Asien, Turkmenistan

Turkmenistan – Ein sehr unbekanntes Land

September/Oktober 2024

Dass es irgendwann soweit sein würde, stand außer Frage. Lange schon hatte ich den sogenannten „Höllenkrater von Derweze“ auf der Liste, und ebenso lange wurde die Reise vor sich hin geschoben. Warum? Das weiß keiner so genau. Teils, weil es da so viele andere Ziele gab, teils weil… ist kein Hase, rennt einem ja nicht weg. Meine Entscheidung beschleunigt hat ein Gerücht, das die Runde machte: nämlich, dass die Turkmenen bemüht sind, dieses Ungetüm von brennendem Loch, das da seit rund fünfzig Jahren vor sich hin kokelt, zu löschen – und dass sie unter Umständen Erfolg damit haben könnten. Löschen? Halt, warte! Ich habe das Ding doch noch gar nicht gesehen! Zack, die Reise war gebucht. Jetzt gab es kein zurück mehr. Danach können sie den Krater zuschütten, mir egal, nach mir die Sintflut. Dass Turkmenistan mein Leben, wie es bisher war, auf den Kopf stellen würde, hatte ich zu diesem Zeitpunkt freilich nicht geahnt.

Ach, ich liebe Cliffhanger.

Im Vorfeld versuche ich natürlich, etwas über dieses Reiseland herauszufinden. Nur dass Turkmenistan gar kein richtiges Reiseland ist. Objektive, fundierte Reportagen sind praktisch nicht zu finden, dafür kursieren umso mehr Gerüchte, Sensationsberichte und wackelige Videos von Youtubern, die durch Ashgabat stolpern und steif behaupten, dass hier ja „niemand leben würde“. Danke für nichts, euch braucht keiner. Vieles, das ich zu diesem Zeitpunkt über dieses Land in Erfahrung bringe, stellt sich bestenfalls als Halbwahrheit oder schlicht als Lüge heraus. Dass Frauen nicht Auto fahren dürfen zum Beispiel. Doch, dürfen sie. Und im Verlauf der Reise werden wir eine solche autofahrende Frau sogar erspähen. Fakt ist aber, dass es kaum Frauen gibt, die das tatsächlich tun. Oder dass in Ashgabat Satellitenschüsseln verboten seien. Nein, sind sie nicht. Unsere Reiseleiterin zeigt uns sogar welche. Doch es ist nicht erlaubt, sie an die Front der Wohnhäuser anzubringen, aus Gründen der Ästhetik. So vieles, das Fake ist und dann doch einiges, was sich später als Wahr herausstellen wird. Ein unglaublich spannendes Land, die wortwörtliche weiße Karte mit nichts drauf. Kaum jemand weiß was darüber oder dass es überhaupt existiert. Ich liebe solche weißen Karten.

Am Flughafen betrachte ich, wie immer, die Menschen um mich herum. Von Frankfurt nach Ashgabat fliegt unter anderem Türkisch Airlines. Ich schaue sie mir an, die Landsleute, in deren Zuhause ich mich quasi begebe. Lange betrachte ich unauffällig die Frau mir gegenüber, präge mir die Details ihres farbenfrohen Kleids ein, nur um mich am Ende eh nur wie durch einen Schleier daran zu erinnern. Schaue nach europäischen Gesichtern, versuche zu erraten, wer alles zu meiner späteren Reisegruppe gehören wird.

Ein Jahr später. „Ist dir wirklich nicht diese Gruppe Deutscher aufgefallen, die sofort am Gate ihre Blechraketen (hier: Bier in Dosen) gezündet hatten?“ Ähm, nein. Nach Bier trinkenden Deutschen habe ich nicht geguckt. Und auch keine gesehen.

Zurück ins Jahr 2024. Der Flug verläuft unspektakulär, wie solche Flüge nun mal verlaufen. Man ist aufgeregt, dann schläft man ein Bisschen, irgendwann ist man da. Ziemlich spät in der Nacht landen wir in der Hauptstadt und dürfen uns erstmal den Einreiseformalitäten der turkmenischen Bürokratie stellen. Auf den ersten Blick stellt sich alles ziemlich chaotisch dar. Wir sollen zur Passkontrolle, wir sollen einen kostenpflichtigen, jedoch obligatorischen COVID Test machen, wir sollen die Einreisegebühr bezahlen, das gefühlt alles auf einmal. Ich hänge mich an ein paar Deutsche, von denen ich inzwischen mitbekommen habe, dass sie zu unserer Reisegruppe gehören. Nein, nicht ganz deutsch, denn einer von ihnen ist Schweizer. Und der bedauert gerade lautstark, dass ihn die Einreisegebühr mehr kostet als seine deutschen Mitreisenden. Schweizer-Diskriminierung. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.

Der COVID Test wurde artig durchgeführt, doch das Ergebnis interessiert am Ende keinen. Nach Vorlage der Quittung werden die Stempel in unsere Pässe gedrückt. Draußen erwartet uns ein geräumiger Bus und unsere Reiseleiterin: Maia.

„Wann wollt ihr morgen aufstehen?“ Stellt Maia die Frage. Sofort erheben sich im Bus laute Stimmen. Wir einigen uns auf eine für alle verträgliche Uhrzeit. Dann kleben die Nasen an der Scheibe. Das Licht im Inneren wird ausgeschaltet, damit wir die Stadt bei Nacht besser sehen können. Und es gibt viel zu sehen. Ashgabat ist groß, schillernd, Ashgabat leuchtet. Die Stadt blinkt. Bereits als wir vom Flughafen fahren, sehe ich ein immer wiederkehrendes Gerücht bestätigt: in Ashgabat gibt es nur weiße Autos. Einzig ein helles Silbergrau wird toleriert. Andere Farben sind hier in der Hauptstadt nicht erlaubt, um ein einheitliches Stadtbild zu erhalten (hatten wir da nicht neulich was mit „Stadtbild“? Egal.). Sauber ist es. Überall blitzeblanke Böden, Fassaden aus weißem Marmor. Alles ist hell mit bunten LEDs illuminiert, ganze Häuserreihen wechseln die Farbe. Maia erzählt uns dies und jenes. So sei es nicht wahr, dass hier keine Menschen lebten. Zu Begin sei es schwierig gewesen, die zum Großteil nomadisch auf dem Land lebenden Turkmenen in die Städte zu bringen, denn „auf seinem Hof ist jeder ein kleiner König. Hier in der Stadt müssten die Leute lernen, was Arbeit ist.“ Doch langsam ziehen immer mehr Menschen in die Städte. Dazu führen Annehmlichkeiten wie Heizung, Strom oder fließendes Wasser.

Maia spricht gutes Deutsch. Sie ist eine ältere, äußerst resolute Dame, der man das nach auf den ersten Blick nicht ansehen würde. Sie lebte und arbeitete eine Zeit lang in der DDR und hat daher ihre Sprachkenntnisse erworben. Heute ist sie im Tourismus tätig. Als wir schließlich in unserem Hotel ankommen, haben wir bereits da den Kopf voller Infos.

Das Hotel haut mich aus den Socken. Das ist kein Hotel, das ist ein Palast. Alles glänzt, blinkt und leuchtet, das Licht bricht sich in viel Gold und Glas. Ein riesige Kronleuchter dominiert den Raum und an der Wand über der Rezeption ist ein großes Abbild des turkmenischen Präsidenten Serdar Berdimuhamedow zu sehen. Völlig unpassend kommt mir da unsere Reisegruppe vor, so ungeduscht, abgekämpft und in funktionellen, eher nach praktischen Aspekten denn nach Eleganz gewählten Klamotten. Egal, anscheinend sollen wir hier sein. Die Pässe werden eingesammelt. „Wann kriegen wir die wieder?“ Fragt jemand. Ich indessen mache mir keine Sorgen. Die Zimmer werden zugewiesen und, oben angekommen, erfreue ich mich des riesigen Saals, der sich da mein Hotelzimmer nennt. Ein paar Mal wirbele ich durch den Raum in einem Anflug todmüder Euphorie. Ein Blick aus dem Fenster zeigt eine hell erleuchtete, leere Stadt. Breite, leere Straßen. Gut, es ist mitten in der Nacht. Ob sich das morgen ändert?

Das Hotel ist der Wahnsinn, doch am meisten interessiert mich das Bett. Schnell bin ich drin und mache die Augen zu. Was wird mich hier erwarten? Was werde ich erleben? Werde ich morgen, wenn ich die Augen aufschlage, überhaupt wissen, wo ich bin? Der Flug, die Stadt und unsere Gruppe flattert in meinem Kopf herum, als ich endlich einschlafe.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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4 Kommentare

  1. Ah meine Fragen wurden beantwortet. 2024, Reisegruppe. Bin auf die Fortsetzung gespannt

    1. Dankeschön. Ich freue mich über dein Feedback. Ich werde versuchen, beim Schreiben dran zu bleiben 😉

  2. Da bin ich jetzt aber gespannt. Du hast wohl einen Hang für diese Nicht-Tourismus-Länder? Ich erinnere mich an Moldau, Georgien und ähnlich verwegene Ziele.

    1. Die waren nicht verwegen😂 Turkmenistan, ja okay. Grundsätzlich stehe ich auf diese weißen Flecken auf der Karte. Aber vor allem ist es eine „How I met René“ Geschichte😉

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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