September/Oktober 2024
„Markierst du dein Zelt, damit du es besoffen wiederfindest?“ Rene stutzt, sieht mich an und lacht breit. „Mädel, da sind wir erst drei Tage zusammen unterwegs, und du hast mich schon durchschaut.“ Sagt er.

Die Canyons Yangisuw und Yangy Kala sind die beiden größten Canyons des Landes. Sie besteht aus weißen und rosa Kalksteinformationen. Die Farbverläufe und ihre schiere Größe rauben einem den Atem. Man sieht der Landschaft an, dass sie früher ein Meeresboden war; im weichen Gestein finden sich auf Schritt und Tritt Muschelabdrücke. Es handelt sich dabei um die Überreste eines Urmeeres und die 150 bis 200 Meter hohen Erhebungen sollen, so die Vermutung, ehemalige Korallenriffe sein. Glitzernde Kristalle verzieren den schlichten Stein und leuchten in der Sonne wie etwas Kostbares. „Das ist Gips.“ Erklärt Maia. Nein, sage ich, das sind Diamanten und wir sind reich. Die Landschaft um uns herum ist offen, weit und hell, der Horizont verliert sich in trübem Sand. Unwirklich, hier zu stehen, in diesem Ausschnitt aus irgend einem Abenteuerfilm, einer Reisereportage, denn Realität und ich mittendrin, das kann nicht sein. Das hat mein Kopf noch nicht kapiert.
Unsere Weiterfahrt wird von einer Schaf- und Ziegenherde gestoppt, die es sich auf der unbefestigten Straßen gemütlich gemacht haben. Für uns eine willkommene Abwechslung und etwas, worauf man wiederum gut die Kamera richten kann. Doch da kommt auch schon der Hirte und treibt seine Tiere weiter. Ansonsten bietet die offene Steppe wenig Reizvolles fürs Auge. Bis zum Canyon ist es noch ein Stück zu fahren. Kleine, würfelförmige Steinhäuser, an denen Mopeds stehen, sorgen für einen kurzen Bruch in der Monotonie. Sie dienen den Hirten als willkommene Zufluchten vor der Sonne.
Dann sind wir da, am ersten der beiden Canyons, dem Yangisuw. Die Canyonlandschaft öffnet sich vor unseren Augen. Wir stehen oben auf einer Klippe und stellen erst im Nachhinein fest, dass diese Abbruchkante genau das ist – ein ziemlich dünner Überhang, der eines Tages krachend in der Tiefe verschwinden wird. Die mutigeren unter uns lassen sich an eben jener Kante mitten im Sprung ablichten, doch dazu gehöre ich nicht. Ich versuche es zwar auch, bei mir sieht es mehr nach einem Seestern aus. Seestern im freien Fall. Renes Bilder hingegen sehen toll aus.
Es geht ein ganzes Stück weiter; wir fahren über die Steppe oberhalb des Canyons. An einem alten, verfallenem Friedhof halten wir an. Der Friedhof interessiert mich: eine Sammlung senkrechter Steinblöcke mitten im Nichts, viele sind bereits umgefallen, andere zerbrochen. Nur die eingravierten Ornamente und Inschriften weisen diesen gleichmäßigen Gesteinshaufen noch als Ruhestätte der Toten aus. Ein Sightseeingprogrammpunkt ist der Friedhof nicht, unser Auftrag lautet, Feuerholz für das Lagerfeuer heute Abend zu sammeln. Habe ich da Lagerfeuer gehört? Ich spitze die Ohren. Im nächsten Moment sieht man mich so viel Holz heranschleppen, wie ich tragen kann. Ja, ich stehe total auf Lagerfeuerromantik. Wer nicht.
Woher nimmt man Holz so mitten in der Wüste, werden sich manche von euch fragen. Nun, indem man die ganzen verdorrten Sträucher und Gestrüpp zusammensucht, die hier haufenweise aus der Erde ragen. Die Pflanzenwelt sät sich immer wieder neu aus und die trockenen Überreste werden heute Abend guten Zunder ergeben. Begeistert schleife ich ganze Arme voll davon an. Dass meine Kleidung in Mitleidenschaft gezogen wird, interessiert wenig. Es ist Reisekleidung, die muss das abkönnen. Ganze Planen mit Trockengehölz werden in die Kofferräume gepackt. Ach, was bin ich begeistert.
Oberhalb des Canyons werden wir rausgelassen. Dieses kleine Stück von drei- bis fünfhundert Metern gehen wir zu Fuß hinunter; die Fahrer nehmen einen kleinen Umweg, werden jedoch vor uns unten sein. Hier, inmitten der fantastischen Landschaft, schlagen wir unser Lager für die Nacht auf. Dies wird die erste Übernachtung in der Wüste sein. Während unseres Spaziergangs versuche ich, diese Farben auf Chip zu bannen, die sich vor mir verschiebenden Hügel, die Perspektive, die Weite, Tiefe, die Formationen. Diese zarten, orangenrosa Farben. Und stelle fest, dass jede Kamera an diesem Auftrag elendig scheitert. Denn es ersetzt niemals das, was die Augen sehen. Kein Foto kann dir, lieber Leser, den Wind auf der Haut vermitteln, die Sonne, die feinen Sand mit sich bringt, den Schweiß und unseren Atem, die Hitze, den undefinierbaren Geruch. Ich widme mich der Pflanzenwelt. Immer wieder bleibe ich stehen, um neues, faszinierendes Gestrüpp zu entdecken. Meine Pflanzenapp wird es sich später schwer tun, die Aufnahmen der kleinen, zarten Blüten, die an den trockenen Zweigen leicht übersehen werden können, zu identifizieren. Doch was immer es ist, es lebt. Diese trockene Gegend ist lebendiger als das Auge es auf den erste Blick erfassen kann. Der Boden weist Risse auf. Ich muss den Fels berühren. Jetzt weiß ich, dass ich wirklich hier bin.
Wir schlendern langsam vor uns hin, die Sonne im Rücken. Die Erhebungen werfen tiefe Schatten. Ich sehe Maia hinter einer solchen Verwerfung verschwinden. Sobald wir ankommen, nehme ich mir vor, mir ebenfalls ein ruhiges Plätzchen irgendwo abseits zu suchen. Das tue ich dann auch. Während unsere Fahrer die Zelte aufbauen, verschwinde ich hinter mindestens drei Hügeln. Das ist das Tolle an der Landschaft: man könnte hier verloren gehen, wenn man es denn wollte. Ohne gefunden zu werden. Wie gut ich daran tat, mich für meine „persönlichen Erledigungen“ so weit hinters Camp verzogen zu haben, sehe ich, als ich zurück gelaufen komme. An unserem Zeltplatz angekommen nehme ich mit Erstaunen wahr, dass die Jungs aus unserer Gruppe gerade im Begriff sind, sich auf den Weg zu machen – augenscheinlich, um nach mir zu suchen. Als sie mich auftauchen sehen, kehren sie um. Verdammt, denke ich: wie gut, dass sie nicht fünf Minuten später losgegangen sind. Nicht mal kacken kann man in Ruhe.
Mein Zelt steht bereits. Wir holen nacheinander unser Schlafzeug raus, das aus einem Schlafsack und einem Kissen besteht. Auf meinem Kissen steht: „She’s boss.“ Später stellt sich heraus, dass ein jeder ein solches Kissen mit diesen wahren, weisen Worten bekommen hat. Zudem machen wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit einer Einrichtung, die unsere Reiseequipe zu unserer… öhm… Erleichterung mitgebracht hat: dem Kackstuhl. Es handelt sich dabei um einen dreibeinigen Sitz, der irgendwo in der Wüste ein wenig Abseits des Zeltplatzes gestellt wird und die Erleichterung erleichtern soll. Für Sichtschutz sorgt eine dünne Zeltwand außenrum. Neugierig werfe ich einen Blick auf das Gebilde und beschließe, dass „back to nature“ doch keine so schlechte Idee ist. Und dass ich lieber ohne Hilfsmittel frei kacken möchte. Ist auch hygienischer.
Dann sehe ich, dass einer der Jungs sein Zelt mit einer blauroten Fahne behängt. Es ist Rene, und die Fahne seiner Heimatlandschaft, der Hansa Rostock, ist von Beginn an immer dabei; ein paar Mal helfe ich sogar dabei, das Ding zu halten oder lichte ihn und Thorsten mit dem Fähnchen in irgendwelcher Landschaftsszenerie ab. Hansa sagt mir in dem Moment natürlich gar nichts, doch Fußball sagt mir was – zumindest weiß ich, dass so etwas existiert. Den Gedanken, seine Mannschaft dabei zu haben, egal wo in der Welt man sich befindet, finde ich irgendwie lustig- und auch schön. Jetzt schlendere ich zu Rene, der damit beschäftigt ist, Das Ding auf seinen Zelteingang zu drapieren. „Na, markierst du dein Zelt, damit du es später besoffen wiederfindest?“ Er dreht sich erstaunt um und fängt an zu lachen. „Mädel, da sind wir erst drei Tage zusammen unterwegs, und du hast mich schon durchschaut.“ Zu diesem Zeitpunkt weiß ich freilich noch nicht, wie sehr er Recht damit behalten soll.

Ein langer Tisch wird aufgebaut. Zum Abendessen gibt es Suppe, Würstchen und Trockenfleisch. Ein Abendessen in dieser Szenerie ist ein kleines Träumchen. Später, als die Sonne längst hinter den Hügeln verschwunden ist, wird mit dem mitgebrachten Holz das Lagerfeuer entzündet. Dann sitzen wir am Feuer, die Wärme im Gesicht. Rene hat das leidliche Los, dass der Wind die Funken immerzu in seine Richtung bläst und er mehrmals den Platz wechseln muss. Maia und die Fahrer haben sich zurückgezogen, wir haben Zeit für uns. Bier macht die Runde, später Cognac und Wodka. Jemand hat sogar Whisky mitgebracht. Das Feuer knistert, sprüht Funken gen Himmel und lässt unsere Gesichter warm leuchten. Die brennenden Zweige duften aromatisch nach Harz. Unsere langen Schatten zeichnen sich als scharfe Umrisse an einem der Hügel ab, und über uns erstreckt sich der unendliche, grandiose Sternenhimmel. Wir erzählen, scherzen, lachen. Haben eine gute Zeit. Einige gehen nach und nach schlafen und es zeichnet sich ein harter Kern ab, der noch bis spät bleibt. Wir sind die Menschen, die alles auskosten wollen, denen Vernunft nicht viel sagt und die jeden Augenblick mitnehmen, der geht. Doch schließlich müssen auch wir uns geschlagen geben. Morgen geht es früh raus.

Das Kackzelt vor dieser wunderschönen Kulisse ist der Hammer!
Das stimmt. Es hat für jede Menge lustige Anekdoten gesorgt 😅