Der freundliche Brite, oder: warum wir kreuz und quer durch London jagten…

Der freundliche Brite, oder: warum wir kreuz und quer durch London jagten…

Metro fahren kann in einem fremden Land schon mal abenteuerlich sein. Da wir aber vom ersten Tag aus super mit dem System klar kommen und eine gute Orientierung bewiesen haben, machen wir uns mit jedem Tag weniger Sorgen. Doch nach einem Doppelten ist es auch bei uns vorbei mit dem Orientierungssinn…

Unser vorletzter Tag vor dem Abflug nach Hause. Wir quetschen heute Camden Town und eine Streetart Tour im East End von London mit in unser Programm, obwohl allein schon Camden Town für einen Tag vollkommen ausreichend gewesen wäre. Aber als Reisende mit einer begrenzten Anzahl an Tagen wollen wir natürlich auch viel sehen.

Janine hat auf den Märkten von Camden heftigst zugeschlagen. Mit Tüten beladen macht sicher keine Besichtigungstour Spaß, und so hinterlässt sie ihre vielen Taschen mit den neu erworbenen Schätzen in der netten, „bayerischen“ Kneipe neben der Metro Station, um sie gleich nach dem Rundgang durch das East End wieder abzuholen.

Nachdem die geführte Strawberry-Streetart-Tour zu ende ist, entlässt uns der Guide nahe einer anderen Metro-Station zurück als die, in deren Nähe unsere Tour startete. Wir stehen irgendwo im East End, um uns herum nur Kneipen und Londoner, die sich ins Feierabendvergnügen stürzen. Ich überrede meine Freundin, noch einen Absacker mit mir trinken zu gehen. Die Kneipen sind urig, die Kneipen sind schön und an den Sitzgelegenheiten aus dunklem Holz ist es so voll, dass kein Blatt mehr zwischen meinen Ellbogen und den des Nachbarn passt. So habe ich es am liebsten. Es kommt für jede von uns ein doppelter Jacky und nachdem ich mein Glas geleert habe, bewundere ich all die eingeritzten Namen, die das schon ältere Holz bedecken. Der Jacky wirkt.

Wir schweben nach draußen, in die sich schon verdunkelte, städtische Landschaft. Gut gelaunt und fröhlich laufen wir durch die Straßen und überlegen, ob wir die eine Station zurückgehen oder die Metro nehmen sollen. Ich bin fürs Gehen. Janine ist für die Metro. Wir wählen – vielleicht ein bisschen aus Faulheit, vielleicht aus Angst, uns am Abend zu verlaufen – die Metro. Und das stellt sich als verhängnisvoll heraus…

Denn so gut wir bis dato mit dem unterirdischen U-Bahn System klar kamen – nach einem großen Whisky lässt auch die beste Orientierung stark zu wünschen übrig – und zwar bei beiden. Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren, stattdessen kichern wir andauernd und landen eins ums andere Mal auf dem falschen Gleis. Da die Londoner aber ein nettes, hilfsbereites Völkchen sind, lenken wir schließlich die Aufmerksamkeit eines freundlichen, älteren Herrn auf uns, der in seinem ganzen Auftreten gut und gerne ein Detektiv beim Scotland Yard gewesen sein könnte. Man weiß nicht so genau.

Nun, jedenfalls spricht uns der nette Herr an und möchte uns helfen. Er fragt uns, zu welcher Station wir denn müssten und ich nenne ihm als Ziel Tower Bridge, wo Janine in einem schönen, bayerischen Lokal ihre kostbaren Einkäufe liegen hat. „Und was ist euer Endziel?“ Fragt der Londoner, der von den vielen Tüten in der Kneipe freilich nichts weiß, uns aber bestmöglich helfen möchte. Hier sage ich wahrheitsgemäß: Baker Street.

Er führt uns zu einem anderen Gleis. Ich weiß leider nicht mehr wirklich, wo mir der Kopf steht – der Jacky war wirklich gut. Der nette Herr steigt mit uns ein – wahrscheinlich hat er dieselbe Richtung oder aber er möchte sicher stellen, dass wir gut zu Hause ankommen. Er sitzt nun ein paar Reihen weiter in Sichtweite und lächelt uns aufmunternd zu. Währenddessen studiere ich die Metrokarte über der Tür. Bis Janine sagt: „Du, Kasia…“

„Ja, ich weiß.“ Ich habe es auch gesehen. Die Verbindung, in die uns der hilfsbereite Mensch gesetzt hat, damit wir möglichst ohne Umwege ankommen, hält nicht an der Tower Bridge. Sie fährt direkt zur Baker Street.

„Aber meine Sachen…“

„Ich weiß.“

Da der nette, ältere Herr uns immer noch freundlich zulächelt, bleiben wir sitzen und fahren einmal bis zur Baker Street durch. Als wir dann aussteigen, lüftet er den Hut, sichtlich zufrieden, uns geholfen zu haben. Und normalerweise wären wir schon da, zehn Minuten von unserem Hotel entfernt, doch wir müssen noch Janines Sachen holen. Glücklicherweise fährt die Metro alle paar Minuten, doch trotzdem brauchen wir für die Strecken hin und zurück nochmal eine volle Stunde…

Nichtsdestotrotz, das sind Erlebnisse, über die man später lacht. Ich muss schmunzeln, wenn ich darüber schreibe, denn hier hatte sich eine interessante Situation ergeben: der ältere Herr will uns helfen. Wir beide sind total gerührt von der Freundlichkeit der Menschen hier, die sofort auf dich zukommen, wenn auch nur der leiseste Verdacht besteht, dass du Hilfe brauchst. Und da wir das von Zuhause so nicht kennen, wollen wir auch den netten Menschen nicht um sein „Erfolgserlebnis“ bringen (und auch weiteren Erklärungen entgehen…) – und fahren weiter mit in eine Richtung, in die wir eigentlich gar nicht wollen.

Bescheuert, oder?

Ja, ich weiß. Ich weiß…

Am späten Abend, als wir endlich mit Janines Einkäufen auf dem Hotelzimmer ankommen, fängt das Abenteuer erst so richtig an, denn jetzt gilt es, besagte Einkäufe im Gepäck zu verstauen. Ich werde nicht müde zu betonen, dass nur zwei kleine (!) Handgepäckstücke bei British Airways mit in den Flieger dürfen und zusätzliches Gepäck hatten wir keines dazu gebucht, für ein paar Tage London erschien mir das unnötig. Wer hätte gedacht, dass meine Freundin hier ihr Shopping-Eldorado findet…

Jetzt sitzt sie auf dem Boden, um sie herum ein Berg voller Klamotten, und überlegt eine Stunde lang, wie sie denn alles in zwei kleine Taschen stopfen soll. „Ich kann eins- oder zwei Paar Schuhe mitnehmen.“ Sage ich. Damit wäre mein Gepäck, das ein bisschen Luft enthält, bereits ausgefüllt.

Nach einer Stunde sagt sie kleinlaut: „Ich glaube, ich werde doch Gepäck aufgeben…“

„Wenn du mir vertraust…“ Sage ich – „dann werde ich versuchen, dir die Sachen einzupacken. Aber dafür muss ich alles einzeln auseinander nehmen…“

Ich setze mich dran. Da ich häufig verreise, habe ich, was das Packen und Verstauen betrifft, einige Erfahrung sammeln können. Bei allem, was man einpackt, gilt es, unnötige Fläche zu reduzieren. Leerräume so gut es geht auszunutzen. Unnütze Umkartons zu entfernen. Und es kann passieren, dass nicht alles thematisch einheitlich sortiert wird. Doch das ist im Moment alles egal. Ich rolle die Kleidung zusammen, schiebe kleine Gegenstände zwischen die großen, um die Lücken auszufüllen und bin nach einer weiteren, schweißtreibenden Stunde fertig. Geschafft. Wenn British Airways nicht gerade auf die Idee kommt, Janines Gepäck zu wiegen, dann kommt sie damit durch…

Eine schöne Woche in London geht vorüber. Ein wenig enttäuscht stehen wir in der Halle am Frankfurter Flughafen. Die elegant und stillvoll angezogenen Briten haben sich irgendwo in der Halle verteilt und schlabbrige T-Shirts, löchrige Jeans und legere Jacken kommen auf uns zu. Mit meinem grauen, langen Wollmantel und den schicken Schuhen bin ich in dieser Welt wohl ziemlich overdressed. Ich schließe meine Augen und wünsche mich nach London zurück…

Klarstellung: der Mann auf dem Titelbild ist nicht der „freundliche Brite“ aus meiner Geschichte 🙂

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