Afrika, Marokko

Märchenstadt Marrakesch

Die Weiterfahrt durch die Wüste offenbart eines: nämlich, dass sich einmal mehr die norddeutsche Hamburger Wetterfee neben mir entgegen aller Erwartungen durchgesetzt hat. Ungläubig starre ich auf die Fensterscheibe, von derer kleine Regentropfen abprasseln und den Wüstenstaub verwischen. Das ist nicht wahr, sage ich, während die Scheibenwischer über die Frontscheibe tanzen. Nicht zum ersten Mal hat Rene den Regen in einen Wüstenstaat mitgebracht. Ja, Leute, so ist es wohl. Der Himmel zieht sich mehr und mehr zu und bei näherer Betrachtung kann ich sehen, dass all die schwarzen Wolkentürme am Firmament eigentlich nur ihren Meister suchen. Würde mich nicht wundern, wenn es im Inneren des Wagens neben mir anfinge, auf die Polster zu tröpfeln.

„Du hast es geschafft.“ Ausgetrocknete Gebirgsbäche führen schlammiges Wasser. Rote, aufgebrochene Erde droht mit Rutschgefahr. An fotografieren ist nicht zu denken und so fahren wir im Schweigen die kurvenreiche Passstraße entlang. Von Ouarzazate nach Marokko führt der höchste Gebirgspass des Landes über die Gebirgskämme des Hohen Atlas: der 2260 Meter hohe Tizi n’Tichka. Es überrascht ein wenig, dass uns in den engen Kurven auch Lkw und Busse entgegenkommen, doch der Pass bildet die schnellste Verbindungsstraße zwischen der nordwestlichen Küste und dem Saharavorland. Entlang der Passstraße erstrecken sich Souvenirstände, meist handelt es sich hierbei um handgefertigte, bemalte Töpferware aus gebranntem Ton.

Sei es wie es sei, die Ausblicke sind grandios. Kahle, langgezogene Gebirgszüge, Hirten mit ihren Herden, die sich schlängelnde Passstraße. So viel Schönheit. Die glänzend nasse Fahrbahn tut dem keinen Abbruch. An der höchsten Stelle steigen wir einmal aus und genießen den Ausblick. Die Reise neigt sich dem Ende zu und das ist mir mehr als bewusst. Ein großes Highlight wartet noch auf uns, und das ist Marrakesch. So viel hatte ich bereits über die Märchenstadt gehört, im positiven wie im negativen Sinne.

Als wir auf der anderen Seite ankommen, wandelt sich die Landschaft. Die Gebirgszüge wirken sanfter, entfernen sich, es sind wieder Bäume zu sehen. Auch das Wetter lichtet sich. Der Starkregen ist zu einem Nieseln übergegangen, die Wolkendecke reißt auf, stellenweise kommt sogar Sonne hervor. In einem kleinen Ort namens Ghdate, dessen Gegend für Arganölproduktion bekannt ist, schauen wir uns in einem der Shops um. Das scheint Programmpunkt zu sein, dauert jedoch nicht lange. Ein junges Mädchen hält auf englisch einen Vortrag und wird dabei streng von ihrer Kollegin überwacht und hier und dort korrigiert. Dann sehen wir zwei Frauen zu, die die Kerne der Arganfrüchte zu Brei zermalmen, um daraus das Öl zu gewinnen. Die Arbeit wird von Berberfrauen von Hand gemacht, die gerösteten Samen werden zu einer Paste verarbeitet und das Öl herausgepresst. Auch das Pflücken der Früchte von den Bäumen erfolgt per Hand. Ein kleines Fläschen Öl wandert in meinen Reiserucksack.

Schließlich, nach einer langen Fahrt, kommen wir am Abend in Marrakesch an. An einer stark frequentierten Einkaufsmeile lässt uns Ibrahim raus. Wir sollen auf unsere Sachen aufpassen, gibt er uns noch mit auf den Weg, dann stürzen wir uns auch schon ins Getümmel. Die Rucksäcke bleiben bei unserem Fahrer. Kurz bevor unser Flug geht, wird er uns abholen und zum Flughafen bringen, so die Vereinbarung. Jetzt haben wir erst einmal ein wenig Zeit, um die wohl bekannteste marokkanische Stadt zu erkunden.

Das alte Stadtzentrum ist überschaubar und die große, überaus belebte Einkaufsmeile führt uns unweigerlich zum Djemaa el Fna, dem Platz der Gehängten (die genaue Übersetzung lautet „Versammlungsort der Toten“). Ermahnungen und diverse Negativberichte noch im Hinterkopf behaltend fotografiere ich zunächst ganz vorsichtig und achte darauf, dass mir niemand ein ungebetenes Henna auf die Hand oder ein ungebetenes Äffchen auf die Schulter drückt. Doch weit gefehlt. Meine Befürchtungen zerstreuen sich ziemlich schnell, denn ja, die Männlein mit ihren exotischen Tieren sind zwar zugegen und auch die Hennadamen sitzen da, doch Touristen werden, soweit ich sehen kann, in keinster Weise belästigt. Einzig die Eintreiber der örtlichen Restaurants und Schnellimbisse sind fleißig und so werden wir alle zwei Schritte angesprochen. Mit dem zweiten haben wir Mitleid, da er, wie er erklärt, auch nur seine Arbeit machen muss. Also hören wir uns den Vortrag über leckeres Essen und herausragende Qualität an und lassen uns die Tischnummer aufsagen. Anschließend gehen wir weiter unbehelligt unserer Wege… hah, denkste. Denn dieser Jungs laufen ganze Bataillonen hier herum, doch alle weiteren haben ein Nachsehen. Sonst kämen wir nie da weg…

Irgendwie hatte ich mir von dem viel besungenem Platz mehr vorgestellt, was ich bisher sehe, sieht eher nach einer großen Kirmes aus. Das teile ich auch meinem Freund mit. „Ich finde den schon ziemlich beeindruckend.“ Sagt er.

Wir verlassen den Platz der Gehängten und vertiefen uns in den Souk. Schnell wird klar, dass wir das alles nie an einem Abend schaffen werden. Es gibt so viel zu sehen und der Souk erstreckt sich schier unendlich über die Altstadt. Ich suche nach bunten Socken und arabischer Minze für Stefan und nach Augenpulver für mich (zerriebenes, mineralisches Pulver in einem hölzernen Fläschchen, das zum Schminken verwendet wird).

Dann machen wir einen großen Bogen, verlaufen uns kurz in eine Sackgasse, wo nur Bewohner uns mit fragenden Augen anschauen, und bleiben an einer stark befahrenen Straße hängen. Hier, in einem afghanischen Restaurant, vom Duft des frisch gegrillten Fleisches angelockt, sitzen wir draußen an einem dieser atmosphärischen Plastiktische. Vorbeiknatternden Mopeds, der Straßenlärm, die Gerüche, das alles erinnert mich stark an Nepal. Das essen ist köstlich. Wir sind die einzigen Touristen, die sich an diesem unscheinbaren Stand niedergelassen haben, was schade ist. Die anderen Schafe ließen sich wohl von den Wölfen in die Touristenfallen locken.

Als wir zurück zum Djemaa el Fna durch die Gassen der Medina gehen, haben viele der Stände bereits ihre Läden geschlossen. Wir sind ein wenig überrascht, dachten wir doch eher, dass das Leben hier am Abend erst richtig losgeht. Doch das scheint nicht der Fall zu sein, denn jetzt verlagert sich alles zum großen Platz. Rene streichelt noch ein paar einsame Katzen, dann sind wir auch wieder draußen. Im Abendlicht wirkt der Platz nun ganz anders auf mich. Irgendwie magisch. Stimmengewirr, der Klang von Trommeln und sonstiger Instrumente. Intensive Düfte von aromatischen Räucherungen, die in die Nase steigen. Wir schlendern durch und lassen uns treiben. Mittig sitzen alte Menschen und verkaufen Kosmetik, Schmuck, Weihrauch… alles mögliche. Ein Stück weiter spielen Halbwüchsige Spiele, die ich nicht durchblicke. Ich drehe mich um die eigene Achse und betrachte das ganze Schauspiel um mich herum und ja… nun finde ich diesen Ort hier auch beeindruckend. Mehr als das. Bei ein paar Musikern bleiben wir stehen und eine Zeit lang nehme ich ihr spiel auf. Ganz lange lassen sie uns gewähren, und als die Musik unterbricht und wir gehen wollen, drehen die „Einsammler“ mit einem Gefäß ihre Runden bei den Umstehenden. „Geld!“ Wer Bilder gemacht oder aufgenommen hat, legt einen Schein hinein. Das wird auch eingefordert, ist für mich aber eine Selbstverständlichkeit. Die Jungs machen das nicht zum Spaß, sie verdienen damit ihren Lebensunterhalt.

Noch eine Runde über den Platz, weil es so schön ist. Doch irgendwann haben wir alles gesehen. Und nicht zu vergessen: was bisher zu kurz geraten ist, war die Suche nach Bier. Dieses genehmigen wir uns diesmal ganz exklusiv in einer Rooftop Bar mit Blick über die Einkaufsmeile und den in tausend Lichtern erstrahlenden Djemaa el Fna, zu einem Preis, über den ich lieber nicht sprechen möchte. Es sind Dinge, die macht man eben einmal, doch die Location am letzten Tag der Reise und der Ausblick waren es wert.

Ibrahim wartet, wie versprochen, zur verabredeten Zeit dort, wo er uns rausgelassen hatte. Der Wagen bringt uns zum Flughafen und wir sind uns einig, wir hatten hier eine schöne Woche und eine gute Zeit. Ein wenig Herzschmerz habe ich dabei, wie bei jeder Reise, wenn sie zu Ende geht. Doch nach der Reise ist vor der Reise und unser Terminkalender ist für die kommenden zwei Jahre gut gefüllt. Ich werde mich also schnell wieder trösten können. Zudem zeitnah weitere große Touren kommen. Marokko, du hast mir gut gefallen. Ich denke, ich besuche dich wieder.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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9 Kommentare

  1. Sehr atgmispharischer Blog. Wann warst Du da?

    1. Sorry, ich meine natürlich atmosphärisch

    2. Wir waren da in September. Wunderschönes Land 😉

  2. Die Landschaft ist wunderbar. Offensichtlich hattet ihr Glück mit eurem Fahrer, der auf eure Wünsche eingegangen ist. Wir fahren ja lieber selbst. Sag Bescheid vor eurer nächsten Reise, damit wir nicht zufällig auch dort hinfahren. Niemand will mit einem Regengott reisen 😉.

    1. Die nächste Reise geht über Ostern nach Moldawien. Am besten steuert ihr also die gegensätzliche Richtung an 😂

      1. Danke für den Tipp. Ich kaufe schon mal moldawische Regenschirmaktien.

        1. Cool, es gibt moldawische Regenschirmaktien? 😉

          1. Ich habe da noch nicht recherchiert, aber an der Börse gibt es alles 😇. Du kannst auch auf den Preisverfall von Schweinehälften spekulieren 😉

          2. Oh okay, wow. Ich habe mich bisher an die Klassiker gehalten 😉

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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