Afrika, Namibia

Kinder der Spitzkoppe

Spitzkoppe, 17 September 2017

Die Kinder am Straßenrand rufen uns zu. Sie stehen mit ausgestreckten Händen im Staub der ungeteerten Straße und halten Edelsteine, Ketten und Kristalle in ihren kleinen Händen. Manche von ihnen sind höchstens vier Jahre alt. Sie hüpfen und rufen laut, sobald sie unserer ansichtig werden. Doch unser Bedarf an Edelsteinen ist für heute gedeckt, und so fahren wir weiter und stauben die Kinder abermals mit unserem Auto ein.

Auf dem Weg von Swakopmund bis zur Spitzkoppe folgen wir der asphaltierten B2. Es sind Handels- und Transportwege, daher werden sie zu unserem Glück in einem guten Zustand gehalten. Wir kommen an Uranminen vorbei, die größtenteils alle entlang der Route nordöstlich von Swakopmund liegen. Die namibische Regierung sieht im Einstieg in die Atomenergie die Zukunft des Landes. Der Rückzug in Deutschland, Namibia rückt nach. So lassen sich womöglich auch die guten Beziehungen Namibias zu Nordkorea erklären, denn NK hat verständlicherweise ein reges Interesse an den namibischen Uranminen.

Von der geteerten Straße aus ist die Spitzkoppe zu sehen, ein Berg im südlichem Damaraland gelegen, so charakteristisch, dass er sich sofort von der restlichen Umgebung abhebt. Es ist die spitze, dreieckige Form, die auffällt und ihrem Namen alle Ehre macht. Stefan fragt, ob ich Lust hätte, einen Abstecher zu dem Berg zu machen.

Wir folgen den Schildern; vom Highway biegen wir wieder auf die uns wohlbekannte Schotterpiste ab. Diese führt uns ins Land hinein, wo sich tief im Erongo-Gebirge, im Schatten der Spitzkoppe sozusagen, Edelsteinminen befinden. Die Wege sind staubig, die Sträucher und Bäume am Straßenrand sehen nach einer verschneiten Winterlandschaft aus. Nur die Hitze erinnert auf unpassende Weise daran, wo wir gerade sind.

Als erstes treffen wir auf einen kleinen Edelsteinmarkt, der, auf dem Weg gelegen, sowohl von Reisenden wie uns, die auf eigene Faust das Land erkunden als auch von Reisegruppen angesteuert wird. Ein Reisebus fährt gerade weg, als wir ankommen.

Auf dem Markt werden Edelsteine aus der gesamten Region gehandelt. Die Menschen können eigens eine Lizenz für den selbständigen Abbau der Mineralien erwerben und das Geld, das sie dabei in Eigenregie verdienen, weitestgehend behalten. Ein Ehepaar lässt sich gerade beraten. Hellblaue Aquamarine, schwarz glänzende Turmaline, Kristalle und allerlei andere Edelsteine werden angeboten. Sie sind nicht mit Preisschildern versehen, also ist Handeln gefragt.

Draußen vor dem Markt sehen wir größere Kinder spielen, ein kleines läuft in einer weißen Windel umher.

Die Frau in dem farbenfrohen Kleid zählt dem Ehepaar Wechselgeld aus; währenddessen lasse ich die Steine durch meine Finger gleiten. Ein Aquamarin fällt mir ins Auge; durch seinen besonderen Schliff fängt er das Licht ein wie ein Tropfen Tau im Wald.

„Kommen Sie her!“ Ruft mich eine geschäftstüchtige Frau aus der anderen Ecke des Marktes heraus. „Ja, kommen Sie! Ich Ich erkläre Ihnen die Steine!“ Zögernd gehe ich hin, denn noch habe ich nicht gelernt, mit so viel Geschäftstüchtigkeit umzugehen. Und mir dämmert auch bereits, wie das ausgehen wird. Die Frau beginnt zu erklären, doch als ihr Handy klingelt, wende ich mich wieder ab und meinem Aquamarin zu. Ihre Rufe beantworte ich mit einem freundlichen „No, thank you.“

Was kostet „mein“ Stein?
„800 N$.“ Sagt der junge, der von irgendwoher angeschossen kommt. An die 60 Euro – wir bedanken uns für die unverbindliche Preisempfehlung. Ich kann zwar den Wert der einzelnen Steine in keinster Weise einschätzen, doch ist es mir einfach zu viel Geld für ein Souvenir; und etwas anderes wäre der Stein nicht geworden. „I can make you a discount price: For 700 N$.“ Sagt der Junge, der mich allen Anschein nach nur ungern ohne Halskette gehen sehen möchte. Wir haben uns schon abgewendet, als er noch „600 N$!“ ruft.

Draußen am Auto höre ich schnelle Schritte hinter uns. Der Junge ist uns gefolgt, meinen Stein in der Hand. „Last discount price: 500N$.“ Sagt er. So viel Einsatz wird belohnt: Ich schlage zu und sehe, wie seine Augen leuchten. Jedoch gehe ich nicht, wie von ihm angeboten, nochmal mit rein, um mir ein Tütchen geben zu lassen – wer weiß, vielleicht hat er bereits ein paar passende Ohrringe für mich bereit gelegt… 🙂

(Als ich einige Wochen später eine Reportage über den Edelsteinabbau in den Erongo Bergen sehe, erfahre ich, dass die Menschen dort eigentlich nicht mehr zu bekommen erwarten als zwei- bis drei Euro pro Stein – doch der Preis, den ich bezahlt habe, ist schon okay. Die Menschen in Namibia fördern die Steine unter schweren Bedingungen und gegen Lizenz auf eigene Faust zutage und oft verdient ein sog. „Smallminer“ nicht mehr als 30-40 Euro im Monat. Es tut mir nicht weh, jemandem somit seinen Monatsverdienst gesichert zu haben…)

Wir fahren weiter und ich strahle vor Freude über den Stein mit demselben um die Wette. Auf unserem weiteren Weg begegnen uns Menschen, die in zerbrechlich wirkenden, selbst gebauten Ständen im Staub am Straßenrand stehen und ihre Steine verkaufen. Die Stände sind aus Wellblech, Schrott und löcheriger Folie gebastelt worden und über und über mit Ketten und geschnitzten behangen. Kleine und größere Kinder rufen uns, anzuhalten; in ihren ausgestreckten, kleinen Händen halten sie Ketten aus Edelsteinen. Wir fahren vorbei, eine Staubwolke hinter sich ziehend, im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass wir die Menschen einstauben, die sich hier am Straßenrand niedergelassen haben.

Kinder mit Edelsteinen in der Hand. Dieses Bild macht mich betroffen. Erwachsene sind, wenn überhaupt, nur im Hintergrund zu sehen. Das kleinste der Kinder ist vielleicht vier Jahre alt. Der kleine Markt von eben hatte zumindest einen gewissen Zulauf an Besuchern, seien es Autoreisende wie wir oder seien es Busse, deren Fahrer hier gegen Provision halten. Doch diese armseligen Stände, wer hält denn hier an?

In einiger Entfernung sehen wir ein kleines Dorf. Die Behausungen sind als solche zu erkennen, da sie außer einem Wellblechdach auch noch vier „Wände“ haben. Aus Folie, Müll und verrosteten Blechstücken gezimmert bieten sie einen Mindestschutz vor der Sonne – mehr nicht.

Als wir wenden und zurück fahren, stauben wir die nach uns rufenden Kinder abermals ein.

So vieles geht mir durch den Kopf. Ein Land steht und fällt mit seiner Regierung. Namibia hat unzählige Boden- und Naturschätze wie Uranium, Marmor und die Edelsteinminen, viel Tourismus sowie die Möglichkeit einer flächendeckenden Stromerzeugung über Solar – Voraussetzungen also, um ein einigermaßen wohlhabendes Land zu werden. Das Land hat mit der Kolonialisierung und der ehemaligen südafrikanischen Herrschaft schwere Zeiten hinter sich, doch seitdem ist einige Zeit vergangen. Deutschland hat in der Zwischenzeit über eine Milliarde Euro Entwicklungshilfe in Namibia investiert – es hätte hier viel mehr passieren müssen. Doch das Geld versickert irgendwo in der Namib Wüste, statt örtlichen Arbeitskräften werden chinesische oder nordkoreanische beschäftigt (das mit den nordkoreanischen Arbeitern hat sich seit den Sanktionen der UNO schon mal erledigt, was die namibische Regierung laut eigener Aussage „sehr bedauert“…).

Wie dem auch sei… es sollte niemand so leben müssen.

Plötzlich verspüre ich so gar keinen Drang mehr, Deutschland zu verlassen, weder jetzt noch sonst irgendwann. Das Land kümmert sich um all meine Bedürfnisse. Es gibt mir alle Freiheit, meinen Weg zu wählen und unterstützt mich, wenn ich mich selbst verwirklichen möchte, durch eine Grundsicherung, die jedem zusteht. Es fängt mich auf in ein Netz aus Sicherheit, und ich werde niemals mittellos sein, egal was ich aus meinem Leben machen möchte, egal was ich tun möchte. Ich habe eine Wahl.

Hier hast du keine. Wenn du bei den Minen bist und dich deine Eltern nicht zur Schule schicken wollen (denn obwohl es eine Schulpflicht in Namibia gibt, wird sie nicht überall durchgesetzt…), dann ist es eben so. Und wenn du fällst, dann fällst du ins Bodenlose. Wie Carmen in Swakopmund zu uns sagte: „Wenn du hier keinen Job hast, dann bist du mittellos. Woher nehmen, wenn nicht stehlen?“ Den deutschen Pass zu besitzen ist so, als hätte man in Lotto gewonnen, und das nicht nur, da er uns ermöglicht, in fast alle Länder dieser Welt ohne größere Probleme einreisen zu können. Ihn tauschen, aufgeben, dieses Land verlassen? Himmel, warum sollte ich?

Ich schaue Stefan an. „Und wir in Deutschland haben Existenzängste? Warum eigentlich?“ Er grinst kurz, doch es ist kein fröhliches Grinsen.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
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Die Welt wartet auf uns.

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