Afrika, Marokko

Die Atlas Filmstudios in Ouarzazate

September 2025

Beeindruckt schaue ich mir die Wüstenlandschaft an, während der Duft von Rosenparfüm an meinen Handgelenken haftet. Wir beide duften vor uns hin wie ein orientalischer Pu… del, doch irgendwie passt es sowohl zu der melancholischer Wüstenmusik, die aus dem Radio plätschert, als auch zu jenen kargen Ausblicken, die draußen an uns vorbei ziehen. Wir passieren ein Wüstenschloss nach dem anderen, manche noch gut im Schuss, einige andere vernachlässigt. Schließlich halte ich es nicht mehr aus und tippe Ibrahim an die Schulter, er möge doch kurz das Auto anhalten. Denn eines von diesen tollen Gebilden möchte ich mir aus der Nähe anschauen.

Das Gute an unserem Fahrer: er reagiert sofort. Das Auto bleibt am Straßenrand stehen und wir laufen zurück zu diesem kleinen, verschlafenen Ort, wo sich der Kasbah erhebt. Wir scheinen die einzigen atmenden Geschöpfe im Umkreis von fünfhundert Metern zu sein; hier ist niemand, nicht einmal ein Hund trottet die Straße entlang. So nutzen wir die Gelegenheit für einige Bilder. Leider ist es nicht möglich, ins Innere des Schlosses zu kommen. Eine kurze Runde außenherum muss reichen. Das Schloss ist erstaunlich weitläufig und verschmilzt mit den umliegenden Häusern. Während ich kurz die Wände berühre, denke ich an einen kräftigen Regenguss. Meine Neugier ist zumindest teilweise gestillt und so kann ich mich ruhigen Gewissens der Weiterfahrt widmen. Was wohl noch alles auf uns zukommt?

 

Die Atlas-Studios in Ouarzazate

Ouarzazate ist Zentrum der marokkanischen Filmindustrie. Die Atlas Corporation Studios wurden im Jahr meiner Geburt, 1983, gegründet. Wir besichtigen die Studios im Rahmen einer Führung, doch auch eine Besichtigung auf eigene Faust ist möglich. Tipp von mir: nimmt die Führung wahr. Ihr bekommt einen Einblick in die Welt des Films, der euch ansonsten verwehrt geblieben wäre. Unzählige Blockbuster und weltbekannte Produktionen wurden hier gedreht und so schauen wir uns die Filmsets eines nach der anderen an. Zu jedem Set gibt es eine Geschichte. „Warum werden so viele Produktionen hier in Marokko gedreht?“ Fragt der Guide. „Weil es hier günstiger ist als anderswo und die Kulissen mehrheitlich einsetzbar sind.“ Wenn man an die massiv wirkenden Wände klopft, erkennt man leicht, dass die Kulisse aus Pappmaschee besteht. Die alt wirkenden Farbtupfer, Muster und Verzierungen sind aufgeklebte Pappe. Nur auf den zweiten Blick erkennt der Laie das Unechte; auf mich wirkt das Ganze zunächst erstaunlich echt. Draußen – Flugzeugattrappen, alten Fahrzeuge, Busse. Ein Stück weiter: Kanonen, römische Streitwagen. Alles hier, alles bereit. Etwas verblasst und verstaubt vielleicht. Der Guide geht voraus und verschwindet im Schatten.

Wir werden von Raum zu Raum geführt, ganze Welten wechseln um ums herum. Zu jeder dieser Welten gibt es eine Geschichte, einen berühmten Kinofilm und Einzelheiten, die uns verdeutlichen sollen, wie die großen Werke genau hier entstanden sind. Auf seinem IPad zeigt er uns Filmausschnitte, hält sie an und deutet dann auf eine Ecke des Raumes: „Genau da.“ Ja, genau da. Beeindruckend, hier zu stehen, wo all das stattgefunden hat. Wie das tibetanische Kloster aus „Kundun“. Die letzten Szenen des Films, die die massenhafte Ermordung von Mönchen zeigen, werden kurz thematisiert. „Warum liegen die toten Mönche mit dem Gesicht nach unten?“ Dies sei notwendig gewesen, weil man für die benötigten Massen an Menschen das Naheliegende getan hatte: man hatte marokkanische Statisten angeheuert.

Oder ein Souk, der wahlweise für Afghanistan, Irak oder historische Produktionen herhält. Der Ägyptische Tempel zu „Asterix und Obelix, Mission Kleopatra“. Hier halten wir uns etwas länger auf. Rene und ich haben nur Blödsinn im Kopf. Selfies auf dem Thron zum Beispiel. Selfies mit einer ägyptischen Gottheit (wer kann schon von sich behaupten, so prominente Bekanntschaft gemacht zu haben?). Bilder im Streitwagen. Selfies mit dem (toten) Pharao. Freundlicherweise ist all dies kein Problem, im Gegenteil: wir bekommen all unsere Blödsinnswünsche erfüllt, so dass langsam andere Mitglieder der Führung auftauen. Zudem bekommen wir einen Crashkurs, wie man die Beleuchtung optimal ausnutzt für perfekte Aufnahmen. Am Schluss drehen wir sogar einen kurzen Teaser zu „Touris spielen Kleopatra nach“. Unser Guide schnappt sich das IPhone einer Besucherin, stellt uns entsprechend um Kleopatras Thron auf, während die ausgewählte „Prinzessin“, Anweisungen folgend, artig auf ihrem Podest sitzt. Ein paar Handgriffe, jeder kennt seinen Part und das Ergebnis ist besser als gedacht. Was eine gekonnte Kameraführung plus etwas dramatische Musik alles bewirken können.

„Zieh, Untertan!“

Danach werden wir entlassen und haben alle Zeit, die wir brauchen, um das Gelände auf eigene Faust zu erkunden. Das „Prison Break“ Filmset wartet mit düsterer Gefängniskulisse auf; im Hintergrund laufen schaurige Klänge vom Band. Ein Streitwagen, der herrenlos draußen herumsteht, inspiriert uns zu weiteren Blödheiten, ebenso wie die Kanonenattrappen. Irgendwann haben sich die inneren Kinder in uns ausgetobt und wir steuern den Toyota an, in dem Ibrahim bereits geduldig auf uns wartet. Doch keine Abfahrt ohne Bier, denn auf den letzten Metern entdecken wir sowas wie eine Pinte. Der Tag ist gerettet! Fröhlich klappern Flaschen, eingetütet und im hinteren Bereich des Wagens verstaut. Rene und ich schauen uns an und fangen an zu hampeln: „Gleich gibt’s Bier! Gleich gibt’s Bier!“ Mission completed.

 

Aït Ben Haddou

Es klammert sich an den Berg, als ob es kein Morgen wäre. Die sandfarbenen Häuser sind regelrecht mit ihm verwachsen. Zu seinen Füßen erstreckt sich ein grünes Tal, in dem Dattelpalmen wachsen. Sie tragen kaum Früchte, denn dafür ist es in über tausenddreihundert Metern Höhe zu kalt, doch ihre Blätter wurden früher zum Bau von Dächern verwerndet. Wir schauen von oben auf Aït Ben Haddou herab, ein großes Dorf, das im 11 Jahrhundert in der traditionellen Lehmbauweise (Stampflehm- und Strohgemisch) errichtet wurde und seit den Achtziger Jahren zum UNESCO Weltkulturerbe zählt. Ihr Name leitet sich vom dort ansässigen Berberstamm ab. Man stutze und lasse sich das auf der Zunge zergehen. Die Häuser, Wände, Wege, die wir gleich begehen werden, sind rund eintausend Jahre alt! Ich denke einmal mehr an einen kräftigen Regenschauer. Anscheinend braucht es doch mehr, um das Gebilde zum Einsturz zu bringen. Schon von hier oben ist es beeindruckend, der sogenannte Ksar, wie ein befestigtes, wehrhaftes Dorf in Nordafrika bezeichnet wird. Es unterscheidet sich insofern von einem Kasbah, als dass es sich beim Zweitem einfach „nur“ um eine Lehmburg handelt. Der Ort liegt zwischen Ouarzazate und Marrakesch und war früher Knotenpunkt und Anlaufstelle für Karawanen, die aus der Wüste kamen. Gleich werden wir uns in seine Untiefen begeben.

Doch vorher werden wir in ein Restaurant gesetzt, denn die Mittagszeit steht an. Es ist eine Touri-Durchschleuse und die Qualität des Essens wünschenswert, so dass ich fast schon sauer werde. Ganz ruhig, Kasia, sage ich mir. Die weisen Worte meiner Oma fallen mir ein: „Es hat sich noch keiner vor Hunger in die Hosen geschissen.“ Der Herr habe sie selig, sie war eine kluge Frau.

Kurz lässt sich der Fahrer blicken. Ob wir denn einen Guide für die Besichtigung möchten. Da wir uns jedoch Zeit lassen wollen, verneinen wir – unser Wunsch ist es, alles auf eigene Faust zu sehen, solange es eben dauert. Ibrahim nickt und verschwindet wieder. Als wir das Restaurant verlassen (möge euch der Blitz beim Scheißen treffen…), steht ein von Ibrahim bestellter Guide parat. Nein, wir wollen keinen Guide, noch immer nicht. Der potentielle Guide wird wieder weggeschickt. Irgendwie habe ich den Eindruck, unserem Fahrer schmeckt das nicht. Ist nicht unser Problem. „I’m here for your service“, hatte er zu Beginn der Reise zu uns gesagt. So here you are…

Ich binde mir schnell ein Tüchlein um den Kopf und wir beginnen mit dem Aufstieg. Es gilt zunächst, den Fluss Asif Mellah zu überqueren. Schon von der Brücke aus bieten sich zahlreiche Motive. Wir tauchen ein in ein Labyrinth aus befestigten Lehmhäusern und engen, teils überdachten Gassen, in deren Schatten kleine Kätzchen spielen und wo sich auf dem Boden Händler mit ihren bunten Ständen ausgebreitet hatten. Laden grenzt an Laden. Die Familien, die in dem befestigten Ort noch wohnen dürfen, haben sich verständlicher Weise vollständig auf den Tourismus eingestellt. Eine ganze Menge Menschen besuchen den Ksar Tag für Tag. Ein Esel ruht im Schatten, bereit, Besucher, die es wünschen, nach oben zu befördern. Der Ort liegt am Berg und die engen Gassen steigen stetig an. Weiter geht es über verzweigte Treppen, nicht ohne den nichtsahnenden Esel zu einem Selfie mit doofen Touris genötigt zu haben. Mit jeder Ecke, jeder Steigung eröffnet sich ein immer besserer Ausblick. Cafés, Restaurants – doch wir sind fürs erste bedient. Auch wollen wir keine Souvenirs. Nicht zu vergessen, ich habe bereits einen Teppich im Rucksack…

Selfie mit drei Eseln 😉

Die Wohnburgen sind ineinander verwoben. Geometrische Muster zieren die Wände. Die einzelnen Wohneinheiten sind mit Befestigungselementen wie Türmen und Zinnen versehen. Im Grunde wirkt der Ort wie eine einzige, weit verzweigte Lehmburg. Dank seinem wehrhaften Aussehen diente der Ksar in der Vergangenheit das eine oder andere Mal als Filmset, zum Beispiel beim Dreh von „Prince of Persia“, „Gladiator“, Lawrence von Arabien“ oder „Die Mumie“.

Interessant ist der Faktor, dass der alte Ortskern inzwischen an Strom angeschlossen wurde. Stellt sich die Frage, wie viele der Bewohner, die sich im neuen Ortsteil niedergelassen haben, wieder zurückkommen werden. Wir beenden unsere Besichtigung, nachdem wir ganz oben angekommen sind – das historische Zentrum ist schlussendlich überschaubar. Zurück zum Auto und den Fahrer aufsammeln, der allen Anschein nach später mit uns gerechnet hat. Über den sagenhaft malerischen Tizi n’Tichka Pass geht es in die Märchenstadt Marrakesch.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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2 Kommentare

  1. Das Titelbild ist genial😂. Ich wusste gar nicht, dass es in Marokko ein Hollywood gibt. Aber klar, sogar der neueste Indiana Jones Film spielt teilweise in Marokko. Freue mich schon auf deinen Bericht über Marrakesch.

    1. Oh das ist mir tatsächlich neu. Aber die Filmstudios sind günstig und vielseitig einsetzbar.
      Titelbild: Ja, der Drang nach 🍺 war groß 😜

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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