Wünschte ich mir auf einer ausgedehnten Reise endlich mal einen Moment, um anzukommen? Sehnte ich mich nach einem ruhigen Ort, um alles sacken zu lassen? Waren mir die Ziele, die Touren alle plötzlich zu viel?
Alles wieder vergessen.
Jetzt sitzt die Reisende wieder in ihren vier Wänden und plärrt: Ich will verreisen. Jetzt!
Das seltsame an der Arbeit im Außendienst ist, dass man, zumindest was mich so betrifft, nicht mehr ruhig zu Hause sitzen kann. Bin ich unter der Woche unterwegs, so träume ich von meiner gemütlichen Couch und der nächsten Nachmittagsfolge von Big Bang Theory, doch kaum öffnet das Wochenende seine Pforten, schon wird aus dem anfänglichen „hach, ich bin zu Hause“ ein unbändiges „will raus„.
Dann geh doch raus, werden einige von euch sicher denken. Nein, mit Raus meine ich nicht bloß vor die Tür. Und auch ein Wochenendtrip in den Schwarzwald hilft inzwischen nicht mehr, um die Zeit zu überbrücken. Die Zeit, welche Zeit? Die Zeit bis zu meiner nächsten Reise, die leider erst ende Mai stattfindet.
Ich bin urlaubsreif, aber sowas von!
Ich gehe in Gedanken meine Wunschliste durch, plane, organisiere, werfe meine Pläne wieder um, im Wissen, dass ich niemals das alles werde sehen können, was ich mir vorgenommen habe; dass selbst die konkreten „To do’s“ niemals in ein einzelnes Jahr gepackt werden können. Und vor drei Monaten noch nahm ich mir vor, mir nicht mehr so viele Ziele vorzunehmen – und für das folgende Jahr gibt es bereits weitere Pläne.
Kennt ihr es, wenn dieser Hunger in einem brennt?
Wenn am liebsten alles auf einmal besucht, gesehen, erlebt werden könnte? Und selbst das wäre noch nicht zu viel?
Wie leid tut es mir für Menschen, die schon übersättigt sind, die bereits so vieles gesehen haben, dass die Reiselust irgendwo flöten gegangen ist. Wie unsagbar schade es doch ist, wenn jeder Tempel irgendwann gleich aussieht, wenn einen nichts mehr reizt.
Was ist der Idealzustand einer Reise? Ist es die Zeit davor, dieses Gefühl der Sehnsucht und dieser gewisser Respekt vor einem Ort, an dem man noch nie war?
Ist es die Zeit der Reise selbst, das Erleben, das Hier und Jetzt, welches auch nicht wirklich ein Hier und Jetzt ist? Denn für mich gibt es das (leider) nicht, ich bin in Gedanken bereits einen Tag weiter, eine Woche weiter, eigentlich plane ich schon wieder, während ich noch irgendwo auf Reisen bin. Brenne ich auf diese Weise aus?
Oder ist es die Zeit danach, wenn man wieder zu Hause bei seinen Lieben ist, aufarbeitet, erzählt, die Bilder betrachtet? Und für manche von uns: die Blogeinträge schreibt?
Für mich ist es eine Mischung aus Davor und Danach, dieser Idealzustand einer Reise. Und vielleicht der eine oder andere ganz stiller, persönlicher Augenblick aus der Reise selbst. Vielleicht werde ich den persönlichen Reisezustand nie erreichen. Nicht so, wie ich es im Augenblick tue. Immer nehme ich mir vor, langsamer zu machen, einfach nur um tiefer eintauchen zu können, doch dann plane ich umso mehr. Umso schneller und weiter. Will jede Chance ergreifen, die sich mir bietet.
Gibt sich das irgendwann?
Und um die obligatorische, viel gestellte Frage gleich mal vorweg zu nehmen: Laufe ich vor etwas weg? Nein. So fühlt sich das nicht an. Vielmehr laufe ich auf etwas zu. Immer und immer wieder, wohl wissend, dass da so viel mehr ist als das, was wir kennen; dass da ganz, ganz viele Puzzelteile auf uns warten, um von uns zusammen gesetzt zu werden zu dem, was wir Welt nennen. Und das Gefühl, unvollständig zu sein, ohne diese Welt gesehen zu haben. Und zwar so wie sie ist, nicht so, wie sich der romantisch verklärte Geist sie vorstellt. Oder wie Instagram sie sehen möchte. An Orte zu reisen, die schon bald nicht mehr sein werden, wie die Malediven. Oder sich so verändern, dass sie dann kaum wiederzuerkennen sind, wie die Polarregionen. Es ist ein Rennen gegen die Zeit.
Oder einfach nur an Orte, die mich interessieren, eben weil nicht jeder sie auf dem Radar hat. Wenig besuchte Länder wie Rumänien oder Nordmazedonien. Doch die Tourismusbranche wächst immer weiter und man kann schlecht von Menschen verlangen, auf ihren Hintern zu Hause sitzen zu bleiben. Es reisen immer mehr.
So viele Ziele, so wenig Zeit.