Europa, Gedanken, Polen

Polen- Mit den Augen einer Fremden

Einen Gast zu Hause zu haben ist immer etwas Besonderes. Vor allem dann, wenn es sich um Besuch aus dem Ausland handelt, und „Zuhause“ in diesem Fall der Ort, an dem man geboren und aufgewachsen und an dem man seine Kindheit verbracht hat. Es ist etwas Besonderes insofern, dass man sich in diesem Augenblick, in welchem ein Außenstehender, sei es der neue Partner oder ein guter Freund, vollkommen entblößt, dem Menschen zeigt, wer man ist, wo man herkommt, wo die eigenen Ursprünge liegen. Und das ohne wenn und aber. Nichts kann mehr verborgen werden, all die kleinen und großen Unzulänglichkeiten, all das Unperfekte liegt offen zutage.

So war es auch, als mich im März vor rund acht Jahren eine Freundin in meinem Heimatdorf in Polen besuchte.

Recht spontan hatten wir und zu der Aktion entschlossen. Da ich zum damaligen Zeitpunkt jedes Jahr von Mannheim aus mit dem Bus nach Warschau fuhr und Angie* Interesse an meiner Heimat zeigte, war die Idee schnell geboren: „Dann komm doch einfach mit!“ Sagte ich enthusiastisch und etwas naiv, ahnungslos und ohne darüber nachzudenken, was dies wirklich bedeutet.

Das wurde mir später klar, als Angie* in Milecin, einem kleinen Ort circa eine Fahrstunde von Warschau entfernt, in der Küche meiner Großeltern stand.

Die Busfahrt verlief harmonisch. Angies* Papa hatte uns zum Busbahnhof gebracht. Vor uns lag die Nachtfahrt, während der wir, zusammengekauert auf unseren Sitzen, zu schlafen versuchten. Wie immer liefen zwei bis drei Filme, wie immer unsynchronisiert: der englische Originaltext wurde kurzerhand von einer männlichen, polnischen Stimme übersetzt. Für Angie* recht gewöhnungsbedürftig und vermutlich einer der ersten Aha-Momente.

Später, als die Bildschirme wieder schwarz wurden, unterhielten wir uns leise. Sie erzählte mir von ihren Großeltern, die nach dem Krieg aus Schlesien vertrieben wurden. Ich fühlte mich von der Geschichte persönlich angegriffen und äußerte mich schärfer als beabsichtigt. Schließlich hatten wir den Krieg ja nicht angefangen? Damit hat Angie* nicht gerechnet, hat ihre Erzählung doch nur als Austausch, nicht als Angriff dienen sollen. Als Antwort bekam ich nur ihre großen, staunenden Augen.

Am nächsten Morgen – ein längerer Zwischenstopp in Lodz, der es uns erlaubt, die Beine zu vertreten. Was dachte sich meine Freundin, während sie die Schlaglöcher in den Gehwegen und die bröckelnden Mauern sah? Den abblätternden Putz und, trotz alledem, Gardinen hinter den Fenstern, die darauf hindeuteten, dass da noch jemand wohnte? War es für sie… authentisch? Mal was anderes? Oder war es für sie wie für mich, einfach nur verfallen?

Gegen Mittag erreichten wir Warschau.

Mein Onkel holte uns in Warschau ab. Sehr praktisch, einen Onkel mit Auto und verfügbarer Zeit zu haben, denn das ersparte uns die stundenlange Gondelei mit Bahn und Taxi. Die Sonne schien warm und die düsteren Themen der letzten Nacht schienen vergessen. Doch meine Reaktion auf ein eigentlich neutrales Thema stand stellvertretend dafür, wie sehr ich mich zu diesem Zeitpunkt noch mit allem, meine Heimat betreffend, identifizierte und wie wenig Abstand ich in viele Gespräche und Situationen hinein bringen konnte.

Dann standen wir in meinem Heimatdorf in der Küche meiner Großeltern und plötzlich sah ich alles so, wie Angie* es gesehen haben musste.

Meine Oma war vor drei Jahren gestorben und seitdem lebte mein Opa alleine. Er kam zurecht, doch um die Ecken zu putzen blieb oftmals keine Kraft. Das Waschbecken war schon lange nicht mehr richtig geschrubbt worden, dasselbe betraf die Fließen im Bad. Über der Badewanne prangte ein großer, schwarzer Schimmelfleck, der immer wiederkehrte, egal, womit man ihn im Laufe der Jahre behandelt hatte. Der Herd war verklebt und ich verspürte das Bedürfnis, einen Besen in die Hand zu nehmen und kurz den Boden durchzukehren.

Und in dem Moment fühlte ich mich unwohl. Weil da jemand war, ein Außenstehender, ein Gast. Ich kannte mich im Haus meiner Großeltern aus, ich kannte die großen und kleinen „Ecken“ und mir machten sie nichts aus. Doch wie sah das mein Gast? Was dachte sie dabei? Was würde sie zu Hause ihren Freunden und Verwandten über den Besuch bei uns erzählen?

Doch erstaunlicherweise schien sich Angie* wohl zu fühlen; vielleicht war ich es, die sich zu viele Gedanken machte.

Es fiel meiner Freundin leicht, sich in das Familienleben einzufügen. „Einmal,“ – erzählte sie mir – „da besuchte ich auch eine Freundin und deren Eltern für mehrere Tage. Es war schön entspannend, einfach mal nicht viel zu machen. Ich habe viel gelesen.“ In den nächsten Tagen besuchten wir meine Mutter. Sie wohnt in der Stadt, in einem Haus mit Garten. Es war warm und sonnig, der März kehrte sein schönstes Antlitz raus. So saßen wir auf der Terrasse, unter den noch kahlen Apfelbäumen, und Angie* spielte mit der Katze. An anderen Tagen gingen wir einkaufen oder in dem kleinen Ort spazieren. Erstaunt registrierte Angie* das große Warenangebot in den örtlichen Supermärkten. Mit staunenden Augen lief sie die Regalreihen entlang, denn der Markt war um einiges größer als der deutsche Durchnitts-Aldi. „Hier gibt es ja alles!“ Sagte sie.

„Was dachte sie denn; dass hier Eisbären herumspazieren?“ Sagte mir meine Mutter später amüsiert.

Ich führte sie ein bisschen herum, viel gab es in dem kleinen Ort nicht zu sehen. Ein Muss war der örtliche Konditor, der die besten Eclairs der Welt machte, hier in Polen Eklerki genannt.

Auch waren wir beim Friseur und trugen anschließend unseren neuen, sagenhaft gelungenen Stufenschnitt durch die dunklen Straßen spazieren.

Abends leuchteten die Lichter im Zentrum der Stadt. Das Rathaus war beleuchtet und der kleine Springbrunnen, noch ausgeschaltet in der kalten Jahreszeit, erstrahlte in vielen kleinen Lichtlein. Als die Wärme des Tages verflog und die Luft kalt und frostig wurde, saßen wir wieder bei meinem Opa am Tisch und tranken unser traditionelles Familiengetränk: frisch aufgebrühten schwarzen Tee mit Himbeersirup verfeinert. Als Brotaufstrich gab es selbst geschmolzenen Schweineschmalz mit knusprigen Schwarten und dazu saure Gurken aus dem Glas. Selbst eingelegt, versteht sich.

Nach dem Essen wurde im Wohnzimmer Fernsehen geschaut. Angie* verstand zwar die Texte nicht, leistete uns aber höflichkeitshalber Gesellschaft.

Mein Opa

An einem Abend kamen meine Mutter und mein Onkel zu Besuch. Nach dem obligatorischen Tee und den mit herzhafter, polnischer Wurst belegten Schnitten gab es selbst angemischten Wodka mit Himbeersirup. Selbst angemischt deshalb, weil mein Opa da irgend eine Art Geheimrezept hatte, welches aus hochprozentigem Spiritus und Wasser bestand. Wie stark und in welchem Verhältnis die Mischung letztendlich war, konnte am ende selbst mein Opa mir nicht mehr sagen.

Die Stimmung war fröhlich und wurde immer fröhlicher, mein Onkel kriegte rote Bäckchen und Opa wurde nicht müde, uns seine Geschichte von damals zu erzählen, wie er als junger Mann sein Magenleiden mit selbstgemachtem Honigwodka auskuriert hatte. Nun, diesen Abend gab es keinen Honigwodka, doch Himbeer war auch nicht schlecht. Angie* fühlte sich sichtlich wohl. Immer mal wieder wurden die Gläser zum „Na zdrowie!“ erhoben und immer mal wieder füllte sie Opa pflichtschuldigst nach. Und während ich schon nach wenigen Gläsern nicht mehr geradeaus aus der Wäsche gucken konnte, schienen all die Promille spurlos an ihr vorbei zu gleiten. Wo steckte das zierliche Mädel das alles denn hin?

Spät am Abend verabschiedete sich die Familie. Mit einem stetigen Rauschen im Kopf (ich…) wankelten wir nach draußen. Gut, ich wankelte; Angie* lief noch schön geradeaus. Meine Freundin hatte noch Lust, im Obstgarten spazieren zu gehen. Hatte sie die gleiche Menge getrunken wie ich?

Ich fand mich auf dem Kellerboden wieder. Besser gesagt, mein Opa fand mich. Ich spürte, wie sich eine Decke um meine Schultern legte und ich sanft nach oben geführt wurde.

Am nächsten Morgen wurde ich von den rasenden Kopfschmerzen wach, die Strom einen Faradayschen Käfig meine Gehirnwindungen durchzogen. Angie* war bereits geduscht und angezogen und wirkte wie das frische Leben selbst. Es war Freitag und sie wollte zum Markt, der zweimal in der Woche in unserem kleinen Ort stattfindet. Doch die Kopfschmerzen ließen nicht nach und jeder Versuch, aufzustehen, ließ meine Schädeldecke schier explodieren. Dazu gesellte sich die Schande, als Polin quasi beim Heimspiel von einer zierlichen, deutschen Brünetten unter den Tisch gesoffen worden zu sein.

Aus dem kleinen Markt wurde an dem Tag nichts mehr, aber am Abend besuchten wir zusammen das Grab meiner Oma. Der Friedhof, schaurig auch am Tag, wirkte bei Nacht wie die Kulisse aus einer anderen Welt. Eine der steinernen Jesusfiguren hatte gelbe Augen; Flechte haben sich in den Augenhöhlen ausgebreitet. Als ich das erste Mal seit langem vor dem Grabstein stand, fühlte es sich seltsam an, jemand anderen neben mir zu haben.

Überhaupt fühlte es sich seltsam an. Ich habe unterschätzt, wie es ist, einen Gast eine Woche lang so nahe bei sich und seiner Familie zu haben, in seinem intimsten Kreis sozusagen. Ich habe unterschätzt, was es mit einem macht. Ich habe mir vor der Reise keine Gedanken gemacht, doch nach einer Weile fühlte ich mich beengt. Es lag nicht an Angie*, denn Angie* hatte alles richtig gemacht. Es war vielleicht, weil wir zu dem Zeitpunkt trotz allem nicht allzu vertraut miteinander waren. Vielleicht war das der springende Punkt.

Und was ist aus uns geworden?

Nach dieser Reise wurde unser Kontakt immer weniger. Einmal besuchte sie mich auf Arbeit. „Du ziehst dich zurück, wir hatten uns eine ganze Woche lang gesehen und jetzt sehe ich dich gar nicht mehr. Was ist los?“ Sie hatte Recht, ich zog mich zurück. Die gemeinsame Reise zu meiner Familie war mir zu viel, ging mir zu schnell. Doch ich konnte es zum damaligen Zeitpunkt weder greifen, benennen noch in Worte fassen.

Seitdem habe ich viel über mich gelernt. Und auch über andere Menschen. Ich weiß es so viel mehr zu schätzen, wenn mich ein Mensch, den ich kaum kenne, zu sich nach Hause einlädt, oder mir gar das Zuhause seiner Eltern zeigt, den Ort, der ihn gemacht, der ihn geprägt hat, an dem er seine Kindheit verbracht hat. Der Ort deiner Kindheit ist das, was du bist. Nimmst du jemanden dorthin mit, machst du dich nackt. Und hoffst, dass der andere Mensch sich dieses Vertrauens würdig erweist, damit umzugehen weiß.

Wenn du von einem Local eingeladen wirst:

  • Verkneife dir Kritik, zumindest in der ersten Zeit. Mänkel nicht an der Wohnung oder am Essen rum. Dein Gastgeber möchte dir eine schöne Zeit bereiten und sich, seine Landsleute und sein Zuhause im bestmöglichen Licht präsentieren. Er nimmt dich auf und hofft, dass du die guten Seiten siehst, die ungewischten Ecken übersiehst und später allen zu Hause erzählst, was für eine tolle Zeit du hattest und wie gut man für dich gesorgt hat.
  • Vermeide schwierige Themen wie Religion und Politik, außer du merkst, dass deine Gastgeber selbst darüber sprechen wollen. Die Menschen eines Landes sind so viel mehr als „nur“ ihre kulturellen Eigenheiten und die politischen Entscheidungen ihrer Regierung. Sie sind stolz auf ihr Land und wollen es dir zeigen. Und auch wenn es dir unter der Zunge brennt – niemand will das Gefühl haben, sich höchstpersönlich für eventuelle Schieflagen seines Landes rechtfertigen zu müssen.
  • Wenn du die „Ursprünglichkeit“ eines Landes romantisch verklärst und an jedem zerfallenen Zaun für ein Foto stehen bleibst, bedenke, dass bröckelnde Hausfassaden und alte, rostige Autos für die Locals nichts romantisches an sich haben; es ist einfach nur Rückschritt, bröckelnder Putz. Niemand vor Ort möchte so leben.
  • Und das andere Extrem: wundere dich nicht zu enthusiastisch darüber, dass es im besagten Land viele Dinge gibt, die du von deinem Alltag her gewohnt bist, wie große Supermärkte, eine moderne Infrastruktur und Designerläden. Wie gesagt, ein Land ist mehr als nur die bunten Folklore-Bilder der Reise-Hochglanzmagazine.

* Namen geändert

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kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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