Bonaire, September 2016
Wir fahren am Meer entlang. Irgendwann kommen wir in einem kleinen Ort namens Rincon an, dem ältesten Ort auf der Insel; einem verschlafenen, kleinen Städchen, das diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient. Rincon liegt auf der Hauptstraße zum Washington – Slagbaai Nationalpark. Farbenfrohe, mit Kakteen umzäunte Häuser, schöne Villen neben verfallenden Mauern, kaum jemand ist auf den Straßen anzutreffen. Ein alter Mann lächelt uns zu und ruft „Hallo!“ ins Auto hinein.
„Hätte ich ihn jetzt fotografieren sollen?“ Frage ich Stefan und lache.
Eine kleine Kirche steht mitten von halb verfallenen Höfen, umzäunt und das Tor mit einem Schloss versehen. Teilweise sehr mitgenommene Pick-up stehen am Straßenrand. An einem Getränkeladen, der wie durch ein Wunder geöffnet hat, halten wir an – Wasser haben wir noch genug im Auto, doch Stefan gelüstet es nach frischem Obst.
Wir wollen gerade aus dem Auto steigen, da hält vor dem Laden ein zerbeulter, alter… (eigentlich: keine Ahnung, was das war) an, mit abblätterndem Lack und Rost an den Ecken. Das Nummernschild hängt schief, ein Scheinwerfer ist zerschlagen und der andere fehlt ganz. Ein junger Farbiger blickt mich finster an. Schnell schaue ich wieder geradeaus; bin ich doch einfach nur verwundert, wie das alte Ding denn noch fahren kann… Er steigt aus dem Wagen und geht mit uns zusammen in den Markt rein.
Im Laden begrüßt uns eine asiatische Kassiererin. Innen gibt es alles – Getränke, Lebensmittel, Drogerieartikel, Obst, portioniert und gekühlt hinter einer Glasscheibe. Stefan nimmt die Äpfel mit.
Der Fahrer des zerbeulten Wagens hält sich indessen auffällig oft in unserer Nähe auf. Ich registriere es bloß aus den Augenwinkeln, doch zufälligerweise sucht er immerzu etwas an den Regalen, an denen wir auch stehen.
Und als wir so durchs Innere des Ladens streifen, taucht wie aus dem Nichts folgende Szene vor meinem inneren Auge auf: Wie er plötzlich eine Waffe zückt, diese auf uns richtet und ich ihn nur ironisch anschaue und frage: Im Ernst jetzt?
Stefan begibt sich zur Kasse. Ich gehe schon mal raus – ich will den Markt und vor allem den Wagen fotografieren; wie gesagt fasziniert mich immer noch die Tatsache, dass das Ding wirklich betriebsbereit ist.
Und wie ich so in unserem Auto sitze, werde ich urplötzlich nervös – und das hat nichts mit der Tatsache zu tun, dass ich soeben schnell und verstohlen Bilder gemacht habe. Aus dem Inneren höre ich die lauter werdende Stimme der Kassiererin. Kurz darauf kommt ein zufrieden dreinschauender Stefan mit einer Tüte in der Hand heraus und fängt im Auto neben mir an, gemütlich seine Einkäufe auszupacken. „Schatz, magst du auch einen Red Bull?“
„Nein, danke.“
Er kramt weiter. „Hm, die Äpfel sind aber sehr lecker!“
„Ja, das ist schön für die Äpfel, aber lass uns jetzt fahren!“
Er sieht mich von der Seite an und legt den Gang ein. „Mal irgendwo außerhalb der Stadt anhalten?“
„Ja.“ Ich fühle mich in diesem Moment verdammt unwohl, ohne dass ich sagen könnte, warum. Durch die Autoscheibe sehe ich weitere Männer die Straße entlang und in Richtung des Getränkeshops gehen. Stefan rollt den Wagen vom Parkplatz – immer noch viel zu langsam, wie ich finde. Die drei gehen bereits hinten am Auto vorbei. Nervös verstecke ich Stefans Spiegelreflexkamera unter den Sitz. Am liebsten wäre ich mit Vollgas davon gebraust.
Unterwegs aus der Stadt erzählt er mir dann in aller Ruhe: „Der Typ da eben… der meinte tatsächlich, er käme an der Kasse vor mir dran. Da kommt er einfach und legt seine Sachen vor mir aufs Band.“
Sprachlos höre ich zu. „Und? Was hast du dann gemacht?“
„Ich habe ihn angegrinst, habe seine Sachen genommen und hinter meine gelegt. Der hat dann angefangen, böse zu gucken, aber die Verkäuferin hat dann irgend etwas zu ihm gesagt, und danach war Ruhe.“
Das war typisch Stefan. Ich musste lächeln. „Du bist schon kackfrech, was?“
Wir fahren zurück in die Ferienwohnung. Als wir Kralendijk passieren, winke ich „meinem“ Wachmann zu, der wie beim letzten Mal breit grinsend an der MCB-Bank steht. Er winkt zurück und ruft „Hallo!“
Auch der alte Mann vom Gemüsestand winkte mir freundlich zu. Eine nette Insel.