Florenz, Juli 2012
Florenz – das war die erste Tour mit meiner Freundin Nina. Florenz war Kunst, abendliche Musik und ungewöhnliche Menschen, die wir trafen. Es war Auszeit und Erfahrung zugleich, wie ein schlafwandlerischer Traum voller Lichter und Schönheit – und muskulöser, weißer Statuen aus Stein…
Meine erste gemeinsame Reise mit Nina für nicht weniger als zwei Wochen. Mein Fotobuch erinnert an Geschehnisse und lustige Anekdoten dieser Reise, die ich Stefan gerade lachend erzähle. Der polnische Gitarrist… Beppo, der Museumswärter… Kunst, Musik und die Schönheit des Lebens. Florenz, Pisa und Siena; Orte, die uns nachhaltig beeindruckt haben.
Fährst du nach Florenz, so suche dir eine Unterkunft in der Stadt. Lass dich nicht dazu verleiten, das Juwel der Städte nur im Rahmen eines Tagesausflugs zu besuchen, denn dann hast du Florenz nicht wirklich gesehen. Sie wird dich mit Hitze, Trubel und langen Schlangen an Menschen begrüßen, die sich vor den Sehenswürdigkeiten auf die Füße treten. Gehe am Abend hin, wenn die Lichter der Stadt angehen und die Sonne erlöscht, wenn die kühle Luft sich ausbreitet und sich in den Wind Musik mischt, wenn in den Lokalen draußen Menschen sitzen und plötzlich, völlig unvermittelt, ein Gast anfängt, Arien zu singen. Wenn dich die Klänge der Gitarre sanft führen bis hin zu einem großen Platz, wo kleine blaue Lichter in den Himmel schießen – das sind die Händler, die leuchtendes Spielzeug verkaufen. Du sitzt an einer Treppe, unterhalb erleuchteter Skulpturen und lauschst dem Musiker, zusammen mit all den Menschen, die sich um dich versammeln haben. Und plötzlich bist du bereit, inmitten all der Schönheit, dich fallen zu lassen und an so absurde Dinge wie an die große, einzige Liebe zu glauben. Bist bereit, eine Sehnsucht nach dem Leben zu spüren und die Dankbarkeit, all das Schöne erleben zu dürfen. Und lange, noch lange danach wirst du das Gefühl mit dir tragen.
Worms Innenstadt, wir schreiben das Jahr 2012. Mit gereckten Hälsen sitzen wir vor dem Computer in Ayhans Reisebüro; er hat den Bildschirm so gedreht, dass wir alles gut sehen können. Ein Hotel, mitten in der Stadt; ein schickes Designer-Zimmer. Und ich weiß, ich will es. Doch Nina muss ich noch ein bisschen überreden; zunächst liebäugelt sie mit einem Anwesen irgendwo in den Weiten der toskanischen Landschaft, das zwar günstiger und mit allen Schikanen ausgestattet, jedoch ziemlich weit vom Schuss ist.
„Wir werden jeden Tag eine lange Anfahrt in die Stadt haben. Glaub mir, das lohnt sich nicht!“ Versuche ich, sie zu überzeugen. „Schau mal, was für einen tollen Ausblick wir vom Hotelzimmer aus haben werden!“ Und tatsächlich, das Zimmer bietet eine Aussicht auf die gesamte Altstadt und den Dom von Florenz, ein kleiner Balkon lädt zum Verweilen ein. Dann habe ich sie soweit – wir buchen.
Das Taxi bringt uns vom Flughafen zum Hotel. Wir fahren durch ein Viertel mit quadratischen, heruntergekommenen Blockhäusern, an den Wäscheleinen flattern bunte Kleider im Wind und ich denke mir: das soll Florenz sein? Die Stadt der Kunst? Die Stadt der Städte? Doch, im Hotel angekommen, entschädigt uns der oben schon beschriebene, grandiose Ausblick von unserem Zimmer aus. Der Dom mit seiner rötlichen Kuppel und die grünlich-braunen Wände fangen die Strahlen der sinkenden Sonne auf. Weiter in der Ferne sind die Hügel der Toskana zu sehen. Eine Taube sitzt auf dem Geländer, beobachtet die Menschen weit unter ihr und wiegt ihren Kopf hin und her. Ich sitze ebenfalls auf dem Geländer, beobachte die Menschen, die Vespa, die vorbeifahrenden Straßenbahnen.
Der Schlafmangel macht sich bei Nina bemerkbar und fordert seinen Tribut. Da wir über Nacht geflogen sind und jetzt bereits wieder Mittag ist, sind wir schon ziemlich lange auf den Beinen. Und so verschwindet ihr Kopf schon kurze Zeit später unter den weichen Decken des Designerbettes.
Ich fühle den Schlafmangel auch, doch ich bin dennoch fit, aufgekratzt, bereit, die Welt zu erobern. Und so tue ich das, was ich immer tue, wenn meine Reisepartner nach der Ankunft schlafen – ich setze mich raus auf den Balkon über der Stadt und während Nina schläft, lackiere ich mir die Nägel.
Abends machten wir uns auf zum ersten, schüchternen Erkundungsgang durch die Stadt. Was uns dort empfängt, ist wunderbar: was uns empfängt, ist Kunst, sanfte Musik und die Lichter der Stadt. Was uns empfängt, sind Straßenkünstler, enge Gassen und große, belebte Plätze. Der schwarze Strom des Arno, während wir an der Brücke lehnen und hinunter schauen. Florenz öffnet seine Arme und heißt uns willkommen.
Der erste Abend
Nie werde ich den ersten Abend in der Altstadt von Florenz vergessen. Man taucht in die Erinnerung ein und, erstmal mittendrin, erinnert man sich an so viele Details… so viele Bilder flattern im Kopf herum und warten darauf, in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Die Studentin, die Opern gesungen hatte, so beeindruckend und kraftvoll, dass wir nicht umhinkamen, uns zu fragen, wie denn diese Stimme aus solch einem kleinen, zarten Körper kommen konnte.
Das Orchester, welches auf dem Platz inmitten der beleuchteten Statuen von Michelangelo spielte – einfach so, und dann, nachdem sie fertig waren, aufstanden, zusammenpackten und gingen. Die zarten Klänge der Gitarre, die uns in der Stadt fast jeden Abend begleiteten. Die Ponte Vecchio; die Alte Brücke mit ihren kleinen Werkhäuschen, die inzwischen alle zu Goldgeschäften wurden.
Der Arno… ich, wie ich in die schwarze Flut schaue und überlege, wie es weiter gehen soll.
Wir verbrachten zwei Wochen in dieser schönen Stadt. Und zwei Wochen sind keinesfalls zu viel, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn es ist so: In den ersten drei Tagen läufst du die Stadt ab, weißt, wo alles ist und bekommst eine grobe Orientierung, wo es hier etwas zu sehen gibt. Dann schleicht sich leise der Gedanke: „So, fertig!“ in deinen Kopf ein. Weit gefehlt, denn du hast gerade erst begonnen.
Du entdeckst immer mehr Details, die dir zunächst entgangen sind. Du entdeckst das versteckt gelegene Lokal um die Ecke, fernab von den Touristen-Hotspots, wo es am besten schmeckt und wo keine Karten auf englisch mit bunten Bildern ausliegen.
Du entdeckst den Zauber der Brücke, auf der jeden Abend Musiker spielen, entdeckst den Club am Strand, wo du barfuß mit Mädels, die du gerade erst kennengelernt hast, die Nacht durchtanzt. Du lernst Menschen kennen, Begegnungen, an die du dich dein Leben lang erinnern wirst (Beppo, wir werden dich nie vergessen… 🙂 ). Erkundest die nähere und weitere Umgebung, umliegende Städte, die Landschaft. Gehst shoppen, gehst Eis essen, gehst… auch einmal gar nirgendwohin, weil du keine Angst mehr hast, etwas zu verpassen. Entspannst dich, lernst, die Abende, die Nächte zu genießen, lässt dich fallen. Das ist Florenz. Man lässt sich darauf ein. Wer eine Sightseeing Liste abhacken möchte, wird auch genau das bekommen, nicht mehr und nicht weniger. Doch wer all das, wovon ich spreche, erleben möchte, der wird schnell feststellen, dass zwei Wochen genau richtig sind. Niemals wirst du dich hier langweilen.
Die Sängerin
Die Stimme der Sängerin ist kraftvoll und klar. Zuerst hören wir im Dunkeln nur den Klang ihrer Stimme, sehen nichts außer einer Menschentraube, die sich mitten auf dem Bürgersteig versammelt hat. Wir drängen uns an ihnen vorbei, um mehr zu sehen; die Fantasie malt mir bereits das Bild einer kräftigen, stark geschminkten Opernsängerin in langem, glitzernden Kleid.
Und als wir uns endlich an all den Schultern und Köpfen vorbei geschlängelt haben, stehen wir einem zierlichen, jungen Körper eines Mädchens gegenüber, eine typische Studentin wie man sie sich so vorstellt – und aus deren Kehle die wunderbare Stimme kommt.
„Wollen wir uns eine CD kaufen?“ Frage ich Nina, nachdem wir einige Minuten zuhören. Nina ist unentschlossen, also gehe ich nach vorne und frage nach dem Preis. „Fünfzehn Euro“ berichte ich, als ich wieder bei ihr stehe. „Na ja,“ sagt sie „ich kann mir nicht vorstellen, die CD zu Hause nochmal zu hören.“
Wir gehen weiter, vorbei an weiteren Straßenkünstlern. Die Piazza della Signoria, in dessen Nähe sich auch die Uffizien befinden, ist voller Menschen. Eine kunterbunte Mischung an Besuchern, die hin und her laufen, in Cafés sitzen; die obligatorischen Japaner, die Selfies von sich machen. Immer wieder sieht man am dunklen Nachthimmel ein blaues Leuchten; es sind die Händler mit ihrem Leuchtspielzeug, welches sie weit nach oben werfen, um Kunden anzulocken. Und über all dem Leuchten, über dem Stimmengewirr – Musik.
Sie kommt vom Kopfende des Platzes, dort, wo Michelangelos „David“ Statue steht. Sie klingt wunderschön, ruhig, über allem erhaben. „David“ schaut hochmütig in die Ferne, während wir uns an ihm vorbei dem Orchester nähern, das auf einem Podest zwischen angestrahlten Skulpturen nackter Krieger sitzt und spielt. Alle tragen Abendgarderobe und sind zutiefst in ihr Spiel versunken bei dieser Freiluft-Veranstaltung. Um die Spielenden haben sich Zuhörer versammelt, die im Halbkreis auf dem Boden sitzen, ihre Gesichter dem Podest zugewandt, und lauschen. Ab und zu steht jemand verschämt auf und läuft geduckt an den anderen vorbei. Nina und ich setzen uns dazu. Der Traum nimmt seinen Lauf.
Diese und weitere Eindrücke sind es, die einen einzigen Zauber bilden, der sich wie ein zartes Tuch über unsere späteren Erinnerungen legt und der Grund dafür ist, dass wir uns noch lange danach wie entrückt fühlen, sobald das Stichwort „Florenz“ fällt. Als sie nach traumhaften Minuten aufhören zu spielen, stehen wir auf. Auch andere zerstreuen sich nach und nach. Das Orchester packt ihre Instrumente zusammen und jeder geht seiner Wege. Danke.
An den Skulpturen vorbei laufen wir in Richtung Arno, der dunkel und plätschernd vor uns liegt, und bleiben auf einer der vielen Brücken stehen. Die Musik noch im Kopf schauen wir in die schwarzen Fluten und hinüber zu der schmucken Ponte Vecchio, die mit ihren kleinen Häuschen nicht etwa zierlich und filigran, dafür aber einzigartig ist. Selbst Hitler hatte vor ihr halt gemacht – sie sei zu schön, um sie zu bombardieren, sagte er.
„Es erinnert mich hier sehr an Nizza.“ Sagt Nina. „Es ist schön, du musst mal mit deinem Mann herkommen.“ Klar, denke ich und genieße die Wärme der Nacht und den leichten Wind, der gerade aufgekommen ist. Falls es ein „ihn und mich“ bis dahin noch gibt…
Touristenfallen in Florenz
So viel hatte ich schon über Touristenfallen gelesen – Lokale, die Besucher anlocken und niedere Qualität zu überteuerten Preisen anbieten. Nahe berühmter Sehenswürdigkeiten aller Art sollen sie sich befinden und man solle sie meiden wie die Pest. Und all das Wissen, all die Vorkenntnis hindert uns jetzt nicht daran, beim erstbesten Lokal am Dom von Florenz dem erstbesten nett lächelnden Kellner in die Fänge zu laufen und uns an einen der kleinen Tische dirigieren zu lassen.
Ich bestelle Salat, Nina ordert auch eine Kleinigkeit. Und es schmeckt katastrophal. Verwundert frage ich mich, wie das sein kann, ist doch Italien allgemein und die Toskana insbesondere für ihr exquisites Essen berühmt. Und kaum haben wir die Teller leer, die Getränke sind noch nicht ausgetrunken, da kommt die Kellnerin auf uns zu und lässt die Rechnung mit einem unfreundlichen „Prego!“ auf den Tisch fallen. Wir verziehen uns, um Platz für weitere Goldesel Touristen zu machen, unser nett lächelnde Kellner ist indessen längst wieder damit beschäftigt, nach weiteren Kunden zu fischen…
„Nie wieder!“ Sagen uns Nina und ich. Nie wieder, denke ich mir, während ich mir vornehme, das nächste Mal, wie in diversen Reiseführern empfohlen, nur Lokale zu wählen, die abseits vom Trubel liegen und in denen auch Einheimische zu sehen sind und einen glücklichen Eindruck machen. Ich weiß nicht, wie es Nina ergeht, doch ich soll noch das eine oder andere Mal in eine solche Falle tappen…
Florenz bei Sonnenschein
Am ersten Morgen nach unserer Ankunft machen wir uns auf, Florenz zu Fuß zu erkunden; diesmal so richtig, bei Tageslicht. Von unserem Hotel aus haben wir es nicht weit in die Innenstadt, an all den schicken Boutiquen und Designerläden vorbei (Gucci, Pucci und wie sie alle heißen). Und da alle Wege irgendwie nach Rom führen, führen auch uns alle Wege früher oder später zur Piazza della Signoria, wo sich die Uffizien befinden und wo die nicht-originale David-Statue steht (wir sollen jedoch während unseres Aufenthaltes in Florenz auch noch den echten David zu Gesicht bekommen…). So bewundern wir die nackten Skulpturen und stellen fest, dass die Kunst der damaligen Zeit eine brutale Kunst ist; so ist mir ein junger Krieger in Erinnerung geblieben, mit nichts weiter als einem Helm bekleidet, der in einer Hand sein Schwert und in der anderen einen abgeschlagenen Kopf triumphierend zur Schau stellt.
Die Innenstadt von Florenz ist geprägt von engen Gassen, die immer wieder an größeren Plätzen zusammenkommen, und bevölkert von Menschen. Und je näher wir dem zentralen Punkt kommen, den hier die Dom-Anlage bildet, umso mehr Menschen tummeln sich um uns herum. Vorbei an Besuchern, wunderschönen Säulen, goldenen Türen und den immer wieder reich verzierten Wänden weiß ich nicht, was ich zuerst fotografieren soll. Alles fasziniert mich und die detailreiche Gestaltung der Fensterbögen und Wände mit ihren Farben und Mustern macht mich sprachlos. „Wenn dich solche Dinge begeistern, dann würde dir Budapest gefallen.“ Meint Nina.
An Plätzen und in den Gassen stehen Pferdekutschen bereit und warten auf Besucher. Bei ihrem Anblick bekommt meine Freundin glänzende Augen. So etwas ist toll, sagt sie wie beiläufig. „Sollen wir eine Runde fahren?“ Frage ich. Eine Minute später traben wir auch schon durch die Gassen und werden für einen kurzen Augenblick zum kleinen Mittelpunkt von Florenz.
Auch lieben wir es, Eis essen zu gehen. Unser Hotel, genau gegenüber des Bahnhofs gelegen, befindet sich ganz in der Nähe der Basilica di Santa Maria Novella und unser Weg in die Stadt führt uns tagtäglich an dem belebten Platz vorbei. Am Kirchplatz gibt es einen Eisladen, in dem wir jeden Vormittag einkehren; mit üppigen Eisbechern in der Hand, an denen dicke Tropfen schmelzender Eiscreme rinnen, spazieren wir dann weiter die Straßen entlang, an Kioskbuden und Straßenkünstlern vorbei, die Bilder mit farbigem Sand malen – jeden Tag ein neues.
Und auch die Auswahl unserer Restaurants fällt nach und nach klüger aus; so sind es inzwischen nette, kleine Lokale, in denen wir einkehren, die meist abseits verborgen liegen und in denen wir die italienische Kunst des Genießens kennenlernen.
Der polnische Gitarrist
Nina wollte unbedingt ein Bild mit ihm.
Manchmal am Nachmittag, doch meist gegen Abend saß er da und spielte. Er war meistens am Piazza della Signoria anzutreffen – es war diese – seine – Musik, die uns jeden Abend umgab, die uns zu dem erleuchteten Podest mit den Krieger-Skulpturen führte, wo wir dasaßen mit unzähligen anderen ganz jungen Menschen und seine Musik mit ihren sanften, melancholischen Klängen eine wunderbare Atmosphäre erzeugte. Hier und da wurde ein Bierchen gekippt; eine ganz entspannte Stimmung.
Wie in einem Traum fühlten wir uns, genauso losgelöst, erfüllt von Emotionen, die sonst noch nie da waren, bereit, die Welt zu umarmen, glücklich und traurig zugleich. Tadeusz Machalski, mein Landsmann, der polnische Gitarrist aus Florenz, ist für uns ein Teil dieser Stadt geworden. Er liebte, was er tat, versunken in seine Musik machte er nur dann eine Pause, wenn jemand eine CD kaufen wollte – und wenn das Lied zu Ende war.
Er spielte klassische Stücke wie Beethovens für Elise, Tschaikowskis Schwanensee usw. Rötlich-blond, blauäugig wie ich und mit sanften Gesichtszügen trug er einen Ehering auf dem rechten Finger. „Er ist ein guter Mann.“ Sagte Nina. „Einer dieser Männer, die alles für seine Frau tun würden.“
Ja, er sei verheiratet, erzählte er uns, als wir während einer seiner Pausen einige seiner CD-s bei ihm kauften. Er lebe mit seiner Frau momentan in Florenz, aber er zieht von Stadt zu Stadt. Ob man denn von dem Spielen leben könne, fragte die wieder erwachte Pragmatikerin in mir. Ja, sagte er, das könne er ganz gut. Doch das sei nicht entscheidend; wichtig ist nur, dass ihm gefällt, was er tut. Als er fertig gespielt hat, klatschen alle.
„Danke!“ Sagt einer der jungen Leute mit dem Bier und prostet ihm zu. Auch wir sind dankbar, dass er unsere Abende verzaubert hatte. Er schenkt uns noch eine CD. Wirst du morgen da sein? Wir kommen…
Florenz: Pizza und Wein
Hm… wer in Italien nicht zunimmt, hat irgendwas nicht richtig gemacht. Oder war auf Diät – und das äußerst erfolgreich. Tja, wir waren es nicht, auf Diät meine ich. Wie denn auch sei… Jedenfalls registrierten wir voller Entsetzen, dass unsere Kleider immer enger werden… haben wir uns daraufhin auf Diät gesetzt? Pustekuchen.
Das Essen ist sagenhaft. Ich weiß nicht, woran das liegt: ist es die Sonne, das Gewirr der Stadt? Ist es das viele Laufen, das einen müde und hungrig macht? Die frische Stadtluft, mit den Ausdünstungen vorbei tuckernder Vespa Roller garniert? (Ja, Italien ist das einzige Land, im dem ein Roller in meinen Augen eine Daseinsberechtigung hat; aber das ist ein ganz anderes Thema…)
Nach unseren einschlägigen Erfahrungen mit dem Touristenlokal, in dem selbst der Salat zum Würgen war (und ich bin bei Weitem kein anspruchsvoller Geselle, was das Essen betrifft, ich esse sonst fast alles, was mir vors Gesicht kommt), sind wir dazu übergegangen, die kleinen, unscheinbaren Lokale in den hintersten Ecken der Stadt aufzusuchen und den Zufriedenheitsgrad der Einheimischen an ihren Gesichtern abzulesen. Und wir wurden belohnt.
Es ist oft ein ganz kleiner Tisch, der unseren umfangreiche Bestellung kaum fassen kann (hier Wein, da frisch geröstetes Brot, Oliven, Pizza, Beilagen), es ist ein Plätzchen auf dem Bürgersteig, wo sich ein Tisch an den anderen schmiegt, es ist einen ruhige Gasse, die ab und zu eine Vespa entlang tuckert und wo die ältere Mamma mit mürrischem Blick ihre Wäsche in die Sonne hängt. Und es schmeckt herrlich.
Italien – Lebensfreude, Genuss, Musik, ja… all das, die Töne, Düfte und Geschmäcker; verzweifelt versuchten wir, sie zu erhalten, zu konservieren, sie mitzunehmen nach Deutschland, und doch wussten wir, dass das nicht möglich ist – die Leckereien aus dem Feinkostladen von Florenz, der sündhaft teure Wein, den wir gekauft hatten, sind zu Hause in der herbstlichen Kälte, auf der Couch vor dem Fernseher, in dem Nachrichten Laufen – nein, es ist nicht Italien, keine Musik, keine Lebensfreude mehr – wenn der Zauber vorbei, verflogen ist, bleibt es einfach nur Gebäck, es bleibt einfach nur ein Wein; es ist einfach nur dieser eine Moment gewesen.
Die Schuhe und das Pflaster
Ich vergesse es nie – Nina, wie sie vorsichtig versucht, die Schlaglöcher und Spalten im Kopfsteinpflaster zu umgehen und sich dabei zaghaft an den Steinwänden festhält und ich, wie ich amüsiert daneben stehe und versuche, nicht laut loszulachen. Es ist mitten in der Nacht (na gut; es ist später Abend) und wir hatten soeben in unserer Lieblingspizzeria einige Weinchen gezwitschert. Und wollen nun weiter…
Bereits bei der Ankunft in der Stadt der Mode und des Styles (Florenz hat die Nase ganz vorne; die Trends, die ich dort 2012 schon sah, hatten sich in Deutschland erst eine Saison später etabliert) fiel mir auf, dass die Frauen, ja, durchaus wie Göttinnen aussahen: tip top gepflegt, gestylt und wunderschön anzusehen schwebten sie die Straßen entlang und inspirierten uns, es ihnen gleichzutun. Doch der Absatz ihrer eleganten Schuhe war immer flach; allerhöchstens leicht erhöht. Und in Anbetracht der schlechten Straßen, der tiefen Schlaglöcher und des uralten Kopfsteinpflasters voller lebensbedrohlicher Fallen fing ich an, zu begreifen. Nur teure, solide Markenschuhe und ganz viele Blasenpflaster hielten diesen Fußgängerwegen stand – das günstige Paar Latschen vom Chinesen um die Ecke hats nach drei Tagen schon zerfleddert.
Das beste Blasenpflaster gibt es übrigens von Compeed; das einzige Accessoire, an dem ich nicht sparen würde. Es hält bombenfest und verrutscht nicht. Ich bin die ganzen zwei Wochen damit herumgelaufen (na gut, anderthalb – die Blasen an meinen Füßen brauchten auch Zeit, sich zu bilden) und sie hielten zuverlässig an Ort und Stelle. Die von Hansaplast hatte ich übrigens auch ausprobiert und ich kann sie nicht weiter empfehlen. Sie sind etwas günstiger, doch hier ist Geiz nicht lohnenswert; sie hafteten nicht richtig und rutschten beim Laufen hin und her, bis sie schließlich an meinen Schuhen statt an meinen Füßen klebten.
Es fällt auf, wie leicht es ist, sich in Italien als Frau zu fühlen. Wenn ich während unserer Spaziergänge durch die Stadt all die eleganten Damen sehe, fühle ich mich dazu angehalten, es ihnen gleich zu tun – ich habe noch nie in meinem Leben so oft Kleider getragen, mich noch nie so gut damit gefühlt. Weiblichkeit wird hier ganz groß geschrieben, es gibt anerkennende Blicke statt dummen Sprüchen. Ob ein langes, flatterndes Kleid oder ein schöner Sonnenhut; wo in Mannheim würde eine Frau so herumlaufen, ohne Aufsehen zu erregen? Hier – ganz normal.
Warum haben wir so lange gewartet, um uns so gut zu fühlen? Fragen uns Nina und ich. Warum mussten wir dafür erst nach Florenz kommen? Warum haben wir das hier nicht schon früher leben können? Leben wollen?
Lass es uns nie vergessen. Inmitten von Jeans und T-Shirts, von Turnschuhen und zweckmäßiger Kleidung, die wir der Einfachheit halber zur Arbeit anziehen – lass uns nie vergessen, dass wir Frauen sind.