Marokkanische Khettaras
September 2025
Auf dem Weg in Richtung Ouarzazate begegnet uns eine Besonderheit. Es sind die Khettaras, ein unterirdisches, traditionelles Wasserspeichersystem, welches von früheren Völkern hier in der Wüste errichtet wurde. Die ersten Khettaras sind vor rund dreitausend Jahren im alten Persien belegt.
Ein Mann, der sich vor Ort um die Instandhaltung der Installation kümmert, führt uns herum. Der Tunnel führt aktuell kein Wasser, so dass er bedenkenlos begangen werden kann. Einige solche altertümlichen Speicher sind hier in der Gegend um Errachidia und Ouarzazate vorhanden. Vereinfacht lässt sich das System auch als eine Art unterirdischer Wasserleitung beschreiben. Khetaras wurden genutzt, um in Regenzeiten größere Wassermengen aufzunehmen, die sonst durch Erosion verloren gegangen wären, aber auch, um das Grundwasser anzuzapfen und an die Oberfläche zu befördern. Das Geschieht über ein sich drehendes, hölzernes Rad; welches im Sitzen mit den Oberschenkeln gedreht wird. Rene darf dieses sogleich selbst ausprobieren. „Nicht so einfach, was?“ Sagt unser Guide.
Über eine Wendeltreppe geht es für uns nach unten. Bis zu zehn Metern tief können die Speicher werden und sind nach oben hin als gleichmäßig angelegte „Hügel“ in der Landschaft zu sehen. Auf diese Weise konnte das Wasser an entlegene Orte geführt und vor hoher Verdunstung geschützt werden. Vertikale Zugangsschächte verbinden den unterirdischen, horizontal mit leichtem Gefälle verlaufenden Speicher mit der Oberfläche. Eine Kettara besteht aus einem Hauptschacht, Nebenschächten und einem Tunnel. Im Tunnel ist es kühl und düster, kleine Lichter beleuchten uns den Weg. Tageslicht bricht sich vereinzelt durch die Zugangsschächte. Viele der Einrichtungen in Marokko sind zw. 12-14 Jahrhundert entstanden, die meisten liegen jedoch inzwischen trocken, da der Grundwasserspiegel durch das großzügige Abpumpen in der Neuzeit und die intensive Nutzung abgesunken ist.
Nach der Besichtigung gibt es für uns einen Tee, der im Schatten eines Bambusvordachs auf gepolsterten Bänken eingenommen wird. Ab ins Auto und weiter geht die Reise. Wir lesen uns nicht durchs Programm, lassen alles auf uns zukommen. Der nächste größere Ort, den wir durchfahren, ist Tinghir. Lehmverputzte Häuser, auf die vereinzelt Licht durch die Wolken fällt, vermitteln den Eindruck eines Wüstenmärchenlandes. Wir durchqueren den Ort, unser Wagen klettert immer höher die geschwungene Straße hinauf. Schon bald lassen wir die Stadt hinter uns und erfreuen uns am großartigen Ausblick von hier oben. Eine Oase inmitten von Palmen erstreckt sich zu unseren Füßen. Tatsächlich, so werde ich später nachlesen, zählt der 44000 Seelen-Ort zu Marokkos schönsten Oasen, nicht zuletzt aufgrund seiner großzügigen, grünen Palmengärten.
Kurz bleiben wir für ein paar Fotos stehen und ignorieren dabei konsequent die vielen Händler, die Textilien wie bunte Schals zum Kauf auf der Leitplanke drapiert haben. Der Fahrer will mit uns weiter und weiter, wo will er denn mit uns hin? Gern hätten wir uns Tinghir näher angesehen, doch Ibrahim meint, da kämen wir nochmal zurück. Allen Anschein nach hat er mit uns ein festes Ziel vor, da lassen wir uns doch überraschen. Wir fahren noch durch zwei kleinere Orte, und Tinghir bleibt weit hinter uns. Dann, in einer sagenhaften Schlucht, werden wir rausgelassen. Eine weitere Naturschönheit wartet hier auf uns.
Die Todra-Schlucht

Ibrahim entlässt uns aus dem Auto. „Tummelt euch“, lautet die unausgesprochene Empfehlung. Ausgesprochen lautet sie in etwa so: hier kommen viele Touristen her, geht mal entlang der Schlucht spazieren, wir treffen uns später am Ausgang. Schwupps, und weg ist er. Wir also alleine in der Schlucht, auf die Menschheit losgelassen. Nach einer längeren Autofahrt machen wir natürlich viel Unsinn. Fast möchte ich euch mit unserem Unsinn verschonen, aber nur fast. Zunächst ein paar Worte zu der Schlucht.
Meterhohe, pfeilgerade Wände erheben sich links und rechts von uns, und in der Mitte schlängelt sich, einem Gebirgsbach gleich, der Todra-Fluss. Wir vertiefen uns in den Schatten. Der Ort ist wunderschön, gut besucht und zu unserer linken drapieren Händler ihre Waren entlang der Steilwände. Rechts von uns, jenseits des Flusses, sind vereinzelt Häuser und Pensionen zu sehen. Viele Sprachen erklingen um uns herum. Langsam und immer ein Scherz auf den Lippen schlendern wir weiter. Herrenlose Hunde schlafen am Ufer in der Sonne. Der Bierspürhund hat hier einfach kein Glück, und schlafende Hunde soll man bekanntlich nicht wecken.
Die Schlucht an sich ist bereits auf 1400 Metern über dem Meeresspiegel gelegen. Ihre Hänge ragen bis zu dreihundert Meter gerade nach oben. Der Zugang ist mit Seilen abgesperrt; es sind wohl zu viele Touristen hier unbedacht hinauf geklettert. Doch grundsätzlich soll das Klettern auf speziell dafür vorgesehenen Routen möglich sein. Der Abschnitt der Schlucht, in dem wir uns befinden, ist der spektakulärste. Hier ist sie stellenweise nicht mehr als zehn Meter breit.
So schlendern wir vor uns hin und erfreuen uns unseres Lebens, bis unser beider Blick auf die am Ausgang der steilen Passage im trockenem Flussabschnitt angebundenen, unbeaufsichtigten Esel fällt. Okay, wer uns bereits kennt, braucht nicht weiter zu lesen. Wir schauen also die Esel an. Wir schauen uns an. „Wir wollten doch mal ein Esel-Selfie machen?“ Schon sind wir dabei, vom Weg ab und über Stock und Stein zu klettern. Das erste, etwas unwillige Vieh ist bereits auf Speicherkarte gebannt. Moment mal, sage ich, aber das ist doch ein Maultier? Komm, Schatz, da stehen noch weitere. So klettern wir weiter über Steine und lichten uns zusammen mit lächelnden (?) Eselsköpfen ab. „Schatz, komm näher!“ „Nein, das wird mich treten!“ Egal, Bilder sind im Kasten, keiner wurde getreten. Kichernd wie Schulkinder entfernen wir uns von den Tieren. Hätten uns die Besitzer per Zufall sehen können, hätten sie uns einen gewaltigen Dachschaden diagnostiziert. Nicht nötig; dass wir den haben, wissen wir auch selber.
