September 2025
Tanghir schauen wir uns tatsächlich nochmal aus der Nähe an, bevor es weiter geht. Der Ortskern unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen und so fahren wir nur mal langsam durch. Für längere Erkundungen der Palmgärten und halb verfallenen Lehmhäuser in den äußeren Bezirken bliebe nicht genug Zeit; der Tag ist fortgeschritten und wir haben noch ein Stück Weg vor uns. Plattes, monotones Land zieht an uns vorbei. Die Wolkendecke über uns wird immer dichter und in der Ferne zeigt sich ein größerer Trichter, der auf einen Regenguss hindeutet. Ich weise Rene darauf hin, dass er bitte in Zukunft sein Hamburger Schlechtwetter nicht unbedingt auf jede Reise mitnehmen soll. Doch noch regnet es nicht.
Boumalne Dades
Boumalne Dades heißt unser nächster Stopp. Dieser befindet sich fast auf dem direkten Weg nach Ouarzazate. Der Ort ist klein, gerade einmal zwölftausendfünfhundert Anwohner zählt das Städchen. Dafür bietet es von unserem Punkt aus einen wunderschönen Ausblick übers grüne, Palmengesäumte Tal, durch welches sich der Fluss wie eine Silberschleife zieht. Wir gönnen uns eine kurze Pause und ziehen los, um das Verbliebene der früheren Lehmarchitektur abzulichten. Nicht bei allem, das in Marokko nach traditioneller Lehmbauweise aussieht, handelt es sich auch um solche. Üblich ist heute der Einsatz von Betonblöcken, die am Ende mit rötlicher Farbe verputzt werden. Von Weitem fügen sich diese Häuser nahtlos in die Landschaft und unterscheiden sich im nichts von den alten Gemäuern. Um den Ort herum schmiegt sich der Atlas; weit in der Ferne sind höhere Gebirgspässe zu sehen.

Ich fotografiere gerade fröhlich ein imposantes Tor, das in eine langgezogene Mauer eingearbeitet ist. Damit lasse ich mir Zeit, denn der Winkel muss stimmen. Bis ich Rene neben mir höre: „Ähm… ich glaube, der will das nicht.“ Was, wer will was nicht? Irritiert lasse ich die Kamera sinken. Erst da sehe ich den Wachmann, der ganz klein in der Ecke im Schatten der Mauer steht und wie wild mit beiden Armen fuchtelt. O-oh… Ich mache eine entschuldigende Geste und sehe zu, dass ich Land gewinne. Zum Glück nimmt der Beamte das ganze mit einem amüsierten Lachen auf. Touris wieder…
Monkey Fingers View
Die Dades-Schlucht, in die wir uns danach vertiefen, bietet beeindruckende Einblicke. Rote Kasbahs, umgeben von Palmenhainen. Steile Abhänge. Einen plätschernden Fluss und eine Felsenlandschaft, die ihresgleichen sucht. Zügig nimmt Ibrahim die engen Kurven und schießt über die Fahrbahn. Die roten Häuser kleben wie Vogelnester an den Felsen, so dass man sich stellenweise fragt, wie sich da Platz für sie gefunden hatte. Und es wird weiter gebaut. Hier können wir Schritt für Schritt das Entstehen neuer Häuser, ganzer Viertel betrachten. Auch wenn der Endeffekt vom Weiten ähnlich der Lehmbauweise ist, so kommen für den Bau inzwischen graue Betonblöcke zum Einsatz. Erst nachdem diese verputzt worden sind, verschmelzen sie mit der Landschaft.
An einer besonders spektakulären Stelle werden wir rausgelassen, um die Schlucht aus der Nähe zu bewundern. Riesige, runde Felsbrocken liegen hier herum, als hätten Riesen mit ihnen gespielt. Unter uns das grüne Palmental, weiter der nackte Fels. Die Fahne von Marokko weht fröhlich auf ihrem hohen Mast. Ein Wanderpfad führt über einen Rundweg nach unten, und auf diesen begeben wir uns nun, sorgsam darauf achtend, bei all unserer Bilderknipserei die beiden Männer hinter dem riesenhaften Stein nicht zu stören, die sich dort für ein Zigarettchen niedergelassen hatten. Es tut gut, sich mal zu bewegen, von Stein zu Stein zu springen. Auf hohe Felsen zu klettern. Irgendwo auf irgend einem Felsbrocken kommt irgend eine Hansa-Fahne zum Einsatz. Blau macht sich gut in rötlicher Landschaft. Wir lassen uns Zeit, sowohl mit dem Rundgang als auch mit dem Fotografieren. Schließlich ist es der letzte Halt, ehe unser Tag zu Ende und es zum Hotel geht. Wir wissen nicht genau, wie weit es noch ist. Ibrahim, unser Fahrer, hat indessen scheinbar nicht mehr so viel Eile. Er hat hier einen Bekannten getroffen und angeregt unterhalten sich die beiden.
In eben dieser Schlucht findet sich auch unsere Unterkunft für diese Nacht. Mit dem obligatorischen Minztee werden wir begrüßt, geparkt auf einer Terrasse mit Ausblick auf den grünen Streifen, der den Fluss säumt. Das Abendessen ist im Preis inklusive. Es gibt Bier, und sogar Wein. Und einen großen Swimmingpool auf der Dachterrasse, den ein Mitarbeiter extra für uns in wechselnde Neonbeleuchtung taucht. Enthusiastisch springen wir ins Wasser, um gleich darauf vor Kälte zu erstarren. Auch wenn die Bilder, die wir in jenem Pool, jeweils ein Bierchen in der Hand, Neid produzieren mögen, in Wahrheit trügt der Schein. Die Wassertemperatur hat nicht mehr als sieben- bis acht Grad. Die Lufttemperatur: sechszehn. Neidisch sind wir beiden, denn wir stellen fest, dass es in Deutschland um unwesentliche paar Grad wärmer ist. Aus reinem Trotz schwimmen wir ein paar Runden. „Ich erfriere!“ Sage ich zähneklappernd. Rene lacht. Doch warm ist ihm auch nicht.
Später liegen wir auf unseren Liegen, ich unter dicken, kuscheligen Fleeddecken, derer ich einige im Schrank gefunden habe. Feiner Nieselregen beträufelt unsere Gesichter. Das Bierchen schmeckt lecker, doch Feierlaune will sich irgendwie nicht einstellen. „Komm, Schatz, stell die Bilder rein.“ Sage ich im Bezug auf unsere Schwimmeinheit von eben. „Die sollen neidisch werden.“ Das ist nicht schwer, wenn man verschweigt, dass wir uns hoch in den Bergen befinden und soeben fast erfroren wären. Liebe Kinder, glaubt nichts, was in den sozialen Netzwerken steht. Die meisten lügen euch ziemlich unsozial ins Gesicht.
Der nächste Morgen. Roter Schein stiehlt sich durch die Schlucht, streift über die emporragenden Felsspitzen, bleibt dort hängen, wird heller und größer. Mit ihm kommt die Wärme. Der Nieselregen von gestern scheint sich verabschiedet zu haben. Unser Hotel ist eine Unterkunft für eine Nacht gewesen; nach dem Frühstück heißt es wieder, rein ins Vehikel. Weiter geht unsere Reise. Sehnsüchtig spähe ich durch die Autofenster zu all den schönen Kasbahs, den Lehmburgen, die ich zu gerne ausgiebig aus der Nähe angeschaut hätte. Dafür müsste man ein paar Tage Zeit in dem Tal verbringen. Kurz halten wir noch an unserem Zwischenstopp von gestern Abend, dem Monkey Fingers View mit tollem Ausblick über das Tal. Dann heizen wir weiter um die Kurven. Ortschaft um Ortschaft zieht an uns vorbei. Am Vormittag erreichen wir einen Ort mit dem schwer auszusprechenden Namen: Kelâa M’Gouna, die als Rosenstadt Marokkos bekannt ist.
Kelâa M’Gouna
Eigentlich will Ibrahim mit uns hier einmal durchrauschen. Doch wir machen uns bemerkbar und merken an, dass wir hier gern einmal halten würden. Keine Ahnung, was es in diesem 18000 Seelen zählendem Ort spannendes gibt, doch das wollen wir herausfinden und so schlendern wir einmal ein wenig ziellos durchs Stadtzentrum. Ein Rosengarten lädt zum Besichtigen ein. Oder auch nicht, denn zu spät merken wir, dass die Einrichtung eigentlich abgesperrt ist – durch irgend einen Zufall und auf irgendwelchen Irrwegen haben wir uns eingeschlichen.
Alles hier steht im Zeichen des Haupterzeugnisses, der Rose. In jedem Laden und an jeder Ecke finden sich Rosenseifen, Wässerchen, Duschmittel und Shampoo. Hauptprodukte sind Rosenwasser und Rosenöl; die Rosenhecken erstrecken sich auf über 4200 Kilometer Länge und produzieren während der Erntezeit täglich rund vierhundert Tonnen Rosenblütenblätter. Diese werden in zwei Fabriken verarbeitet.
Wir besichtigen eine dieser Fabriken. Eigentlich besuchen wir lediglich das anliegende Geschäft und schauen uns das obligatorische Video zur Pflege, Ernte und Verarbeitung der Rosenblüten an. Danach steht uns Zeit für ein wenig Shopping zur Verfügung. Dank der großzügig versprühten Wolken, die hier durch die Luft fliegen, duften wir schon bald wie zwei orientalische Tänzerinnen. Ein Rosentee und Knabberzeug ergänzt das Ensemble, dann ziehen wir weiter. Weder Dame noch Herr sind an Rosendüften interessiert, danke sehr. Wir sind nicht so der Shopper. Außer es hätte Rosenbier gegeben. So jedoch verlassen wir recht bald das Gelände. Der Geruch folgt uns bis ins Auto.

Rosenbier? Klingt für mich etwas schräg. Aber ist wohl Geschmackssache. Aber die Landschaft ist ganz nach meinem Geschmack.
Ja, es gibt Dinge, die sollte man einem Bier nicht antun 😂😅