Europa, Moldawien

Moldawien – Soroca (4)

Die malerische Holzkirche ist schnell gefunden. Der Weg führt mich über schattige Gassen und ehemals schöne Willen zum Ufer des Dnjestr, der auch die Grenze zur Ukraine bildet. Vorbei an einigen alten, sowjetischen Fahrzeugen, die versteckt im Innenhof stehen und die ich unbedingt fotografieren will. Der Aufsicht schiebende Wachmann lädt mich mit großen Gesten und einem lächeln ein, so viele Aufnahmen zu knipsen, wie mir beliebt. Welch nette Menschen.

Unverwüstlich

Die Oberfläche des Grenzflusses ist glatt wie Glas. In ihr spiegeln sich tausende puderweiche Schäfchenwolken, die auf blauen Himmelsweiden grasen und gutes Wetter andeuten. Entlang des moldawischen Ufers zieht sich eine mit Bäumen bepflanzte Promenade. In ihrem Schatten ruhen Pärchen und Jugendliche. Auf der anderen Seite erstreckt sich bereits die Ukraine. Wider meiner inneren Erwartungen und der aufflackernden Bilder im Kopf sehe ich kein brennendes, von Raketen zerschossenes Land. Wie mächtig doch die Bilder der Medien auf unsere Vorstellungskraft einwirken können. Sie sind alle wahr – und doch sind sie Einzelaufnahmen, Elemente eines Ganzen. Die Front ist weiter weg, und auch strategische Ziele scheinen nicht hier in der Nähe zu sein. Ich sehe viel Grün, Felder, Bäume. Und ein Stück hellen Strandes, auf dem eine Mutter mit ihrem Sohn ans Wasser gekommen sind. Was macht man hier, wenn man Leute auf der anderen Seite sieht, winkt man? Ich winke mal nicht. Käme mir affig vor.

Der Blick auf die andere Seite

Stattdessen gehe ich weiter und werfe hin und wieder interessierte Blicke herüber. Grenzgebiete waren und sind für mich noch immer etwas Faszinierendes, vermutlich ganz im Gegensatz zu den Grenzbewohnern und Grenzgängern. Sie sind es gewohnt, ihre Nachbarn immer in ihrer Nähe zu haben. Ich hingegen bin in zentralen Polen aufgewachsen, und das war kein Zufall. Mein Großvater mütterlicherseits wollte die Familie nach dem Krieg so weit weg von jeglichen Randgebieten haben wie möglich, um sie in Sicherheit zu wissen. So landeten wir bei Warschau. Zentraler ging es nicht.

Holzkirche der Hl. Märtyrer von Brâncoveni

Die Uferpromenade besteht aus weitläufigen Parkanlagen, in denen sich hier und dort ein Denkmal verbirgt. Und da ist auch schon die orthodoxe Kirche von Maramureș, die den heiligen Märtyrern von Brâncoveni gewidmet ist. Laut voyages-moldavie.com wurde die Kirche zw. 2011-2012 im Maramureș-Stil erbaut und war ein Geschenk Rumäniens an die Bevölkerung von Moldawien. Langsam umkreise ich das Wunder. Die Kirche ist vollständig mit Holzschindeln bedeckt.

Die Holzkirchen von Maramureș sind Unikate. Die Region Maramureș erstreckt sich über einen Teil Moldawiens, Rumäniens und der Ukraine. Acht dieser Kirchen sind von der UNESCO zum Welterbe erklärt worden. Ihr Baustil ist einheitlich, obwohl sie teils aus unterschiedlichen Epochen stammen. Sie erinnern an norwegische Kirchen und sind durchweg aus Holz errichtet.

In „meiner“ Kirche findet gerade eine Taufe statt, weshalb ich nur zum Teil die innere Einrichtung betrachten kann. In Wahrheit stecke ich kurz den Kopf hinein und nicke den anwesenden Gästen zu. Sakrale Bauten wurden zu sakralen Zwecken errichtet und nicht, damit der gemeine Tourist seine Bilder nach Hause tragen kann. Gesang erklingt, schwillt an und wieder ab. Zu meinem Bedauern (und vermutlich dem des Babys) würde sich die Zeremonie wohl noch hinziehen.

Also tauche ich erneut in das schattige Villenviertel Sorocas ab. Obgleich all die Bauten bereits den Zahn der Zeit spürten und teils an ihm zerbrachen, scheint es sich hier dennoch um einen eleganteren Stadtteil zu handeln. Gärten, Parks und vor allem die hier angesiedelten Berufszweige deuten untrüglich auf wohlhabendes Klientel hin. Da wären Notare, Anwälte, Behörden. Und zwischendrin das Plakat einer moldawischen Band, die demnächst in Berlin, Germany auftreten wird.

Es zieht mich wieder in den Park im Zentrum der Stadt, zurück zum Fest, hinein ins Getümmel. Wobei sich das Getümmel bereits zum größten Teil aufgelöst hat. Die Trompetenspieler chillen im Schatten des Springbrunnens. Sie haben es sich verdient.

An einem steinernen, allgegenwärtigen Stefan cel Mare vorbei schlendere ich zu den Verkaufsständen, von denen sich die meisten bereits aufgelöst hatten, kaufe ein Parfüm („Original französisch, der Duft von Moldawien…“), und finde mich in einer dicken Duftwolke wandelnd auf einer Sitzbank unter uralten Bäumen wieder. Hier lümmeln die Einheimischen herum, ganze Familien entspannen im Schatten. Die Musik aus Richtung Bühne läuft noch, es werden weiterhin munter Musikstücke gespielt. Wir, die Erwachsenen, sitzen hier und lauschen unter dem strengen Blick eines uniformierten Wächters – auf der gegenüber liegenden Seite des Parks befindet sich ein amtliches Gebäude. Doch die Kinder, die finden keine Ruhe. Sie wollen spielen, wollen aktiv sein. Ein Mädchen in rotem, getupften Kleid tanzt zu der Musik. Sie tanzt für sich alleine, von niemandem beachtet, will niemandem gefallen, geht voll und ganz in ihren fließenden Bewegungen auf. Ihr Tanzpartner ist der Kinderwagen mit dem kleinen Geschwisterchen, den sie beaufsichtigen sollte; schwebend tänzelt sie auf den Wagen zu und wieder von ihm weg. Sie braucht keine Bühne. Na, irgendwann vielleicht schon. Doch im Moment braucht sie nur ihre Träume. Ist sie nicht bezaubernd?

 

 

Da es für mich nichts weiter zu tun gibt, drehe ich noch eine Runde durch die schattigen Viertel der Stadt. Die Klänge der Musik bleiben hinter mir, werden immer leiser. Ein weiterer Park bietet sich an, um kurz sitzen zu bleiben. Mir scheint im Nachgang, dass ganz Moldawien aus Grünanlagen und Parks besteht. Die Häuser, fantasievoll gestaltet, von Rosenblüten umrankt. Eine neue (?) Kirche in klassischer Form, die noch aus rohen Betonplatten besteht. Das Gelände ist umzäunt, die Eröffnung steht noch bevor. Momentan ist hier kein Einlass. Alte Autos aus den Achtzigern, die immer noch fahren. Moldawien ist ein wenig wie das Polen meiner Kindheit. Oder nicht?

Nein, denn etwas ist neu. Das sind die Flaggen der Europäischen Union, die zwischen den Bäumen, zwischen Laternen am Wegesrand zu sehen sind. Immer wieder blau mit einem Kreis aus Sternen. Das Moldawien, welches ich sehe, weiß, wohin es möchte.

Kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-)
Treibt Dich die Frage um, was sich denn alles jenseits der heimischen Couch verbirgt, bist Du rastlos und neugierig wie ich und spürst den Drang in Dir, in die Welt hinaus zu gehen? Dann tue es! Ich nehme Dich mit auf meine Reisen und lasse Dich hautnah das Unterwegs sein miterleben - in all seinen Facetten. Lass Dich inspirieren, komm mit mir und warte nicht länger, denn... die Welt ist so groß und wir sind so klein, und es gibt noch so viel zu sehen!

Die Welt wartet auf uns.

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4 Kommentare

  1. „Der Blick auf die andere Seite“ ist ein richtig tolles Foto mit der perfekten Spiegelung und dem fotogenen Himmel. Klasse! Die Holzkirche erinnert tatsächlich an die Stabkirchen in Norwegen, und doch sind sie ganz anders, auf ihre Art schön. Das Tanzmädel legte eine Anmut an den Tag, die bewundernswert ist. Was wohl der/die Kleine im Kinderwagen darüber gedacht hat 😎?

    1. Na ich hoffe, das Kleine war ebenso entzückt wie ich. Das Mädchen hat so schön getanzt. So richtig selbstvergessen, wie jemand, der noch träumt. Klar träumen wir „Großen“ auch noch, aber nur die wenigsten von uns in so großem Maßstab…

      1. Sie schien komplett in sich versunken, ganz bei der Sache, die Welt komplett ausblendend. Toll!

        1. Ja, das stimmt.

Was brennt dir auf der Zunge? ;-)

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