Sri-Lanka, Mai 2018
Nach dem Gewitter gestern Abend scheint heute wieder die Sonne, als wäre nichts geschehen. Windstill stehen die tropfnassen Blätter da und ein wahres Orchester ergießt sich über den Wald: ein Grundgeräusch an Vögeln und Zikaden, der immer da ist. Ein starkes, regelmäßiges Rufen, das klingt wie der Beat des Stücks. Zwischernde Vögel für die sanfte Melodie und dann wechselnde Akteure, die laut ins Bild fallen. Ein Meisterstück des Regenwaldes. Kleine, possierliche Tierchen, die aussehen, wie eine Kreuzung aus Eichhörnchen und Waschbär, springen mit einem lauten Rascheln von Ast zu Ast. Nur noch kleine Rinnsäle und der nasse Boden, die tropfenden Blätter und der Glanz der Regentropfen in der Sonne erinnern an das gestrige Geschehen.
Als gestern Abend die Windböen kräftig an den Ästen zerrten, da wünschte ich mir nur noch Schlaf. Müde, glücklich war ich nicht mehr imstande, viel mehr zu tun oder aufzunehmen. Überflutet von Eindrücken, bunt, schillernd, einprägsam, die einen jeden Tag wie drei ganze Tage wirken lassen. Mit einem Bier in der Hand saßen wir draußen und schauten zu, wie schlagartig Wände aus Regen entstehen, weiße Vorhänge in der schwarzen Nacht, immer wieder von Blitzen erhellt. Die Äste bogen sich unter dem Regen und ein kleiner Baum, der sich fast bis zur Erde neigte, schrammte bedenklich über das kleine Baumhaus, in das uns Soliya gestern einquartiert hatte.
Eine kleine Holzhütte auf Stelzen, mitten in den Bäumen, mitten in dem Orchester der Vögel, dem melodischen, fremdartigem Lied. Die Kopfkissen, bestickt mit Elefanten und ein Ventilator oben über dem Bett, der mit seiner Bewegung die weißen Fliegengitter über dem Bett aufblähte. Im Bad neben dem Spiegel wartet ein kleiner Gecko, der sofort verschwindet, als ich näher komme. Das Dach der Hütte, mit Palmenblättern bedeckt, beherbergt noch mehr von den Mitbewohnern, die sich mit ihren Bewegungen in den braunen Blättern verraten. Ab und zu ist das Zwitschern eines kleinen Vögelchens zu hören, das so klingt, als hätte sich der Kleine direkt bei uns unter dem Dach eingenistet.
Gestern Morgen zeigte unser Fahrer uns Kandy. Die Stadt sei explosionsartig gewachsen, meinte Stefan, sich zu erinnern, denn vor zwanzig Jahren war das alles hier rund um den See viel kleiner gewesen. Unser Van tuckert einen holprigen Pfad herunter und kommt auf eine ebene Straße, die in die Stadt hinunter führt. Das Hotel, in dem wir die Nacht verbrachten, war an den Hängen der Berge über der Stadt gelegen. Wir halten an dem See von Kandy, der zu einer Tempelanlage gehört: von hier aus können wir die für Sri Lankische Verhältnisse ziemlich große Stadt überblicken. Ich schaue mich suchend um. „Wo ist Stefan?“ Frage ich und Soleyia deutet auf die andere Seite der Absperrung, wo Stefan gerade versucht, einem T-shirt Verkäufer zu entkommen.
Sri Lanka ist weltweit für den Abbau von Edelsteinen bekannt. Auf Stefans Wunsch besuchen wir einen Juwelier, der uns seine Schätze präsentiert. Die Steine werden rund um Kandy im Dschungel in ausgehobenen Gruben abgebaut. Aufgrund der schwer zugänglich en Stellen ist der Einsatz von Maschinen kaum möglich, so halten die Arbeiter, sobald sich ein Ort als vielversprechend erweist, ein kurzes Gebet an die Götter und beginnen mit dem Ausheben der Grube. Der Schacht wird mit speziellem, saugfähigen Holz ausgekleidet, doch da sich in der Grube dennoch immer wieder das Wasser sammelt, muss es mithilfe einer Pumpe abtransportiert werden. Dann wird der Schacht mit einem Farnkraut ausgekleidet, das die letzten Wasserreste aufnimmt, und mit dem Abbau begonnen.
Da ich mir grundsätzlich nichts aus Steinen mache, halte ich mich im Hintergrund, doch die funkelnden, geschliffenen Kostbarkeiten fangen, glaube ich, jeden Blick ein. Schließlich spazieren wir mit zwei kleinen Steinen hinaus, die ein kleines Vermögen kosten.
Auffallend ist, welche VIP Behandlung Touristen hier in Sri Lanka erfahren dürfen. Egal, welches Geschäft, man nimmt uns in Empfang, führt uns herum und in Manufakturen werden die einzelnen Produktionsschritte gezeigt und erklärt. Dafür lassen Touristen meist viel Geld da, oft ohne zu verhandeln, das ist eben so. Von Soliya erfahren wir, dass man als Tourist in Sri Lanka inoffiziell einige Sonderrechte zugesprochen bekommt. „Touristen dürfen fast alles.“ Sagt er. So sei es beispielsweise verboten, auf den Straßen in der Öffentlichkeit zu rauchen. „Aber wenn sie dich sehen, passiert nichts.“ Sagt er zu Stefan. „Wenn sie mich sehen, kassieren sie mich gleich ein.“ Soliya ist auch Raucher, doch hält sich mit seiner Zigarette entsprechend zurück. Doch die Besucher aus dem Ausland will man nicht abschrecken, denn sie lassen gutes Geld da.
Auch in der Apotheke vor Ort kann sich der kaufkräftige Europäer alles besorgen, was sein Herz begehrt, während ein Einheimischer fast alles nur über den Arzt bekommt. „Ärzte haben bei uns Absprachen mit verschiedenen Pharma-Unternehmen und empfehlen dann entsprechend.“ Ich nicke. Bei uns ist es nicht anders.
Korruption, Bestechlichkeit und Willkür der Polizei, das sind alles Dinge, von denen wir als Besucher auf Zeit so gut wie nichts zu spüren bekommen. Sri Lanka ist nach dem Tsunami auf den Tourismus angewiesen, entsprechend hat dieser sich in der kurzen Zeit entwickelt. Ob freizügige Bekleidung bei Frauen oder Rauchen bei Männern, egal was sie tun, die Touris werden in Ruhe gelassen, denn sie bringen gutes Geld ins Land. Tourist-Support, nenne ich das scherzhaft. Doch als wir am ATM-Automaten stehen, ist für die Abhebung mit einer ausländischen Visa eine Gebühr von 300 Rupien fällig. Und beim Geld hört es wieder auf mit dem Touristensupport. „Für uns sind es zehn Rupien.“ Soliya lacht.
Die Straßen von Kandy sind für die üblichen Verhältnisse frei und fast leer, erklärt mir Soliya, denn heute, am Sonntag, haben die Menschen ihren freien Tag. Ich frage ihn, ob der Samstag auch ein freier Tag in Sri Lanka ist. Haben die Leute so etwas wie Wochenende? Soliya erklärt mir, dass es den freien Samstag nur in bestimmten Firmen gibt, für die meisten Menschen ist es jedoch ein Arbeitstag wie jeder andere auch, doch die Kinder hätten schulfrei. „Und was machen die Leute heute so an ihrem freien Sonntag?“ Will ich wissen. „Ach.“ Sagt er. „Meistens sind sie zu Hause und schlafen lange aus.“ Im Stillen bedaure ich unseren Mann, der anstatt ein Wochenende zu haben und zu Hause bei seinen Kindern zu sein, Touristen durch die Gegend kutschiert.
In einem Ayurveda Shop, der allerlei Gewürze und Kräuterprodukte führt, erstehe ich duftende Seifen und Öle fürs Haar. Auch hier macht sich wieder der VIP-Faktor bemerkbar, denn wir werden in den hinteren Bereich ge- und herumgeführt und eine eigens abbestellte Mitarbeiterin assistiert uns bei unseren Einkäufen, das ist man in Deutschland höchstens von Douglas gewöhnt 🙂
Ein Spaziergang durch die Stadt ist natürlich auch drin und mit Soliya an unserer Seite fühlen wir uns auch sicher, uns durch den Trubel zu bewegen, an Ständen vorbei, die allerlei Obst, Gemüse, Softdrinks und getrockenen Fisch anbieten. Ich scheue mich, Bilder zu machen, doch Soliya beruhigt mich: „Du kannst ruhig Bilder machen, du bist mit mir hier.“ Als die Männer vor dem Ayurveda Shop eine Rauchen, taucht plötzlich ein Polizist auf. Soliya lässt unauffällig seine Zigarette auf dem Bordstein zwischen zwei Autos verschwinden. Bei einer anderen Gelegenheit erzählt er mir, dass es kaum Frauen gibt, die in Sri Lanka rauchen oder Alkohol trinken. „Ihre Männer mögen es nicht.“ Sagt er. „Sie schlagen sie dann.“
Ziemlich in der Mitte der Stadt befindet sich ein künstlich angelegter, weitläufiger See, in dem munter schwarze, karpfenähnliche Fische schwimmen. Er gehört zu einer Tempelanlage und dementsprechend ist hier das fischen untersagt. Ein alter Mann verkauft am Straßenrand Popcorn und Puffreis. Unser Fahrer drückt mir ein Tütchen Popcorn in die Hand und wir schauen zu, wie die aufs Wasser geworfenen, weißen Bällchen in den offenen Fischmäulchen verschwinden.