{"id":18605,"date":"2018-12-11T05:00:44","date_gmt":"2018-12-11T04:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/stefan-taege.de\/kasia\/?p=18605"},"modified":"2025-02-26T23:10:50","modified_gmt":"2025-02-26T22:10:50","slug":"haram-und-halal-mein-leben-als-marokkanische-schwiegertochter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stefan-taege.de\/kasia\/2018\/12\/11\/haram-und-halal-mein-leben-als-marokkanische-schwiegertochter\/","title":{"rendered":"Haram und Halal &#8211; Meine Zeit als marokkanische Schwiegertochter"},"content":{"rendered":"<p>Als Reisender versucht man immerzu, sich in die Kultur des jeweiligen Landes hinein zu versetzen, die kulturellen Gepflogenheiten zu verstehen. Besonders schwer gestaltet sich oftmals das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Eigenheiten der muslimischen Welt. Doch manchmal hat man die besondere Gelegenheit, einzutauchen und, nicht nur als Gast, sondern mittendrin &#8211; f\u00fcr eine kostbare Zeit zu einem Teil dieser Welt zu werden.<!--more--><\/p>\n<p>Diese Gelegenheit bekam ich mit achtzehn Jahren, und es war eine geliehene Zeit, eine, die \u00fcber kurz oder lang zu ende gehen musste. Und seien wir mal ehrlich &#8211; so war es besser f\u00fcr alle Beteiligten, war die (famili\u00e4re) Kultur der Berber doch so weit entfernt von allem, was ich aus Polen von zu Hause, von meinen slawischen Wurzeln her kannte.<\/p>\n<p>Durch meinem ersten, richtigen Freund Halil* bin ich da hinein geglitten, mehr oder weniger unbedarft, ohne Vorkenntnisse und ohne eine Ahnung dessen, was mich erwartet. Mit einer bemerkenswerten Resistenz versuchte ich, den vielen Regeln, die mich einschr\u00e4nkten und die mir unverst\u00e4ndlich und unn\u00f6tig erschienen, zu widerstehen. Und mit einer sanften, unnachgiebigen\u00a0 F\u00fcrsorge f\u00fchrten mich Halil* und die marokkanische Familie wiederum Schritt f\u00fcr Schritt in ihre Welt ein, bis ich mich irgendwann mitten in einer berberischen Gro\u00dffamilie wiederfand.<\/p>\n<p>Doch das hatte mir die einmalige M\u00f6glichkeit gegeben, zu beobachten und zu lernen und mehr \u00fcber die Menschen zu erfahren, als ich es als Besucher je gekonnt h\u00e4tte. Und dazu musste ich nicht einmal die Grenzen der Bundesrepublik verlassen.<\/p>\n<p>Begonnen hatte das ganze als harmloser Flirt, doch schnell wurde daraus ernst. Nach und nach f\u00fcgte ich mich in das Familienleben Halils* ein, die alles versuchten, um mir &#8211; nach ihren Traditionen &#8211; gute Schwiegereltern zu sein. So war es bei den Berbern, wie auch in vielen anderen, muslimisch gepr\u00e4gten Kulturen, Brauch, dass die junge Frau niemals alleine blieb. Dass ich inzwischen, statt bei meiner Mutter, bei Halil* lebte, war ihnen zwar ein Dorn im Auge, doch sie hatten sich nie negativ ge\u00e4u\u00dfert. Es war ja schlie\u00dflich nicht so, als sei ich ein marokkanisches M\u00e4dchen &#8211; bei den Westlern laufen einige Dinge anders, und das wussten sie.<\/p>\n<p>Doch ich sollte ja bald zur ihrer Familie geh\u00f6ren, und diese Herausforderung nahmen sie durchaus ernst. So kam fast t\u00e4glich die Schwiegermutter Fatima zu Besuch, wenn Halil* auf Arbeit und ich zu Hause alleine war. Sie brachte Essen mit &#8211; einen Eintopf aus Hammelfleisch, Kartoffeln und gr\u00fcnen Bohnen &#8211; und kochte Tee. So sa\u00dfen wir oft im Wohnzimmer bei frisch aufgebr\u00fchtem Minztee und schwiegen uns an.<\/p>\n<p>Fatima war Halils* Stiefmutter und des Vaters zweite Frau. Sie war viel j\u00fcnger als dieser und trotz des jahrelangen Aufenthaltes in der Bundesrepublik beschr\u00e4nkten sich ihre Deutschkenntnisse auf die simpelsten H\u00f6flichkeitsfloskeln. Doch sie war herzensgut und l\u00e4chelte viel ihr warmes, sch\u00fcchternes L\u00e4cheln. Ich mochte sie.<\/p>\n<p>Halil* war das j\u00fcngste von insgesamt vierzehn Kindern. Die meisten der Geschwister blieben in Marokko, ein paar, wie sein Bruder, den ich irgendwann kennen lernen sollte, arbeiteten in Melila auf spanischem Gebiet, wo die L\u00f6hne h\u00f6her und Arbeit vorhanden war.<\/p>\n<p>Alle Geschwister, sowie auch Halil*, der j\u00fcngste Sohn, stammen von der ersten Frau ab; Halils* Mutter. Als sein Vater Witwer wurde, waren die Geschwister fast alle schon erwachsen und Halil* wurde als kleines Kind von seinen Schwestern mit erzogen. Doch seine Schulzeit verbrachte er in Deutschland, und da es sowieso nicht angehen konnte, dass ein \u00e4lterer Mann mit einem schulpflichtigen Sohn alleine blieb, musste eine Frau her. Auch Fatima hatte eine Vergangenheit; und so lernten sich die beiden kennen und wurden sich einig. Fatima wurde Ehefrau des strenggl\u00e4ubigen Mannes und die gute Fee des Hauses. Halil* sagte mal ganz pragmatisch zu mir: &#8222;Sie hat es gut erwischt. Sie braucht sich nur um meinen Vater zu k\u00fcmmern, hat daf\u00fcr ein Auskommen und kann in Deutschland bleiben, und irgendwann wird sie seine Witwenrente bekommen.&#8220;<\/p>\n<p>Oft sa\u00dfen wir am Wochenende bei Halils* Eltern zu Hause und a\u00dfen das sagenhafte Couscous, welches sie in stundenlanger Arbeit in der K\u00fcche zauberte. Als eine gute Hausfrau trug sie allen auf und sagte entschlossen: &#8222;Esst, esst!&#8220;, w\u00e4hrend sie selbst erst dann zur Ruhe kam, wenn wir, die G\u00e4ste, l\u00e4ngst beim Nachtisch angelangt sind. Mir tat das im Herzen leid und ich wollte immer mit dem Essen auf sie warten, doch ich glaube heute, Mitleid war da fehl am Platz. Sie war stolz, eine gute Gastgeberin zu sein. Auch wurde ich von allen Seiten \u00fcberstimmt und mit sanfter Gewalt zum Essen gezwungen. &#8222;Iss!&#8220; Sagte der Schwiegervater in Spe. &#8222;Sie will, dass du isst.&#8220;<\/p>\n<p>Auch k\u00fcmmerte sie sich r\u00fchrend um den alten Mann. Fatima war an die drei\u00dfig Jahre j\u00fcnger und sehr bem\u00fcht, eine gute Ehefrau zu sein. Sie kochte und a\u00df zuletzt und auch in der Stadt trug sie wie selbstverst\u00e4ndlich die Eink\u00e4ufe. Eine Situation blieb mir besonders gut in Erinnerung, es war ein kalter Wintertag, als wir uns alle zusammen nach Frankfurt aufmachten: die Eltern, um eine der dortigen Moscheen zu besuchen und wir, um ein wenig einzukaufen. Wir liefen los, doch pl\u00f6tzlich blieb Fatima abrupt stehen und lief dann wieder zur\u00fcck zum Haus. &#8222;Was macht sie da?&#8220; Fragte ich Halil*. Der erkundigte sich beim Vater und sagte dann: &#8222;Sie holt ihm eine M\u00fctze. Es ist kalt.&#8220; Doch der Vater blieb nicht stehen; unbeirrt ging er weiter. &#8222;Sollten wir nicht auf sie warten?&#8220; Am Bahnsteig dann hatte uns Fatima eingeholt, die warme M\u00fctze in der Hand.<\/p>\n<p>Nachmittags sa\u00dfen wir da, tranken Tee und schauten Al Jazeera. Da ich weder den Sender noch Halils* Gespr\u00e4che mit seinen Eltern verstand, war diese Zeit f\u00fcr mich immer entsetzlich langweilig. Ab und zu versuchte er mit Engelsgeduld, mir ein paar arabische und berberische W\u00e4rter beizubringen. Auch war Ausgehen keine Option, denn obwohl\u00a0 Halil* als Junggeselle den Lebemann gab, entpuppte er sich als absoluter Familienmensch.<\/p>\n<p>Nur w\u00e4hrend meiner ersten Besuche, da blieb die Sache spannend, denn der Vater verbrachte unendlich viel Zeit damit, mir mit entschlossener Stimme die Religion und seine Erwartungen an mich zu erl\u00e4utern. Nur am ersten Tag versuchte ich, zu diskutieren, schnell jedoch gab ich es auf. So erz\u00e4hlte er mir von der deutschen Ehefrau eines Freundes, die, &#8222;Eine gute, eine sehr gute Frau!&#8220;, sogleich nach der Hochzeit zum Islam konvertierte, begann, sich zu verh\u00fcllen und zu Hause blieb. Aufgrund dieses Beispiels war er \u00fcberzeugt, dass, wie er sagte, gemischte Verbindungen auch funktionieren k\u00f6nnen und nicht gleich per se zum Scheitern verurteilt sind &#8211; wenn sich beide nur gen\u00fcgend M\u00fche geben und die Frau zum Islam konvertiert. Und jetzt erz\u00e4hl mal einer stolzen Polin, die von einer starken Mutter zur Gleichberechtigung her erzogen wurde und vorgelebt bekommen hat, dass sie alles, wirklich alles alleine schaffen kann, sie solle bitte ohne zu Hinterfragen das Leben ihres Mannes leben. Mein Einwand, weshalb denn nicht der Mann zum Katholizismus \u00fcbergehen k\u00f6nne, l\u00f6ste einen weiteren Redeschwall aus, der alles in allem den Tenor hatte: DAS geht doch nicht.<\/p>\n<p>Wie gesagt, ich wei\u00df nicht, was ich erhoffte; gr\u00fcndlich naiv und blau\u00e4ugig hatte ich mich in diese Verbindung begeben, ohne die Notwendigkeit, mein bisheriges Leben zu ver\u00e4ndern, auch nur in Betracht zu ziehen. So war die Ehe, von der da gesprochen wurde, f\u00fcr mich mit achtzehn Jahren ein abstrakter Gedanke und auch ein \u00dcbergang zum Islam keine Option. Die Notwendigkeit, meinen K\u00f6rper zu verh\u00fcllen ergab f\u00fcr mich keinen Sinn, war doch die Sch\u00f6nheit der Frau und des weiblichen K\u00f6rpers in slavischen Kulturen, noch viel mehr als in der Deutschen, tief verankert und fester Bestandteil der Weiblichkeit. So war bei uns ein sexy Outfit und ein hoher Absatz ein Grund f\u00fcr Anerkennung, nicht f\u00fcr Scham und Verachtung. Frauen wurden nicht versteckt: sie wurden voller Stolz der Welt pr\u00e4sentiert und pr\u00e4sentierten sich auch selber. Nie w\u00fcrde ein polnischer Mann auf die Idee kommen, einer sch\u00f6nen Frau auf der Stra\u00dfe mit bl\u00f6den Kommentaren zu begegnen. Ja, verwundert konnte ich auf einem Warschauer Bahnhof beobachten, dass ein sch\u00f6nes Kleid mit Absatz nicht einmal dazu f\u00fchrte, dass jemand besonders intensiv hinsah, denn dieses Bild war einfach gegenw\u00e4rtig, in unserer DNA verankert.<\/p>\n<p>Bereiche wie Schultern und die Beine waren f\u00fcr mich kein &#8222;Enth\u00fcllen des K\u00f6rpers&#8220;, bin ich doch in einer Welt aufgewachsen, in der es normal war, als kleines M\u00e4dchen in Shorts auf B\u00e4ume zu klettern. Doch nach und nach \u00e4nderte ich meinen Kleidungsstil, z\u00e4hneknischend zwar, doch ich tat es, um weiteren Diskussionen mit Halil* aus dem Weg zu gehen. Das war es mir einfach nicht wert, und Schritt f\u00fcr Schritt gab ich nach &#8211; um des lieben Friedens Willen und auch, um seine Eltern nicht zu ver\u00e4rgern, obwohl ich die Aufregung nicht verstand. Ich wei\u00df noch, wie er und seine Eltern f\u00fcr mich einkaufen waren &#8211; die Sachen lagen, als ich nach Hause kam, fein s\u00e4uberlich auf der Couch ausgebreitet und er stand stolz davon. Seitdem waren meine Schultern stets verh\u00fcllt und meine Beine auch. Ich hatte mich ver\u00e4ndert, was auch von meinem Freundeskreis nicht unbemerkt blieb.<\/p>\n<p>Auch alleine oder mit den M\u00e4dels ausgehen wurden nach und nach zum Tabu, und zwar ganz schleichend, in winzig kleinen Schritten. So fand ich mich irgendwann in einer Situation wieder, in der \u00fcber meine Aktivit\u00e4ten Rechenschaft abzulegen war und in der ein harmloses Gespr\u00e4ch mit einem fremden Mann, sei es auch nur ein ehemaliger Schulkamerad, zu ausufernden Eifersuchtsausbr\u00fcchen f\u00fchrte. Irgendwann versuchte Halil*, immer dabei zu sein, wenn ich meine Freundinnen traf und ich f\u00fchlte mich nach und nach isoliert. Ge\u00e4ndert hatte sich das ganze, als ich eine Ausbildung als PTA am Pfalztechnikum in Ludwigshafen begann &#8211; und Schritt f\u00fcr Schritt kehrte mein soziales Leben wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Doch fairerweise muss ich sagen; das Ergreifen eines Berufes war nie ein Problem gewesen und auch die obligatorischen Familienbesuche nicht, die ich zweimal j\u00e4hrlich mit meiner Mutter absolvierte. Zweimal im Jahr fuhr ich mit meiner Mutter nach Polen zu den Gro\u00dfeltern und das wurde gl\u00fccklicherweise nie beanstandet, besuchte doch schlie\u00dflich auch Halil* Jahr f\u00fcr Jahr seine Familie in Marokko.<\/p>\n<p>&#8222;Hier, das sind meine Schwestern.&#8220; Sagte er immer gl\u00fccklich, wenn wir zusammen die dort aufgenommenen Familienvideos schauten. Auf dem Video sa\u00dfen viele lachende, traditionell gekleidete Frauen vor einer H\u00fctte zusammen und winkten in die Kamera. &#8222;Hallo! Hallo, Kasia!&#8220; Riefen sie.<\/p>\n<p>Auch hatten die Schwestern Geschenke f\u00fcr mich besorgt. Berge an farbigen, wundersch\u00f6n bestickten marokkanischen Kleidern mit Schmuck und einem schweren, \u00f6ligen Parf\u00fcm wurden mir \u00fcberreicht und mein Besuch in Marokko sollte der H\u00f6hepunkt sein, an dem ich die ganze Familie Halils* kennenlernen sollte (nachzulesen hier: &#8222;<a href=\"https:\/\/stefan-taege.de\/kasia\/2016\/11\/08\/melilla-marokkanische-grenze\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wie ich in Melila an der marokkanischen Grenze stand<\/a>&#8222;). Ach, wie sehr w\u00fcnschte ich, dass es mit dem Besuch damals geklappt h\u00e4tte!<\/p>\n<p>Halil* liebte seine Schwestern abg\u00f6ttisch, denn sie waren \u00fcber lange Jahre so etwas wie Ersatzm\u00fctter f\u00fcr ihn. Manchmal nahm diese Liebe jedoch fremdartige Z\u00fcge an, zum Beispiel, als er mir eines Tages mit verkl\u00e4rtem Blick sagte: &#8222;Und wenn wir mal Kinder haben, dann k\u00f6nnen sie mit nach Marokko kommen und meine Schwestern werden sie dann erziehen&#8230;&#8220; H\u00e4tte da nicht alles alarmrot schrillen sollen?<\/p>\n<p>Doch auch wenn Halil* alleine nach Marokko flog, sorgte seine Familie daf\u00fcr, dass ich mich nicht einsam zu f\u00fchlen brauchte. Wie schon erw\u00e4hnt, war es nicht \u00fcblich, dass ein M\u00e4dchen in Abwesenheit des Mannes alleine in ihrer Wohnung blieb. Ich glaube, es war weniger der Kontrolle geschuldet als vielmehr der Tatsache, dass die Berber ein sehr famili\u00e4res und geselliges Volk sind. So wurde ich regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr die Dauer seiner Marokko-Reisen zu Halils* Eltern nach Hause eingeladen. &#8222;Du kannst auch dort \u00fcbernachten.&#8220; Sagte Halil*, und ein nein kam nicht infrage, denn seine Eltern hatten schon alles in einem G\u00e4stezimmer f\u00fcr mich gerichtet. Ein Schlafanzug und frische Bettw\u00e4sche lag bereit, und auf dem Tisch stand eine Flasche Wasser, falls ich nachts Durst bekommen sollte. Ich f\u00fchlte mich wohl und beh\u00fctet.<\/p>\n<p>Zur deutschen Kultur hatte Halil* ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis. Einerseits genoss er die Freiheit hierzulande und die M\u00f6glichkeit, sich frei zu \u00e4u\u00dfern, sowie auch die M\u00f6glichkeiten, die der Arbeitsmarkt bot. Oft erz\u00e4hlten mir er und sein Vater vom Leben dr\u00fcben im K\u00f6nigreich, wo Politik, wenn \u00fcberhaupt, dann vielleicht im engsten Familienkreis ein Thema war. &#8222;Du kannst dort nicht sagen, was du denkst, so wie hier.&#8220; Sagte Halil*. &#8222;Dort musst du sehr aufpassen. Es kann sein, dass dich jemand einfach so mal beim Tee trinken anspricht und dich unverbindlich fragt: Was denkst du \u00fcber die Politik? Was h\u00e4ltst du vom K\u00f6nig? Das ist oft die Geheimpolizei.&#8220; Kritik am K\u00f6nigshaus ist unerw\u00fcnscht und damit scheint sich die Bev\u00f6lkerung weitestgehend abgefunden zu haben; zumindest die \u00c4lteren. &#8222;Wenn ein K\u00f6nig gut, dann gut; und wenn er sein Land verkauft, dann verkauft.&#8220; Sagte Halils* Vater mal zu mir.<\/p>\n<p>Doch, obgleich die gro\u00dfe Freiheit und liberale Einstellung in Deutschland in vollen Z\u00fcgen gen\u00fctzt wurde, so wurde sie im gleichen Ma\u00dfe auch bel\u00e4chelt. Halil* erz\u00e4hlte mir einen Witz, der unter seinen Landsleuten kursierte. Er handelt davon, wie ein junger Marokkaner in Deutschland auf ein Dach klettert und droht, sich vom selbigen in den Tod zu st\u00fcrzen. Den Rettungskr\u00e4ften und der Polizei teilt er mit, dass er Geld und eine Wohnung haben m\u00f6chte, sonst w\u00fcrden sie ihn von der Stra\u00dfe abkratzen, und als Antwort bekommt er gesagt, ja, mein Lieber, alles, was du willst, nur spring nicht.<br \/>\nVon seinem Erfolg ermutigt versucht der junge Mann ein Jahr sp\u00e4ter auf die gleiche Weise in Marokko sein Gl\u00fcck. Auch hier klettert er auf das Dach eines hohen Geb\u00e4udes und teilt allen mit, dass er Geld will, sonst w\u00fcrde er sich in den Tod st\u00fcrzen. Die marokkanische Polizei antwortet ihm folgendes:<br \/>\n&#8222;Hier unten, mein Lieber, warten zwei Autos auf dich. Wenn du springst, wartet der Leichenwagen, kommst du freiwillig herunter, nimmt dich der Polizeiwagen mit. Uns ist das egal: du entscheidest.&#8220; Dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, dass, obwohl die Menschen in ihrem eigenen Land unter Repressionen leiden, gleichzeitig die &#8222;lasche&#8220; deutsche Gesetzgebung von vielen, denen die autorit\u00e4re F\u00fchrung in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen ist, bel\u00e4chelt wird.<\/p>\n<p>Auch hat der von mir oft bei Halil* beobachtete, hei\u00dfbl\u00fctiger Hang zur Aggression junger arabischer M\u00e4nner oft etwas mit Stolz zu tun. Ver\u00e4chtlich erz\u00e4hlt er mir von deutschen M\u00e4nnern, die kaum reagieren w\u00fcrden, wenn jemand in ihrer Anwesenheit ihre Frauen respektlos anspricht. Von Abenden bei einem deutschen Kumpel, bei denen Jungs und M\u00e4dels wahllos zusammengew\u00fcrfelt in einem Zimmer sitzen und alle aus einer Flasche trinken (ja, das lockere Zusammensein von M\u00e4nnlein und Weiblein kann zum Problem werden!). Auch die Tatsache, dass christliche Kirchen, im Gegensatz zu Moscheen, mit Schuhen betreten werden d\u00fcrfen, betrachtete er mit Verachtung. Ja, das Zusammenleben mit Halil* l\u00f6ste in mir die klare Erkenntnis aus, dass ein Mangel an Offenheit und Akzeptanz nicht nur ein bei den Deutschen auftretendes, sondern auf beiden Seiten verbreitetes Ph\u00e4nomen ist.<\/p>\n<p>Doch sicher ist es nur eine einseitige Sicht der Dinge, eine einseitige Erfahrung, die sich nicht pauschal auf die berberische oder arabische, muslimische oder christliche Gesellschaft \u00fcbertragen l\u00e4sst. Unsere Erfahrungen sind Momentaufnahmen, Kontakt mit anderen Kulturen spiegelt alle Facetten des menschlichen Lebens wider, das positive als auch das vermeintlich negative, wichtig ist nur, alles so anzunehmen, nichts auszublenden, sich nicht zu verschlie\u00dfen und versuchen, zu verstehen. Wichtig ist auch, nicht nur Respekt entgegen zu bringen, sondern auch, Respekt zu fordern, der eigenen Kultur, Religion und der eigenen Lebensweise gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Dreieinhalb Jahre dauerte die Bekanntschaft mit Halil und seiner Familie. Dreieinhalb Jahre, in denen die kulturellen Unterschiede nach und nach immer deutlicher zu sp\u00fcren wurden, bis schlie\u00dflich einer von uns &#8211; es war Halil &#8211; die Rei\u00dfleine gezogen hatte. Zum Gl\u00fcck, kann ich mit etwas Abstand betrachtet nur sagen, denn aus dem freien Fall, dem ich mich im ersten Moment ausgesetzt f\u00fchlte, wurde Fliegen. F\u00fcr mich war es eine pr\u00e4gende Zeit, die mir nunmehr bewusst gemacht hat, wer ich bin, was ich will und wie ich leben m\u00f6chte. Einen solchen Einblick in eine mir so fremde Kultur h\u00e4tte ich auf Reisen niemals bekommen. Und daf\u00fcr bin ich dankbar.<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\" data-services=\"facebook%7Cpinterest%7Ctumblr\" data-url=\"https:\/\/stefan-taege.de\/kasia\/2018\/12\/11\/haram-und-halal-mein-leben-als-marokkanische-schwiegertochter\/\" data-timestamp=\"1740611450\" data-backendurl=\"https:\/\/stefan-taege.de\/kasia\/wp-json\/shariff\/v1\/share_counts?\"><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#595959\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fstefan-taege.de%2Fkasia%2F2018%2F12%2F11%2Fharam-und-halal-mein-leben-als-marokkanische-schwiegertochter%2F&text=Haram%20und%20Halal%20%E2%80%93%20Meine%20Zeit%20als%20marokkanische%20Schwiegertochter\" title=\"Bei X teilen\" aria-label=\"Bei X teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#000; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 24 24\"><path fill=\"#000\" d=\"M14.258 10.152L23.176 0h-2.113l-7.747 8.813L7.133 0H0l9.352 13.328L0 23.973h2.113l8.176-9.309 6.531 9.309h7.133zm-2.895 3.293l-.949-1.328L2.875 1.56h3.246l6.086 8.523.945 1.328 7.91 11.078h-3.246zm0 0\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fstefan-taege.de%2Fkasia%2F2018%2F12%2F11%2Fharam-und-halal-mein-leben-als-marokkanische-schwiegertochter%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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