Der Damara-Mann

Kategorien Afrika, Namibia

Ein geplatzter Reifen. Eine Hinterhofwerkstadt. Und wir, die wir darauf warten, dass unser Reifen provisorisch instand gesetzt wird. Und während die Zeit fortschreitet, sehen wir dabei zu, wie sich unsere Tagespläne nach und nach im Nichts auflösen…

Wir warten. Währenddessen kommt einer der Männer auf mich zu. Er arbeitet scheinbar hier, hat aber momentan nichts zu tun. Und so verwickelt er mich in ein Gespräch und fragt nach meinen Namen, während er sich seinerseits vorstellt. Während er sich vergewissert, wie mein Vorname richtig geschrieben wird, überkommen mich Zweifel. So viel ungefragte Aufmerksamkeit hat meistens einen Grund: Der Mann verkauft geschnitzte Kastanien an einer Schlaufe. Nun holt er so eine Kastanie aus den Tiefen seiner Tasche raus.
„Ich sammle sie im Etosha Park.“ Sagt er. Dann schnitze ich sie.“ Seine Mutter hätte nichts zu essen, erzählt er mir nebenbei, und auch er selber hätte vier Kinder. Während ich zuhöre, hantiert er mit der Kastanie herum.

„Und hier, an dieser Stelle, graviere ich deinen Namen ein.“ Er holt ein kleines, scharfes Messer raus, bereit, loszulegen. Blöd nur, dass ich zuvor nach dem Preis frage; er schnitzt mir das Souvenir wohl nicht zum Spaß zurecht. Er zögert kurz; so hätte es wohl nicht laufen sollen. Er nennt mir einen Preis von 100 N$, das sind an die sechs Euro. „Es ist ja nicht für mich selbst, es ist für meine Familie.“ Sagt er. Und ich frage mich selbst, ob es tatsächlich Menschen gibt, die geschnitzte Kastanien zu diesem Preis bereit sind zu kaufen.

Als ich ihm sage, dass er gar nicht anfangen braucht, zu schnitzen, wendet er sich enttäuscht ab. Ein anderer will anscheinend von ihm wissen, wie es gelaufen sei. Und obgleich ich keinen Ton verstehe, meine ich förmlich heraushören zu können, wie er sagt: „Nein, sie kauft nichts.“

„Bist du ein Damara?“ Frage ich ihn, als ich höre, dass die mir unbekannte Sprache mit den charakteristischen Click-Lauten der Damara-Leute gespickt ist. Da beginnt er, von seinen Leuten zu erzählen.

„Wir fahren jeden mit dem Donkey Car, mehrere Kilometer weit, um frisches Wasser zu holen. Das ist unser Leben. Ich habe auch so ein Donkey Car.“
Ich frage ihn, wie es denn in Namibia mit dem Zusammenleben so vieler verschiedener Volksgruppen funktioniert. Vertragen sich die Menschen?

„Seit Namibia vereint ist“, erzählt er, „leben wir hier wie eine große Familie. Viele Menschen Leben zusammen: Die Herero, die Damara, die Himba, die San…“ Er zeigt auf eine der Frauen, die in farbenfrohen Kleidern auf dem Platz nebenan im schatten eines gemauerten Gebäudes sitzen, über dessen Eingang etwas mit „Selbsthilfe“ steht. Die Frauen haben anscheinend gekocht; dampfende Töpfe stehen vor ihnen, aus denen sie mit einer Kelle ihr Essen schöpfen.
„Du kannst immer an der Kleidung erkennen, wohin eine Frau gehört; ob sie eine Herero, eine Damara oder eine Himba ist. Diese Frau dort drüben ist eine Herero.

Ich frage ihn nach den Minenkindern* in den ärmlichen Behausungen nahe der Edelsteinminen am Fuße der Spitzkoppe. Ob diese Kinder denn zur Schule geschickt würden? Ja, sagt er, die Kinder würden zur Schule gehen. Aufgrund der großen Entfernungen leben die Kinder im sog. „School Village“, einem Hort nahe der Schule, und kämen mehrmals im Jahr in den Ferien zu ihren Eltern zurück.
„Ich habe die Menschen dort gesehen.“ Sage ich. „Die leben dort unter so armen Verhältnissen, die haben rein gar nichts.“ Ja, sagt er unaufgeregt, das stimmt, sie haben gar nichts. Für ihn ist es längst Tatsache, Alltag, und als ich sage, dass ich mir das bislang gar nicht richtig vorstellen konnte, nickt er nur, noch nicht einmal über mein Nichtwissen erstaunt oder verärgert. Vermutlich kann ich mir, da wo ich herkomme, so viele Dinge hier nicht vorstellen und er weiß es.

Froh, endlich mal all mein Halbwissen aus der deutschsprachigen Swakopmunder Allgemeinen Zeitung auf die Probe zu stellen, frage ich ihn über verschiedene aktuelle Themen aus – und stelle fest, dass der Mann sehr gut informiert ist. So spreche ich ihn auf die kürzlich erschienene Schlagzeile an, die darüber berichtet, dass Chinesen momentan dabei sind, die namibischen Esel aufzukaufen und als Delikatesse weiter zu vertreiben. Ja, sagt er, davon habe er gehört. Die Menschen in Namibia verwenden Esel als Transportmittel und für die Feldarbeit. Doch das Thema scheint ihn nicht sonderlich aufzuregen. „Yes, they eat them.“ Sagt er. Was will man machen…?

Wir unterhalten uns noch über die Tiere im Etosha Nationalpark, in dem Stefan und ich in zwei Tagen unterwegs sein werden, und als unser Reifen fertig ist, weiß ich bestens darüber bescheid, welche Tiere uns dort erwarten werden.

Es ist heiß drinnen im Auto, doch ich ziehe es vor, während unseres Gespräches das Fahrzeug nicht zu verlassen. Ich habe das Bedürfnis nach einer Schutzbarriere zwischen mir und diesem Mann, der, sobald ich zu viel Interesse an ihm und seiner Geschichte zeige, womöglich an mein Mitgefühl appellieren und mir doch noch Kastanien verkaufen könnte. Zwischendurch beobachte ich die am Nachbarplatz versammelten Frauen, die Menschen, die die staubige Straße entlang schlendern und uns ihrerseits neugierige Blicke zuwerfen.

Ehe wir die Werkstatt verlassen, biete ich dem Damara-Mann ein Foto gegen ein Trinkgeld an. Für geschnitzte Kastanien habe ich so gar keine Verwendung…

Die Reparatur des Reifens hat umgerechnet vierzig Euro gekostet. Ganze vier Löcher mussten geflickt werden, mangels moderner Ausrüstung alles in Handarbeit. Doch der Mann wusste anscheinend genau, was er tat. Während wir weiter fahren, frage ich mich, ob sich der Aufwand gelohnt hat, denn bis zum nächsten Europcar folgen wir nun ausschließlich glatter, geteerter Straße.

An der Europcar Station in Outjo treffen wir unser deutsches Pärchen wieder. Das zügige Tempo hat ihnen nur bedingt etwas eingebracht, denn nun sitzen sie da und warten das Ende der Mittagspause ab: Die Station öffnet um zwei. Wir bekommen schnell und unkompliziert einen neuen Reifen angebracht und verabschieden uns von unserem Pärchen. „Vielleicht sieht man sich ja wieder.“ Sagt die Frau. Doch wir sollen den beiden nicht mehr begegnen.

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Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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