September/Oktober 2024
Weiß wie eine Bleistiftskizze erscheint mir die Stadt am Tage. Grauweiße Häuser, Autos, Straßenzüge. Grauweiß der Himmel. Keine Kontraste. Als hätte jemand das gemalt, was ich gerade durch das Fenster sehe. Was ist es, was über der Stadt hängt? Ist es Rauch? Dunst, Smog, Nebel? Es geht zum Frühstück.
Ashgabat
Ashgabat ist Stadt der Superlativen. Man scheint hier vernarrt in jegliche Art Denkmäler zu sein. Und sie sind groß, riesig, überragend. So viel Fläche, die bebaut werden will. Ein Monument jagt das andere. Wir steigen in den Bus und fahren durch die weiße Stadt mit ihrem geisterhaften Aussehen; die Witterung unterstreicht diesen Eindruck noch. Monumente, Paläste, Säulen, weiße, blockartige Wohnhäuser. Es ist mehr Verkehr als am Vortag, also lebt hier jemand. Nur Menschen sieht man im Augenblick wenig. Sie sind auf Arbeit oder in der Schule, sagt Maia. Saftig grüne, stets bewässerte Parks werden von Scharen von Gärtnern in Schutzanzügen gepflegt und gesäubert. Alles ist sauber, wie geleckt. Weiße, geschwungene Laternen. Dazwischen glänzt viel Gold und einen Moment lang frage ich mich, ob das echt sein kann. Sieht so nach Farbe aus, wenn man näher kommt. „Ist Farbe.“ Aha. Nicht alles, was glänzt…
An einigen der Monumente bleiben wir stehen. Ashgabat ist Dauergast im Guinnessbuch der Rekorde. Für die größte Dichte an Häusern mit weißer Marmorverkleidung (543 Gebäude auf 4,5 mio. Quadratmeter). Glaube ich sofort. Oder das größte Indoor-Riesenrad der Welt (47,6 Meter hoch). Am Turkmenistan-Turm befindet sich der größte Stern. Und der größte Brunnenkomplex, nach der Anzahl der Brunnenbecken gemessen. Und das größte Gebäude in Form eines Pferdes will ich euch auch nicht vorenthalten. Viele der Statuen zeigen frühere turkmenische Herrscher: der Stolz der Turkmenen um ihre Abstammung soll sichtbar gefördert werden.
Aufgrund der großen Fläche ist es schier unmöglich, alles zu Fuß zu erkunden. Diese Hauptstadt ist nicht eine dieser Städte, wo man sich den Stadtkern einfach erlaufen kann. Wir sind froh um den Bus und auch um die Tatsache, nicht an jedem Denkmal aussteigen zu müssen. Einige wenige bekommen wir aus der Nähe zu sehen. Nahe mancher Monumente sind in hohen Glaskasten, die mich an Telefonzellen erinnern, Soldaten postiert. Warum die Glaskästen? Damit die Wachen während ihres Dienstes keinen Hitzekollaps kriegen. Die „Telefonzellen“ sind klimatisiert. Penibel achte ich darauf, keine davon zu fotografieren, wobei ich mir vorstellen kann, dass es einige nicht so ernst nehmen. Keiner nimmt Notiz von uns, doch es ist auch kaum jemand da. Im Verlauf der weiteren Fahrt sehen wir eine große Parkanlage, die sich bis weit auf die umliegenden Hügel erstreckt: den Unabhängigkeitspark. Oben auf den Hügeln schlängeln sich Wege, Wander- und Trimm-dich-Pfade. Auf das Gerücht, der Präsident würde seine Bürger zu regelmäßigen Leibesübungen anweisen, äußert sich unsere Guide. Es sei tatsächlich mal so gewesen, dass Gymnastik für jeden, der es körperlich leisten konnte, Pflicht war. Inzwischen, meint sie, hätte sich das so eingebürgert, dass sich die Menschen freiwillig bewegten. Was soll ich sagen. Gesundheit auf Verordnung, warum nicht.
Antike Stadt Nisa

Dunstig sehen die umliegenden Hügel aus. Wobei ich mich immer noch nicht entscheiden kann, ob das denn Nebel ist, Staub aus der umliegenden Steppe oder einfach nur Smog. Trüb und verwunschen die Umgebung. Wobei, Smog: woher soll er denn kommen? Doch sicher nicht von den gefühlt fünf Autos, die wir bisher auf unserer Rundfahrt gesehen haben. Diese Rundfahrt bringt uns nun hinaus aus der Stadt, zu einem UNESCO Welterbe, der zwölf Kilometer von Ashgabat entfernten Ausgrabungsstätte Nisa. Nisa ist eine alte Ruinenstadt, die vom Volk der Parther errichtet wurde. Die Parther waren das führende Volk in frühem Persien und Mesopotamien, ihre Herrschaft dauerte in etwa vom 3 Jahrhundert v.Chr. bis 3 Jhd. n.Chr. an. Auf einer Karte zeigt uns Maia, wie weit sich das Königreich der Parther erstreckte.
Die Stadt ist von Wällen umgeben und wurde aus Lehm errichtet. Dafür ist es erstaunlich, wie lange diese Mauern überdauert hatten. Mit unserer Reiseleiterin Maia besichtigen wir die Ausgrabungsstätte. „Nicht auf den Wällen laufen!“ Ruft sie noch, doch einige von uns hatten sich längst verselbständigt. Einige der Gemäuer wurden bereits wieder zugeschüttet. Das sei temporär aus Schutzgründen so gehandhabt worden, erklärt uns Maia. Zum einem sind die Überreste sehr fragil und sollen nicht der Witterung ausgesetzt sein. Und zweitens sollen sie vor Unachtsamkeit der Besucher geschützt werden. So erklärt sich mir auch, wie diese Lehmstadt in einem solch guten Zustand Jahrhunderte, gar Jahrtausende überdauern konnte: sie war durch Wüstensand bedeckt. Die ehemalige Pracht ist heute kaum noch zu erahnen, zumindest für ungeübte Augen nicht. Es gab Tempel, einen Thronsaal und eine Schatzkammer. Die dort entdeckten Waffen, kostbaren Gegenstände und Gold werden im Museum in Ashgabat ausgestellt. Viele der Lehmwände, an denen wir vorbei gehen, sehen erstaunlich neu aus. Kein Wunder, denn hierbei handelt es sich um Rekonstruktionen. Doch es gibt auch originale Überreste der alten Stadt zu sehen.
In der Nähe der antiken Stadt ist eine Siedlung zu sehen. Laut Maia ist es ein Ort, an dem Christen leben. Sie werden toleriert, aber, so wie ich heraushöre, sollen sie unter sich bleiben. Weiße, gemauerte Häuser mit grünen Dächern. Die Turkmenen, erklärt Maia, sind an sich ein friedliebendes Volk – zumindest nach außen. Untereinander wiederum gab es Ränke, Kämpfe und Fehden. Nach dem Motto: wir wollen unseren Nachbarn nichts – aber was wir miteinander auszutragen haben, das geht keinen was an. Logisch in meinen Augen – man mischt sich nicht in familiäre Streitigkeiten. Es gibt sogar in Ashgabat ein Neutralitätsdenkmal, das daran erinnert, dass Turkmenistan ein neutrales Land ist. „Wir mischen uns nicht ein.“
Meine Augen wenden sich wieder Nisa zu, der Stadt, die inzwischen längst dabei ist, mit der Wüste zu verschmelzen. Der Boden ist ein Buch der Geschichte, doch die Zeit verwischt die Spuren. Ein Wunder, dass wir dennoch so viele davon noch imstande sind, zu lesen. Doch nicht nur historische Infos gibt Maia zum Besten; auch über die in der Wüste lebenden Pflanzen und ihre Anwendung klärt sie uns auf. Diese hier zum Beispiel, die ein wenig an Kamille erinnert, hat eine leicht berauschende Wirkung. Begeistert stopfe ich mir ein paar trockene Stängel in die Jacke, die später beim Durchgucken der Taschen kurz vor dem Waschen wieder zerkrümelt rausfallen werden („was ist denn das?“). Die Pflanzenwelt hier begeistert mich; vielleicht deshalb, weil ich nichts davon wirklich kenne.
Auf den Gemäuern der antiken Stadt ist Halligalli angesagt. Es findet ein Fotoshooting statt und wir werfen begeistert den einen oder anderen Blick darauf. Eine Frau in rotem Kleid posiert inmitten der Wüste, entweder für einen Modekatalog oder für die Bilder ihres Lebens. Natürlich nutzen wir die Gelegenheit und verewigen die Szene unsererseits auf Speicher. Wie oft hat man denn sonst die Gelegenheit, so etwas zu sehen?
Türkmenbaşy Ruhy Moschee

