Rock, riesige Monolithen, deren Namen bereits ihr außergewöhnliches Aussehen erahnen lassen. Einen von ihnen, den Elephant Rock, werden wir heute Abend besuchen.
Bereits auf der Busfahrt hierher konnten wir die oben genannten Highlights der Wüstenlandschaft erahnen. Da stemmten sich Felsbrocken gegen den Himmel, so riesig, dass alles um sie herum verblasste. Menschen, Häuser, ganze Dörfer verschwanden in ihrem tiefen Schatten. Da standen sie dann, riesige Monolithen, Könige, Pferde, Riesen, und ließen die Fantasie spielen. Was wir heute sehen werden, ist etwas Besonderes. Der 52 Meter große Steinbogen aus rotem Sandstein sieht aus wie ein Elefant mit seinem „Rüssel“. Der zweite Fels nebendran wirkt auch elefantenförmig, wobei hier der Spalt zwischen Kopf und Rüssel fehlt. Zusammen sehen sie aus wie zwei Dickhäuter in der Savanne, die sich zueinander gewandt anblicken. Diese Formen entstanden im Laufe von Jahrmillionen. Heute locken sie Touristen aus aller Welt an.
Unser Bus erreicht die riesenhaften Monolithen pünktlich zum Sonnenuntergang. Bereits jetzt stehlen sich die Strahlen der tief stehenden Sonne durch die Spalten der Skulpturen hindurch und graben sich in den Sand ein. Der Felsen ist in tiefes Licht getaucht.
Rund um den Felsen ist eine Chillout Zone eingerichtet. In Vertiefungen im Sand streckt man sich auf den Couchen und Sitzsäcken aus. Im nahegelegenen Cafés kann man sich mit Shisha und Getränken versorgen, auch ein Restaurant und Toiletten sind da. Alles unaufdringlich, versteht sich, denn nichts soll zu sehr von der fantastischen Landschaft um uns herum ablenken. Einige der Buchten im Sand sind noch frei, also verteilen wir uns gemütlich und jeder sucht sich ein Plätzchen. So versteckt stören unsere Köpfe niemanden beim Fotografieren und auch wir bekommen keine Person aufs Bild, die das nicht wünscht. Clever, die Saudis. Eine solche Idee würde ich mir an diversen anderen Sightseeing Punkten wünschen.
Es wird Wasserpfeife geraucht. Von irgendwoher dringt Musik. Es sind in erster Linie saudische Touristen hier; die Saudis erkunden ihr Land. Wir stechen heraus wie bunte Paradiesvögel, doch an diesem zauberhaften Ort bleiben Blicke aus. Hier ist man auf uns eingestellt. Der Tourismus soll kommen.
Dann kommt er, der zauberhafte Augenblick, in dem der Fels in kräftigem Orange aufleuchtet. Langsam und dramatisch sinkt die Sonne in den Wüstensand, ihr Schein umgarnt den Monolith und haucht ihm für einen kurzen Moment Leben ein. Keine Wolke am Himmel, wir sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort, es ist perfekt.
Leider weiß ich, dass unsere Zeit hier mit Blick auf den Felse begrenzt ist. So schade, denn dies ist ein Ort, an dem ich bleiben könnte. Gerne bis spät in den Abend hinein. Doch dies sind die Nachteile, wenn man mit einer organisierten Reise unterwegs ist. Man hat Programm. Und dieses Programm steht fest. Also kosten wir nur mal ein wenig von der kostbaren Stimmung. Berit, eine Mitreisende, und ich lassen uns sogar noch mehr Zeit als uns von Rechts wegen zusteht; unzählige Male bleiben wir noch stehen und fotografieren einander, und treiben damit unsere Guides zur Verzweiflung. Und während es sich all die saudischen Familien nach Sonnenuntergang erst recht gemütlich machen, während der Elefantenfels in dezentes, künstliches Licht getaucht aus der Dunkelheit empor taucht, da sind wir schon wieder, schrittweise langsam, doch unvermeidlich, unterwegs zurück zum Bus. Als ich einen Blick zurück werfe, sind die beiden „Elefanten“ nur noch pechschwarze Umrisse am lila eingefärbtem Himmel.
Das Abendessen erfolgt wieder am Boden, gegessen wird in einem jemenitischen Restaurant in Al-‚Ula. Hatim hat auch diesmal nicht geschlafen; eine riesige Platte mit Reis, Nudeln und Hähnchenfleisch schwebt zu uns herab und senkt sich auf den mit gemusterten Teppichen und mit einer dünnen Wegwerf-Folienschicht ausgelegten Boden. Später wird eine Portion Köfte bestellt, welches wir uns aufgrund nur begrenzter Magenkapazitäten brüderlich und schwesterlich teilen. Unsere Reisegruppe wird wie immer königlich bewirtet; nur meinem Stefan stehen ob der unbequemen Sitzposition die Schmerzen ins Gesicht geschrieben. Die zweite Nacht im kalten Zelt wird uns beiden den Rest geben und wir werden uns als angeschlagene Helden mit einer dicken Erkältung aus dem Abenteuer „Wüste“ emporheben.
Ja, Glück und Leid liegen auf solchen organisierten Reisen oft nah beieinander. Du siehst zwar viel und musst dich um kaum was selber kümmern. Aber du wirst halt gescheucht und kannst nicht den Zauber des Moments länger auskosten, wenn dir danach ist. Die Monolithen sind der Hammer! Und das Konzept des dezenten Sitzens, ohne den anderen im Weg zu sein, auch 😎.
In diesem Fall haben die Vorteile der organisierten Reise das Leid ganz klar überwogen. Wir mussten uns um nichts kümmern in einem Land, in dem mir die Bürokratie und die (noch nicht vorhandenen) touristischen Strukturen noch recht unbekannt sind… 😉
Kann ich gut nachvollziehen!
dein Bildhafter Schreibstil macht auch die wüsteste Wüste lebendig – deshalb les ich deine Reiseberichte gerne (auch wenn Reisen bei mir als „Stubenhocker“ gar nicht auf der Agenda steht). Bei der Silhouette des Elephanten musste ich an Ottos Ottifanten denken – wie aus dem Gesicht geschnitten möchte ich mal sagen.
Ich bewundere aber auch deinen Forschergeist solche Orte aufzusuchen – ich muss ehrlich sagen, dass bei einer Reise mit Hitze, Staub und Ruinen da bei mir 3x „Nein“ kommen würde – da müsste man mich fesseln, knebeln und hinter dem Bus herschleifen um mich zu so einer Reise zu bewegen.. echt.. 🙂
Bleib gesund..
CU
P.
Gerade solche Orte sind besonders reizvoll – da, wo sich noch nicht so viele hin verirrt haben. Vielleicht muss man einfach nur den ersten Schritt machen, was das Reisen betrifft, dann kann man nicht mehr aufhören. Andererseits hältst du für uns Reisende die CO2 Bilanz niedrig, und das ist auch nicht verkehrt 😉
Ein toller Ort – und ich bin ein bisschen neidisch!
Nur Kaffee gab es keinen… 😉
Eine fantastische Landschaft. Besonders der Elefantenfelsen hat es mir angetan. Du schreibst von einem 52 Zentimeter hohen Felsen. Ist das richtig.
Wie hältst du eigentlich deine Erinnerungen von den Reisen fest. Sammelst du sie in Berichten oder erstellst du Fotobücher?
Liebe Grüße
Harald
Hallo Harald,
der Elephant Rock ist 52 Meter hoch, ich habe die entsprechende Stelle im Text korrigiert, danke dir dafür.
Wenn ich unterwegs bin, ist es dringend notwendig, die Eindrücke festzuhalten. Es strömt auf Reisen so viel auf mich ein, die Geschehnisse überlagern sich und es kommen immer neue dazu, und selten hat man Zeit, alles sacken zu lassen. Ich mache mir Notizen, zudem fotografiere ich wirklich jede Kleinigkeit, nicht um der Fotos Willen, sondern damit ich mich später besser daran erinnern kann, was da war. Es macht auch Sinn, alles zeitgemäß zu verbloggen, aber das klappt so la la 🙂 die Reise ist auch schon fast ein Jahr her…
Liebe Grüße
Kasia